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Bulletin No 23 - Sommer 2001
Martina Glebocki/Mirko Jacubowski
Zwischen Europa und den USA: Spaniens Annäherung an
die amerikanischen Raketenabwehrpläne
1. Die USA und Spanien: Raketenabwehr
unter Amigos
George W. Bushs erste Europareise als Präsident
begann in Spanien. Nachdem die iberische Halbinsel bei den
Konsultationsgesprächen zur Raketenabwehr ausgelassen
wurde, kam das Thema jetzt auf den Tisch. In Bushs Gesprächen
mit dem spanischen Regierungschef José Maria Aznar
standen - neben den gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen
in Südamerika, dem Kyoto-Protokoll und der spanischen
Kritik am Helms-Burton-Gesetz und der Todesstrafe - die
amerikanischen Raketenabwehrpläne im Vordergrund. Der
amerikanische Präsident hatte in seiner Grundsatzrede
zur Raketenabwehr ein neues strategisches Rahmenkonzept
gefordert, das auf einer Kombination von Raketenabwehr und
tiefen Einschnitten bei den strategischen Offensivwaffen
basieren soll. Nachdem Aznar diesen Plänen früher
skeptisch gegenüberstand, lobte er diesmal Bushs Initiative
und wies in einer Pressekonferenz darauf hin, daß
der Kalte Krieg vorbei sei und der amerikanische Plan es
verdient habe, gründlich studiert zu werden. Allerdings
müsse man darauf achten, daß durch NMD der Rüstungswettlauf
nicht angeheizt werde.[1]
Unterstützung erhielt Aznar vom spanischen
Verteidigungsministerium: Es sah die amerikanischen Pläne
schon seit längerem als unausweichlich an und unterstrich
ebenfalls sein Interesse an NMD. Verteidigungsminister Federico
Trillo-Figueroa betonte, Spanien werde zwar keinen "Blankoscheck"
für die amerikanischen Raketenabwehrpläne unterschreiben,
doch hätten die USA das Recht, sich selbst zu verteidigen.
NMD sei rein defensiv und richte sich gegen niemanden.[2]
Mit großem Interesse werde die Regierung daher überprüfen,
ob das System nicht auch die spanische Sicherheit gegen
die sogenannten Estados rebeldes (Schurkenstaaten) erhöhen
könne. Aus Regierungskreisen verlautete zudem, man
solle überprüfen, inwieweit Spanien in das Abwehrsystem
einbezogen werden könne und welcher Preis dafür
zu zahlen sei. Trotz Zweifeln an der technischen Machbarkeit
und der Bedrohungslage scheint sich Spanien an der Entwicklung
beteiligen zu wollen. Dabei spekulieren sie vor allem auf
die mögliche Teilhabe an der Technologie und den daraus
folgenden wirtschaftlichen Nutzen für die Rüstungsindustrie.
Von Aznars Sorge, NMD könne zu einem
neuen Rüstungswettlauf führen, war bei der gemeinsamen
Pressekonferenz mit Bush am 12. Juni 2001 in Madrid keine
Rede mehr, denn "bis jetzt gebe es keine Beweise dafür,
daß diese defensive Initiative nicht zu größerer
und besserer Sicherheit führen könne". Damit
widersprach der spanische Regierungschef allen Bedenken,
die während der Konsultationsgespräche der USA
in Sachen Raketenabwehr geäußert wurden. Er lobte
die amerikanischen Bemühungen, die europäischen
Verbündeten und vor allem Rußland durch diese
Sondierungsgespräche in den Entscheidungsprozeß
einzubinden. Das geplante Raketenabwehrsystem sei letztendlich
"ein Versuch, die Welt sicherer zu machen".[3]
Mit seiner inzwischen vorbehaltlosen Unterstützung
war der Spanier der erste europäische Staatsmann auf
Bushs Reise durch Europa, der sich auf die amerikanische
Seite stellte.[4] Später sollten ihm Tony Blair, Silvio
Berlusconi und Aleksander Kwasniewski folgen.
Nachdem seine raketenabwehrfreundliche Position
bei einem Besuch in Norwegen für Irritationen sorgte,
ist Aznar vorsichtiger geworden. Seine späteren Äußerungen
sind, wenn auch in der Sache weiterhin eindeutig, zurückhaltender
formuliert - nicht zuletzt, um sich nicht zu weit von den
kritischeren europäischen Staaten zu entfernen. Die
Europäer, so Aznars Einschätzung, seien sich prinzipiell
einig, die amerikanischen Pläne und einen nötigen
Wechsel der Verteidigungsstrategie überprüfen
zu wollen, sie drückten sich nur unterschiedlich aus.[5]
Doch gerade Jacques Chiracs deutliche Stellungnahme gegen
die amerikanischen Pläne beim NATO-Treffen am 13. Juni
2001 - einen Tag nach der Pressekonferenz von Bush und Aznar
- zeigt, daß sie mehr trennt als eine unterschiedliche
Ausdrucksweise.
