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Bulletin No 14 - Sommer 2000
Sebastian Harnisch
Erst verhandeln, dann rüsten? Die nordkoreanische Bedrohung
in der amerikanischen Raketenabwehrdebatte[1]
1. Der "Schurkenstaat"
Nordkorea in der US-Raketenabwehrdebatte
In der inneramerikanischen Diskussion um den
Aufbau eines "Nationalen Raketenabwehrprogramms"
(National Missile Defense, NMD) spielt die nordkoreanische
Bedrohung eine besondere Rolle. Nordkorea erscheint als
der Idealtyp eines Schurkenstaates, wie er vom damaligen
US-Sicherheitsberater Anthony Lake 1994 in einem Aufsatz
für die Zeitschrift "Foreign Affairs" skizziert
wurde: Ein konfrontatives, totalitäres System, das
versucht, seine innere Schwäche durch aggressives Verhalten
nach außen zu kompensieren. Seit dem Angriffskrieg
von 1950-1953 hat der Norden nicht nur Tausende von Offensivwaffen
an der Demilitarisierten Zone (DMZ) stationiert, sondern
auch in den 1960er und 1970er Jahren mehrere Attentatsversuche
auf südkoreanische Staatspräsidenten unternommen.
Bei zahlreichen nordkoreanischen Kommandoaktionen kamen
auch US-Soldaten zu Tode. 1983 wurden bei einem Anschlag
in Rangoon mehrere südkoreanische Kabinettsmitglieder
ermordet, und 1987 sprengte ein nordkoreanisches Selbstmordkommando
eine südkoreanische Verkehrsmaschine in die Luft. Seit
Anfang der 1990er Jahre steht der Norden im Verdacht, ein
Nuklearwaffenprogramm zu unterhalten. Seit dem Genfer Rahmenabkommen
vom 21. Oktober 1994 ist es zwar eingefroren, doch vermuten
westliche Geheimdienste, dass das Regime in Pjöngjang
bereits im Besitz von ein oder zwei Nuklearsprengköpfen
ist.
Die Serie nordkoreanischer Übergriffe
auf Südkorea und andere Nachbarstaaten riss, trotz
der Kooperation mit der "Korean Peninsula Energy Development
Organization" (KEDO) zur Beilegung des Nuklearkonflikts,
auch in den 1990er Jahren nicht ab. Im Winter 1994 schossen
nordkoreanische Truppen einen amerikanischen Hubschrauber
ab, der die DMZ versehentlich überquert hatte. Im Sommer
1995 wurde ein südkoreanisches Schiff mit Hilfsgütern
für den Norden mehrere Tage in Nordkorea festgehalten.
Wiederholt hat der Norden Spionagekommandos in den Süden
entsandt. So strandete im August 1996 ein nordkoreanisches
U-Boot. Bei der anschließenden Suche wurde ein gutes
Dutzend nordkoreanischer Eindringlinge getötet bzw.
tot aufgefunden. Auch nach der Amtsübernahme des einstigen
Oppositionsführers Kim Dae-Jung im Februar 1998, der
mit seinem Konzept der "Sonnenschein-Politik"
deutlich die Kooperation mit dem Norden sucht, setzte Nordkorea
seine konfrontative Politik fort. Während südkoreanische
Touristen im Rahmen des Mt. Kumgang-Tourismus-Projektes
den Norden besuchten, verwickelte die nordkoreanische Marine
im Sommer 1998 südkoreanische Verbände in ein
Seegefecht, bei dem mehrere nordkoreanische Seeleute den
Tod fanden. Ende März 1999 wurden zwei nordkoreanische
Spionageschiffe von den japanischen Selbstverteidigungskräften
aus japanischen Gewässern vertrieben, dabei schossen
japanische Schiffe erstmals seit dem Pazifikkrieg wieder
auf "feindliche Verbände".
Keines dieser Ereignisse hat jedoch die sicherheitspolitische
Situation in Nordostasien mehr verändert als der Abschuss
einer nordkoreanischen Mittelstreckenrakete vom Typ Taepo-Dong
I am 31. August 1998. Zwar diente der Abschuss nach nordkoreanischen
Angaben der Stationierung eines Satelliten in der Umlaufbahn.
Der Verlauf der Flugbahn über die japanische Hauptinsel
Honshu, die offensichtlichen militärischen Anwendungsmöglichkeiten
zur Verbringung von Massenvernichtungswaffen, sowie die
Tatsache, dass der Norden sich überhaupt in der Lage
zeigte, komplexere mehrstufige Mittelstreckenraketen zu
bauen, führten jedoch zu einer heftigen, in Teilen
fast panischen Reaktion in der Region und in den USA. Während
sich die chinesische Führung wegen der offensichtlichen
Provokation ohne vorherige Konsultationen mit Beijing verärgert
zeigte und zur Zurückhaltung aufrief, setzte Tokio
seine politische und finanzielle Unterstützung des
KEDO-Prozesses aus. Gleichzeitig erhielt die japanische
Diskussion über die Beteiligung an einem gemeinsamen
regionalen Raketenabwehrprogramm (Theater Missile Defense,
TMD), die seit Anfang der 1990er Jahre eher schleppend verlaufen
war, neue Nahrung. Nur wenige Wochen nach dem nordkoreanischen
Test fand sich Tokio grundsätzlich bereit, sich an
einem regionalen Raketenabwehrprojekt zu beteiligen.
