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Bulletin No 32 - Frühjahr 2002
Alexander Kelle
Die Irrelevanz von Raketenabwehr zur Bekämpfung des
Bioterrorismus
1. Einleitung
Den Terroristen des 11. September 2001 ging
es darum, eine möglichst hohe Zahl von Opfern zu verursachen.
Zu diesem Zweck funktionierten sie Linienflugzeuge in Waffensysteme
um; die kurz nach dem Start noch vollen Treibstofftanks
dienten als Sprengsätze. Zukünftige Anschläge
werden immer mit diesem Attentat verglichen werden, und
der perverse Ehrgeiz nachfolgender Attentäter mag darin
liegen, diese Zahl von Opfern noch zu übertreffen.
Massenvernichtungsmittel, also biologische, chemische oder
nukleare Waffen, wären die nächste Stufe der Eskalation.
Bisher wurden terroristische Anschläge mit Massenvernichtungsmitteln
von vielen eher für unwahrscheinlich gehalten, dies
aus zweierlei Gründen: Man unterschätzte die Vereinbarkeit
von terroristischer Motivation und Einsatz von NBC-Waffen,
auch die technischen Möglichkeiten von Terrorgruppen
hielt man für unzureichend. Spätestens nach dem
11. September aber ist endgültig klar, dass Terroristen
auch Massenmord zum Ziel haben können. Ob sie technisch
dazu in der Lage sind, ist eine andere Frage.
In der Geschichte der Terrorakte gibt es bereits
Beispiele für Anschläge mit biologischen und chemischen
Waffen. Das prominenteste ist der Giftgas-Anschlag der apokalyptischen
Aum Shinrikio-Sekte in der Tokioter U-Bahn vom März
1995, bei dem zwölf Menschen starben und über
1000 verletzt wurden. Beabsichtigt war ein Massenmord, jedoch
ist dieser den Terroristen aus technischen Gründen
nicht gelungen.
In diesem Beitrag sollen die Möglichkeiten
von Terroristen eingeschätzt werden, Anschläge
mit Biowaffen (BW) zu verüben. Dabei stellt sich vor
allem die Frage, mit welchen Mitteln dieser Gefahr begegnet
werden kann. Hierzu werden sowohl informelle technische
Zusammenarbeit als auch breit angelegte politische Koalitionen
nötig sein. Ob und in welchem Umfang die von der US-Administration
energisch vorangetriebenen Raketenabwehrprogramme einen
Beitrag zur Bekämpfung der vom Bioterrorismus ausgehenden
Gefahren leisten können, hinterfrage ich im Schlussabschnitt
des Beitrags.
2. Die Risiken des Bioterrorismus
Die Frage des möglichen Erwerbs und Einsatzes
von biologischen Waffen durch Terroristen wird bereits seit
Mitte der neunziger Jahre verstärkt unter Politikern,
in den Medien, aber auch von Wissenschaftlern - vornehmlich
in den USA - diskutiert. Die in der Folge der terroristischen
Anschläge in New York und Washington aufgetretenen
Fälle von Milzbrand-Infektionen scheinen nun diejenigen
in dieser Debatte auf dramatische Weise zu bestätigen,
die die Frage danach, ob Terroristen sich BW bedienen werden,
bereits "abgehakt? hatten, und nur noch das Wann und
das Wie eines solchen terroristischen Einsatzes als bedenkenswürdige
Fragen gelten ließen.
2.1 Das alte Paradigma
Ein Blick in die Geschichte des Terrorismus
zeigt, dass nur wenige Fachleute den Einsatz von BW durch
Terroristen ernsthaft in Betracht gezogen haben.[1] Das
klassische terroristische Arsenal von Methoden und Strategien
umfasst vielmehr Anschläge auf Einzelpersonen oder
Gruppen wie Entführungen, Ermordungen, Bombenanschläge,
Flugzeugentführungen, Geiselnahmen und dergleichen
mehr. In der Literatur lässt sich ein Reihe von miteinander
verwobenen Ursachen für diese zurückhaltende Beurteilung
des Einsatzes von und der Drohung mit BW durch Terroristen
identifizieren.[2]
- Terroristen fürchten, sich selbst
mit dem Krankheitserreger zu infizieren;
- Auswirkungen biologischer Waffen sind nach
ihrer Ausbringung nicht kontrollierbar; u.U. verpuffen
sie aber auch wirkungslos;
- Terroristen haben in der Regel eine Abneigung
gegen eine Vielzahl von Toten als Folge ihrer Anschläge;
- der massive Einsatz von BW beträfe
in erster Linie Kranke, Alte und Kinder, diese sind jedoch
nicht die primären Ziele terroristischer Aktivitäten.
Insofern besteht eine moralische Hürde;
- der Einsatz von BW könnte sowohl die
Unterstützung von Mitgliedern und Sympathisanten
der Gruppe vermindern als auch eine Reaktion der angegriffenen
Regierung provozieren, die im Verbund das Überleben
der Terrorgruppe gefährden;
- für die Realisierung der Ziele "klassischer"
Terroristen war der Einsatz von BW nicht erforderlich
bzw. "angemessen";
- staatliche Förderer haben möglicherweise
im Hinblick darauf, dass eine eventuelle Vergeltung eher
sie als die schwer auffindbaren Terroristengruppen träfe,
den von ihnen unterstützten Terrorgruppen Zurückhaltung
mit Blick auf BW auferlegt;
- Biowaffenprogramme sind im Vergleich zu
traditionellen terroristischen Mitteln sehr komplex;
- ein Bio-Terror-Angriff kann irrtümlich
für einen natürlichen Krankheitsausbruch gehalten
werden - damit wird es schwierig für die Terrorgruppe,
die Aktion für sich zu reklamieren; ferner führt
die Inkubationszeit zu einer Entkoppelung von Ursache
und Wirkung, die traditionellen terroristischen Handlungsmustern
widerspricht - und zudem eine "optimale" Medienberichterstattung
vereiteln kann.
