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Bulletin No 36 - Winter 2002/03
Susanne Feske
Amerikanische Hegemonialpolitik gegenüber Japan und
Südkorea:
Die Auseinandersetzungen um eine regionale Raketenabwehr
Seit Anfang der neunziger Jahre verfolgen
die USA den Plan, in Nordostasien ein regionales Raketenabwehrsystem
(Theater Missile Defense, TMD) zu errichten, an dem sich
Taiwan, Südkorea und Japan beteiligen sollen. Taiwan
stimmte diesen Plänen sofort zu, da sie seinen politischen
und militärischen Interessen völlig entsprachen.
Südkorea und Japan äußerten erhebliche Vorbehalte.
Die Vereinigten Staaten versuchten, ihre hegemoniale Position
in der Region zu benutzen, um Druck auf ihre asiatischen
Verbündeten auszuüben, auf den beide Staaten ganz
unterschiedlich reagierten. Im folgenden sollen diese Unterschiede
erklärt werden. Warum beugte sich Japan diesem Druck,
und warum blieb Südkorea unnachgiebig?
TMD-Systeme bestehen aus Radarkomponenten,
die anfliegende ballistische Raketen orten und aus Abfangkomponenten,
die sie zerstören sollen. Sie können land-, see-
oder luftgestützt sein und dienen dem Zweck, ein begrenztes
Territorium, militärische Einrichtungen und militärisches
Personal vor feindlichen Angriffen mit ballistischen Raketen
zu schützen. So genannte lower tier-Systeme wie das
Patriot (PAC 3-System) schützen ein relativ kleines
Gebiet vor Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite bis
zu 1000 km. Upper tier-Systeme wie das Navy Theater Wide-System
fangen ballistische Raketen in großer Höhe ab
und bieten daher Schutz vor Raketen mit einer größeren
Reichweite bis zu 5000 km für ein größeres
Gebiet.
Die amerikanischen Pläne, die bereits
unter der Regierung Clinton entwickelt worden waren, sehen
die Dislozierung einer "TMD-Familie" vor, bei
der durch die Schichtung von lower und upper tier-Systemen
ein umfassender Schutz sowohl gegen Kurz- als auch gegen
Mittelstreckenraketen angestrebt wird, denn lower tier-Systeme
können keine Mittelstreckenraketen und upper tier-Systeme
können keine Kurzstreckenraketen abfangen. Entscheidend
für die USA ist daher die Kombination dieser Systeme.
Mit der Entscheidung der neuen Bush-Regierung, die Pläne
für ein nationales Raketenabwehrsystem (NMD, National
Missile Defense) umzusetzen, ergibt sich damit auch der
Schutz des amerikanischen Territoriums vor ballistischen
Langstreckenraketen. Regionale TMD-Systeme können auf
unterschiedliche Weise in die Abwehr integriert werden.
In den Vereinigten Staaten plant man, Erkenntnisse und Informationen
aus MD-Überwachungssatelliten in das TMD-System einzuspeisen.
Während Taiwan nicht zögerte, den
TMD-Plänen zuzustimmen, äußerten Südkorea
und Japan Vorbehalte - um dann schließlich zu unterschiedlichen
Positionen zu gelangen. Für Taipeh ist die regionale
Abwehr aus strategischen und politischen Gründen gleichermaßen
sinnvoll: Es schützt die Insel vor an der Küste
des chinesischen Festlands stationierten Raketen und es
signalisiert der Volksrepublik, dass Taiwan mit den USA
eng zusammenarbeitet.
Für Südkorea und Japan ergeben sich
durch die amerikanischen TMD-Pläne jedoch eine Reihe
politischer und militärischer Implikationen, die eine
Entscheidung für oder gegen TMD erheblich erschweren.