Auch in den USA schlug der Abschuss der Taepo-Dong
I-Rakete wie eine Bombe ein. In der durch die indischen
und pakistanischen Nuklear- und Raketentests aufgeheizten
Atmosphäre des Sommers 1998 bedurfte es nur noch eines
kleinen Funkens. Erschwerend kam hinzu, dass die sogenannte
Rumsfeld-Commission kurz vor dem nordkoreanischen Raketentest
in einem Bericht an den Kongress über die Bedrohung
der USA durch ballistische Raketen zu dem Ergebnis gekommen
war, dass die Vereinigten Staaten aufgrund der schlechten
Aufklärungsmöglichkeiten in Nordkorea mit einer
sehr viel schnelleren Entwicklung von Mittel- und Langstreckenraketen
rechnen müssten. Unterstützt wurde die alarmierende
Einschätzung des Rumsfeld-Berichts zudem noch durch
Analysen der "Janes Defense Reviews", die
nach dem pakistanischen Raketentest im Mai 1998 von einer
engen Zusammenarbeit zwischen pakistanischen und nordkoreanischen
Raketeningenieuren berichteten. Kurz darauf war den amerikanischen
Medien zu entnehmen, dass der am 22. Juli 1998 erfolgte
Test einer iranischen Mittelstreckenrakete vom Typ "Shahab-3"
ebenso wie der pakistanische Test mit nordkoreanischer Unterstützung
erfolgt sei.
Die anfängliche Verwirrung in den öffentlichen
Aussagen der US-Geheimdienste über die genaue Flugbahn
der Rakete, deren Reichweite und Tragfähigkeit verstärkte
den Eindruck, dass die Clinton-Administration die Bedrohung
durch nordkoreanische Trägersysteme nicht nur falsch
eingeschätzt, sondern regelrecht verschlafen habe.
Dementsprechend drastisch fiel das Urteil der Kritiker der
Administration im republikanisch beherrschten Kongress aus.
Die Exekutive reagierte auf diese Situation
mit einer Doppelstrategie, die bis heute die Politik gegenüber
Nordkorea, aber auch anderen Schurkenstaaten, bestimmt.
Zum einen setzte sie auf Druck des Kongresses einen Sonderbeauftragten
für die Verhandlungen mit Nordkorea ein. Der ehemalige
US-Verteidigungsminister William Perry übernahm im
November 1998 die Aufgabe, die bisherige "Engagement-Politik"
der Administration einer kritischen Würdigung zu unterziehen
und Vorschläge zur Straffung der zahlreichen bi- und
multilateralen Maßnahmen zu unterbreiten. Zum anderen
wertete die Clinton-Administration ein flächendeckendes
Raketenabwehrsystem im Winter 1998/99 deutlich auf. Das
avisierte Programm wurde primär auf die Abwehr einiger
Dutzend Mittel- und Langstreckenraketen der "Schurkenstaaten"
angelegt. Die Initiative diente ferner der Beschwichtigung
der republikanischen Mehrheit im Kongress; damit sollte
die bisherige kooperative "Engagement-Politik"
gegenüber Nordkorea nicht gefährdet werden.
Die Clinton-Administration befindet sich seither
in einem zunehmenden Erklärungsdilemma, weil sie parallel
die Einfrierung des nordkoreanischen Raketenprogramms im
Rahmen ihrer "Engagement-Politik" verfolgt und
andererseits bereits Vorsorge für die Abwehr einer
nordkoreanischen Raketenbedrohung in Asien und für
die Kontinental-USA trifft. Dabei kollidiert ihre Verhandlungsposition
gegenüber Nordkorea (Beitritt zum MTCR) zwangsläufig
mit ihrer Aufrüstungspolitik im Raketenabwehrbereich,
die neben der Glaubwürdigkeit des ABM-Vertrages auch
die Abschreckungsdoktrin als Grundfeste der bisherigen Nuklearordnung
untergräbt.
2. Die Bedrohung der USA und ihrer
Streitkräfte durch nordkoreanische Trägersysteme
In der US-amerikanischen Verteidigungsplanung
nimmt die nordkoreanische Bedrohung seit Anfang der 1990er
Jahre eine zentrale Stellung ein. In der Streitkräfte-
und Strategieplanung des "Bottom-Up-Reviews" (1993)
und des "Quadrennial Defense Reviews" (1997) im
Pentagon figurieren die nordkoreanischen Streitkräfte
als Prototyp eines "regionalen Aggressors". Auch
im Frühjahr 2000 sehen die US-Streitkräfte einen
Konflikt auf der koreanischen Halbinsel nach wie vor als
wahrscheinlichstes Szenario für einen regionalen Krieg
mit amerikanischer Beteiligung an.
In der Debatte über die Einführung
eines Nationalen Raketenabwehrprogramms stützt sich
die Clinton-Administration primär auf die Bedrohung
durch Nordkorea. Im Januar 1999 argumentierte US-Verteidigungsminister
William Cohen:
"The Taepo-Dong-1 test was another
strong indicator that the United States will, in fact,
face a rogue nation missiles threat to our homeland against
which we will have to defend the American people. Our
deployment readiness program [for NMD, S. H.] has had
two key criteria that have to be satisfied before we could
make a decision to deploy a limited NMD system. There
must be a threat to warrant deployment and our NMD development
must have proceeded sufficiently so that we are technologically
able to proceed. What we are saying today is that we now
expect the first criterion will soon be met, and technologically
readiness will be the primary remaining criterion."
In ihrem letzten Bericht über die Bedrohung
der USA durch ballistische Trägersysteme kommen die
US-Geheimdienste zu einem alarmistischen Ergebnis, welches
der Möglichkeiten der Entwicklung einer direkten Bedrohung
der USA durch Langstreckenraketen vor der Wahrscheinlichkeit
einer solchen Entwicklung Vorrang einräumt. Im Vergleich
zu den Berichten von 1993 und 1996 wurden im National Intelligence
Estimate (NIE) 1999 zudem jene Kriterien erheblich verschärft,
die den Grad der Bedrohung der USA bestimmen. So wird nunmehr
nicht nur die Bedrohung des amerikanischen Kontinents zum
Maßstab erhoben, sondern die Bedrohung aller US-Territorien,
also auch Hawaiis. Zum anderen reicht für eine Bedrohung
der USA in der jüngsten Geheimdiensteinschätzung
die Stationierung eines Trägersystems aus; zuvor galten
nur solche Systeme als Bedrohung, die auch tatsächlich
getestet worden waren. So konstatiert NIE 1999 über
die im August 1998 getestet Mittelstreckenrakete vom Typ
Taepo-Dong I:
"If it had an operable third stage
and a reentry vehicle capable of surviving ICBM flight,
a converted Taepodong-I SLV (space launch vehicle, S.H.)
could deliver a light payload to the United States. In
these cases, about two thirds of the payload mass would
be required for the reentry vehicle. The remaining mass
is probably too light for an early generation nuclear
weapon but could deliver biological or chemical (BW/CW)
warfare agent."