Experten erörtern diese Einflussfaktoren
durchaus kontrovers, gemeinhin sahen sie aber bis Mitte
der neunziger Jahre eine Kombination der oben genannten
Faktoren als hinreichende Erklärung für das Ausbleiben
terroristischer BW-Aktionen an.
2.2 Aum Shinrikio - Das alte Weltbild
erhält seine ersten Kratzer
Mit dem Giftgas-Anschlag in der Tokioter U-Bahn
am 20. März 1995 schien dieses Weltbild in Wanken zu
geraten. Zwölf Menschen starben durch den Anschlag,
über 1000 wurden verletzt und mussten ärztlich
behandelt werden. Nach dem Anschlag wurde bekannt, dass
der Einsatz von Sarin lediglich den traurigen Höhepunkt
einer Reihe von Versuchen der Aum-Sekte darstellte, biologische
Waffen einzusetzen. Dieses dramatische Ereignis markierte
einen Wendepunkt in der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit,
dass Terroristen auch zukünftig auf chemische und biologische
Waffen zur Erreichung ihrer Ziele zurückgreifen werden.
Allerdings wird in der Rückschau auf diesen Anschlag
ein zentrales Element regelmäßig ausgeblendet:
das völlige Scheitern von Aums Biowaffen-Programm.
Erst wenn sein Umfang und die Ursachen des Scheiterns analysiert
werden, lässt sich die Reichweite des Ereignisses adäquat
beurteilen.
Keine der aufgelisteten moralischen, psychologischen
oder potenziellen Hürden auf dem Weg zum Einsatz von
BW hat die Aum-Sekte davon abgehalten, den Versuch zu unternehmen,
Krankheitserreger zu isolieren, zu produzieren, in eine
waffenfähige Form zu bringen und schließlich
auszubringen. Dies versetzt dem weit verbreiteten "Wissen"
um die Abneigung terroristischer Gruppen gegenüber
Biowaffen einen erheblichen Schlag.
Gleichzeitig gibt aber Aums völliges
Scheitern einen wichtigen Hinweis darauf, dass die technischen
Hürden für all diese Schritte auf dem Weg zu einer
funktionsfähigen Biowaffe wohl doch höher liegen
als es die sensationalistischen Medienberichte suggerieren.
Das Beispiel Aums zeigt vielmehr deutlich, dass eben nicht
ein beliebiger Universitätsabschluss in Biologie und
praktisch unbegrenzte finanzielle Mittel zur Beschaffung
der erforderlichen Materialien und Infrastruktur zur Produktion
und zum Einsatz von biologischen Waffen befähigen.
Schließlich bleibt festzuhalten, dass
der unmittelbar nach dem Sarin-Gasanschlag befürchtete
Nachahmungseffekt ausblieb. Traditionelle Terrororganisationen
blieben ihren traditionellen Mitteln und Verfahren treu
und auch Weltuntergangs-Bewegungen à la Aum Shinrikio
schienen letztere nicht als nachahmenswertes Vorbild anzusehen.
So dauerte es über sechs Jahre, bis im Oktober 2001
erneut eine Terrorgruppe oder ein Einzeltäter den "erfolgreichen"
Versuch unternahm, Krankheitserreger als biologische Waffen
einzusetzen.[3]
2.3 Die Milzbrand-Briefe vom Oktober
2001
Zweifelsohne haben die Ereignisse in New York
und in Washington sowie die Verbreitung von Milzbrand-Erregern
in einem halben Dutzend US-Bundesstaaten "die Welt
verändert?. Die Frage ist nur, in welchem Umfang. Müssen
wir nach diesen Ereignissen das alte Paradigma, nach dem
terroristische Aktionen und der Einsatz biologischer Waffen
eine unwahrscheinliche Kombination darstellen, endgültig
zu den Akten legen? Oder stellen die Fälle von Milzbrand
die "Ausnahme" einer weiterhin gültigen "Regel"
dar?
Nach Aussage des Center for Disease Control
and Prevention (CDC) und anderer US-Regierungsstellen sind
die Milzbrand-Sporen aller bislang aufgetretenen Fälle
sowohl identisch als auch mit bekannten Antibiotika therapierbar.
Daraus lässt sich schließen, dass die Sporen
aus einer Quelle stammen und nicht hinsichtlich ihrer Antibiotikaresistenz
gentechnisch manipuliert wurden. Auch sind in allen Fällen
Anthrax-Sporen in sehr feiner Form, d.h. mit einer Partikelgröße
von unter fünf Mikrometern, verwendet worden. Darüber
hinaus gilt als gesichert, dass es sich bei den Milzbrand-Erregern
um Vertreter eines so genannten Ames-Stammes handelt - eines
Stammes, der erstmals 1928 in einem Labor in Ames im US-Bundesstaat
Iowa isoliert wurde. Darüber hinaus bestimmen Spekulationen
und widersprüchliche Aussagen die Debatte darüber,
wer als Täter in Frage kommt. Prinzipiell lassen sich
hinsichtlich der Täterschaft vier unterschiedliche,
mehr oder weniger plausible Szenarien unterscheiden.
Szenario 1: Oklahoma wiederholt sich
- Amerikanische Terroristen sind verantwortlich für
die Anthrax-Anschläge
Hinweise zur Unterstützung dieser Hypothese
finden sich zum einen in den Sympathiebekundungen mit den
Anschlägen des 11. September 2001 auf einigen Webseiten
von Gruppierungen wie etwa Aryan Action. Zudem sind Interessenbekundungen
an BW von Vertretern extremistischer Milizbewegungen aktenkundig.
