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Bulletin No 15 - Herbst 2000
Heinz-Jürgen Axt
Offensive Absichten mit Defensiven Waffen: Das Beispiel
Zypern
Luftabwehrraketen, Unterlegenheitsgefühle und türkische
Einkreisungsängste
1. Einleitung
1997 wurde im griechischen Teil Zyperns verkündet,
ein Raketensystem mit defensivem Auftrag in der Nähe
des Luftwaffenstützpunktes Paphos im Süden der
Insel zu installieren. Die benötigten Raketen sollte
Rußland in Form der S-300 liefern. Damit sollte der
Lufthoheit der Türkei über ganz Zypern ein Ende
bereitet werden. Kaum hatte die Regierung die Absicht bekundet,
traf sie auf Widerstand: Die Europäische Union konnte
sich mit den Schritt wenig anfreunden, paßte er doch
kaum zum geplanten Beitritt der Insel zur Union. Die USA
lehnten die griechisch-zyprische Initiative ebenfalls ab.
Die schärfsten Reaktionen kamen indessen von der Türkei.
Würden die Raketen tatsächlich stationiert, wäre
dies der "casus belli, verlautete es aus Ankara.
Türkische Flugzeuge würden umgehend die Raketenbasis
zerstören.
Was war der Grund für die scharfen Reaktionen?
Schließlich sollten die Raketen doch nur der Luftabwehr
dienen. So wie in anderen Fällen auch, offenbarten
vermeintlich defensiv ausgerichtete Raketensysteme einen
durchaus offensiven Charakter. Die Frage der folgenden Ausführungen
lautet also: Was war die Logik der intendierten Raketenstationierung?
Die Antwort darauf läßt sich mit folgender These
vorwegnehmen: Das S-300-Raketensystem stellte erstens eine
Antwort auf griechisch-zyprische Inferioritätsgefühle
dar und hätte zweitens dem griechischen Militär
eine Chance zur Einkreisung der Türkei eröffnet.
Damit wird Griechenland keine aggressive, wohl aber die
Absicht unterstellt, sich im Falle einer griechisch-türkischen
Konfrontation, etwa wegen des Ägäis- oder des
Zypernkonflikts, die Option zum Aufbau einer Offensivkraft
offenzuhalten und die Türkei von Süden her unter
Druck setzen zu können.[1] Auch wenn nunmehr auf die
Stationierung der Raketen in Zypern verzichtet wurde, lohnt
dennoch eine Analyse der Interessen, Motive und Bedrohungsgefühle
der beteiligten Akteure.
2. Republik Zypern contra Türkei,
EU und USA
Am 29. Dezember 1998 hat die Regierung der
Republik Zypern angekündigt, auf eine Stationierung
der Luftabwehrraketen zu verzichten. Im Namen der Europäischen
Union hat die österreichische Präsidentschaft
verlautbart, daß damit eine Quelle der Spannungen
beseitigt sei, daß nunmehr "Gesten" auch
von der türkischen Seite folgen sollten, daß
die engen Bindungen zwischen Zypern und der EU eine politische
Lösung begünstigten, und daß die türkisch-zyprische
Volksgruppe an den EU-Verhandlungen beteiligt werden solle.[2]
Lediglich die türkische Regierung bemängelte,
daß nunmehr die Verlegung der Raketenbasen nach Kreta
vorgesehen sei, was ebenfalls eine Beeinträchtigung
ihrer nationalen Sicherheitsinteressen beinhalte. Der zyprischen
Regierung unter Glafkos Klerides ist der Verzicht auf die
S-300-Raketen nicht leichtgefallen. Man bezichtigte sie
des "nationalen Verrats"; der sozialistische Koalitionspartner
unter Vassos Lyssarides schied deswegen aus der Regierung
aus.[3]
Daß sich die Regierung der Republik
Zypern genötigt sah, die geplante Stationierung der
Luftabwehrraketen aufzugeben, ist auf drei Faktoren zurückzuführen:
Zunächst hatten die USA massiv auf die Regierung eingewirkt,
auf die Raketen wegen der damit verbundenen Destabilisierung
des östlichen Mittelmeers zu verzichten. Auch von seiten
der Europäischen Union ist Zypern verdeutlicht worden,
daß sich durch die angekündigte Rüstungsmaßnahme
die EU-Beitrittsaussichten nicht verbessern würden.