Mehrere Vertreter der Administration haben
sich deshalb im Verlauf der Debatte dazu hinreißen
lassen, die Bedrohung der USA in einem "worst-case
scenario" zu skizzieren, dass auf der technischen Möglichkeit
einer zukünftigen gewachsenen Bedrohung beruht, nicht
aber auf deren politischen Wahrscheinlichkeit. So erklärte
beispielsweise CIA-Direktor George Tenet zu Beginn der heißen
Phase der NMD-Debatte im Februar 1999 vor einem US-Kongressausschuss:
"Dangerous as Saddam is, Mr. Chairman,
I can hardly overstate my concern about North Korea. In
nearly all respects, the situation there has become more
volatile and unpredictable."
Im Februar 2000 konstatierte der Direktor
der Ballistic Missile Defense Organization (BMDO) des Pentagon
vor dem Kongress, dass die Bedrohung durch Langstreckenraketen
aus Staaten, die die internationale Sicherheit gefährdeten,
in dem Maße ansteigen werde, wie diese Länder
ihre Kapazitäten zum Abschuss von weiterreichenden
Raketen im Zeitraum zwischen 2005 und 2010 ausbauen würden.
Ob diese Staaten tatsächlich willens und in der Lage
seien, diesen Ausbau erfolgreich durchzuführen, wurde
zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr hinterfragt. Im Gegenteil.
Aus der möglichen Bedrohung zog BMDO-Direktor Kadish
den Schluss, dass die bisherige Planung für die erste
Phase des NMD-Systems (C-1) erweitert werden müsse,
um der "gewachsenen Bedrohung" zu begegnen.
3. Die bilateralen Bemühungen
um eine Beendigung des nordkoreanischen Raketenprogramms
Seit dem Abschluss des Genfer Rahmenabkommens
im Oktober 1994 übernehmen die USA eine konstruktive
Führungsposition bei der Eindämmung und endgültigen
Rückführung des nordkoreanischen Nuklearwaffenprogramms
durch die "Korean Peninsula Energy Development Organization"
(KEDO). Im Vergleich nahmen sich die bisherigen Bemühungen
der US-Administrationen zur Beendigung des nordkoreanischen
Raketenprogramms eher bescheiden aus. So spielten nordkoreanische
Trägersysteme bei den bilateralen Geheimverhandlungen
der Reagan-Administration im Jahre 1988 in Beijing keine
Rolle, obwohl der Norden 1987/88 nachweislich Scud-Raketen
für den "Krieg der Städte" zwischen
dem Iran und dem Irak geliefert hatte. Auch bei dem ersten
offiziellen Gespräch auf hochrangiger diplomatischer
Ebene zwischen Washington und Pjöngjang im Februar
1992 wurde die Raketenproblematik nicht thematisiert. Die
Administration in Washington verhinderte vielmehr im Verlaufe
der Jahre 1992/1993, dass Israel in bilateralen Verhandlungen
mit Pjöngjang den Export von nordkoreanischen Mittelstreckenraketen
an den Iran durch wirtschaftliche Hilfsmaßnahmen erwirken
konnte.
Erst nach der Genfer Vereinbarung über
den Austausch des bisherigen nordkoreanischen Nuklearprogramms
gegen proliferationsresistente Leichtwasserreaktoren im
Oktober 1994 hat sich die Clinton-Administration stärker
um eine diplomatische Beendigung des Trägerprogramms
und um einen nordkoreanischen Beitritt zum Missile Technology
Control Regime (MTCR) bemüht (vgl. Tabelle 1). Washington
verfolgte dabei eine Doppelstrategie: zum einen versuchte
die US-Regierung wiederholt, durch die Sanktionierung einzelner
Firmen in Nordkorea, Pakistan und dem Iran, die Weiterverbreitung
von nordkoreanischer Raketentechnologie in Asien und dem
Mittleren Osten zu verhindern. Dies ist, wenn überhaupt,
nur in bescheidenem Umfang gelungen. Zwar ist die Liste
der Empfängerländer nordkoreanischer Raketentechnologie
seit Mitte der 1990er Jahre kürzer geworden. Doch gleichzeitig
mehren sich die Anzeichen für eine verstärkte
Kooperation Nordkoreas mit dem Iran und Pakistan. Zuletzt
berichteten indische Tageszeitungen im Juli 1999 von einer
umfangreichen nordkoreanischen Lieferung von Raketenbauteilen
an Pakistan, die durch den indischen Zoll sichergestellt
wurde.
Zum anderen trat Washington in bilaterale
Verhandlungen zur Beendigung des nordkoreanischen Raketenprogramms
ein. Trotz der bisher eher schleppenden Bemühungen
der USA erscheinen die Chancen für eine diplomatische
Lösung des Konflikts um die Produktion und den Export
von nordkoreanischen Trägersystemen durchaus gut. Mehrere
Entwicklungen deuten daraufhin:
- Nordkorea hat bei der bisherigen Entwicklung
und der Erprobung seiner Raketen durchaus Zurückhaltung
bewahrt. Die beiden einzigen Testflüge von Mittelstreckenraketen
des Typs Nodong (Mai 1993) und Taepo-Dong I (August 1998)
zeigen, dass Pjöngjang nicht mit allen Mitteln versucht,
ein nationales Raketenprogramm zur Veränderung des
militärischen Gleichgewichts auf der koreanischen
Halbinsel und der nordost-asiatischen Region aufzulegen.
