 |
Bulletin No 28 - Herbst 2001
Bernd W. Kubbig
Vor dem Bush/Putin-Gipfel: Raketenabwehr und ABM-Vertrag
im Zeichen des Terrors
1. Zur politischen Agenda
Es war Vertrauen auf den ersten Blick gewesen,
jedenfalls von Seiten des US-Präsidenten. "Ich
sah dem Mann in die Augen. Ich fand ihn sehr geradeheraus
und vertrauenswürdig. Wie hatten ein sehr gutes Gespräch.
Ich vermochte Verständnis für seine Seele zu entwickeln
(...). Ich hätte ihn nicht auf meine Ranch eingeladen,
wenn ich ihm nicht vertrauen würde."[1] "Lachen"
notiert die Transkription nach Bushs Äußerung
bei der ersten Begegnung mit Putin am 16. Juni in Ljubljana.
Am 13. November wird aus dem Lachen Ernst. Beide Präsidenten
kommen erstmals in privater Atmosphäre auf George W.
Bushs texanischer Ranch zusammen. Inzwischen haben sie sich
zwei weitere Male in die Augen sehen können, zunächst
in der zweiten Julihälfte im Rahmen des G8-Gipfels
in Genua und erst kürzlich, am 21. Oktober im chinesischen
Schanghai.
Jedesmal ging es um den Raketenabwehr-Vertrag
(Anti-Ballistic Missile Treaty, ABM) von 1972, um seine
gemeinsame Abänderung oder gar einseitige US-Aufkündigung,
weil er quer zu den Raketenabwehrplänen der Bush-Administration
und ihrer politischen Verbündeten steht. Auf Bushs
Ranch werden Abwehr und ABM-Vertrag das zentrale Gesprächsthema
sein. Es findet in einer veränderten weltpolitischen
Lage statt, denn zwischen den beiden Spitzentreffen in Genua
und Schanghai liegt der 11. September. Die Terroranschläge
in New York und Washington sind über Nacht zu einem
neuen Faktor in der amerikanischen Innen- und Außenpolitik
geworden. Sie haben die Koordinaten des US-Verhältnisses
zu Rußland insgesamt erweitert, teilweise neu gewichtet
und damit verändert. Im Kernbereich Abwehr und ABM-Vertrag
ist jedoch auf Seiten der Bush-Administration - und das
in verstärktem Maße - Kontinuität Trumpf.
Denn sie ist entschlossener denn je, ihre
bisherige harte Linie fortzusetzen, also sich notfalls unilateral
aus dem Abkommen zurückzuziehen. Moskau, das am liebsten
uneingeschränkt am Vertrag festhalten möchte,
stimmt inzwischen Abänderungen zu, wenn auch höchst
widerwillig. Vor diesem Hintergrund mache ich eine Bestandsaufnahme
über die Positionen und Argumente beider Seiten, gebe
eine Einschätzung, erörtere die Perspektiven und
plädiere für eine zeitgemäße und rüstungskontrollfreundliche
Änderung der Prioritäten. Der 11. 9. dürfte
sich bei all diesen Dimensionen wenn nicht als Wendepunkt,
so doch als wichtige Wegmarke herausstellen. Das betrifft
einen weiteren amerikanischen Akteur, den Senat, der aus
dem "Raketenabwehr-Spiel" nicht wegzudenken ist
und der unsichtbar auch auf der Crawford Ranch anwesend
sein wird.
2. Argumente, Abwehr und ABM-Vertrag
vor dem 11. September
2.1 Entschlossene Bush-Administration
Bereits im Wahlkampf um die Präsidentschaft
war die schnellstmögliche Aufstellung eines Abwehrsystems
gegen eine Handvoll feindlicher Raketen der wichtigste sicherheitspolitische
Programmpunkt des republikanischen Herausforderers George
W. Bush.
Seit seinem Amtsantritt hat die Verwirklichung
eines solchen Schirms die oberste rüstungstechnologische
und militärpolitische Priorität. Dafür stehen
insbesondere Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und sein
Stellvertreter Paul Wolfowitz. Die große Entschlossenheit
drückt sich ferner dadurch aus, daß die Regierung
die Akzeptanz des Programms im eigenen Land und international
erhöhen will. Sie hat hier aus den "Fehlern"
der Clinton-Administration gelernt. Dies betrifft die konzeptionelle
und technologische Dimension. Ein "Nationales"
Raketenabwehrprojekt, das in erster Linie die USA schützen
soll, gibt es nicht mehr - aus "National Missile Defense"
ist allgemein "Missile Defense" geworden. Damit
entfällt ein Kritikpunkt von Seiten der Verbündeten,
bei denen man Zonen unterschiedlicher Sicherheit befürchtete.