Die Vereinigten Staaten versuchen seit Anfang der neunziger
Jahre beide Länder davon zu überzeugen, sich an
der amerikanischen TMD-Architektur zu beteiligen. Washington
hat ein starkes Interesse daran, nicht nur einzelne Elemente
einer regionalen Abwehr in Nordostasien zu dislozieren,
sondern die gesamte "TMD-Familie". Die Entscheidung
des amerikanischen Verteidigungsministeriums vom 14. Dezember
2001, das zur "TMD-Familie" gehörende Navy
Area Missile Defense Program aufgrund schlechter Testergebnisse
und hoher Kosten abzubrechen, wird keine unmittelbaren Auswirkungen
auf das Gesamtkonzept haben. Die Ballistic Missile Defense
Organization (BMDO, seit Januar 2002 Missile Defense Agency,
MDA) hat darauf hingewiesen, dass es weiterhin die seegestützte
Option als Teil der "geschichteten" Raketenabwehr
untersuchen wird.[1]
Es liegt nicht im amerikanischen Interesse,
wenn Südkorea die Anschaffung russischer oder israelischer
TMD-Komponenten erwägt. Ebenso ist den USA daran gelegen,
dass Japan nicht nur seine vorhandenen lower tier-Systeme
modernisiert und ergänzt, sondern eben auch dass ihnen
upper tier-Systeme hinzugefügt werden. Die Vereinigten
Staaten versuchen daher, ihre hegemoniale Stellung in der
Region zu benutzen, um ihre nordostasiatischen Alliierten
zu einer Teilnahme an ihren regionalen Abwehrplänen
zu bewegen. Die Skepsis Tokios und Seouls gegenüber
einer Beteiligung an diesen Projekten beruht auf ganz unterschiedlichen
Gründen.
Für Südkorea gibt es eine Reihe
von militärischen, politischen, wirtschaftlichen und
technischen Gründen, die gegen eine Beteiligung sprechen:
Militärisch gesehen ist das von den USA vorgeschlagene
System ungeeignet, einen Raketenangriff aus Nordkorea abzuwehren,
denn die Entfernung von der entmilitarisierten Zone bis
zum südkoreanischen Territorium beträgt nur etwa
40 km. Damit wäre die Flugzeit einer ballistischen
Rakete zu kurz, um geortet und abgefangen zu werden. Aus
militärischer Sicht wäre die Erhöhung der
eigenen Raketenzahl für Südkorea sinnvoller als
ein TMD-System nach amerikanischen Vorstellungen.
Politisch würde Seouls Beteiligung erhebliche
Kosten verursachen, denn Nordkorea ist ein entschiedener
Gegner von regionalen und nationalen Abwehrsystemen und
hat unmissverständlich geäußert, dass es
die Stationierung solcher Waffen als Bedrohung und feindliche
Intention Südkoreas wahrnimmt und umgehend Gegenmaßnahmen
ergreifen wird.[2] Damit wären die Versuche des südkoreanischen
Präsidenten Kim Dae-jung, mit seiner "Sonnenscheinpolitik"
gegenüber dem Norden eine Verbesserung der innerkoreanischen
Beziehungen und langfristig gar eine Wiedervereinigung zu
erreichen, endgültig zum Scheitern verurteilt. Seoul
ist an einer wirkungsvollen Verteidigung und Abschreckung
gegenüber dem Norden gelegen, aber nicht an einer Konfrontation.
In erster Linie argumentiert Nordkorea, dass ein regionaler
Abwehrschirm zu einer neuen Runde im Rüstungswettlauf
führt.[3]
Zudem sind diese Systeme aus ökonomischen
Gründen nicht attraktiv. Es gibt weitaus kostengünstigere
Systeme, die auch eher den Erfordernissen Südkoreas
entsprechen. Seoul zog entsprechend alternative Angebote
aus Russland oder Israel in Betracht und überprüfte
die Möglichkeit, ein eigenes TMD-System zu entwickeln.
Schließlich bestehen in der südkoreanischen Regierung
erhebliche Zweifel an der technischen Durchführbarkeit
der geplanten Systeme.
