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Bulletin No 26 - Herbst 2001
Bernd W. Kubbig
Uni- und multilaterale Antworten auf den Terror: Bush-Administration
und Kongreß optimieren ihre Politik der freien Hand
Der strategische Kontext der amerikanischen Raketenabwehrpolitik:
Neun Thesen
1. "Für
einen Hammer wird jedes Problem zum Nagel." Bis zu
den amerikanisch-britischen Militärangriffen auf Afghanistan
am 7. Oktober war dieses geflügelte Wort aus dem politischen
Washington die falsche Metapher für die US-Reaktionen
auf die terroristische Doppelattacke vom 11. September.
Ab jetzt sind die Vereinigten Staaten nicht nur - aber auch
- der "Hammer". Mancher von uns hat nach
dem schrecklichen Dienstag gefürchtet, daß gerade
die Bush-Administration wie ein "Hammer" reagiert,
mit einem allzu schnellen, blindwütigen und beispiellosen
Vergeltungsschlag - und dabei auch noch offene Rechnungen,
insbesondere gegenüber dem Irak, begleicht. Die spontane
Rhetorik ranghöchster Politiker ließ in der Tat
äußerste Härte erwarten. Hätte die
Allianz aus Verteidigungsminister Rumsfeld und seinem Vize
Wolfowitz das Ohr des zu Beginn besonders unsicher wirkenden
Präsidenten gewonnen, hätte es zum befürchteten
Flächenbrand kommen können. Auch die aufgebrachte
Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung legte eine
spontane und gleichsam massive Vergeltungsaktion nahe. Wohl
auch, um die eigene Bevölkerung zu beruhigen, baute
die Regierung eine gigantische Drohkulisse am Persischen
Golf auf. Gegenüber dem Taliban-Regime formulierte
Washington klare Forderungen (Auslieferung Bin Ladens; Zerstörung
der Ausbildungslager), und es ließ Kabul Zeit.
2. Anstatt spontan
und unilateral draufzuschlagen, hat sich die Bush-Administration
zum Aufbau einer multilateralen Anti-Terror-Allianz durchgerungen.
Hier gab es in der Regierung offensichtlich einen Kampf
um unterschiedliche Strategien, an dessen Ende sich - zumindest
vorübergehend - der besonnene Außenminister Colin
Powell durchsetzte. Nicht unilateral "Staaten zu beenden"
("ending states"), wie Wolfowitz öffentlich
verkündete, sondern Staaten zu gewinnen, war seine
Devise, und zwar für eine gemeinsame - multilaterale
- Anti-Terror-Koalition. Powell setzte sie mit Talleyrandschem
Geschick und Metternichscher Verve um. Dieser möglichst
breiten Allianz liegt die Einsicht zugrunde, daß sich
das internationale Terrorismusproblem nur international
lösen läßt. Die Weltmacht USA bot alle ihr
zur Verfügung stehenden Mittel auf - von der Überzeugung
bis zu Zuckerbrot und Peitsche -, um eine möglichste
breite Koalition zu schmieden.
3. Die US-Regierung
verfolgt eine aus ungewöhnlichen Elementen bestehende,
breit angelegte (inter)nationale Anti-Terror-Strategie.
Ihre Zielsetzung bleibt jedoch widersprüchlich - und
außerordentlich bedenklich. Zivile ermittlungspolitische
und erkennungsdienstliche Maßnahmen, das Trockenlegen
der Finanzierungsmöglichkeiten von Terroristen und
der Erwerb von Geheimdienstinformationen - eine solche Palette
gut koordinierter Initiativen verspricht in den Augen der
Administration am ehesten, Terroristen wie Bin Laden und
seine Helfershelfer sowie weltweit tätige Terroristen-Netzwerke
aufzuspüren. Militärschläge gegen Terroristen,
so Rumsfeld Anfang Oktober, hätten nur eine untergeordnete
Bedeutung.
Mit dieser Einsicht ging einher, daß
sich die Kriegsrhetorik abzuschwächen und zu wandeln
begann. So nahm der Präsident den Begriff "Kreuzzug",
der vor allem bei den muslimischen Mitgliedern der Anti-Terror-Allianz
auf Ablehnung stieß, zurück. Rumsfeld sprach
Anfang Oktober davon, daß der Kampf gegen den Terror
eher einem "kalten" als einem "heißen"
Krieg ähnele, also wohl vor allem dadurch entschieden
werde, daß der Gegner - in diesem Falle die Bin Laden
unterstützenden Taliban - von innen heraus zusammenbreche.