In technologischer Hinsicht macht sich die
Bush-Regierung wenn nicht immun, so doch schwerer angreifbar.
Denn sie will die "Fortschritte" und "Leistungen"
ihres Rüstungsvorhabens nicht durch klare, transparente
und damit einklagbare Standards und Zielmarken ("requirements")
definieren. Ihr neuer Ansatz orientiert sich vielmehr an
den Fähigkeiten der einzelnen zu entwickelnden und
zu testenden Projekte, aus denen es die meistversprechenden
auszuwählen und umzusetzen gilt. Die Entschiedenheit
der republikanischen Administration macht sich schließlich
an konkreten Haushaltsforderungen fest. Die Regierung Bush
beantragte für das Fiskaljahr 2002, das am 1. Oktober
begann, $ 8,3 Mrd. Dollar. Das sind 57 Prozent mehr als
die Clinton-Administration letztes Jahr für die Abwehr
beantragte; dieser Zuwachs stellt die Steigerungsraten aller
anderen Militärprogramme in den Schatten.
Mit außerordentlicher Energie ist die
Regierung Bush seit ihrem Antritt bestrebt, für die
Notwendigkeit eines neuen strategischen Konzepts zu werben,
das nicht mehr allein auf nuklearen Offensivwaffen beruht,
sondern zusätzlich und verstärkt Abwehrwaffen
berücksichtigt, um auf die neuen sicherheitspolitischen
Herausforderungen angemessen reagieren zu können. Sie
ergeben sich aus der Weiterverbreitung von Massenvernichtungsmitteln
im atomaren, biologischen und chemischen Bereich sowie bei
den Trägersystemen, die dieses Zerstörungspotential
an ihr Ziel bringen sollen. Problemstaaten, die dem Westen
feindlich gegenüberstehen, sind aus dieser Sicht bereits
zu einer realen Gefahr geworden (Nordkorea) oder werden
in absehbarer Zeit wahrscheinlich (Iran) oder möglicherweise
(Irak) zu einer militärischen Bedrohung für die
USA und ihre Verbündeten.
Nordkorea und Irak gelten als Regime, die
mit Nuklearwaffen allein nicht mehr abzuschrecken sind -
sie sind für die Abwehrbefürworter unkalkulierbar,
irrational und zu allem entschlossen - mit der Folge, daß
sie nicht nur das Territorium der USA und ihrer Verbündeten,
sondern auch die regional oder weltweit operierenden Truppen
bedrohen und erpressen können. Eine solche Situation
ist für die Bush-Administration nicht hinnehmbar (allerdings
sieht sie geflissentlich darüber hinweg, daß
z. B. Saddam Hussein im Zweiten Golfkrieg offenbar deshalb
keine Chemiewaffen einsetzte, weil er eine nukleare Vergeltungsreaktion
der USA zu befürchten hatte). Aus der Sicht der Raketenabwehrbefürworter
würden "Defensivwaffen" die Handlungsspielräume
der Vereinigten Staaten vergrößern. Denn mit
einem Schutzschild hielten die USA und ihre Verbündeten
in einer Krisensituation einen zusätzlichen Trumpf
in der Hand. Nur gegen eine Handvoll Raketen aus "Schurkenstaaten"
- und nicht gegen Rußland - soll das US-System ausgerichtet
sein. Diese Szenarien sind keinesfalls neu. Gegen terroristische
Attacken mit Massenvernichtungswaffen (etwa mit eingeschmuggelten
Kofferbomben, die auf US-Territorium zur Explosion gebracht
werden) ist das geplante Abwehrsystem nicht ausgelegt.
Gegenüber Rußland ist die Maximalposition
der US-Regierung eindeutig, sie gehört zum außenpolitischen
Credo der republikanischen Partei: den ABM-Vertrag mit einem
großen Schnitt ein für alle mal hinter sich zu
lassen und ein neues strategisches Konzept anzustreben.