Für die Beteiligung einer amerikanischen Terrorgruppe
spricht auch die Art der Milzbrand-Ausbringung: Sowohl die
als Adressaten ausgewählten Medienvertreter als auch
die Repräsentanten des politischen Systems versprechen
einen größtmöglichen Multiplikatoreneffekt
zur Verbreitung von Angst und der Provokation einer Überreaktion
der amerikanischen Bundesregierung. Ihr Ziel ist nicht,
eine große Zahl von Mitbürgern umzubringen, sondern
deren Glauben in die politische Führung des Landes
und das Regierungssystem so weit zu unterminieren, dass
ein Umsturz möglich wird. Einem Vertreter dieses Lagers
zufolge ist selbst der Einsatz von geringsten Mengen biologischer
Waffen mit großer Wahrscheinlichkeit ausreichend,
um diesen Effekt zu erzielen.[4] Außerdem lässt
die bisher eingesetzte Menge des Milzbrand-Erregers vermuten,
dass dem Absender der Briefe nur geringe Mengen zur Verfügung
stehen - was wiederum mit der Annahme der Eigenproduktion
durch eine US-Terrorgruppe korrespondieren würde. Dass
die US-Regierung dieses Szenario ebenfalls ernsthaft in
Betracht zieht, ließ sich erstmals daran ablesen,
dass sie Ende Oktober eine Resolution der Generalversammlung
der Vereinten Nationen, in der die Urheber der Milzbrand-Attacken
verurteilt werden sollten, mit dem Hinweis ablehnte, es
sei nicht auszuschließen, dass hier eine amerikanische
Gruppierung am Werk sei.[5]
Szenario 2: Amerikanische Terroristen
haben Zugang zu einem staatlichen Programm
Das zweite Szenario ergänzt das erste
um die Möglichkeit des Zugangs zu einem staatlichen
Biowaffen-Programm. Hier ist zu unterscheiden zwischen Zugang
zu einem Programm eines anderen Staates - wie des Irak oder
der ehemaligen Sowjetunion - und Zugang zur Infrastruktur
des ehemaligen US-Programms.
Die erste Variante dieses Szenarios kann jedoch
auf Grund von Struktur und Zielen dieser Gruppierungen als
unwahrscheinlichster - und praktisch zu vernachlässigender
- Fall angesehen werden. Auch die Überlegung, amerikanische
Terroristen könnten sich Zugang zu einem "Überbleibsel"
des ehemaligen amerikanischen Biowaffenprogramms verschafft
haben, das Ende der sechziger Jahre von Präsident Richard
Nixon beendet und Anfang der siebziger Jahre abgewickelt
wurde, mutet zunächst wenig plausibel an. Dies würde
aber den hohen "Verarbeitungsgrad" und die Beimischung
eines entsprechenden chemischen Zusatzes zu den Milzbrand-Sporen
erklären. Die Erreger sind zudem bei entsprechender
Lagerung sehr überlebensfähig, die 30 seit der
Einstellung des US-Programms vergangenen Jahre könnten
einige Kulturen also unbeschadet überstanden haben.
Allerdings scheint eine andere Variante dieses
Szenarios mittlerweile wahrscheinlicher, nämlich die,
dass eine Person mit Zugang zu erst kürzlich in US-Labors
produzierten Milzbrand-Sporen der Urheber der Anthrax-Anschläge
ist. Die Plausibilität dieser Möglichkeit wurde
von der Federation of American Scientists in einem Arbeitspapier
Ende November deutlich aufgezeigt.[6] Diese Möglichkeit
wurde in der Folge auch von regierungsamtlicher Seite öffentlich
verstärkt in Erwägung gezogen.[7] Seither werden
nicht nur ehemalige und derzeitige Mitarbeiter des US-Militärs,
sondern auch Auftragnehmer der US-Regierung und Universitätslabors
mit in die Untersuchungen einbezogen.[8]
In diese weiter ausgedehnten Ermittlungen
platzte die Nachricht, dass in einem US-Militärlabor
seit 1992 in der Tat Milzbrand produziert wurde, der praktisch
identisch ist mit den Erregern, die in den Anthrax-Briefen
verschickt wurden.[9] Diese Nachricht wirft - zum zweiten
Mal in kurzer Zeit nach dem Bekanntwerden von zumindest
problematischer amerikanischer B-Schutzaktivitäten
Anfang September - die Frage nach dem vertragskonformen
Verhalten der USA gegenüber dem Biowaffen-Übereinkommen
(BWÜ) auf.
Szenario 3: Die Hintermänner
der Flugzeugattentate und der Anthrax-Anschläge sind
identisch
Das dritte Szenario nimmt als Täter diejenigen
an, die auch hinter den Flugzeugentführungen des 11.
Septembers stehen. Die Art der Ausführung und auch
die Zahl der Opfer, die bei den Flugzeugentführungen
ums Leben gekommen sind, lassen alle bisherigen terroristischen
Aktionen dieser Art weit hinter sich. Der Einsatz von BW
stellt - insbesondere vor dem Hintergrund der oben beschriebenen
operativ-technischen Schwierigkeiten Aums - einen vergleichbaren
"Quantensprung" im Repertoire terroristischer
Anschläge dar.
Allerdings sind mit Blick auf den "Entwicklungspfad"
der Ereignisse und der sich darin wiederspiegelnden Dichotomie
von Zahl der Opfer und Wahl der Mittel, Zweifel an der Hypothese
angebracht, dass Osama Bin Laden und seine Organisation
die Absender der Milzbrand-Briefe sind. In diesem Zusammenhang
ist darauf hinzuweisen, dass der Massenmord des 11. September
mit konventionellen terroristischen Mitteln bewerkstelligt
wurde. Der Einsatz unkonventioneller Mittel in Form des
Milzbrand-Erregers forderte demgegenüber eine Zahl
von Opfern, die ohne weiteres auch mit klassischen Formen
terroristischer Aggression zu erzielen gewesen wäre.