Auch Japan diskutierte die TMD-Frage in den
letzten zehn Jahren kontrovers. Bis zum Testflug einer nordkoreanischen
Taepo Dong-Rakete im August 1998 über japanisches Territorium
hinweg, gab es vehemente Gegner einer regionalen Raketenabwehr
in den Reihen der Sozialdemokratischen Partei, aber auch
unter Journalisten und in der Öffentlichkeit. Grundsätzlich
bestanden Einwände gegen jede Art von Aufrüstungsmaßnahmen,
die als nicht verfassungskonform betrachtet wurden. Die
Gegner der regionalen Abwehr verweisen dabei auf Artikel
9 der japanischen Verfassung, der jede Art der Anwendung
und Androhung von Gewalt verbietet. Im Einzelnen wiesen
sie auch auf eine Parlamentsresolution von 1969 hin, die
die militärische Nutzung des Weltraums verbietet. TMD
stehe somit nicht in Einklang mit den pazifistischen Prinzipien
Japans und entspräche damit nicht den nationalen Interessen
des Landes. Aber auch in den Reihen des Amtes für Verteidigung[4]
gab es Vorbehalte gegenüber TMD, die sich im Wesentlichen
auf Zweifel an der technischen Durchführbarkeit und
Zuverlässigkeit dieser Systeme gründeten.
Die USA versuchten angesichts dieser Widerstände,
ihre Raketenabwehrpläne auch gegen die Interessen Japans
und Südkoreas durchzusetzen. Während die Clinton-Regierung
eher auf diskursive Mittel setzte, um dieses Ziel zu erreichen,
wendet die jetzige Administration unter George W. Bush eher
repressive Mittel an. Die Clinton-Regierung versuchte auf
unterschiedlichen Ebenen, beide Länder von der Notwendigkeit
der Raketenabwehr zu überzeugen und die jeweiligen
Bedenken zu zerstreuen. Angehörige der amerikanischen
Regierung rieten Seoul vom Kauf russischer und israelischer
Systeme ab, da diese nicht kompatibel mit den Waffensystemen
seien, die die amerikanischen Stationierungsstreitkräfte
und die südkoreanische Armee benutzen. Die zur Verteidigung
Südkoreas dringend erforderliche Interoperabilität
dürfe nicht beeinträchtigt werden. Auch die amerikanische
Rüstungsindustrie versuchte, auf Seouls Entscheidungsprozess
Einfluss zu nehmen. Die Herstellerfirma von Patriot, Raytheon,
bot der südkoreanischen Regierung eine verbesserte
Version des Patriot-Systems an, die selbst denen der amerikanischen
Stationierungsstreitkräfte überlegen sei.[5] Auf
militärischer Ebene schließlich sollte Südkorea
von der strategischen Notwendigkeit eines mehrschichtigen
TMD-Systems überzeugt werden, denn seinen Streitkräften
fehle der umfassende Schutz, den die amerikanischen Raketenabwehrsysteme
böten.[6]
Auf ähnliche Weise versuchten die Vereinigten
Staaten, auch Japan zu einer Teilnahme an TMD zu bewegen,
wobei dieser Diskurs in verschiedenen Gremien institutionalisiert
wurde. Angehörige des Amtes für Verteidigung trafen
regelmäßig mit ihren amerikanischen Kollegen
aus dem Pentagon zu Beratungen über TMD zusammen. Amerikanische
und japanische Sicherheitsexperten trafen sich ebenfalls
regelmäßig im Rahmen eines Arbeitsausschusses.