Schließlich hat auch die Regierung Griechenlands unter
Kostas Simitis ihren Einfluß geltend gemacht. Als
Klerides im November 1998 in Athen weilte, wurde ihm bedeutet,
daß auch die griechischen Zyprer auf Entspannungsinteressen
Rücksicht zu nehmen hätten. Simitis bekräftigte
zum ersten Mal nicht mehr ausdrücklich ihr Recht auf
die Stationierung der Raketen als "legitimes Mittel
zur Selbstverteidigung, wie es früher nicht nur
in Nikosia sondern auch in Athen hieß. Zwischen beiden
Regierungschefs dürfte in diesem Zusammenhang auch
die Verlegung der Raketen nach Kreta verabredet worden sein.[4]
Und was in diesem Zusammenhang vielleicht das Wichtigste
ist: In Griechenland hatte man zur Kenntnis genommen, daß
sich die im Jahre 1993 zwischen der Republik Zypern und
Griechenland beschlossene "Gemeinsame Verteidigungsdoktrin
durch die geplante Raketenstationierung nicht - so wie geplant
- militärisch absichern ließ.
Über die Motive der griechisch-zyprischen
Regierung zur Stationierung der Raketen ist viel gerätselt
worden. Drei Intentionen kamen in Frage:
- Erstens
könnte die Überlegung eine Rolle gespielt haben,
die Europäische Union zu einer Beschleunigung der
Beitrittsverhandlungen zu veranlassen, wenn die Existenz
des Zypern-Konflikts der Weltöffentlichkeit wieder
ins Gedächtnis gerufen würde.
- Zweitens
hat die Regierung Klerides die Rüstungsmaßnahme
als ein Pfand in einem angestrebten Verhandlungsprozeß
zur Reduzierung der großen Militärbestände
in beiden Teilen der Insel ausgeben. Der Verzicht auf
die Raketenstationierung hätte danach einen entsprechenden
Schritt seitens der türkischen Zyprer bzw. der Türkei
nach sich ziehen sollen.
- Drittens
ist die Raketenstationierung aber auch damit legitimiert
worden, daß die Luftüberlegenheit der Türkei
über Zypern beendet, zumindest aber eingeschränkt
werden sollte.
Entgegen griechisch-zyprischer Erwartungen
hat die Europäische Union ihr Engagement zur Beilegung
des Zypern-Konflikts nicht intensiviert. Im Gegenteil, vielen
Regierungen der EU wurde deutlich, daß im Falle einer
Mitgliedschaft Zyperns ein ungelöster Volksgruppenkonflikt
ein erhebliches Risiko für die EU darstellt. Aus Frankreich,
Deutschland, den Niederlanden und Italien waren vermehrt
Stimmen zu vernehmen, die eine Lösung des Zypern-Konflikts
vor dem Beitritt zur EU forderten.[5]
Die USA reagierten auf die angekündigte
Raketenstationierung ebenfalls sehr kritisch. Angesichts
der Konflikte in der Golfregion drängen die Vereinigten
Staaten auf eine Stabilisierung der Verhältnisse im
Dreieck zwischen Griechenland, Türkei und Zypern. Im
Falle der Luftabwehrraketen kommt noch ein besonderer Gesichtspunkt
hinzu: Nach Angaben britischer Sicherheitskreise wäre
bei der Stationierung der Raketenbasen auch die Installierung
eines Hochleistungsradars vorgesehen gewesen, das wegen
fehlender Fachkenntnisse auf griechisch-zyprischer Seite
zumindest in der Anfangsphase von russischen Fachleuten
hätte betrieben werden müssen. Damit hätte
der russische Geheimdienst zum ersten Mal die Möglichkeit
erhalten, alle Flugbewegungen in der Mittelmeerregion in
Echtzeit zu verfolgen. Man befürchtete, daß Moskau
die mit Hilfe der Radarstation gewonnenen Erkenntnisse beispielsweise
über geheime türkisch-israelische Luftoperationen
an Syrien, den Irak oder Iran hätte weitergeben können.[6]
Noch ist nicht bekannt geworden, daß die USA und die
NATO die Stationierung der russischen Raketen auf Kreta
ähnlich negativ bewerten, weil deren hochempfindliche
Radaranlagen ein "russisches Ohr" im südöstlichen
Mittelmeer sind. Viel ist auch darüber spekuliert worden,
daß die Negativhaltung der USA darauf zurückzuführen
sei, daß die eigene Rüstungslobby nicht zum Zuge
gekommen ist. Dieses Argument mag für einzelne Politiker
eine Rolle gespielt haben, für die amerikanische Haltung
war es aber wohl sekundär. Den USA ging es um die geostrategische
Stabilisierung des östlichen Mittelmeers und um eine
Begrenzung des Einflusses Rußlands. Bemerkenswert
ist freilich, daß die USA, die vor der Entscheidung
zur Installation eines umfassenden Raketenabwehrsystems
stehen, die Stationierung von Luftabwehrraketen im südlichen
Zypern so nachhaltig kritisiert haben. Das verweist darauf,
daß noch weitere wichtige Motive bei diesem Schritt
eine Rolle gespielt haben.