Diese unterschiedliche Logik in der Wahl der Mittel legt
die Vermutung nahe, dass es sich um verschiedene Täter
handelt. Zudem stellt der Milzbrand-Einsatz keinen weiteren
Schritt Bin Ladens auf der Eskalationsleiter in der Auseinandersetzung
mit den USA und den so perzipierten Statthalterregimen im
Nahen Osten dar. Je länger also ein massiver Einsatz
biologischer Waffen ausbleibt, um so wahrscheinlicher ist
es, dass Trittbrettfahrer mit völlig anderer Motivation
- Individuum oder terroristische Organisation - die bisherigen
Milzbrand-Attacken ausgeübt haben.
Gleichzeitig aber werden Erinnerungen an die
angebliche Chemiewaffenfabrik im Sudan wachgerufen, die
die USA in der Folge der Attentate vom August 1998 auf die
US-Botschaften in Nairobi und Dar es-Salaam mit Marschflugkörpern
angriff und zerstörte. Der US-Regierung zufolge war
die zerstörte Pharmafabrik eine Produktionsstätte
für chemische Kampfstoffe und hatte eine klare Verbindung
zu Osama Bin Laden. Neuere Hinweise auf mögliche Experimente
Al Qaidas mit chemischen Waffen (CW) rekurrieren auf Geheimdienstinformationen,
denen zufolge die Gruppe sowohl über Zugang zu möglichen
Produktionsstätten in der Nähe von Kabul verfügen
als auch CW-Tests an lebenden Tieren durchgeführt haben
soll.[10]
Szenario 4: "Osama Bin Laden
meets Saddam Hussein" - Die Milzbrand-Attentäter
haben einen staatlichen Sponsor
Auch an diesem Szenario sind Zweifel angebracht.
Zunächst ist unklar, ob die Milzbrand-Erreger tatsächlich
aus einem staatlichen Biowaffen-Programm stammen. Medienberichten
zufolge gibt es alleine in den USA 30 bis 40 Labors, die
zu der "chemischen Behandlung" der Milzbrand-Erreger
in der Lage sein sollen.[11] Doch selbst wenn ein staatliches
BW-Programm die Quelle sein sollte, ist der Irak nicht der
einzige Kandidat. Dass er für einige Kommentatoren
ein politisch probater Urheber der Milzbrand-Anschläge
darstellt, zeigen die Vertreter der Verschwörungstheorie,
wonach die Clinton-Administration den Verdacht der irakischen
Urheberschaft des ersten World Trade Center Anschlags von
1993 abgewiegelt haben soll, um so einer militärischen
Konfrontation mit dem Irak ausweichen zu können. Da
diese Position vornehmlich im konservativen Lager vertreten
wird,[12] ist zumindest zu fragen, ob hier nicht andere
politische Absichten und Kalküle zu deren unermüdlicher
Verbreitung motivieren. Dass schließlich Saddam Hussein
sich zum Führer des Kampfes gegen die USA deklarieren
möchte, ist nicht weiter überraschend und als
"Beleg" für die irakische Beteiligung an
oder gar Urheberschaft für Milzbrand-Anschläge
wenig geeignet.
3. Einordnung der Milzbrand-Anschläge
und möglicher Gegenmaßnahmen
Zur Beurteilung der neuen politischen Realität
mit Blick auf Terrorismus und Biowaffen sind zwei Faktoren
von zentraler Bedeutung. Zum einen ist dies die offensichtliche
Bereitschaft Osama Bin Ladens und seiner Organisation, den
Tod Tausender nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern als zentrales
Element in die Planung ihrer Angriffe mit einzubeziehen.
Damit wird die alte "Regel" der Terrorismusforschung,
wonach Terroristen eine Vielzahl von Zuschauern, nicht aber
von Opfern als Ergebnis ihrer Angriffe sehen wollen, mit
einer dramatischen "Ausnahme" konfrontiert. Zweitens
stellt der Einsatz von Krankheitserregern als biologische
Waffe in dieser Form eine neue Dimension im Repertoire terroristischer
Mittel dar.
Entscheidend ist aber nun, dass weder BW als
Massenvernichtungswaffen eingesetzt wurden, noch überhaupt
eine Verbindung zwischen den Angriffen des 11. September
und den Milzbrand-Briefen hergestellt werden konnte. Der
Einsatz der Milzbrand-Erreger erfolgte zielgerichtet, Opfer
wurden nicht wahllos inkauf genommen. Und eine Verbindung
zwischen den beiden Ereignissen wird im Lichte der Ermittlungen
immer unwahrscheinlicher. Erst wenn aber zumindest eines
von beiden einträte, ließe sich begründet
vom Heraufziehen eines neuen Weltbilds sprechen. So ist
vielmehr anzunehmen, dass die Milzbrand-Anschläge des
Herbstes 2001 in den USA ein singuläres Ereignis bleiben
werden und - wie bereits zuvor der Giftgas-Anschlag durch
die Aum-Sekte - als "Ausnahme" von der "Regel"
anzusehen sind. Die Vermischung oder gar Gleichsetzung des
Trends, dass Terroranschläge immer größere
Zahlen von Opfern fordern, mit dem Einsatz von biologischen
Waffen, ist bestenfalls verfrüht und führt im
ungünstigsten Fall zu politischen Reaktionen, die der
Problemlage unangemessen sind.
3.1 Schieflage in der Risikowahrnehmung
- Die Biowaffen-Konvention als zu vernachlässigendes
Opfer?
Eines der ersten - und gleichzeitig auch das
dramatischste - Opfer dieser Verengung im gegenwärtigen
Diskurs zu den Risiken biologischer Waffen auf internationaler
Ebene zeichnet sich bereits ab: das Biowaffen-Übereinkommen
(BWÜ). Die Überprüfungskonferenz des BWÜ,
die vom 19. November bis 7. Dezember 2001 stattfand, wurde
nach massiven amerikanischen Sabotageversuchen auf November
2002 verschoben. Nur so war das gänzliche Scheitern
des Überprüfungsprozesses zu verhindern. Ein solches
Ergebnis wäre um so fataler, als das BWÜ das brauchbarste
derzeit verfügbare multilaterale Instrument darstellt,
um eine einheitliche Front auch gegen die Gefahren des Bioterrorismus
aufzubauen.