Entsprechend setzt die Administration auf die Elemente verdeckter
Militäraktionen (Einschleusen von Agenten und Waffen;
Unterstützung der gegnerischen Nordallianz; Verstärken
der Unstimmigkeiten unter den Taliban). Allerdings haben
sich mit dieser Zielsetzung diejenigen in der Bush-Administration
durchgesetzt, die für die "Beendigung" eines
Regimes plädieren, wenn dies Terroristen unterstützt.
Die Angriffe auf Afghanistan scheinen dies zu bestätigen
- sie entsprechen gerade nicht den enger gefaßten
Zielen der von Außenminister Powell vertretenen Linie.
Wenn dies Schule macht und Länder wie
Irak, Sudan und den Libanon einschließen sollte, könnte
die US-Politik abenteuerhaft werden, also die Züge
annehmen, vor denen Bundeskanzler Schröder in seiner
Regierungserklärung gewarnt hatte. Es könnte der
Flächenbrand entstehen, den die gemäßigten
Entscheidungsträger in der US-Regierung um Colin Powell
zu vermeiden trachten. Eine solche Entwicklung würde
beispiellose Anforderungen an die Weltgemeinschaft stellen,
in mehreren Fällen gleichzeitig mit einem "nation
building" zu beginnen, das der Sprecher des Weißen
Hauses, Ari Fleischer, in einer Pressekonferenz am 8. Oktober
als Aufgabe der USA für Afghanistan ablehnte.
4. Der zielgerichtete
US-Multilateralismus ist aus der Not heraus entstanden,
die Terroranschläge machten die vielfach arrogante
Weltmacht über Nacht zu einem Bittsteller. Als
die Japaner vor sechzig Jahren, am 7. 12. 1941, den amerikanischen
Marinestützpunkt Pearl Harbor angriffen, und damit
das amerikanische Trauma der Verwundbarkeit aufgrund einer
Überraschungsattacke auslösten, reagierten die
USA unilateral - ohne Hilfe anderer Staaten. Heute, nach
dem doppelten Angriff auf die Wahrzeichen amerikanischer
Militär- und Wirtschaftsmacht durch weitgehend unsichtbare,
global verzweigte Netzwerke von Zivilisten, ist die Lage
anders.
Jetzt, nach dem schrecklichen Dienstag, braucht
die Weltmacht die Welt. Ausgerechnet die "unilateralste"
Regierung, die es nach dem Zweiten Weltkrieg je gab, sieht
sich gezwungen, seitdem die "multilateralsten"
Erfahrungen zu machen. Beispiellos ist die Breite der Kommunikation
mit vielen - fast allen - Staaten der Erde, die Tiefe und
Dichte von Interaktion und Zusammenarbeit, beispiellos ist
ferner, in welch hohem Ausmaß die USA auf die Kooperationsbereitschaft
und die Zustimmung vieler Länder angewiesen sind (dies
vor allem im Hinblick auf die Nutzung des Luftraumes oder
des Territoriums zur Vorbereitung und zur Durchführung
verdeckter und offener Militäraktionen).
Der 11. September war deshalb auch ein politischer
Schock für die Bush-Administration und ihre politischen
Verbündeten im Kongreß. Denn bis dahin hatten
sie global direkt und indirekt zu verstehen gegeben, daß
sie die Welt nicht bräuchten, und daß, wenn die
Welt sie bräuchte, dies zu amerikanischen Bedingungen
- gemäß den US-Interessen - geschehen müsse.
Das unilaterale Prinzip der Selbsthilfe zur Lösung
von Problemen war bis dahin fast uneingeschränkt Trumpf.
5. Die Bush-Administration
ist über Nacht nicht zum Konvertiten in Sachen Multilateralismus
geworden. Unter Bushs Vorgänger
Clinton hatte, nachdem dieser seinen ursprünglichen
Vorrang für Multilateralismus aufgegeben hatte, die
Devise gegolten "Gemeinsam, wenn wir können -
allein, wenn wir müssen." Bushs Politik bedeutet
noch keine Rückkehr zu diesem Grundsatz, vielmehr scheint
sie unter dem Motto "Gemeinsam, wenn wir müssen
- allein, wenn wir können" zu stehen. Multilateralismus
ist aus dieser Sicht die Ausnahme vom vorrangigen Grundsatz
des Unilateralismus. Die amerikanische Weltmacht bleibt
wählerisch, etwa in der Durchführung der Militärschläge
und bei der Wahl der Kooperationspartner für bestimmte
Aufgaben (Angriffe auf Afghanistan nur mit Großbritannien).
Wichtig war es Washington hingegen, die allgemeine Zustimmung
der NATO-Verbündeten in einer Weise zu bekommen, die
die amerikanische Politik der freien Hand nicht einengt
(Gleiches gilt für die Vereinten Nationen).