3. Rüstung als Schritt zur Abrüstung?
Schritte zur Demilitarisierung Zyperns waren
mit der geplanten Raketenstationierung nicht einzuleiten.
Vielmehr erklärte die Türkei den casus belli,
falls die Raketen stationiert würden. Man ließ
verlauten, die Raketenbasen auf jeden Fall zu zerstören.
Anläßlich eines Manövers im nördlichen
Teil Zyperns hat das türkische Militär im November
1997 bereits die Ausschaltung von Raketenbasen geübt.
Auch wurde ein russischer Frachter in den Dardanellen gestoppt,
weil man auf ihm Bauteile der Raketen vermutet hatte. Mit
derartigen Aktivitäten sollte die Entschlossenheit
der türkischen Seite demonstriert werden, den Worten
auch Taten folgen zu lassen. Das türkische Militär
begründete seine äußerst heftige Reaktion
damit, daß die Raketen türkisches Festland erreichen
könnten, daß eine Umrüstung möglich
sei, und daß sogar atomare Gefechtsköpfe verwendet
werden könnten. Demgegenüber haben sowohl die
griechischen Zyprer wie auch die russische Raketenherstellerfirma
stets betont, daß die Reichweite der Luftabwehrraketen
auf 150 km beschränkt ist, womit das türkische
Festland kaum zu erreichen gewesen wäre. Außerdem
eigne sich das System nur zur Luftabwehr und zerstöre
sich bei einer Zielverfehlung selbst.
Berücksichtigt man das militärische
Kräfteverhältnis in der Region, dann offenbart
sich die Überlegenheit der Türkei. Sie hat 639.000
Mann in Waffen, während es in Griechenland lediglich
162.300 sind. 1996 erreichten die Verteidigungsausgaben
in der Türkei 7 und in Griechenland 5,9 Mrd. Dollar.
1997 standen 500 türkischen Militärflugzeugen
knapp 350 griechische gegenüber. Die Türkei verfügt
über 4.000 Panzer, während es bei Griechenland
lediglich 1.800 sind. Entsprechend ist die Situation auf
Zypern. Die griechisch-zyprische Nationalgarde kommt auf
10.000 aktive Soldaten und 88.000 Reservisten. Diese Kräfte
werden ergänzt von ungefähr 1.250 Soldaten und
Offizieren des griechischen Mutterlandes. Die Offiziere
führen die griechisch-zyprische Nationalgarde an. In
Norden gibt es etwa 4.000 türkisch-zyprische Sicherheitskräfte
mit einem Reservistenbestand von 26.000. Hinzukommen 30.000
Soldaten vom türkischen Festland. Man geht davon aus,
daß die türkischen Militärverbände
besser trainiert sind als die griechisch-zyprische Nationalgarde.