3.1.1 Die Ablehnung des Zusatzprotokolls
durch die USA
Nach der amerikanischen Ablehnung des Zusatzprotokolls
zum BWÜ im Juli 2001 stand die Überprüfungskonferenz
vor dem Scherbenhaufen von sechs Jahren diplomatischer Verhandlungen,
die das BWÜ stärken sollten.[13] Die Absage der
Bush-Administration an das multilaterale Unterfangen, die
Überwachung des BW-Übereinkommens durch ein Zusatzprotokoll
voranzubringen, erfolgte, nachdem der Vorsitzende der Verhandlungen
im März einen Kompromissentwurf vorgelegt hatte. Die
amerikanische Regierung begründete ihre ablehnende
Haltung damit, dass das Protokoll die gesteckten Ziele nicht
erreiche und dass seine Umsetzung zudem sowohl die amerikanische
Biotechnologie- und Pharma-Industrie als auch die nationale
Sicherheit der USA bedrohe.[14]
Hier bis zur Überprüfungskonferenz
einen neuen Konsens unter den Vertragsstaaten zu stiften,
war bereits ohne die Ereignisse des 11. September eine Herkulesaufgabe.
Mit der Fokussierung wichtiger Akteure in diesem Überprüfungsprozess
auf Bioterrorismus als dem Hauptproblem wird ein Konsens
über das weitere Vorgehen noch schwieriger zu erzielen
sein.
3.1.2 Die Bush-Administration torpediert
die Überprüfungskonferenz
Die am 1. November 2001 von der Bush-Regierung
vorgelegten "neuen" Vorschläge sind in ihrer
Mehrzahl weder neu noch sind sie in der Summe zur Herbeiführung
eines solchen Konsenses geeignet.[15] Vier der sieben Vorschläge
zielen auf international koordinierte Maßnahmen, während
die verbleibenden drei die nationalen Kompetenzen der an
dieser "Stärkung" des BWÜ beteiligten
Staaten erweitern sollen.
Im internationalen Rahmen sollen die Vereinten
Nationen ein effektives Verfahren zur Untersuchung von verdächtigen
Krankheitsausbrüchen und vermuteten BW-Einsätzen
etablieren. Ein solches Verfahren wurde mit verschiedenen
UN-Resolutionen in den Jahren 1987 bis 1989 beim Generalsekretär
der Vereinten Nationen angesiedelt, bisher aber nicht angewendet.
Sollte der amerikanische Vorschlag darauf abzielen, diese
prozeduralen Kompetenzen des Generalsekretärs zu stärken,
wäre das bestenfalls eine "periphere Stärkung"
des BWÜ. Die erwähnten UN-Resolutionen beziehen
sich allesamt auf die Genfer Konvention von 1925, weil darin
der Einsatz von BW geregelt wird.
Darüber hinaus sollen nach Auffassung
der Bush-Administration Verfahren zur Behandlung von BWÜ-Vertragsverletzungen
etabliert werden. Allein dieser Vorschlag muss all denen,
die in den vergangenen sechs Jahren an den Verhandlungen
der Ad-hoc-Gruppe zur Stärkung des BWÜ beteiligt
waren, wie ein Schlag ins Gesicht erscheinen. Im Klartext
heißt die Forderung Bushs nichts anderes, als noch
einmal von vorne zu beginnen, diesmal aber nicht mit einem
mühsam ausgehandelten Mandat, das verschiedene Interessen
zu integrieren versucht, sondern mit klaren Vorgaben der
letzten verbliebenen Supermacht.
Auch die zentrale Forderung zur Stärkung
des BWÜ im nationalen Rahmen ist im Kern bereits im
Übereinkommen selbst vorhanden und damit über
25 Jahre alt: BWÜ-Mitgliedstaaten sollen die im Vertrag
enthaltenen Verbotstatbestände in ihre nationale Gesetzgebung
integrieren und strafbewehren. Zudem sollen diese Gesetze
- nach amerikanischem Willen - Auslieferungsklauseln enthalten.
Die Stoßrichtung ist auch hier leicht zu erkennen:
Nicht multilaterale Mechanismen - etwa eine internationale
Konvention, die die Herstellung oder den Einsatz von Biowaffen
als Verbrechen gegen die Menschlichkeit brandmarken würde
- oder gar eine neu zu gründende internationale Organisation
sollen gestärkt werden, sondern das Recht von Einzelstaaten,
die Auslieferung von mutmaßlichen Bioterroristen einfordern
zu können, um diese dann ihrer nationalen Rechtsprechung
zuzuführen. Die restlichen Vorschläge der US-Administration
sind völlig vage und laufen ebenfalls an der Stärkung
kooperativer, multilateraler Institutionen vorbei. Sie zielen
auf:
- eine Verpflichtung, die Kontrolle von Krankheiten
aber auch Mechanismen zur Entsendung von Expertenteams
zur Krankheitsbekämpfung zu verbessern,
- die Einrichtung von angemessenen nationalen
Mechanismen zur Kontrolle der Sicherheit und der genetischen
Veränderung von pathogenen Organismen,
- die Formulierung eines universal gültigen
ethischen Codes für Biowissenschaftler,
- einen verantwortlichen Umgang mit pathogenen
Organismen bei jedweder Anwendung.