Die Verteidigungs- und Außenminister beider Länder
berieten ebenfalls über ihre jeweiligen Bedrohungsszenarien
und die daraus folgenden Strategieoptionen mit dem Ziel,
die militärischen und politischen Einwände Japans
zu entkräften. Washington[7] versuchte Tokio davon
zu überzeugen, dass es seine Streitkräfte, sein
Territorium und die amerikanischen Stationierungsstreitkräfte
in Japan umfassend vor der Bedrohung durch nordkoreanische
ballistische Raketen mittlerer Reichweite schützen
müsse. Die upper tier-TMD-Systeme seien dafür
unerlässlich. Japan, so argumentiert die amerikanische
Seite, würde mit einer Beteiligung an TMD keineswegs
seine Verfassungsprinzipien verletzen, denn hierbei handele
es sich schließlich um rein defensive Systeme. Vielmehr
könne Tokio seine Rolle als pazifistische Zivilmacht
stärken, denn die Raketenabwehrsysteme leisteten einen
Beitrag zur Nichtweiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen,
da die Raketenabwehr ballistische Raketen unbrauchbar und
daher nutzlos mache.[8]
Mitte August 1999 beschloß die konservative
Regierung Japans unter Premierminister Obuchi, sich an der
Forschung und Entwicklung eines upper tier-TMD-Systems zu
beteiligen. Die Entscheidung fiel, den amerikanischen Vorschlägen
gemäß, auf ein seegestütztes Navy Theater
Wide-System, das ballistische Raketen vor dem Wiedereintritt
in die Atmosphäre abfängt und zerstört. Japan
plante ein Forschungs- und Entwicklungsprogramm, das sich
auf einen Zeitraum von vier Jahren erstrecken sollte. Der
Testflug einer nordkoreanischen Taepo Dong-1-Rakete vom
31. August 1998 hatte die militärische Verwundbarkeit
Japans offensichtlich gemacht und damit die aus Politikern,
Journalisten und Bürgern bestehende Opposition gegen
dieses Waffensystem zum Schweigen gebracht. Vieles spricht
jedoch auch dafür, dass die amerikanische Überzeugungspolitik
ihre Wirkung nicht verfehlte. Dabei scheint besonders die
Strategie erfolgreich gewesen zu sein, diesen Diskurs auf
drei Ebenen (Regierung, Sicherheitsexperten und Rüstungsindustrie)
zu führen. Japan sah sich wieder einmal gezwungen amerikanischen
Vorgaben zu folgen.
Südkorea hingegen blieb bei seiner ablehnenden
Haltung, obwohl es sich einer nordkoreanischen Bedrohung
in weit stärkerem Maße ausgesetzt sehen musste
als Japan. Ganz offensichtlich sind diese unterschiedlichen
Reaktionen mit der unterschiedlichen Wirkung hegemonialer
Einflussnahme durch die USA zu erklären. Seoul formuliert
in weit stärkerem Maße als Japan eine eigenständige
Außen- und Sicherheitspolitik, die in erster Linie
darauf gerichtet ist, sich wirksam vor einem Angriff aus
Nordkorea zu schützen und gleichzeitig zu verhindern,
dass Pjöngjang sich seinerseits durch südkoreanische
Aufrüstungsmaßnahmen bedroht sieht. Mit der Mitwirkung
am amerikanischen TMD-Programm ließe sich ein Sicherheitsdilemma
hingegen nicht vermeiden.
Seoul betonte in den Diskussionen einerseits das Primat
der Politik, andererseits auch seine nationale Souveränität
gegenüber den USA. Im Gegensatz dazu hat Japan seit
Ende des Zweiten Weltkriegs seine Außen- und Sicherheitspolitik
an den amerikanischen Vorgaben ausgerichtet und kein unabhängiges
sicherheitspolitisches Profil entwickelt. Zudem ist es seit
dieser Zeit von Sicherheitsgarantien der Vereinigten Staaten
abhängig.
Die neue Regierung unter George W. Bush setzte
die Pläne der Clinton-Administration für eine
regionale Raketenabwehr fort. Allerdings gibt es nun zwei
entscheidende Veränderungen: Die Überzeugungs-
und Diskurspolitik der Clinton-Administration wich einer
eher repressiven Politik des Drucks und des Drängens.
Außerdem beschloss die Bush-Regierung, das nationale
Programm zur Raketenabwehr in die Realität umzusetzen.
Dies bedeutet, dass sowohl das für Südkorea als
auch das für Japan vorgesehene TMD-System in das umfassende
amerikanische Abwehrprogramm integriert werden sollte.
Für Japan entsteht damit eine völlig
neue Situation, denn viele der Gründe, die Tokio vorgebracht
hatte, um seine Entscheidung für die Forschung und
Entwicklung zu legitimieren, sind damit hinfällig geworden.
So hatte Japan stets betont, dass es sich um ein rein defensives
System zur Verteidigung des japanischen Territoriums handelte.