2. Spanische Waffenkäufe: AEGIS
als Bestandteil des umfassenden Raketenabwehrschirms
Aznars Äußerungen wurden wohl nicht
nur von der Hoffnung getrieben, Spanien könne seine
Position als treuer Verbündeter der USA festigen, sondern
möglicherweise auch von der Hoffnung auf eine Zusammenarbeit
bei der Raketenabwehr. So wurden bei einem bilateralen Treffen
hochrangiger Mitglieder der Außen- und Verteidigungsministerien
im Mai in Washington bereits konkrete Kooperationsmöglichkeiten
erörtert.
Grundstein könnte der spanische Kauf
von vier amerikanischen F-100-Fregatten bilden. Diese hochmodernen
Schiffe, die ab 2002 an Spanien geliefert werden, sind mit
dem zur Zeit leistungsstärksten seegestützten
Radarsystem AEGIS ausgerüstet, das langfristig zusammen
mit Abfangraketen zu einem regionalen Raketenabwehrsystem
ausgebaut werden kann. Hier bemüht sich Spanien, an
der Entwicklung und dem Bau passender Abfangraketen mitzuarbeiten,
um sie früher oder später im eigenen Land selbst
bauen zu können.[6] Diese Ambitionen werden dadurch
bestärkt, daß das Pentagon schon einen möglichen
Technologietransfer andeutet, um die Kooperation noch zu
vertiefen. Ein solches integriertes mobiles Abwehrsystem,
dessen Technologie wesentlich weiter entwickelt ist als
NMD, wäre in der Lage, einen Raketenangriff aus Libyen
abzufangen. Zusätzlich ergänzen diese mobilen
Radars die amerikanischen Stationen in Fylingdales und Thule
und ermöglichen so eine weiträumige Radarabdeckung
des Mittelmeerraums.[7]
Aus dem amerikanischen Verteidigungsministerium
verlautete bereits, daß Spanien dadurch in der amerikanischen
Raketenabwehrstrategie eine bedeutende Rolle spielen könnte,
zuerst im Bereich der regionalen Raketenabwehr und später
allein oder im Rahmen der NATO in einem umfassenderen System.[8]
Diese Äußerung mußte Spanien eine Kooperation
schmackhaft machen, würden sie doch so zu den wichtigsten
amerikanischen Verbündeten in Europa - Großbritannien
und Deutschland - aufschließen und mit ihnen auf eine
Stufe gestellt.
Verteidigungsministerium Trillo wies allerdings
ausdrücklich darauf hin, daß diese Möglichkeit
keine Notwendigkeit ist: Es sei zu früh, über
eine spanische Teilnahme an NMD zu sprechen. Trotzdem hielt
sich der Minister alle Optionen offen.[9]
3. Vorauseilender Gehorsam oder europäische
Solidarität? Die innenpolitische Debatte in Spanien
José Maria Aznars Position hat nicht
nur zu außenpolitischen Unstimmigkeiten mit den europäischen
NMD-Skeptikern geführt, auch innenpolitisch gibt es
heftigen Widerstand und starke Kritik an den Prioritäten
des Regierungschefs. Die drei großen Oppositionsparteien
- die Sozialisten (PSOE), die Vereinigte Linke (Izquierda
Unida) und die Katalanische Regionalpartei (Convergència
i Unió) - sind der Ansicht, daß der spanische
Regierungschef in erster Linie Europäer und dann erst
amerikanischer Verbündeter sein sollte.
Die Sozialisten befürchten, daß
die verteidigungspolitische Haltung von Aznar, Blair und
Berlusconi einer eigenständigen Rolle Europas in außenpolitischen
Fragen Steine in den Weg legt. Spanien solle in einer Linie
mit Frankreich und der Bundesrepublik für "europäische
Werte" eintreten.[10] Die außenpolitische Sprecherin
der PSOE, Trinidad Jiménez, sprach sich gegen die
unilateralistischen Weltordnungsvorstellungen der USA aus.[11]
Sie betonte, daß sich Spanien - bei aller Rücksicht
auf die guten transatlantischen Beziehungen - in erster
Linie als Mitglied der Europäischen Union verstehen
sollte. Aznar habe mit seiner demütigen Haltung gegenüber
Bush die Chance verspielt, als europäischer Staatsmann
an Prestige und Einfluß zu gewinnen.[12]
Ein Politiker aus den Reihen der CiU nannte
Aznars Vorgehen "schockierend" und forderte, daß
Spanien als europäischer Staat in dieser Frage nicht
auf eigene Faust handeln dürfe. Die Vereinigte Linke
wiederum bezeichnete den Regierungschef als "übertrieben
nachgiebig" und "unterwürfig".[13] Doch
letztendlich kann Aznar mit dieser Kritik der Opposition
gelassen umgehen, da seine Partei - die Volkspartei (Partido
Popular) - über eine solide absolute Mehrheit im spanischen
Parlament verfügt und keine Rücksicht auf einen
Koalitionspartner nehmen muß. Zudem spielen die amerikanischen
Raketenabwehrpläne in der spanischen Öffentlichkeit
keine Rolle.