Was bei diesen Vorschlägen völlig
fehlt, sind drei zentrale Komponenten des Kompromisstextes
für das BWÜ-Zusatzprotokoll, das vielen Staaten
die Zustimmung dazu ermöglicht hätte: ein unabhängige
und kompetente Organisation zur Überwachung des BWÜs,
die Nonproliferations-Dimension in Form von (a) Deklarationen
und (b) Besuchen in biologischen Anlagen, die über
Zeit dazu geeignet gewesen wären, ein größeres
Maß an Transparenz von biologischen Aktivitäten
herzustellen, sowie (c) Regelungen im Bereich internationaler
Kooperation bei der friedlichen Nutzung der Biowissenschaften
sowie bei der Gewährleistung von Hilfsmaßnahmen,
die eine gewisse Eintrittswahrscheinlichkeit aufgewiesen
hätten.
Insbesondere der letzte Bereich war für
viele sich noch entwickelnde Staaten ein zugkräftiges
Argument, dem Protokoll zuzustimmen. Verstärkte und
präzise ausformulierte Beistandsregeln für den
Fall ungewöhnlicher Krankheitsausbrüche oder vermuteter
Einsätze biologischer Waffen wären zudem ein probates
zusätzliches Mittel im Kampf gegen den Bioterrorismus
gewesen, den eine Stärkung des BWÜ als Nebeneffekt
mit sich gebracht hätte. Auch und gerade vor dem Hintergrund
dieses Beitrags ist das BW-Übereinkommen ein nicht
hinnehmbares Opfer der gegenwärtigen Verengung der
Biowaffenproblematik auf den BW-Terrorismus.
Doch wies die amerikanische Verhandlungsposition
nach Auffassung vieler anderer Staaten nicht nur Lücken
auf, sie zeichnete sich auch durch eine undiplomatische,
nur als konfrontativ zu beschreibende, Verhandlungsstrategie
aus. So nannte der US-Delegationsleiter, John Bolton, zu
Beginn der Überprüfungskonferenz sechs Staaten
namentlich und bezichtigte sie geheimer offensiver Biowaffenprogramme.
Vier der Staaten (Iran, Irak, Libyen und Nordkorea) sind
BWÜ-Mitgliedstaaten, ein weiterer der genannten Staaten
(Syrien) hat das Übereinkommen unterzeichnet und ein
Staat (Sudan) ist dem BWÜ ferngeblieben.[16]
Nachdem sich die Wogen über diesen konfrontativen
Konferenzauftakt wieder geglättet hatten, schälten
sich bald die kritischen Themenkomplexe heraus, die über
Erfolg oder Scheitern der Konferenz mitentscheiden würden.
Dazu zählten unter anderem die Frage der Vereinbarkeit
von nationalen Exportkontrollen mit dem in Artikel X der
Übereinkommens enthaltenen Kooperationsgebot, die Frage,
wie Untersuchungen von verdächtigen Krankheitsausbrüchen,
des Verdachts auf Einsatz biologischer Waffen und verdächtiger
Anlagen, durchgeführt werden könnten, sowie der
Themenkomplex um die Frage von Vertragsverletzungen und
deren Aufklärung. Schließlich rangierte die Debatte
über einen Folgemechanismus, in dessen Rahmen über
die Stärkung des BW-Übereinkommens gesprochen
werden könnte, weit oben auf der Agenda der Konferenz.[17]
Verbunden mit den Diskussionen über einen
solchen Folgemechanismus war die Frage nach Fortbestand
oder Auflösung der Ad-hoc-Gruppe, die in den vergangenen
sechseinhalb Jahren versucht hatte, ein Verifikationsprotokoll
zu verhandeln. Es war genau diese Frage, die letztlich zum
Scheitern der Überprüfungskonferenz führte.
Nachdem über 95 Prozent der Schlusserklärung der
Konferenz Einvernehmen erzielt worden war, legte die US-Delegation
am Nachmittag des letzten Konferenztages einen nicht verhandelbaren
Textentwurf für die Abschlusserklärung vor, der
das Ende der Ad-hoc-Gruppe proklamierte.
Dieser Vorschlag lief nicht nur den Vorstellungen
der überwältigenden Mehrheit der Vertragsstaaten
zuwider, er traf selbst die engsten Verbündeten der
USA ohne Vorwarnung oder vorherige Konsultation. Nachdem
die öffentliche Bezichtigung einiger Vertragsparteien,
sie verletzten das Übereinkommen mit offensiven Biowaffenprogrammen,
zu Beginn der Konferenz ihren zunächst erfolgreichen
Verlauf nicht beeinträchtigte, zog die Bush-Administration
mit diesem Vorschlag die Notbremse: die Kombination aus
dem Inhalt des vorgeschlagenen Textes und dem Procedere
lieferte praktisch die Gewähr dafür, dass die
Konferenz scheiterte. Damit sind auch die von den USA abgelehnten
weiteren Verhandlungen über rechtsverbindliche Kontrollmaßnahmen
zumindest für die nächsten zwölf Monate gestoppt,
bis die Konferenz Ende 2002 wieder zusammentreten wird.
Angesichts der fundamentalen Auffassungsunterschiede über
Sinn und Zweck des Biowaffen-Kontrollregimes zwischen den
USA und der großen Mehrheit der BWÜ-Vertragsstaaten,
die sich im amerikanischen Verhalten widerspiegeln, müssen
allerdings auch für dieses Treffen die Erwartungen
sehr niedrig angesetzt werden.[18]
3.2 Bioterrorismus und Raketenabwehr
Parallel zur Demontage der multilateralen
Rüstungskontrolle kündigte die Bush-Administration
den ABM-Vertrag mit Russland auf[19] und verfolgt ihr Raketenabwehrprogramm
mit unvermindertem Elan. Ein Versuch, diese Politik mit
dem als oberstes Ziel propagierten Kampf gegen den Terrorismus
im allgemeinen und den Bioterrorismus im besonderen in Übereinstimmung
zu bringen, stößt auf erhebliche Schwierigkeiten.