Da beide Erprobungen mehr oder minder fehlschlugen, hätte
der Norden für ein militärisch operatives Programm
deutlich mehr testen müssen. Aus dieser Perspektive
dienen die Testflüge vor allem zwei Zielen: der Abschreckung
potentieller Angreifer und der Demonstration für
potentielle Kunden. Selbst wenn die ausgebliebenen Versuche
weniger auf die Intentionen zurückschliessen lassen:
Die Tatsache eines praktischen Teststopps, insbesondere
der Taepo-Dong II im Spätsommer 1999, deutet entweder
auf die technischen Schwierigkeiten bei der Herstellung
komplexerer Trägersysteme oder auf die Wirkung amerikanischer
Konzessionen hin.
- Nordkorea hat spätestens seit 1993
(dem israelischen Angebot von Wirtschaftshilfe gegen ein
nordkoreanisches Exportmoratorium in den Nahen- und Mittleren
Osten) wiederholt die Beendigung seiner Raketenexporte
im Austausch für "Ausgleichszahlungen"
angeboten. Am 16. Juni 1998 hieß es in einer offiziellen
Verlautbarung des nordkoreanischen Rundfunks:
"Our missile export is aimed at obtaining money we
need at present. As the United States has pursued economic
isolation of the D.P.R.K. for more than half a century,
our resources of foreign money have been circumscribed.
... If the United States really wants to prevent our missile
export, it should lift the economic embargo as soon as
possible and make compensation for the losses to be caused
by discontinued missile export."
Ein gleichlautendes Angebot wurde gegenüber einer
Gruppe von Mitgliedern des US-Kongresses bei einer Fact-Finding-Mission
im Sommer 1998 wiederholt, wobei die nordkoreanische Seite
einen Preis von einigen hundert Millionen Dollar pro Jahr
für die Einstellung der Exporte nannte.
- Das Regime in Pjöngjang hat ebenfalls
der Aussetzung seiner Raketentests im Austausch für
weitere Verhandlungen über die Aufhebung des US-Embargos
zugestimmt. Nach der sechsten bilateralen Raketengesprächsrunde
mit den USA am 12. September 1999 in Berlin erklärte
der Norden, dass er auf den Test weiterer Trägersysteme
verzichten werde, wenn die Gespräche weitergingen.
Das nordkoreanische Moratorium kann als einer der wichtigen
greifbaren Erfolge des "Perry-Bemühungen"
angesehen werden, der die militärtechnische Lösung
des "nordkoreanischen Problems" durch das nationale
Raketenabwehrprogramm (NMD) um eine diplomatische Lösung
durch die Einbindung Nordkoreas in die internationale
Staatengemeinschaft ergänzt.
Das nordkoreanische Regime hat im Juni 1996 ebenfalls
die vollständige Beendigung seines Raketenprogramms
für den Fall in Aussicht gestellt, dass die USA eine
"umfassende Friedensregelung" für die koreanische
Halbinsel akzeptieren würde:
"The discontinuation of our missile development is
a matter which can be discussed after a peace agreement
is signed between the D.P.R.K. and the United States and
the U.S. military threat [is] completely removed. If the
U.S. concern about our missiles is truly related to the
peace and security of Northeast Asia, the United States
should immediately accept the D.P.R.K.-proposed peace
agreement for the establishment of a durable peace mechanism
on the Korean Peninsula."
- Dass derartige "Angebote" durchaus
problematisch sind, weil sie von den nordkoreanischen
Verhandlungsführern oftmals mit Maximalforderungen
verbunden werden (d.h. dem vorherigen Abzug aller US-Soldaten
aus Südkorea), sollte jedoch nicht davor zurückschrecken
lassen, das jeweilige Angebot auszuloten. Dies gilt auch
für den letzten nordkoreanischen Vorstoß im
Rahmen der siebten bilateralen Gesprächsrunde. Pjöngjang
forderte eine jährliche Gebühr von US$ 1 Mrd.
für die Beendigung seiner Raketenproduktion. Auch
wenn dieses "Angebot" von den USA (verständlicherweise)
sofort zurückgewiesen wurde, bietet die Offerte doch
einen wichtigen Anhaltspunkt für ein mögliches
weiteres Kompensationsgeschäft mit Nordkorea im Bereich
der Raketenproliferation.
4. Zustimmung für eine Verhandlungslösung
in der Region
Das amerikanische Nationale Raketenabwehrprogramm
stößt in Nordostasien, ebenso wie in Europa,
auf den Widerstand der Verbündeten und Anrainerstaaten.
Die neue Administration in Moskau zeigte sich bereits im
Mai 2000 bereit, die amerikanischen Sorgen vor einer Bedrohung
aus "Schurkenstaaten" ernst zunehmen. Präsident
Putin bot der Clinton-Administration an, gemeinsam Druck
auf Nordkorea auszuüben, wenn die Vereinigten Staaten
im Gegenzug ihr NMD-Programm auf ein mit dem ABM-Vertrag
kompatibles Maß zurücknehmen würden. Während
seines Pjöngjang-Besuchs Mitte Juli 2000 konnte Putin
eine Konkretisierung seiner Vorstellung erzielen. Nach bilateralen
Gesprächen mit dem nordkoreanischen Staatschef Kim
Jong-Il bot dieser die Einstellung des Raketenprogramms
an, wenn der Norden internationale Unterstützung bei
der Entsendung von Satelliten ins All erhielte. Trotz zahlreicher
Bemühungen westlicher Regierungen, insbesondere während
des ASEAN Regional Forum Treffens Ende Juli 2000 in Bangkok,
weitere Details des nordkoreanischen Vorschlags in Erfahrung
zu bringen, blieben diese zunächst ungewiss. Nach einem
Briefwechsel Anfang August zwischen Moskau und Pjöngjang
werden die Umrisse eine möglichen Verhandlungslösung
deutlicher, wenngleich zahlreiche Unbekannte verbleiben.