Es soll nicht nur den veränderten internationalen Rahmenbedingungen
Rechnung tragen, sondern der Administration gleichzeitig
völlig freie Hand lassen, um ihre Raketenabwehrpläne
umzusetzen. Entsprechend lehnt die Regierung einen "Anwalts-Ansatz"
ab, in dessen Rahmen von Mal zu Mal nicht ohne Juristen
zu entscheiden ist, welche der anstehenden Tests mit dem
Vertrag vereinbar sind und welche nicht. In vielen Fällen
gäbe es weiterhin interpretationsbedürftige Grauzonen,
die nicht nur zwischen den amerikanischen Akteuren ausgehandelt
werden müssen, sondern auch mit dem Vertragspartner
Rußland. Die hiermit verbundenen Verzögerungen
sind gerade nicht im Sinne einer zügigen und ungehinderten
Durchführung der Abwehrvorhaben.
Weil die US-Administration nicht mit Moskau
im Detail über mögliche Vertragsverletzungen streiten
möchte, will sie sich möglichst einvernehmlich
mit Rußland über den ABM-Vertrag hinaus bewegen.
Deshalb hat Washington im Laufe des Jahres den zeitlichen
Druck auf die russische Regierung erhöht. Ab Sommer
verminderten führende US-Politiker die Auslaufzeit
der "Handschelle"[2] ABM-Vertrag auf nur einige
Monate. Während seines Besuches in Moskau Mitte August
stellte Verteidigungsminister Rumsfeld seinen russischen
Gesprächspartnern zwar kein Ultimatum. Laut Interfax
machte er jedoch klar, daß die US-Regierung im Oktober
oder November eine endgültige Entscheidung über
den ABM-Vertrag treffen wolle.[3] Vor dem 11. September
war das endgültige Aus für den ABM-Vertrag bereits
auf der texanischen Ranch wohl beschlossene Sache. Um Entschlossenheit
auch gegenüber der republikanischen Klientel zu demonstrieren,
legte das Pentagon ab Juli einen schnelleren Gang bei den
geplanten Tests ein, die in Konflikt mit dem ABM-Vertrag
geraten könnten. Das ging erstmals aus der Erklärung
des stellvertretenden Verteidigungsministers Paul Wolfowitz
am 12. Juli vor dem Verteidigungsausschuß des Senats
hervor: Es sei nunmehr eine Sache von Monaten und nicht
von Jahren, daß die Abwehrvorhaben mit dem Vertrag
in Konflikt gerieten.
Das von der US-Seite angestrebte neue strategische
Konzept blieb nur in Umrissen erkennbar. Klar ist, daß
es in seinen abwehrbezogenen Elementen (Abschied vom ABM-Vertrag)
auf ein Konstrukt zu amerikanischen Bedingungen hinauslaufen
sollte. Klar war auch, daß die Administration die
Anzahl der strategischen Nuklearwaffen unter den START II-Rahmen
von je 3500 vermindern wollte ("Großer Handel"/"Grand
Bargain"); allerdings nannte sie keine konkreten Zahlen.
Gemutmaßt wurde immer wieder über 2500 bis 2000
Sprengköpfe - die Grenze, die schon Bushs Vorgänger
Clinton angestrebt hatte. Diese Offerte, die sich in Wirklichkeit
an den strategischen Interessen der USA orientiert, gilt
als Entgegenkommen im Rahmen eines "Großen Handels",
ist aber von den Vorstellungen der Russen - 1500 Atomgefechtsköpfe
- weit entfernt. Die Abwehr der republikanischen Administration
gegenüber jeder Form der vertraglichen und einklagbaren
Selbstbindung betrifft nicht nur den ABM-Vertrag. Sie bezieht
sich auch auf den angestrebten, völkerrechtlich nicht
verbindlichen, strategischen Rahmen und auf die bevorzugte,
einseitig vorgenommene Verminderung bei den Nuklearsprengköpfen.
Die Administration will keine jahrelangen Verhandlungen
wie während des Ost-West-Konflikts. Vielmehr setzt
sie auf rasche Ergebnisse. Nicht-vertragliche Regelungen
haben aus der Sicht der Bush-Regierung noch zwei weitere
Vorteile: Sie müssen nicht von dem jeweiligen Parlament
ratifiziert werden und können jederzeit wieder korrigiert
oder gar rückgängig gemacht werden.