Zunächst taucht in diesem Zusammenhang
die Frage des Systemdesigns auf: Laut Aussage der Bush-Administration
zielt das geplante Raketenabwehrsystem nicht auf die Abschreckung
und Bekämpfung der Waffenarsenale der etablierten Nuklearwaffenstaaten
ab, sondern auf die von "Schurkenstaaten" ausgehenden
Gefahren. Hier werden vor allem Nordkorea, Irak und Iran
angeführt.
Eine Verwendung von so genannten Submunitionen
(also kleinen Munitionswehrkörpern, die sich verteilen
und separat zünden) wäre die praktikabelste Möglichkeit,
einen flächendeckenden Einsatz von biologischen Waffen
mit ballistischen Raketen als Trägersystem zu erreichen.
Wenn also ein potentieller Agressor tatsächlich die
technischen Hürden meistern sollte und pathogene Mikroorganismen
in einen Raketensprengkopf einbringt und diesen vermittels
einer ballistischen Rakete gegen die USA einsetzt, wäre
auf Grund der zum Einsatz kommenden Submunitionen die US-Raketenabwehr
mit großer Wahrscheinlichkeit überfordert.
Allerdings ist es wenig wahrscheinlich, dass
eine Terrorgruppe alleine in der Lage ist, dies zu bewerkstelligen
- nur mit Hilfe eines staatlichen Förderers scheint
ein solcher Einsatz in absehbarer Zukunft überhaupt
in den Bereich des Möglichen zu rücken. Welcher
staatliche Sponsor für eine solche Kooperation aus
amerikanischer Sicht in Frage käme, lässt sich
leicht an der Liste der meistgenannten "Schurkenstaaten"
ablesen, die auch in dem im vergangenen Dezember veröffentlichten
National Intelligence Estimate an prominenter Stelle verzeichnet
sind.[20] Neben den bereits genannten (Nordkorea, Iran und
Irak) werden dort auch Libyen und Syrien als Staaten angeführt,
die aus dieser Sicht nicht nur an weitreichenden ballistischen
Raketen arbeiten, sondern auch Bio- und Chemiewaffenprogramme
unterhalten.
Doch darf eine erhebliche Hemmschwelle für
diese Länder bei der Unterstützung terroristischer
Gruppierungen nicht außer Acht gelassen werden: nimmt
die Unterstützung die Form der Bereitstellung einer
ballistischen Rakete an, die dann eventuell noch mit biologischen
Waffen bestückt ist, so hat diese Rakete eine ziemlich
deutliche Signatur, die einen US-Vergeltungsschlag leiten
könnte. Dementsprechend werden staatliche Sponsoren
des internationalen Terrorismus andere Trägersysteme
für biologische Waffen präferieren. Diese Erkenntnis
hat auch Eingang in den National Intelligence Estimate gefunden.
Sie spiegelt sich in einem Hinweis auf militärische
Bedrohungen wieder, denen sich die USA gegenübersehen,
die nicht auf ballistische Raketen zurückgreifen. Alternative
Trägersysteme haben danach den Vorteil, dass sie kostengünstiger
als Interkontinentalraketen sind, verdeckt entwickelt und
eingesetzt werden können und wahrscheinlich verlässlicher
und genauer als ballistische Raketen sind. All diese Faktoren
lassen die Kombination von weitreichenden ballistischen
Raketen und biologischen Waffen als wenig "erfolgversprechend"
aus Sicht potenzieller Bioterroristen erscheinen.
4. Schlussfolgerungen
Die Beschaffung von Biowaffen ist mit großen
technischen Unsicherheiten behaftet. Es scheint für
Terroristen technisch schwierig zu sein, mit ihnen eine
etwa mit einer Kernexplosion vergleichbare Verheerung zu
erzeugen. Daher ist die Verwendung von BW als Eskalationsstufe
nach dem 11. September eher ungeeignet - es sei denn, es
gelänge Terroristen, einen Krankheitserreger, der eine
Epidemie auslösen würde, als biologischen Kampfstoff
zu produzieren und auszubringen.
Das Beispiel der Aum-Sekte - obwohl es sich
im Widerspruch zum alten Paradigma befindet, dass Terroristen
Biowaffen allgemein ablehnend gegenüber stehen - zeigt,
dass auch ein größerer Aufwand nicht unbedingt
zum "Erfolg" führen muss, zumindest ist dieser
Erfolg ungewiss. Der Versuch, biologische Kampfstoffe mittels
ballistischer Raketen an ihr Ziel zu bringen, erhöht
die technischen Hürden noch einmal erheblich.
Bin Ladens Terrororganisation hatte anscheinend
kein Interesse an Biowaffen.[21] Das Profil der Täter,
die sich in diesem Bereich versuchen, wie die Aum-Sekte
oder der Versender der Anthrax-Briefe, ist ein anderes als
das der Terroristen des 11. September.
Die Debatten in der Rüstungskontrolle
zu Biowaffen hat sich seit dem 11. September auf den Terrorismus
verengt. Dies hat den Vorteil, dass internationale Maßnahmen
zur Bekämpfung des Terrorismus neuen Aufwind bekommen
haben. Hierbei handelt es sich jedoch nur um informelle
Kooperationen und Maßnahmen, die auch jederzeit wieder
zurückgenommen werden können. Die Bush-Administration
hat Rüstungskontrolle im Biobereich, die wichtige weitere
Instrumente bereitstellen könnte, verhindert. Das Biowaffen-Übereinkommen
ist jedoch das derzeit brauchbarste multilaterale Instrument,
das eine einheitliche Front auch gegen die Gefahren des
Bioterrorismus aufbauen kann. Andere multilaterale kooperative
Massnahmen, wie eine internationale Konvention zur Kriminalisierung
des Umgangs mit biologischen Waffen, sind im derzeitigen
politischen Klima noch weniger realisierbar.
[1] Vgl. den Überblick und die Fallstudien
in Jonathan Tucker (Hg.), Toxic Terror. Assessing Terrorist
Use of Chemical and Biological Weapons, Cambridge, MA (MIT
Press), 2000.