Demnach ist Nordkorea bereit die Entwicklung, Produktion,
die Erprobung und den Export von Langstreckenraketen einzustellen,
wenn jene Staaten, die Besorgnis über das nordkoreanische
Programm geäußert haben, jährlich zwei bis
drei "zivile nordkoreanische Satelliten" ins All
entsenden. Anfängliche Bedenken, Pjöngjang würde
auf die Lieferung von westlicher Raketentechnologie zum
Abschuss von eigenen Rampen bestehen, sind damit ausgeräumt.
In weiteren Gesprächen muss nun u.a. geklärt werden,
unter welchen Bedingungen nordkoreanische Satelliten im
Ausland abgeschossen werden können; wer für die
entstehenden Kosten aufkommen wird und ob der Norden sein
gesamtes Raketenprogramm, also auch die weiteres Produktion
und den Export von Kurz- und Mittelstreckenraketen, einstellt.
In Beijing wird die offizielle Begründung
für die militärische Eindämmung des nordkoreanischen
Raketenprogramms, Washington fühle sich u.a. durch
Nordkorea bedroht, hingegen bestenfalls mit Unglauben aufgenommen
- schlimmstenfalls als amerikanisches Täuschungsmanöver
diffamiert. Obwohl die Ablehnung der US-Raketenpläne
in Beijing tief verwurzelt ist, zeigt die jüngste Annäherung
an Pjöngjang im Zuge der Kim Jong-Il-Visite Ende Mai
2000, dass die Volksrepublik versucht, einen domestizierenden
Einfluss auf Nordkorea auszuüben.
Die ablehnende chinesische Haltung wird von
vielen Staaten der Region zum Anlass genommen, ihre NMD-Beteiligung
zu überdenken. Sowohl in Taiwan als auch in Südkorea
wird die Stationierung eines nationalen US-Abwehrprogramms
als Bedrohung für die regionale Stabilität angesehen,
da die Volksrepublik fast zwangsläufig eine Modernisierung
ihres Nuklearpotentials durchführen müsste, um
ihre Zweitschlagsfähigkeit zu erhalten. Beijing würde
damit eine Aufrüstung durchführen, die es seit
1995 aufgrund ökonomischer Erwägungen zurückgestellt
hatte. Auch aus japanischer Sicht ist, trotz der unmittelbaren
Bedrohung durch die nordkoreanischen Mittelstreckenraketen,
deshalb eine politische Lösung des Raketenproblems
der Aufstellung eines bilateralen Raketenschildes vorzuziehen.
Ebenso wie der taiwanesischen Regierung ist der Führung
in Tokio daran gelegen, eine weitere "Militarisierung
der chinesischen Außenpolitik" als Reaktion auf
ein nationales Abwehrschild, zu verhindern. Nach dem erfolgreichen
innerkoreanischen Gipfel und dem Vorschlag des Nordens im
Rahmen der Putin-Visite in Pjöngjang erscheint eine
konzertierte Aktion wichtiger Staaten der Region unter Führung
der USA, die eine Rückführung des nordkoreanischen
Trägerprogramms im Austausch für (weitere) politische
und wirtschaftliche Anreize zum Ziel hat, durchaus Chancen
zu bieten.
5. Amerika ernstnehmen
Trotz zahlreicher Bekundungen und Verhandlungsangebote
hat die nordkoreanische Führung ihre Optionen für
die Fortführung eines Nuklearwaffenprogramms und die
Entwicklung von Mittel- und Langstreckenraketen nicht endgültig
aufgegeben. Selbst wenn Pjöngjang weiter an seinem
Moratorium für den Test von Trägersystemen festhalten
sollte, so bedroht es mit den bestehenden Systemen weiterhin
direkt die Staaten der nordostasiatischen Region (und die
dort stationierten US-Soldaten). Durch den Export von Trägersystemen
nach Südostasien und in den Nahen und Mittleren Osten
trägt der Norden auch weiterhin direkt zur Destabilisierung
dieser Regionen bei. Die Europäische Union kann daher,
ebenso wenig wie die USA, ein Interesse daran haben, sich
diesen Risiken auszusetzen. Die entscheidende Frage ist,
welche Mittel und Strategien in welcher Abfolge zur Verminderung
dieser Gefahren eingesetzt werden sollten.
Die bisherige europäische Antwort auf
das US-amerikanische NMD-Projekt hat Kohärenz und eine
schlüssige Bedrohungsanalyse vermissen lassen. Zum
einen hat sich die Union trotz der anhaltenden US-Debatte
bisher nicht auf ein gemeinsames Konzept verständigen
können. Zum anderen wurde argumentiert, dass zwar keine
ernsthafte Bedrohung existiere, doch durch die Stationierung
ohne die Berücksichtigung Europas "Räume
unterschiedlicher Sicherheit" im transatlantischen
Raum etabliert würden. Die offensichtliche Inkonsistenz
dieser Argumentation ohne Bedrohung kann es auch
keine unterschiedlich sicheren Räume geben hat
viel zur Diskreditierung legitimer europäischer Bedenken
in der transatlantischen Debatte um regionale Abwehrsysteme
beigetragen.
Die Europäische Union sollte deshalb
in einem ersten Schritt die Sicherheitsbedenken Washingtons,
die die Produktion, das Testen sowie den Export nordkoreanischer
Trägersystemen umfassen, ernstnehmen und konkrete politische
Alternativen zur technischen Lösung durch das TMD-Programm
anbieten.