2.2 Kompromißbereite russische
Regierung
Staatspräsident Putin und das politische
Moskau wissen, daß sie in der Bush-Administration
auf dem Politikfeld Raketenabwehr einen anderen Vertragspartner
als die Clinton-Regierung vor sich haben. Daß Bushs
Vorgänger in den letzten Jahren seiner Amtszeit mehr
und mehr ein umfassendes Abwehrprogramm akzeptierte, war
wider seine Überzeugung - und auf den Druck genau der
mächtiger werdenden Republikaner zurückzuführen,
die im Januar 2001 nach dem lange Zeit umstrittenen Wahlsieg
die Regierung stellen. Moskau blieb zunächst, jedenfalls
rhetorisch, bei seiner Form des Unilateralismus in Form
einer unnachgiebigen Haltung - also Festhalten am ABM-Vertrag,
Drohung mit Aufrüstungsmaßnahmen und Rückzug
aus den Rüstungskontroll-Verträgen für den
Fall, daß die Bush-Administration das ABM-Abkommen
einseitig aufkündigte.
Moskau hatte angesichts der unmißverständlichen
Entschlossenheit der US-Administration keine andere Wahl,
als den Dialog mit dem Vertragspartner zu suchen, Raum für
Kompromisse auszuloten und selbst Zugeständnisse anzubieten.
Bis zum 11. September bewegte sich Moskau im Verlauf des
Jahres 2001 langsam von seiner ursprünglichen, strikt
vertragsfreundlichen Position weg. Putin und die russische
Regierung schienen auf Zeit zu spielen und gaben unterschiedliche
Signale. Wie initiativ Moskau konzeptionell war und auf
welch unterschiedlichen Ebenen es zu spielen versuchte,
zeigte sich, als Verteidigungsminister Sergej Iwanow dem
Generalsekretär der NATO, Lord Robertson, Vorschläge
für eine Zusammenarbeit bei der nicht-strategischen
Abwehr unterbreitete. Beim ersten Gipfeltreffen in Ljubljana
zwischen Bush und Putin kam es zu einer atmosphärischen
Aufwärmung, inhaltliche Annäherungen gab es nicht.
Wenige Tage nach dem Gipfel drohte Putin im
Falle eines unilateralen US-Rückzugs aus dem ABM-Vertrag
erneut mit russischen Aufrüstungsmaßnahmen. Die
Spitzenbegegnung während des G8-Gipfels von Genua brachte
einen Durchbruch in diplomatisch-prozessualen Fragen; Putin
und Bush kamen überein, einen Dialog auf breiter Ebene
zu institutionalisieren und dabei die nuklearen Offensiv-
und Abwehrwaffen gemeinsam zu behandeln. Das war das Ende
der russischen Hinhaltepolitik. Ein Durchbruch in der Sache
aber war hiermit nicht verbunden. Um die unverkennbare Asymmetrie
zu Washington zumindest symbolisch zu verkleinern, ein strategisches
Gegengewicht zu den Vereinigten Staaten zu bilden und sich
rückzuversichern, schloß Moskau mit Beijing einen
Freundschaftspakt; er bekräftigt die gemeinsame Ablehnung
der US-Raketenabwehrpläne.
Über die konkreten russischen Positionen
bis zum 11. September ist noch weniger bekannt als über
die der USA. Moskau strebt, wie erwähnt, die Reduzierung
der Nuklearsprengköpfe auf 1500 primär aus finanziellen
Gründen an, allerdings nicht vor dem Hintergrund des
für tot erklärten ABM-Vertrages. Noch während
des Rumsfeld-Besuches Mitte August soll Putin erneut erklärt
haben, daß ein einseitiger US-Ausstieg aus dem ABM-Vertrag
auch andere Rüstungskontroll-Verträge wie START
I und START II gefährden würde.[4] Da die amerikanische
Seite unnachgiebig blieb, weichte Moskau seine strikte Haltung
vor dem 11. 9. auf. Die russische Führung signalisierte
kurz vor dem schrecklichen Dienstag erstmals, daß
sie bereit sei, den USA entgegenzukommen und auflockernde
Veränderungen des ABM-Vertrages (vermutlich im Testbereich)
hinzunehmen, freilich ohne das Abkommen insgesamt ad acta
zu legen. Selbst auf einen US-Rückzug schien man sich
in Moskau einzustellen.[5]
2.3 Skeptischer Senat
Seitdem die Demokraten nach dem Parteiaustritt
des republikanischen Senators Jeffords die Mehrheit in dieser
Kammer erlangt und damit alle Schlüsselposten besetzt
haben, ist der Anspruch des Kongresses auf seine Kontrollfunktion
("divided government") gestiegen. Hierzu gehören
insbesondere der Mehrheitsführer Tom Daschle sowie
die Vorsitzenden der Ausschüsse für Verteidigung
und Auswärtiges, Carl Levin und Joseph Biden. Die Raketenabwehr
gehört zu den Politikfeldern, bei denen neben Übereinstimmungen
auch beträchtliche Differenzen zur Administration deutlich
wurden. Führende Senatoren teilen die Bedrohungseinschätzung
der Regierung etwa im Hinblick auf Nordkorea nicht. Sie
haben die Gefahr terroristischer Angriffe etwa mit Kofferbomben
in den Mittelpunkt ihrer Argumentation gerückt. Derartige
Attacken, gegen die das Abwehrsystem unwirksam sei, seien
am wahrscheinlichsten - vor allem Senator Levin hat dies
immer wieder betont und sich dabei auf eine entsprechende
Analyse der höchsten amerikanischen Militärs,
der Joint Chiefs of Staff, berufen.