Durch die Verkopplung mit dem Schirm zum landesweiten Schutz
der USA konnte Japan nun in eine Situation geraten, auch
Raketen abfangen zu müssen, die auf Ziele außerhalb
seines Territoriums gerichtet sind. Japan machte in diesem
Zusammenhang zudem geltend, dass TMD nicht gegen die Verfassung
verstoßen würde (wenn sie entsprechend interpretiert
würde). Durch die Integration in das MD-Programm würde
sich Japan jedoch eindeutig an Maßnahmen kollektiver
Verteidigung beteiligen, die die japanische Verfassung verbietet.
Hinzu kommt, dass die materiellen und politischen
Kosten einer TMD-Dislozierung erheblich höher sind
als während der Forschungsphase. Die Dislozierung der
TMD-Systeme würde einen großen Teil des Militärhaushaltes
verschlingen.[9] In politischer Hinsicht könnte die
Verzahnung mit der strategischen Abwehr die Beziehungen
Japans zu Nordkorea und zur Volksrepublik China, aber auch
zu Russland, erheblich belasten. Da TMD nur eine begrenzte
Zahl gleichzeitig anfliegender Raketen abfangen kann, hat
insbesondere China angekündigt, die Zahl seiner Kurz-
und Mittelstreckenraketen zu erhöhen, um so den Schirm
unwirksam zu machen.
Die Bush-Administration übt erheblichen
Druck auf die japanische Regierung aus, sich an TMD-Systemen
zu beteiligen. Nicht mehr Überzeugungsarbeit auf verschiedenen
Ebenen steht dabei im Vordergrund, sondern Tokios Verpflichtung
als verlässlicher Allianzpartner der Vereinigten Staaten.
Japan, so wird nun argumentiert sei der wichtigste US-Verbündete,
der entscheidende Eckpfeiler der amerikanischen Sicherheitsarchitektur
in Asien, und als solcher auch verpflichtet, sich gegenüber
Washington kooperativ zu verhalten. In diesem Zusammenhang,
so ließ der stellvertretende Außenminister Richard
Armitage verlauten, wären Japans verfassungsmäßige
Einschränkungen sehr hinderlich; er deutete damit an,
dass Tokio durchaus in diesem Licht seine Verfassung überprüfen
und verändern solle.[10]
Damit ist die Entscheidung über eine
japanische Beteiligung an TMD zu einer politischen Angelegenheit
geworden und so letztlich zu einer Frage der außenpolitischen
Prioritäten: Gilt es, die Zuverlässigkeit als
amerikanischer Allianzpartner unter Beweis zu stellen oder
die eigenen außenpolitischen Interessen durchzusetzen?
Schon länger hatte es in der japanischen Debatte Stimmen
gegeben, die dafür plädierten, an TMD teilzunehmen,
auch wenn Tokio diese Systeme nicht brauche. Das oberste
Ziel des Landes müsse die Aufrechterhaltung der japanisch-amerikanischen
Allianz sein, so hieß es mehrfach. Und wenn die USA
wollten, dass Japan diese Systeme anschaffe, dann müsse
man dies eben tun.[11] Für die endgültige Entscheidung
hat sich die japanische Regierung vorerst eine Atempause
verschafft. Nach einer Serie fehlgeschlagener Tests beschloss
man, die Forschungsphase um mindestens vier Jahre, also
bis zum Jahr 2006, zu verlängern.[12] Eine endgültige
Entscheidung ist also nicht vor Ablauf dieser Frist zu erwarten.
Bislang hat sich Japan stets als zuverlässiger Partner
der USA erwiesen. Es bleibt also vorerst offen, wie die
japanische Regierung sich entscheiden wird. Im amerikanischen
Krieg gegen den Terrorismus war Tokio bemüht, alle
amerikanischen Forderungen nach politischer und vor allem
militärischer Unterstützung zu erfüllen und
so seine Allianztreue zu beweisen. Dies könnte ein
Hinweis darauf sein, dass es auch künftig seine außenpolitischen
Prioritäten in diesem Sinne definiert.