Eine diplomatische Alternative könnte
aus dem Zusammenführen wirtschaftlicher Anreize bestehen,
die sich aus der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen
den EU-Staaten, Japan, Südkorea und anderen OECD-Staaten
mit Nordkorea ergeben. Bisher haben diejenigen Länder,
die ihre diplomatischen Beziehungen mit Pjöngjang auf
eine höhere Stufe gestellt haben, dies bedingungslos
getan (darunter auch der EU-Partner Italien). In Zukunft
sollten die aus der Normalisierung der Beziehungen erwachsenden
Handels- und Investitionserträge vom entsprechenden
"Wohlverhalten" Nordkoreas in der Frage der Produktion
und des Exports abhängig gemacht werden. Ein solches
Tauschgeschäft könnte auch den nordkoreanischen
Vorschlag an den russischen Präsidenten Putin im August
sinnvoll ergänzen. Bisher besteht Nordkoreas auf zwei
bis drei Abschüssen pro Jahr; diese Zahl könnte
gesenkt werden, wenn Pjöngjang dafür andere Teile
seiner Wirtschaft (durch die breite Öffnung im Außenhandel)
modernisieren könnte. Da Japan sich finanziell an einer
diplomatischen Verminderung der nordkoreanischen Raketenbeteiligung
wahrscheinlich beteiligen, aber Nordkorea jedoch japanische
Raketentechnologie ablehnen würde, kämen das russische
oder europäische Raumfahrtprogramm als mögliche
Alternativen ins Spiel. Eine Beteiligung der EU an den Kosten
für den Abschuss eines nordkoreanischen Satelliten
(pro Jahr) ließe sich sicherlich leichter vermitteln,
wenn das europäische Ariane-Programm davon profitieren
könnte.
Eine andere Variante dieser Alternative könnte
vorsehen, dass Russland den Abschuss des nordkoreanischen
Satelliten übernimmt und zwar finanziert durch Japan,
Europa und andere Staaten (eine Aussage über die Chancen
einer amerikanischen Beteiligung lassen sich erst nach der
Wahl treffen). Im Gegenzug würde Moskau die russische
Unterstützung für das iranische und nordkoreanische
Raketenprogramm (tatsächlich) unterbinden. Bevor sich
die EU auf eine solche diplomatische Lösungsstrategie
einlässt, müsste sie in enger Koordination mit
den Vereinigten Staaten jedoch prüfen, ob das nordkoreanische
Angebot tragfähig ist und ob die neuen Initiativen
Moskaus im Bereich der Nonproliferation durch Taten gestützt
werden. Gleiches gilt grundsätzlich auch für die
VR China. Wenn Beijing die Aufstellung eines regionalen
und/oder Nationalen Raketenabwehrsystems vermeiden will,
dann muss es auf die nordkoreanische Führung im Sinne
einer diplomatischen Lösung einwirken.
Erst wenn diese kurzfristigen Maßnahmen
zur Gefahrenverminderung gescheitert sind oder zu scheitern
drohen, sollte die Europäische Union einem an Bedingungen
geknüpften Stationierungsbeschluß für regionale
Raketenabwehrprogramme unter europäischer Beteiligung
als Antwort auf die Raketenprogramme Nordkoreas und anderer
"states of concern" zustimmen. Ein solcher neuer
"NATO-Doppelbeschluss", der die Stationierung
der notwendigen TMD-Systeme vom Scheitern einer Verhandlungslösung
abhängig macht, könnte einerseits der realen Bedrohung
gerecht werden und die Allianzkohäsion stärken;
andererseits könnte er die Legitimität des Stationierungsbeschlusses
gegenüber Dritten (insbesondere der RSFR und der Volksrepublik
China) verbessern.
Angesichts des amerikanischen Wahlkampfes
und der andauernden technischen Schwierigkeiten, die erste
Phase des NMD-Projektes zum bisher angestrebten Zeitpunkt
2005 einsatzfähig zu machen, scheint sich kurzfristig
ein "natürliches Verhandlungsfenster" für
eine diplomatische Rückführung des nordkoreanischen
Raketenprogramms zu öffnen. Sollten diese "präventiven
Maßnahmen" scheitern, so bliebe die Chance erhalten,
die negativen strategischen Effekte der NMD-Stationierung
zusätzlich durch die kooperative Einbindung Russlands
und Chinas in das NMD-Programm, z. B. im Bereich des Datenaustauschs
und diplomatischer Initiativen, abzufangen.
Bevor nicht alle diplomatischen Instrumente
ausgeschöpft worden sind, sollte Europa die Hoffnung
nicht aufgeben, eine Kürzung oder Vertagung des NMD-Programms
erreichen zu können. Die diplomatische Beendigung des
nordkoreanischen Raketenprogramms unter europäischer
Beteiligung sollte den Kern dieser Bemühungen bilden.
"Ohne Raketen", so der Oberkommandierende der
US-Pazifikflotte, Admiral Dennis Blair im März 2000,
"sei Nordkorea nicht mehr das Hauptproblem in Nordostasien".
In Bezug auf das US-Raketenabwehrprogramm sagte er:
"On a national missile defense [...,
S.H.] the North Korean development and the Taepodong launch
is clearly one of the key, if not the key factor, in determining
the parameters and the deployment schedule and the capabilities
of that system. [A diplomatic resolution to that threat,
S.H.] would make a big difference."