6. Zielgerichtet
optimiert die US-Regierung ihre Politik der freien Hand,
indem sie unilaterale Maßnahmen durch eine flexible
und selektive bi- und multilaterale Kooperation verstärkt.
Die amerikanische Politik ist derzeit ein Bravourstück
dafür, wie man nationale und internationale Mittel
für den Kampf gegen den Terrorismus akquiriert, kombiniert
und akkumuliert. Das multilaterale Element hat sich dabei
erkennbar verstärkt. Wie das Beispiel der gemeinsam
mit Großbritannien durchgeführten Militäraktionen
gegen Afghanistan zeigt, bedient sich die US-Regierung der
formalen Allianzen wie der NATO höchst selektiv nach
der Devise "Britain first and then the rest of NATO".
Kriterien für diese Präferenz sind neben den militärischen
Fähigkeiten auch die besonderen, durch ein ausgeprägtes
Vertrauen gekennzeichneten politischen Bindungen ("special
relationship") mit Großbritannien.
Die Politik der auf pragmatische Flexibilität
setzenden ad hoc-"Koalitionen der Bereiten" ("coalitions
of the willing") hatte sich bereits unter Clinton herausgebildet.
Jetzt konkretisiert sie sich hier erstmals - mit gravierenden
weil die NATO unterminierenden Folgen. Zu diesem selektiven
Multilateralismus gehört auch, daß die USA das
Recht auf die Einrichtung, Gestaltung und das Steuern wechselnder
Koalitionen betonen ("shifting coalitions"). Bei
möglichen Angriffen etwa gegen den Irak wären
Pakistan, Tadschikistan und Usbekistan nicht mehr wichtig,
sondern Staaten am Persischen Golf. Was den selektiven Multilateralismus
der Bush-Administration ferner unterstreicht, ist die Ablehnung
eines Internationalen Strafgerichtshofs. Mehr noch, im Kongreß
steht ein Gesetz zur Verabschiedung an, das es US-Behörden
verbieten soll, mit dieser Institution zusammenzuarbeiten;
die Gesetzesvorlage sieht ferner vor, die US-Kooperation
mit Staaten außerhalb der NATO aufzukündigen,
die mit dem Internationalen Strafgerichtshof zusammenarbeiten.
7. Gekennzeichnet
ist die US-Politik durch die außergewöhnliche
Geschmeidigkeit, die auch vor Opportunismus nicht zurückscheut.
Die USA, die die UNO noch vor Jahren durch ihre verweigerten
Beitragszahlungen fast in den Ruin getrieben hatten, scheuten
sich nach dem schrecklichen Dienstag nicht, die jahrelang
blockierten Zahlungsrückstände über Nacht
an die Weltorganisation zu überweisen. Die in den Vereinten
Nationen versammelte Weltöffentlichkeit ist für
die USA das im allgemeinen, was die NATO-Mitglieder im besonderen
sind: Legitimationsbeschaffer. Dabei haben die Resolutionen
von Sicherheitsrat und Vollversammlung vom 12. September
den USA praktisch einen Blankoscheck ausgestellt. Die außerordentliche
Anpassungsfähigkeit der Vereinigten Staaten wird auch
gegenüber Mitgliedern der Anti-Terror-Koalition wie
Pakistan deutlich. Es wurde über Nacht vom, überspitzt
formuliert, Pariah-Staat zu einem außerordentlich
wichtigen Verbündeten. Im Hinblick etwa auf Tadschikistan
hat die US-Regierung ihr bisher geltendes Prinzip der Menschenrechte,
das die kühlen bilateralen Beziehungen zu Duschanbe
bestimmte, vorübergehend außer Kraft gesetzt.
In dieser Ein-Punkt-Allianz ist der Kampf
gegen den Terror der kleinste gemeinsame Nenner aller Teilnehmer.
Auf Vertrauen und gemeinsame Werten beruht sie, wenn man
von den demokratisch verfaßten Mitgliedern absieht,
nicht. Eine solche Koalition ist brüchig, zumal sie
nicht wirklich multinational strukturiert ist. Das vorherrschende
Organisationsprinzip ist das bilaterale Beziehungsmuster
der USA zu den einzelnen Mitgliedern.