4. Die spanische EU-Ratspräsidentschaft:
Trübe Aussichten für eine gemeinsame europäische
Position zu NMD?
Am 1. Januar 2002 übernimmt Spanien von
den Belgiern den Vorsitz der Europäischen Union. Nachdem
Spanien schon seit vielen Jahren in der Agrar- und Finanzausgleichspolitik
Meinungsverschiedenheiten mit anderen EU-Mitgliedsstaaten
hat, könnte die spanische Haltung in der Raketenabwehrfrage
zu einem weiteren Streitpunkt werden. Zu befürchten
ist, daß die Erarbeitung einer gesamteuropäischen
Position dadurch beeinträchtigt wird, daß sich
die NMD-kritischen Regierungen in Paris und Berlin auf der
einen Seite und die Regierungen in Madrid, Rom und London
auf der anderen Seite gegenüberstehen, die Bushs Initiative
unterstützen. Der europäische Spielraum für
diplomatische Initiativen gegen die Proliferation von Massenvernichtungsmitteln
wird dadurch enger. Dabei wäre Spanien aufgrund seiner
geographischen Lage und seiner guten Beziehungen zu den
nordafrikanischen Staaten für einen diplomatischen
Brückenschlag nach Nordafrika prädestiniert. Ein
glaubhafter Dialog der EU mit Libyen wird erheblich erschwert,
wenn sich Spanien als zukünftiger Ratspräsident
jetzt schon mit Raketenabwehrsystemen befaßt, die
explizit gegen Libyen gerichtet sind. Wenn sich Madrid für
eine Stärkung der Europäischen Sicherheits- und
Verteidigungspolitischen Identität aussprechen will,
sollte es zuerst den innereuropäischen Dialog suchen,
bevor es den amerikanischen Plänen übereilt zustimmt.
Wir danken Prof. Vicente Garrido
Rebolledo von der Universidad Rey Juan Carlos y Francisco
de Vitoria in Madrid für hilfreiche Kommentare und
Anregungen.
[1] "Aznar acepta el escudo antimisiles
porque 'la guerra fría ha terminado'", El País,
4. Mai 2001.
[2] "Trillo dice que no dará un
cheque en blanco a EE UU para su 'escudo' antimisiles",
El País, 24. Mai 2001.
[3] "Auszüge aus einer Pressekonferenz
mit Präsident George W. Bush und Presidente del Gobierno
José Maria Aznar am 12. Juni 2001 in Madrid",
Raketenabwehrforschung International, http://www.hsfk.de/abm/bushadmi/bush/120601.html
[aufgerufen am: 31. Juli 2001].
[4] "Aznar, primer líder europeo
que apoya el escudo antimisiles de Bush", El País,
13. Juni 2001.
[5] "Aznar asume en Oslo la defensa del
escudo antimisiles de Bush frente al rechazo noruego",
La Vanguardia, 15. Juni 2001. - Vgl. "Aznar sostiene
que su posición ante el NMD es idéntica a
la del resto de aliados", El País, 21. Juni
2001.
[6] "España fabricará módulos
del proyectil Standard, cuya nueva generación tendrá
capacidad antibalística", El País, 21.
Juni 2001.
[7] "España quiere participar
en la versión naval del 'escudo antimisiles'",
El País, 21. Juni 2001.
[8] "El Pentágono confirma el
papel de España en la estrategia de defensa antimisiles",
El País, 28. Juni 2001.
[9] "Trillo considera 'prematuro' hablar
del papel de España en el 'escudo' de Bush",
El País, 22. Juni 2001.
[10] "El PSOE ve a Aznar rendido ante
Bush", La Vanguardia, 14. Juni 2001.
[11] "El PSOE critica el despliegue del
escudo antimisiles norteamericano", El Pais, 13. Juni
2001.
[12] "El PSOE ve a Aznar rendido ante
Bush", La Vanguardia, 14. Juni 2001.
[13] Ebd.
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