Führende demokratische Senatoren sind
einerseits mit der Administration der Auffassung, daß
der ABM-Vertragspartner Rußland kein Veto über
die US-Entscheidungen haben solle. Dennoch liefen sie anfangs
Sturm gegen die in Bushs Grundsatzrede vom 1. Mai vorgezeichnete
Option, notfalls unilateral aus dem ABM-Vertrag auszusteigen.
Viele Demokraten favorisierten bereits vor dem 11. September
eine Anpassung des ABM-Vertrages zusammen mit Moskau. Die
abwehrskeptischen Senatoren plädierten mit Verweis
auf den Missile Defense Act of 1999 eindeutig dafür,
das Nukleararsenal gemeinsam mit den Russen drastisch zu
vermindern. Aber es ging aus ihren Ausführungen nicht
klar hervor, wie ein solches Arrangement aussehen könnte
- also ob sich die Veränderungen innerhalb des Abkommens
bewegen sollen, ob es einen vertraglich verbindlichen Ersatz
geben, oder ob es sich (entsprechend den Vorstellungen der
Administration) um einen völlig neuen strategischen
Rahmen handeln soll. Vieles spricht dafür, daß
die maßgeblichen Senatoren den ABM-Vertrag nicht in
einem Handstreich zur Makulatur werden lassen wollen. Sie
ziehen es offenbar vor, ihn einvernehmlich mit Rußland
Stück für Stück an die Rüstungspläne
der Administration anzupassen. Nicht nur in der nüchternen
Bedrohungseinschätzung, sondern auch im Hinblick auf
die schrittweisen Abänderungen eröffnen sich beträchtliche
Gemeinsamkeiten mit Rußland. Maßgebliche demokratische
und republikanische Senatoren haben der Administration unmißverständlich
geraten, die Kammer vor einem unilateralen Rückzug
aus dem ABM-Vertrag zu konsultieren.
Als die Regierung das Tempo, in dem sie ihr
Testprogramm durchzuführen gedachte, ab Sommer steigerte,
verstärkten die Demokraten im Gegenzug die Kontrollfunktion
des Senats. Der Kollisionskurs des Pentagon mit dem ABM-Vertrag
war beabsichtigt, Wolfowitz scheute auch deshalb die Konfrontation
mit den Abwehrkritikern im Verteidigungssauschuß nicht.
Senator Levin parierte nicht nur, sondern führte Wolfowitz
am 12. Juli regelrecht vor. Der Anlaß: Der Vorsitzende
hatte am Morgen aus der Presse erfahren, daß die Administration
die Verbündeten darüber informiert hatte, daß
die US-Abwehraktivitäten innerhalb der nächsten
Monaten mit dem ABM-Vertrag kollidieren. Levin - und nicht
nur er - rügte die mangelhafte Informationspolitik
der Regierung gegenüber dem Senat.
Die am 7. September verabschiedete Gesetzesvorlage
für den kommenden Rüstungshaushalt trägt
die deutliche Handschrift der verärgerten Senatoren.