6. Anhang
6.1 Exkurs: Das nordkoreanische Trägersystemprogramm
- Entwicklung und Export
Der Beginn des nordkoreanischen Raketenprogramms
kann auf Ende der 1960er Jahre datiert werden. Zunächst
importierte der Norden einzelne FROG-Systeme aus der Sowjetunion,
die jedoch bald unabhängig hergestellt wurden. Berichten
westlicher Geheimdienste zufolge entwickelt Nordkorea seit
den siebziger Jahren ballistische Trägersysteme für
das eigene Militär, aber auch für die Ausfuhr,
vornehmlich in den Nahen und Mittleren Osten. Ein Grund
für den Ausbau des Raketenprogramms dürfte die
anlaufende südkoreanische Produktion von Kurzstreckenraketen
des Typs Paekkom (Eisbär) gewesen sein, die seinerseits
als Reaktion auf die nordkoreanischen Frog-Waffen gelten
kann.
Zu Beginn des Raketenvorhabens erhielt Pjöngjang
chinesische Unterstützung und sowjetische Kurzstreckenraketen
vom Typ Scud-B, die es fortentwickelte. Nach der Verschlechterung
der sowjetisch-nordkoreanischen Beziehungen 1972 erweiterte
sich der Kreis der Kooperationspartner. Im Austausch für
seine Unterstützung im Krieg gegen Israel wurde der
Norden nun von Ägypten mit moderner sowjetischer Raketentechnologie
versorgt. Im Zuge eines neuntägigen Staatsbesuches
in China sicherte die chinesische Führung dem nordkoreanischen
Präsidenten Kim Il-Sung Unterstützung zu bei der
Entwicklung und Produktion einer Kurzstreckenrakete, der
DF-61. 1978 wurde das DF-61-Programm jedoch von der chinesischen
Führung fallengelassen und die nordkoreanische Führung
entschloss sich kurze Zeit später, aufgrund mangelnder
Unterstützung aus Moskau und Beijing zum Aufbau eines
unabhängigen Raketenprogramms. Technische Schwierigkeiten
führten nach kurzer Zeit zu einer engen Zusammenarbeit
mit Ägypten, welches Anfang der 1980er Jahre einzelne
sowjetische Raketen des Typs R-17 E an den Norden lieferte.
Nordkoreanische Ingenieure benutzten die R-17 E als Vorlage
für die nordkoreanische Hwasong 5-Rakete (Mars), an
der im Oktober 1983 erstmalig auch der Iran Interesse zeigte.
Prototypen der Hwasong-Rakete wurden erstmals im April und
September 1984 getestet. Sie kann als erster "nordkoreanischer
Raketentyp" gelten, der in Serie produziert wurde.
Mit der Hwasong-5-Fernlenkwaffe etablierte
Nordkorea auch ein ernstzunehmendes Raketenexportprogramm.
Neben der engen technischen Kooperation mit Ägypten
schloss Pjöngjang im Juni 1987 einen US $ 500 Mio.
Rüstungsvertrag mit dem Iran, der auch die Lieferung
von ca. 100 Hwasong umfasste. Diese wurden im zweiten Krieg
der Städte primär gegen Bagdad und andere bevölkerungsreiche
Städte des Irak eingesetzt. Der erfolgreiche Export
der Hwasong und die erweiterten politischen Vorgaben beflügelten
das nordkoreanische Raketenprogramm zu Beginn der 1990er
Jahre.
Bereits im Juni 1990 wurden die neuen Hwasong-6-Systeme
(sogenannte Scud-C) getestet und wenig später an den
Iran und Syrien verkauft. Beide Staaten etablierten mit
nordkoreanischer Unterstützung eigene Raketenproduktions-
und Teststätten. Von den insgesamt bis heute produzierten
600-1000 Scud-C sollen etwa 300-500 exportiert worden sein.
Neben Vietnam, das Ende der 1990er Jahre einige wenige Hwasong-Systeme
erhielt, erwarben der Sudan und Libyen nordkoreanische Raketentechnologie.
Dem nordkoreanischen Militär standen
nach Angaben des US-Militärgeheimdienstes DIA mehrere
hundert der Hwasong-5/6 Kurzstreckenraketen zur Verfügung.
Sie können einen 700 Kilogramm schweren Sprengkopf
circa 500 Kilometer weit und damit über das
gesamte südkoreanische Territorium inklusive der Insel
Cheju-do tragen. Ferner ist es möglich sie sowohl
von fest installierten als auch von mobilen Abschussrampen
zu starten. Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums
können diese Raketen mit biologischen und chemischen
Sprengköpfen bestückt werden.
Ende der achtziger Jahre begann Nordkorea
die Entwicklung eines Mittelstreckenraketensystems. Es kann
durch eine verbesserte Reichweite sowohl ganz Japan als
auch die US-Basen auf Okinawa erreichen, und es ist in der
Lage, einen Atomsprengkopf der ersten Generation zu tragen.
Es wurde so konstruiert, dass es in Systeme mit größerer
Reichweite eingegliedert werden kann. Um den technischen
Schwierigkeiten bei der Entwicklung leistungsfähigerer
Antriebs- und Zielerkennungssysteme Herr zu werden, wurden
von nordkoreanischer Seite ukrainische, russische und chinesische
Raketentechniker hinzugezogen.
Diese Mittelstreckenrakete wurde erstmals
Ende Mai 1993 getestet. Da der Antrieb dieser ersten Rakete
sie wird nach dem Ort der ersten Sichtung durch westliche
Geheimdienste Nodong genannt auf der Technologie
der Scud-C-Rakete basierte, erreichte die Nodong-1 lediglich
eine Reichweite von circa 1000 Kilometern. Eine modifizierte
Version, die Nodong-2, soll durch eine Verringerung des
Eigengewichts eine leicht verbesserte Reichweite von 1500
Kilometern erzielen können. In Anbetracht der bisherigen
nordkoreanischen Raketenexportpolitik wurde durch die erfolgreiche
Fertigstellung dieser Waffe nicht nur Japan, sondern durch
den Export in den Iran und Pakistan (sowie möglicherweise
Libyen und Syrien) auch weite Teile Südostasiens, Israel
und die südlichen Mittelmeeranrainerstaaten der EU
bedroht.