Für die Entscheidung Südkoreas hat
der Krieg gegen den Terrorismus völlig andere Auswirkungen,
denn mit der amerikanischen Asienpolitik verstärkte
sich die Distanz zwischen beiden Ländern. Präsident
Bush hat Nordkorea in die "Achse des Bösen"
eingereiht, was in Südkorea große Besorgnis über
einen möglichen Angriff der USA auf Nordkorea erregte.
Die amerikanische Konfrontationspolitik gegenüber Pjöngjang
stößt in der südkoreanischen Regierung,
aber auch in der Öffentlichkeit auf heftigen Widerstand,
da sie für Seoul mit enormen politischen Kosten verbunden
ist, die Washington jedoch ignoriert. Im März 2001
bereits hatte der südkoreanische Verteidigungsminister
die Entscheidung seines Landes bekräftigt, sich nicht
am amerikanischen TMD-Programm zu beteiligen. Statt dessen
führe man Studien über ein eigenes System durch.[13]
Die amerikanische Hegemonialpolitik in Asien,
so lässt sich abschließend feststellen, wirkt
sich nicht auf alle Staaten in gleicher Weise aus. In dem
Maße, so zeigt sich am Fall Südkoreas, wie amerikanische
Hegemonialpolitik die nationalen Interessen seiner Partner
übergeht, regt sich auch Widerstand gegen diese Form
der Einflussnahme. Japan ist auf Grund seiner Geschichte
und seiner Verfassung besonders empfänglich für
amerikanische Versuche in dieser Hinsicht und wird auf absehbare
Zeit das Land bleiben, das Ja sagen muss.[14]
[1] Vgl. Navy Area Missile Defense Program
Canceled, Pressemitteilung des United States Department
of Defense vom 14. Dezember 2001, entnommen aus dem Internet
unter http://www.defenselink.mil/news/Dec2001/b12142001_bt637-01.html
am 8. Mai 2002.
[2] Vgl. Nicholas Berry, U.S. National Missile
Defense: Views from Asia, 2001, entnommen aus dem Internet
unter http://www.cdi.org/hotpots/issuebrief/ch7/index.html
am 16. Mai 2002.
[3] Vgl. ebd.
[4] Das entspricht dem Verteidigungsministerium.
[5] Vgl. S. Korea Wrestles With US, Russian
Missile Proposals. In: Defense News vom 14. Oktober 1996,
S. 1.
[6] Vgl. Chung Okni, The "North Korea"
Factor and ROK-U.S. Relationship. In: Korea and World Affairs,
Jg. 23, Nr. 1, 1999, S. 26-44.
[7] Er bestand aus Mitgliedern der amerikanischen
Regierung, des Pentagon und der amerikanischen Rüstungsindustrie.
[8] Dieses Argument lässt freilich außer
Acht, dass regionale Abwehrsysteme nur eine begrenzte Zahl
anfliegender Raketen abfangen und zerstören können.
Die logische Antwort auf TMD ist daher nicht eine Reduzierung,
sondern eine Erhöhung der Zahl der Raketen, und genau
diese Maßnahme hat die Volksrepublik China als Reaktion
auf die positive TMD-Entscheidung Taiwans angekündigt.
[9] Vgl. Wright/MacDonald 2000.
[10] Vgl. Daily Yomiuri vom 9. August 2001.
[11] Vgl. Washington Post vom 8. Februar 2001.
[12] Vgl. The Japan Times vom 17. Februar
2001.
[13] Vgl. Berry, Missile Defense.
[14] Diese Formulierung ist in Anlehnung an
das Buch von Shintaro Ishihara, The Japan that Can Say No.
Why Japan Will Be First among Equals, New York, N.Y. 1990.
Bitte zitieren als: Susanne Feske, Amerikanische
Hegemonialpolitik gegenüber Japan und Südkorea:
Die Auseinandersetzungen um eine regionale Raketenabwehr,
Raketenabwehrforschung International, Bulletin No. 36 (Winter
2002/03), Frankfurt am Main 2003.
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