Der Verteidigungsausschuß machte den Anspruch des
Kongresses aktenkundig, daß die Bush-Administration
die Gelder für Abwehrprogramme bewilligen lassen muß,
die gegen den ABM-Vertrag verstoßen. Die problematischen
Vorhaben muß sie dem Parlament vorher vorlegen. Damit
hat die Legislative hier die Möglichkeit der Steuerung
der Raketenabwehraktivitäten bis in die Feinheiten
hinein ("micromanagement"). Der Ausschuß
empfahl zudem, die vom Pentagon beantragten Gelder in Höhe
von $ 8,3 um $ 1,3 Mrd. zu kürzen. Gleichzeitig schrieb
er, wenn auch in abgeschwächter Form, jene vier Kriterien
in die Gesetzesvorlage hinein, die bereits Präsident
Clinton bei seinem Entschluß für die Aufstellung
eines Abwehrsystems berücksichtigen mußte: die
Bedrohung; die operative Wirksamkeit des Systems durch realistische
Tests; die Kosten, die für das Vorhaben mit anderen
Militärprogrammen abgewogen werden müssen; die
Reaktionen anderer Staaten, also insbesondere die Rußlands
und Chinas. Der Ausschuß wies nicht ohne skeptischen
Unterton auch darauf hin, daß die Administration den
größten Zuwachs für ein Programm fordere,
das eine Antwort auf eine der am wenigsten wahrscheinlichen
Bedrohungen durch Massenvernichtungsmittel für die
USA darstelle. Vier Tage vor dem 11. September schienen
damit auch in dieser Gesetzesvorlage die Szenarien der abwehrkritischen
Senatoren durch, die Terroranschläge mit Massenvernichtungsmitteln
für die wahrscheinlichste Bedrohung hielten.
3. Argumente, Abwehr und ABM-Vertrag
nach dem 11. September
3.1 Ein politisch gelähmter
Senat und eine mehr denn je entschlossenere Bush-Administration
Die terroristische Doppelattacke schlug politisch
für die Abwehrskeptiker und ihre terrorbezogene Argumentation
zu Buche, denn sie bestätigte ihre Argumentation und
die mit ihr verbundene Kritik an den gegen Terroristen stumpfen
Abwehrwaffen. Diese Einschätzung drängte sich
nach jenem Dienstag im September auf, sie ist aber falsch.
Denn die Katastrophe hat die Dynamik im Senat gebrochen,
der gerade bei der Raketenabwehr zunehmend selbstbewußt
und kritisch gegenüber der Exekutive aufgetreten war.
Aber die Stärke des Arguments ließ sich nicht
in die politische Stärke einer wirksamen Handlungsstrategie
umsetzen. Dem Senat blieben bisher politisch die Hände
gebunden.
Die Nation scharte sich im Zuge der beispiellosen
Welle von Patriotismus und Einheit im Kampf gegen den Terrorismus
hinter ihren Präsidenten. Jegliche Kritik an Bush hätte
von den Terroristen als Schwäche der USA am entschlossenen,
konsensualen Handeln der Weltmacht ausgelegt werden können.
Dieser Situation fiel auch die von den Abwehrskeptikern
angestrebte verstärkte Kontrollfunktion des Senats
zum Opfer; die Senatoren zogen die Bestimmung zurück,
die das Pentagon verpflichtete, alle gegen den ABM-Vertrag
verstoßenden Abwehraktivitäten dem Kongreß
zur Bewilligung vorzulegen. Auch zu der vom Verteidigungsausschuß
vorgeschlagenen Verminderung des Pentagon-Haushalts für
die Raketenabwehr von $ 8,3 um $ 1,3 Mrd. kam es nicht;
sie reduzierte sich ihrerseits schließlich auf nur
$ 400 Mio. Die Abwehrskeptiker machten indes deutlich, daß
die Kontrollklausel aufgeschoben, nicht aber aufgehoben
sei.
Die Administration nutzte diese unerwartete
Gunst der Stunde für sich in glänzender und entschlossener
Weise. Es gelang ihr, ihre sprunghaft angestiegene Macht
für das präsidentiale Abwehrprogramm und für
den Kampf gegen den ABM-Vertrag in Definitionsmacht umzusetzen.