[2] Die Unterteilung folgt Ron Purver, Understanding
Past Non-Use of CBW by Terrorists, in: Brad Roberts (Hg.),
Terrorisms with Chemical and Biological Weapons. Calibrating
Risks and Responses, Alexandria, VA (CBACI), 1997, S. 65-73.
Vgl. auch die umfangreiche Dokumentation von Ron Purver,
Chemical and Biological Terrorism: The Threat According
to the Open Literature, Ottawa: Canadian Security Intelligence
Service, Juni 1995.
[3] In ihrem Störpotential nicht zu unterschätzen
sind die vorgetäuschten Biowaffenanschläge oder
auch nur die Beschaffungsversuche krimineller und/oder terroristischer
Einzeltäter, Gruppen, sowie effektheischender Trittbrettfahrer;
Vgl. dazu die vom Center for Nonproliferation Studies erhobenen
Statistiken, enthalten z. B. in Gavin Cameron u.a., 1999
WMD Terrorism Chronology: Incidents Involving Sub-National
Actors and Chemical, Biological, Radiological, and Nuclear
Materials, in: The Nonproliferation Review, Jg. 7, Nr. 2,
Sommer 2000, S. 157-174.
[4] Vgl. "'Loner' Theory Is Offered in
the Bioterror Attacks?, in: International Herald Tribune
vom 6. November 2001.
[5] Vgl. "Bush Team Rejects U.N. Plan
to Condemn Anthrax Incidents?, in: New York Times vom 1.
November 2001.
[6] Vgl. Barbara Hatch Rosenberg, A Compilation
of Evidence and Comments on the Source of the Mailed Anthrax,
16. November 2001, revised 29. November, mimeo; "Anthrax
I: Powder Produced Recently, Watchdog Says", http://www.nti.org/d_newswire/issues/newswires/2001_12_04.html#8
[7] Vgl. exemplarisch "FBI Fears ?Inside
Job' on Anthrax Attacks", in: The Independent vom 4.
Dezember 2001, http://www.independent.co.uk/story.jsp?dir=1&story=108217&host=1&printable=1.
[8] Vgl. exemplarisch "Campus labs eyed
after anthrax scares", in: Christian Science Monitor
vom 10. Dezember 2001, http://www.csmonitor.com/2001/1210/p1s3-ussc.html,
"Anthrax: U.S. Military May Have Ties to Incidents",
Nuclear Threat Initiative, 10. Dezember 2001, http://www.nti.org/d_newswire/issues/newswires/2001_12_10.html#12,
"University labs inspected for bioterror risks",
CNN.com, http://www.cnn.com/2001/US/12/12/inv.university.biochem/index.html.
[9] Vgl. "Anthrax Matches Army Spores
- Bioterror: Organisms made at a military laboratory in
Utah are genetically identical to those mailed to members
of Congress", in: Baltimore Sun vom 12. Dezember 2001.
[10] Vgl. "Al Qaeda Sites Point to Tests
of Chemicals", in: New York Times vom 11. November
2001.
[11] So wird etwa Senator Bob Graham, der
Vorsitzende des US Senatsausschusses für die Geheimdienste,
in der Chicago Tribune vom 27. Oktober 2001 dahingehend
zitiert.
[12] Vgl. die vom American Enterprise Institute
2001 publizierte "Study of Revenge: The First World
Trade Center Attack and Saddam Hussein's War against America"
von Laurie Mylroie.
[13] Vgl. Jenni Rissanen, United States Reject
Protocol, ACRONYM Institute, BWC Protocol Bulletin, 25.
Juli 2001.
[14] Vgl. Department of State, Washington
File, Text: Mahley Statement on Biological Weapons Protocol,
http://usinfo.state.gov/admin/006/eur307.htm.
[15] Vgl. The White House, Office of the Press
Secretary, Text: Bush Proposes Steps to Strengthen Biological
Weapons Pact, Washington, DC, 1. November 2001.
[16] "U.S. Accuses Rogue States of Developing
Bio Weapons", in: Washington Post vom 19. November
2001; "U.S. Publicly Accusing 5 Countries of Violating
Germ-Weapons Treaty", in: New York Times, vom 19. November
2001.
[17] Vgl. Jenni Rissanen, Differences and
Difficulties as Delegates Consider Wide Range of Proposals,
BWC Review Conference Bulletin, ACRONYM Institute, 30. November
2001, im Internet unter http://www.acronym.org.uk/bwc/revcon4.htm
abrufbar.
[18] Siehe zum Verlauf des letzten Verhandlungstags,
wie auch der ersten Reaktionen auf den US fait accomplit
Jenni Rissanen, Anger After the Ambush: Review Conference
Suspended After US Asks for AHG's Termination, BWC Review
Conference Bulletin, ACRONYM Institute, 9. Dezember 2001,
im Internet unter http://www.acronym.org.uk/bwc/revcon8.htm
abrufbar.
[19] Vgl. zu diesem im Dezember 2001 unternommenen
Schritt die Dokumentation
auf der Webseite des Internetprojekts Raketenabwehrforschung
International.
[20] Abrufbar unter http://www.cia.gov/nic/pubs/other_products/Unclassifiedballisticmissilefinal.pdf;
in der deutschen Übersetzung
von Martina Glebocki und Alexander Wicker bei Raketenabwehrforschung
International.
[21] Vgl. "Osama claims he has nukes:
If US uses N-arms, it will get same response", Interview
bei Hamid Mir, Dawn Web-edition at http://www.dawn.com,
vom 10. November 2001.
Bitte zitieren als: Alexander Kelle, Die Irrelevanz
von Raketenabwehr zur Bekämpfung des Bioterrorismus,
Raketenabwehrforschung International, Bulletin No. 32 (Frühjahr
2002), Frankfurt am Main 2002.
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