Die türkischen Zyprer verfügen über gut 250,
die griechischen Zyprer über 140 Panzer. Es wird deutlich,
daß die türkisch-zyprische Seite militärisch
bedeutende Vorteile hat, auch wenn die griechischen Zyprioten
gegenwärtig die Zahl ihrer Panzer vermehren. Obendrein
ist die Türkei wegen der geographischen Nähe viel
eher in der Lage, ihre Truppen in Zypern zu verstärken
und zu versorgen. Dies ist für Griechenland wesentlich
schwieriger. Ergänzend sei darauf verwiesen, daß
sich auf Zypern rund 1.150 leicht bewaffnete Soldaten der
UNO-Blauhelmtruppe (UNFICYP) finden. Diese setzt sich vorwiegend
aus Soldaten aus Argentinien, Österreich und dem Vereinigten
Königreich zusammen.[7]
Angesichts dieser Kräfteverhältnisse
mußte die Drohung der türkischen Militärs
mit dem Kriegsfall als weit überzogen erscheinen. Hinzukommt,
daß das Radar für die Luftabwehrraketen leicht
von türkischen Militärjets zu zerstören gewesen
wäre, und daß der Transport der Raketen durch
den Bosporus ohne größeren Aufwand durch die
türkische Seite hätte unterbunden werden können.
Weil die angekündigte Raketenstationierung weder eine
positive Reaktion bei den Partnern in der Europäischen
Union auslöste, noch die Verhandlungsposition gegenüber
der Türkei stärkte, hat sich die Regierung Klerides
entschlossen, die Stationierung zunächst vom Sommer
auf den Herbst 1998 zu verschieben, um dann den endgültigen
Verzicht anzukündigen. Ein zwischen Griechenland und
der Republik Zypern geschlossener Vertrag soll nach einer
Verlautbarung des griechischen Regierungssprechers und nach
Presseberichten vorsehen, daß die S-300-Raketen im
Besitz der Republik Zypern verbleiben und daß Griechenland
weder einen Kaufpreis noch eine Miete entrichten wird, sondern
nur die Aufenthaltskosten der russischen Spezialisten übernimmt.[8]
Diese sollen die Raketenbasen auf Kreta installieren und
auch die griechischen sowie die zyprischen Bedienungskräfte
ausbilden.[9]
Wenn die Raketenstationierung damit legitimiert
wurde, die Luftüberlegenheit der türkischen Luftwaffe
über Zypern zu beenden, dann verweist dies auf das
zentrale Motiv bei der geplanten Rüstungsmaßnahme
und auch darauf, daß die als defensiv ausgegebene
Maßnahme durchaus auch offensive Züge beinhaltete.
Mit den S-300-Raketen hätte Griechenland die Möglichkeit
zur Machtprojektion gegenüber der Türkei von Süden
her erhalten. Daneben fungierte die geplante Raketenstationierung
als Mittel, um in der griechisch-zyprischen Bevölkerung
das Unterlegenheitsgefühl gegenüber dem Norden
der Insel abzubauen.
Spätestens die Intervention türkischer
Truppen auf Zypern im Jahre 1974 und die nachfolgende Verstärkung
der türkischen Truppenpräsenz im Nordteil Zyperns
hat unter den griechischen Zyprern ein Gefühl der Unsicherheit
und der Unterlegenheit wachsen lassen. Die türkischen
Truppen im Norden bauten ihre Position kontinuierlich aus
u.a. durch die Errichtung des Militärflughafens Lefkoniko/Gecitkale
und der Marinebasen in Kyrenia und Famagusta. Im Süden
setzten Politiker und Militärs darauf, daß verstärkte
Rüstungsinvestitionen und der Kauf neuer Waffensysteme
dem eigenen Sicherheitsbedürfnis genügen würden.
Schließlich wurde im Süden immer wieder behauptet,
das türkische Militär könne das Ziel verfolgen,
sich ganz Zypern einzuverleiben. Es waren zwei Faktoren,
die das griechisch-zyprische Sicherheitsempfinden stärken
sollten: Erstens sollte die Stationierung der Luftabwehrraketen
die türkische Lufthoheit über Zypern beenden,
und zweitens sollte der Beistand Griechenlands durch die
1993 vereinbarte "Gemeinsame Verteidigungsdoktrin
gesichert werden.
Es ist übrigens auf griechisch-zypischer
Seite kaum zur Kenntnis genommen worden, daß es den
türkischen Militärs 1974 nicht um territoriale
Expansion, sondern darum ging, zu verhindern, daß
sich das griechische Militär im Zuge des von den griechischen
Obristen unterstützten Putsches gegen die Regierung
von Erzbischof Makarios fest auf Zypern etabliert. Schließlich
könnte von Zypern aus ein Vorstoß in den weichen
Unterleib der Türkei erfolgen. Um dies zu unterbinden,
bedarf es nicht der türkischen Kontrolle über
ganz Zypern. Es genügt dem türkischen Militär
durchaus, eine starke Präsenz im Norden der Insel zu
haben.