Denn die kompromißlosen Abwehrbefürworter in
der Regierung (auch die im Kongreß und im gesellschaftlichen
Umfeld) nahmen die Ereignisse des 11. Septembers nicht nur
als Bestätigung ihrer Position. Sie bauten die Katastrophe
vielmehr als verstärkendes Element in ihre Begründungen
für die Notwendigkeit der Abwehr ein. Dort, wo die
Befürworter vor dem schrecklichen Dienstag ausschließlich
Saddam Hussein und Kim Jong-Il als größte Bedrohung
durch Schurkenstaaten aufführten, reihten sie nach
dem 11. September Osama bin Laden nahtlos ein. Hätten
die Terroristen Massenvernichtungsmittel gehabt, so die
Begründung, hätten sie diese anstatt der Teppichmesser
eingesetzt - daß die geplante Raketenabwehr gegen
solche Aktivitäten nicht ausgelegt ist, war nicht Teil
der Argumentation. Kein geringerer als Präsident Bush
entwickelte dieses Szenario als einen weiteren Grund für
die schnellstmögliche Aufkündigung des ABM-Vertrages.[6]
Die mögliche Übernahme der Macht
in Islamabad durch radikale Muslime und deren Zugriff auf
die pakistanischen Atomsprengköpfe war ein weiteres
Szenario, mit dem die Abwehrbefürworter für die
Dringlichkeit dieses Rüstungsvorhabens warben - daß
eine solche fundamentalistische Regierung mit der Androhung
des Einsatzes von Nuklearwaffen einen Gegenschlag oder einen
vorbeugenden Angriff der USA und damit ihre Auslöschung
riskierte, blieb unerwähnt; zu bedenken gilt hier,
daß extreme Regierungen kaum mit individuellen Selbstmordattentätern
zu verwechseln sind. Zudem gibt es für diesen Fall
offenbar Pläne der Bush-Administration, die Atomsprengköpfe
durch eine Spezialeinheit aufzuspüren und unschädlich
zu machen.[7] Schließlich wiesen die Abwehrbefürworter
auf den Abschuß eines Verkehrsflugzeugs durch eine
irrtümlich abgefeuerte ukrainische Rakete hin - daß
ein weltumspannender Schirm, der gegen alle aus Versehen
abgeschossenen Raketen an allen Orten schützt, technisch
kaum möglich und nicht bezahlbar ist, erwähnen
die Abwehrbefürworter in den USA nicht.[8]
Kurzum, wie grob und brüchig diese Argumentation
auch war - die Administration konnte die sich vor dem 11.
9. anbahnende Konfliktsituation zwischen ihr und den Abwehrkritikern
in der Legislative nicht nur entschärfen, sondern -
bis jetzt jedenfalls - sogar für sich entscheiden.
Das war eine gute Voraussetzung für eine entschiedene
US-Politik gegenüber Moskau.
3.2 Harte Bush-Administration und
besser positionierte Putin-Regierung
Die Terroranschläge brachten nicht nur
vorübergehend den bilateralen Terminplan und die politische
Tagesordnung durcheinander. Allgemein fand sich die alleinige
Supermacht USA nach dem 11. September gegenüber Rußland
in einer neuen Rolle wieder. Die Emissäre der Bush-Administration
kamen nicht nur als teilweise arrogante Forderer mit mehr
oder minder versteckten Ultimaten in ihren Aktenkoffern
nach Moskau. Sie kamen auch als Bittsteller in Sachen Anti-Terror-Koalition
und der russischen Hilfeleistungen. Seitdem haben sich Ton
und Stil geändert, die US-Repräsentanten geben
sich eher konziliant. Die Bush-Administration faßte
bei der Raketenabwehr aber schnell Tritt. Unisono betonten
alle hochrangigen US-Politiker die unveränderte sicherheitspolitische
Priorität des amerikanischen Abwehrprogramms. Sie unterstrichen
auch, daß die russischen Hilfeleistungen nicht mit
einer weicheren Haltung der amerikanischen Regierung bei
dem Abwehrvorhaben und dem ABM-Vertrag verrechnet würden.
Putin positionierte sich und sein Land gegenüber
den USA generell dadurch besser, daß er außerordentlich
schnell auf die Katastrophe reagierte und umfassende Hilfe
und Zusammenarbeit anbot. Rußland ist zu einem wichtigen
Partner in der Anti-Terror-Allianz geworden, auf dessen
Unterstützung die Vereinigten Staaten angewiesen sind.
Dem Druck Moskaus ist es entscheidend zu verdanken, daß
die früheren GUS-Republiken und Nachbarländer
Afghanistans den USA ihr Territorium als Operationsgebiet
zur Verfügung stellen und Überflugrechte gewähren;
Moskau selbst stellt seine Expertise und Geheimdienstinformationen
über den einstigen langjährigen Feind Afghanistan
bereit. Später, als der russische Gesundheitsminister
den Vereinigten Staaten konkrete Hilfe im Kampf gegen Milzbrand
anbot, zeigte sich erneut, wie breit die Palette russischer
Offerten und wie beispiellos das Kooperationspotential zwischen
den beiden Ländern ist. Unter der Hand waren aus den
einstigen Gegnern, deren Positionsbestimmung zueinander
im Sommer (jedenfalls auf US-Seite) noch undeutlich ausfiel,
Partner geworden.