Mit der im August 1998 getesteten Taepo-Dong
I-Rakete dringt Nordkorea weiter in den Langstreckenbereich
vor. Die konventionelle Taepo-Dong I-Rakete trägt einen
etwa 1000 kg schweren Sprengkopf zwar lediglich 2500 km
weit, doch erreicht die im Herbst getestete Taepo-Dong-Rakete
mit "Space Launch Vehicle" (SLV) nach ihrem Wiedereintritt
in die Atmosphäre ca. 4000 km. Das in der Entwicklung
befindliche Nachfolgemodell Taepo-Dong-II soll mit einem
Sprengkopf geringeren Gewichts (unter 500 kg) Reichweiten
bis zu 8000 km erzielen können.
Während die Zukunft des Taepo-Dong-Programms
angesichts der zahlreichen wirtschaftlichen und politischen
Einflussfaktoren schwer prognostierbar erscheint, ist gewiss,
dass Nordkorea in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre
auch Taepo-Dong-I-Systeme bzw. Technologie in den Iran und
nach Pakistan geliefert hat. Derzeit ist unklar, ob Ägypten,
Libyen und Syrien diese Mittelstreckenraketen zum Stückpreis
von US $ 6 Millionen erworben haben.
6.2 Tabelle 1: Amerikanisch-nordkoreanische
Gespräche über ballistische Trägersysteme
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Jahr
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Gesprächsinhalte
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März
1995
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Die
US-Regierung macht eine Normalisierung der bilateralen
Beziehungen von einer Einstellung der nordkoreanischen
Raketenexporte, insbesondere in den Nahen und Mittleren
Osten, abhängig.
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Januar
1996
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Brief
der US-Regierung über erste bilaterale Gesprächsrunde;
nordkoreanische Forderung nach vorheriger Aufhebung
der US-Sanktionen
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21.-22.
April 1996
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Erste
Gesprächsrunde in Berlin: USA fordert Einhaltung von
MCTR-Richtlinien durch DVRK; DVRK fordert finanzielle
Kompensation
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24.
Mai 1996
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USA
verhängt (symbolische) Sanktionen gegen Nordkorea
und Iran aufgrund von Raketentechnologietransfers
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16.
Oktober 1996
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Nach
geheimdienstlichen Informationen über einen bevorstehenden
Testflug einer No-Dong-Rakete informelle bilaterale
Gespräche in New York
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11.-13.
Juni 1997
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Zweite
Gesprächsrunde in Seoul: US-Forderung nach Beendigung
von SCUD-Exporten und Aussetzung der Stationierung
von No-Dong Mittelstreckenraketen, keine Einigung
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6.
August 1997
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USA
verhängt weitere Sanktionen für unspezifizierte Proliferationsaktivitäten
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27.
August 1997
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Die
dritte bilaterale Gesprächsrunde wird abgesagt nachdem
der nordkoreanische Botschafter in Ägypten (mit intimen
Kenntnissen der DVRK-Proliferationsaktivitäten) in
die USA überläuft
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17.
April 1998
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USA
verhängt weitere Sanktionen gegen Pakistan und DVRK
aufgrund des Raketentechnologieaustauschs
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16.
Juni 1998
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DVRK
kündigt an, dass ein Verzicht auf Raketentechnologietransfer
gegen angemessene Kompensation (US $ 0,5-1 Mrd. pro
Jahr) möglich sei
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31.
August 1998
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DVRK-Test
einer Taepo-Dong I (SLV) Mittelstreckenrakete (bis
zu 4000 km) über Japan
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1.
Oktober 1998
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Dritte
Gesprächsrunde in New York: USA bietet Sanktionsaufhebung
gegen Einfrierung des DVRK-Raketentechnologieexports;
keine Einigung
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29.-30
März 1999
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Vierte
Gesprächsrunde in Pjöngjang: keine Einigung über Tausch,
Sanktionen gegen Exporteinschränkung
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17.
Juni 1999
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Vorkehrungen
für Taepo-Dong II-Test werden bekannt - potentielle
Reichweite: >6000 km
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27.
Juli 1999
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Multilaterale
Warnungen (USA-Japan-ROK) vor weiterem Raketentest
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7.-12.
September 1999
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Fünfte
Gesprächsrunde in Berlin: USA und DVRK vereinbaren
Stopp für DVRK-Raketentechnologieexporte, im Gegenzug
lockern die USA einige Sanktionen
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15.-20.
November 1999
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Sechste
Gesprächsrunde: keine Einigung über eine vollständige
Aufhebung der US-Sanktionen und die Einstellung des
nordkoreanischen Raketenprogramms
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29.
November 1999
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US-Unterhändler
William Perry fordert DVRK zur Einstellung seines
Raketenprogramms und zum Eintritt in das MTCR auf.
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7.-15.
März 2000
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Nach
ergebnislosen Verhandlungen über einen hochrangigen
Besuch eines nordkoreanischen Vertreters in Washington
verständigen sich beide Seiten, die Frage des nordkoreanischen
Raketenprogramms durch den "New Yorker-Gesprächskanal"
fortzuführen.
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10.-12.7.
2000
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Siebte
Gesprächsrunde: DVRK fordert US $ 1 Mrd. für die Einstellung
des Raketenprogramms; die USA verweigern direkte finanzielle
Ausgleichszahlungen
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14.7.
2000
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Benjamin
Gilman, Vorsitzender des Ausschusses für Internationale
Beziehungen des US-Repräsentantenhauses, legt eine
Gesetzesinitiative vor, die die Wiederaufnahme der
Sanktionen gegen die DVRK verlangt, wenn diese das
Raketenmoratorium beendet oder Raketentechnologie
in problematische Staaten exportiert.
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[1] Die vollständig mit Fußnoten
versehene Version dieses Bulletins gibt es als pdf.
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