4. Der "islamische Bogen
und die S-300
In den frühen achtziger Jahren ging Griechenland
unter Andreas Papandreou gegenüber der Republik Zypern
eine eher informelle Beistandsverpflichtung ein.[10] Nachdem
zu Beginn der neunziger Jahre die Konflikte in Südosteuropa
ausbrachen, Grenzen und bestehende Staaten zur Disposition
gestellt wurden und in Griechenland der Eindruck entstand,
die Türkei wolle in dieser Situation einen islamischen
Bogen zur Einkreisung Griechenlands (von Albanien
über die Nachfolgestaaten Jugoslawiens bis ins östliche
Mittelmeer) errichten, sann man in Griechenland auf Gegenmaßnahmen.[11]
Es galt, den "Hellenismus zu verteidigen. Der
griechische Teil Zyperns mußte konstitutiver Bestandteil
dieser Bemühungen sein, denn es galt obendrein, der
allmählichen Hinnahme der Zweistaatlichkeit auf Zypern
durch die Staatengemeinschaft entgegenzuwirken. Die Konsequenz
war die "Gemeinsame Verteidigungsdoktrin:[12]
Ein Angriff auf die Integrität der (de facto griechisch-zyprischen)
Republik Zypern würde unmittelbar auch zur Konfrontation
mit Griechenland führen. Die beiden zentralen Konfliktherde
Zypern und Ägäis-Streit waren damit unausweichlich
miteinander verbunden. Dies wird zusätzlich deutlich
durch die Krise um die kleine unbewohnte griechische Insel
Imia in der Ägäis im Jahr 1996, als Journalisten
der türkischen Zeitung Hürriyet die
rote Fahne mit dem Halbmond auf der unbewohnten Felseninsel
hißten.[13]
Als Gegenstrategie zur vermuteten Etablierung
eines islamischen, von der Türkei dominierten Bogens
rings um Griechenland entwarf das griechische Verteidigungsministerium
seinerseits eine Strategie der Einkreisung der Türkei.
Zum einen sollten traditionelle Gegner der Türkei,
wie Rußland, Armenien, Iran und Syrien, in Allianzen
mit Griechenland eingebunden werden. Auch die kurdische
Befreiungsbewegung PKK konnte in dieser Perspektive der
griechischen Seite nützen, weil sie die Türkei
schwächte.[14] Zum anderen hätte eine ständige
und durch die Gemeinsame Verteidigungsdoktrin legitimierte
Präsenz griechischer Militärpotentiale auf Zypern
die Möglichkeit eröffnet, die Türkei von
Süden her unter Druck zu setzen. Zu diesem Zweck eignete
sich vor allem der vorgesehene Ausbau des Luftwaffenstützpunkts
mit dem durchaus bezeichnenden Namen "Andreas Papandreou
in der Nähe der südzyprischen Stadt Paphos. Dort
sollte die Möglichkeit für einen ungehinderten
Anflug Zyperns durch griechische Luftverbände geschaffen
werden. Diesem Zweck sollte letztlich auch die Stationierung
S-300-Raketen dienen. Es sollte der Türkei unmöglich
gemacht werden, den Anflug, den Aufenthalt und die Versorgung
griechischer Luftwaffeneinheiten auf dem Stützpunkt
Paphos zu verhindern.
Es waren also nicht die Befürchtungen,
daß die S-300 das türkische Festland erreichen
könnten, die die Türkei zur Drohung mit dem casus
belli veranlaßten. Es war vielmehr die Erkenntnis,
daß der durch Luftabwehrraketen geschützte Stützpunkt
Paphos Griechenlands Luftwaffe bedeutend näher an die
Türkei heranführen und die mögliche Einsatzzeit
über dem türkischen Festland entscheidend verlängern
würde. Die S-300-Luftabwehrraketen bekamen damit aus
türkischer Perspektive eine deutliche offensive Funktion.