8. Die Bush-Administration
macht derzeit einen beispiellosen crash-Kurs in Sachen Multilateralismus
- Läßt das auf eine insgesamt kompromißbereitere
US-Politik hoffen? Positive Erfahrungen von Kooperation
können dazu führen, daß die Bush-Administration
die Grundbefindlichkeit von Verwundbarkeit und Interdependenz
anerkennt und verstärkt nach gemeinsamen Lösungsmöglichkeiten
sucht. Vielleicht entdeckt das politische Washington, daß
multinationale, vertraglich kodifizierte Rüstungskontrolle
wichtig sein kann, so etwa im Biowaffen-Bereich. Noch im
Juli hatten sich die Vereinigten Staaten als einziges Land
geweigert, einen Entwurf zu unterzeichnen, der die Überwachung
der Biowaffen-Konvention von 1972 regeln soll, die die USA
mit 142 weiteren Ländern ratifiziert haben. Nachdem
die Bush-Administration die Erfahrung der weltweiten Unterstützung
gemacht hat, ergibt sich vielleicht auch ein neuer, weniger
ablehnender Blick auf die UNO, möglicherweise stehen
sogar neue Aufgaben für die Vereinten Nationen an.
Das wäre dann der Fall, wenn in der Bush-Administration
ernsthaft über Pläne für eine Interims-Verwaltung
in Afghanistan, bei der die UNO eine Rolle spielen soll,
ins Auge gefaßt würden.
9. Und Europa?
Der Alte Kontinent sollte die amerikanischen Visionen und
politischen Initiativen unterstützen - und gegebenenfalls
überbieten. Die USA haben die NATO militärisch
entwertet, aber die europäischen Mitglieder haben auch
eine Selbstentwertung betrieben, indem sie voreilig den
Bündnisfall ausriefen, bevor die Vereinigten Staaten,
wie im NATO-Vertrag vorgesehen, die Allianz entsprechend
ersuchten. Raison d'être und Funktion der Allianz
sind im Anti-Terror-Bereich auf das rein Politische geschrumpft.
Europa sollte aber nicht auf die Kompetenz
sehen, die es nicht hat, sondern auf die Fähigkeiten
und Maßnahmen, die es auszubauen vermag: Hierzu gehören
jene, oben angesprochenen zivilen Initiativen zur Terrorismusbekämpfung.
Bedeutsam sind ferner Konzepte, wie man eine der Hauptursachen
des fundamentalistischen Terrorismus politisch in den Griff
zu bekommen - etwa durch die von US-Präsident Bush
ins Spiel gebrachte Gründung eines Palästinenser-Staates.
Diese Vision ist das Beispiel einer notwendigen, wenn auch
indirekt vorgetragenen Kritik an den Defiziten und einseitigen
Schwerpunkten amerikanischer Politik. Selbstkritik ist auch
für Europa angesagt. Sie sollte sich in die Praxis
umsetzen - beispielsweise dadurch, daß sich Europa
beim Aufbau stabiler und friedensfördernder Strukturen
in Afghanistan nachhaltig engagiert.
Aber auf den Alten Kontinent kommen noch andere
Herausforderungen zu. So haben es brüchige ad hoc-Koalitionen
an sich, daß einige ihrer Mitglieder wegbrechen können
oder allzu schnell fallengelassen werden. Dies darf vor
allem im Hinblick auf das Pulverfaß Pakistan nicht
geschehen. Dieser Atomwaffenstaat darf seinem Schicksal
nicht überlassen werden, nach der er seine - wie auch
immer definierte - Pflicht und Schuldigkeit getan hat. Wichtig
ist auch, den Kampf gegen den Terror als Chance für
das Primat des Zivilen zu begreifen - die oft beschworene
Zivilmacht Macht hat wie selten die Gelegenheit, ihre entsprechenden
Muskeln spielen zu lassen. Die Europäer sollten Verteidigungsminister
Rumsfeld beim Wort nehmen, daß die militärische
Komponente nur ein geringer Teil der gesamten Palette von
Anti-Terror-Maßnahmen ist. Es gilt, den Kampf gegen
den Terrorismus nicht zu militarisieren.
Zur Solidarität der Europäer mit
den Vereinigten Staaten gehört auch der Hinweis auf
Transparenz und Berechenbarkeit der USA und auf die Verhältnismäßigkeit
der von ihnen anvisierten militärischen Mittel. Amerikanische
Abenteuer darf es nicht geben. Sie würden bedeuten,
daß der weitgehende Weltkonsens im Sinne der von Außenminister
Powell vertretenen Linie abhanden kommt und daß sich
die Vereinigten Staaten isolieren. Deshalb müssen Mittel
und Wege gefunden werden, die Vorhaben der USA nicht als
Blankoschecks zu legitimieren. Voraussetzung hierfür
ist, daß die Vereinigten Staaten ihre Ziele und ihre
Gegner präzisieren. Gegen was und wen geht es - und
gegen was und wen geht es nicht? Beim Nachdenken über
Unilateralismus und Multilateralismus sollten wir die übergeordnete
Frage nicht aus dem Auge verlieren: Welche Strategien und
Mittel machen uns sicherer - und nicht unsicherer?
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