Es ist in diesem Zusammenhang an folgendes
zu erinnern: Türkische Kampfflugzeuge können in
rund fünf Minuten Zypern erreichen, vom nächstgelegenen
Stützpunkt in Kreta brauchen griechische Flugzeuge
dazu immer noch rund 25 Minuten. Vom Festland startende
griechische Flugzeuge brauchen erheblich länger, bis
sie die Türkei erreichen. Starten griechische Jets
indessen von Paphos aus, sind sie ebenso schnell über
der Türkei, wie die türkischen Flugzeuge Zypern
erreichen. Je kürzer die Flugzeit, desto länger
ist die jeweilige Einsatzzeit: Die Hauptaufgabe der Luftabwehrraketen
bestand also - im Zusammenhang mit dem Stützpunkt Paphos
und der Gemeinsamen Verteidigungsdoktrin - darin, die strategischen
Nachteile für die griechische Luftwaffe zu egalisieren
und im Konfliktfall mit der Türkei auch gewisse Offensivpotentiale
aufzubauen. Insofern bestätigte sich wieder einmal
die schon zu Zeiten des Kalten Krieges gemachte Erfahrung,
daß der "Aufbau einer Raketenabwehr offensive
Absichten signalisiert.[15] Im Falle Zypern ging es
allerdings nicht darum, sich gegen Raketenangriffe potentieller
Gegner unverwundbar zu machen, sondern darum der Türkei
die Kontrolle über den zyprischen Luftraum zu nehmen,
um damit ein Konterpotential durch die griechische Luftwaffe
zu schaffen.
5. Fazit
Es dürfte deutlich geworden sein, daß
die Krise um die S-300-Raketen sehr schnell zur bewaffneten
Eskalation hätte führen können. Denn, wie
bereits geschildert, hatte auch 1974 das türkische
Militär auf Zypern interveniert, um zu verhindern,
daß sich das griechische Militär dauerhaft und
in nennenswerter Stärke auf Zypern festsetzt. Das strategische
Primat der Türkei besteht darin, die wenig geschützte
südliche Ägäisflanke des Landes nicht verwundbar
werden zu lassen. Jeglicher "Hellenisierung auf
Zypern - gerade auch in Form militärischer Beistandspakte
und dazu dienender Luftabwehrraketen - wird deshalb von
der Türkei mit aller Entschiedenheit entgegengewirkt.
Auch auf die Kriegsdrohungen wird da nicht verzichtet. Die
Staatengemeinschaft hat diese Implikationen der beabsichtigten
Stationierung der S-300-Luftabwehrraketen zu wenig gewürdigt.
Es ist wahrscheinlich der Regierung Simitis in Griechenland
zu verdanken, die erkannt hat, daß die von der Vorgängerregierung
und insbesondere vom damaligen Verteidigungsminister Arsenis
betriebene Politik der Gemeinsamen Verteidigungsdoktrin
und der Raketenrüstung unkalkulierbare Risiken enthält,
weshalb Griechenland letztlich den Ausweg gewiesen hat und
die Raketen nunmehr auf Kreta stationieren läßt.
Mit diesem Schritt wurde die gegenwärtig zu beobachtende
Verbesserung der bilateralen Beziehungen zwischen Griechenland
und der Türkei möglich, die allerdings noch keinen
Weg gefunden haben, sich über die eigentlichen Streitfragen
sowohl zur Ägäis als auch zu Zypern zu verständigen.[16]
Der geschilderte Fall läßt zweierlei
erkennen: Erstens können vermeintlich defensive Rüstungsmaßnahmen
durchaus offensive Elemente enthalten und im schlimmsten
Fall zum Auslöser von bewaffneten Eskalationen werden.
Zweitens läßt sich das diesbezügliche, Frieden
und Stabilität gefährdende, Potential nur bei
einer gründlichen Analyse der spezifischen Umstände
und Rahmenbedigungen des jeweiligen Einzelfalls erkennen.
[1] Zum griechisch-türkischen Streit
wegen der Rechte in der Ägäis vgl. Heinz-Jürgen
Axt/Heinz Kramer, Entspannung im Ägäiskonflikt?
Griechisch-türkische Beziehungen nach Davos, Aktuelle
Materialien zur internationalen Politik, Bd. 22, Baden-Baden,
1990. Zum Zypernkonflikt vgl. u.a. die konträren Einschätzungen
in: Heinz-Jürgen Axt/Hansjörg Brey (Hg.), Cyprus
and the European Union. New Chances for Solving an Old Conflict?,
München, 1997.
[2] Vgl. Statement of EU-Presidency, 30. 12.
1998 (hektographierte Vorlage).
[3] Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ),
31. 12. 1998, S. 1. Zum politischen System Zyperns und den
Parteien vgl. Heinz-Jürgen Axt/Jeanette Choisi, Politisches
System, in: Klaus-Detlef Grothusen/Winfried Steffani/Peter
Zervakis (Hg.), Zypern. Südosteuropa-Handbuch, Band
VIII, Göttingen, 1998, S. 196-239.
[4] Vgl. Neue Zürcher Zeitung, 28. 11.
1998, S. 2.
[5] Vgl. Heinz-Jürgen Axt, Zypern und
der "Acquis politique: Außen- und Sicherheitspolitik
in der Perspektive des EU-Beitritts einer geteilten Insel,
in: Südosteuropa-Mitteilungen, Jg. 39, Nr. 4, 1999,
S. 319-333.
[6] Vgl. FAZ, 22. 5. 1998 und Defense News,
19. 10. 1998, S. 18.
[7] Die Daten zum militärischen Kräfteverhältnis
sind entnommen: International Institute for Strategic Studies
(Hg.), The Military Balance 1997/98, Oxford, 1997. Vgl.
auch Aristotelous, Greece, Turkey and Cyprus: The Military
Balance, 1995-1996 - Arms, Doctrins and Disarmament, Cyprus
Center for Strategic Studies, Nicosia, 1995; Dan Lindley,
UNFICYP and a Cyprus Solution: A Strategic Assessment. Security
Studies Working Paper, Center for International Studies,
Cambridge, Mass., Mai 1997.
[8] Zypern hat danach einen Preis von immerhin
mehr als 200 Mio. Dollar für die Raketen zu bezahlen.
Vgl. Süddeutsche Zeitung, 19. 1. 1999.
[9] Vgl. Athener Zeitung, 12. 2. 1999.
[10] Vgl. Heinz-Jürgen Axt, Griechenlands
Außenpolitik und Europa: Verpaßte Chancen und
neue Herausforderungen, Baden-Baden, 1992, S. 73 ff.
[11] Vgl. Heinz-Jürgen Axt, Der "Islamische
Bogen" vom Balkan bis nach Zentralasien. Die Türkei
als neue Regionalmacht? In: Südosteuropa, Jg. 41, Nr.
9, 1992, S. 546-557.
[12] Eine äußerst informative und
kenntnisreiche Darstellung zur Gemeinsamen Verteidigungsdoktrin
findet sich bei Niels Kadritzke, The Greek Gift. S-300 and
the Common Greek-Cypriot Defense Policy, in: Heinz-Jürgen
Axt/Hansjörg Brey (Hg.), Cyprus and its Accession to
the European Union: Positions and Expectations of the Cypriots
and of the International Community, München, 2000 (i.E.).
[13] Vgl. Ekkehard Kraft, Dokumentation: Die
griechisch-türkische Krise um die Felseninsel Imia
Ende Januar 1996, in: Südosteuropa, Jg. 45, Nr. 9/10,
1996, S. 765-772. Auf der Internet-Homepage (http://www.mfa.gr/foreign.htm)
des Athener Außenministeriums kann man sich ausführlich
über den Standpunkt Griechenlands zu Imia und auch
der (von der Türkei bezüglich ihrer Zugehörigkeit
zu Griechenland angezweifelten) Insel Gavdos informieren.
[14] Vgl. Kadritzke, a.a.O. (Anm. 12).
[15] So Ernst-Otto Czempiel, Am Scheideweg.
Zur Situation der Atlantischen Gemeinschaft, in: Blätter
für deutsche und internationale Politik, Jg. 45, Nr.
5, 2000, S. 569-579 (S. 569).
[16] Vgl. Heinz-Jürgen Axt, Verbesserte
Beziehungen zwischen Athen und Ankara nach Helsinki? Griechenlands
aktuelle Außen- und Sicherheitspolitik, Stiftung Wissenschaft
und Politik, Ebenhausen, Februar 2000.
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