Putin hat mit der aktiven Mitarbeit in der
Anti-Terror-Allianz zu einem großen, mutigen und politisch
für ihn nicht risikolosen Sprung gen Westen angehoben.
Was sich in den Raketenabwehr-Vorschlägen vom Februar
auf einem einzigen Gebiet ankündigte, wurde nun zu
einer Politik großen Stils mit dem Ziel der sicherheits-,
wirtschafts- und technologiepolitischen Anbindung an, wenn
nicht gar Einbindung Moskaus in den Westen - verbunden mit
einem höheren Grad an Einflußnahme, einer statuspolitischen
Aufwertung, vermehrtem Nutzen und größerem Respekt
(nicht zuletzt durch eine weniger kritische Haltung im Westen
gegenüber der brutalen "Anti-Terrorismus-Politik"
Rußlands im Hinblick auf Tschetschenien).[9]
In der russischen Regierung deutete man, zunächst
jedenfalls, die Terror-Katastrophe im Sinne einer Untermauerung
der eigenen, abwehrkritischen Position. Entgegen der US-Behauptung
hätte es sich hier nicht um "high-tech-Terrorismus"
gehandelt. Beim Treffen zwischen Putin und Bush in Schanghai
am 21. Oktober schlug der russische Präsident dennoch
mildere Töne in Sachen ABM-Vertrag und Raketenabwehr
an, während Bush seine politische Abwehr gegen das
Abkommen im Vergleich zu früheren Äußerungen
steigerte, indem er es als "gefährlich" bezeichnete.
Putin hingegen sprach davon, zwischen beiden Seiten herrschte
"Einvernehmen, dass wir eine Vereinbarung finden können";
gleichzeitig relativierte er erstmals die Bedeutung des
ABM-Vertrages. Traditionell als "Eckstein strategischer
Stabilität" bezeichnet, spezifizierte Putin ihn
lediglich als "ein wichtiges Element der Stabilität
in der Welt".[10]
Gut eine Woche vor dem Gipfel auf der Ranch
ging die russische Seite rhetorisch einen weiteren, bedenklichen
Schritt auf den amerikanischen Vertragspartner zu. Verteidigungsminister
Sergej Iwanow bezeichnete das ABM-Abkommen erstmals als
"Relikt" des Kalten Krieges. Damit übernahm
er den Begriff, mit dem die US-Abwehrbefürworter gegen
die Existenzberechtigung des Abkommens zu Felde ziehen.
Doch im Gegensatz zu ihnen sind bei Iwanow "alle russisch-amerikanischen
Abkommen bis zu einem gewissen Grad Relikte des Kaltes Kriegs".[11]
Er betonte auch, daß an die Stelle des ABM-Vertrages
ein gleichwertiges Abkommen treten müsse. Diese Qualifizierung
eröffnet Spielräume für Interpretationen,
signalisiert neben Flexibilität jedoch auch Moskaus
Beharren auf ein kodifiziertes Äquivalent für
den Vertrag.
Nicht nur die russische Führung ist bemüht,
gute Voraussetzungen für den Gipfel auf der Ranch zu
schaffen, der sich für beide Seiten und ihre Wählerklientel
als Erfolg verbuchen läßt. Trotz ihrer Rhetorik
unbedingter Entschlossenheit hat auch die Bush-Administration
ein gewisses Entgegenkommen signalisiert. Denn sie verschob
Ende Oktober drei geplante Tests, von denen einer wohl gegen
den ABM-Vertrag verstoßen hätte. Mit diesem Aufschub
hat das Pentagon nicht nur den Vertragspartner, sondern
insbesondere auch den Senat im Blick.
Wie also stellen sich vor dem Putin/Bush-Gipfel
die Positionen und Optionen beider Seiten dar? Eine beiderseitige
Übereinkunft, den ABM-Vertrag beim Treffen auf der
Ranch ohne ein in etwa gleichwertiges Nachfolgeabkommen
ad acta zu legen, kann nicht ausgeschlossen werden, erscheint
aber auf der Grundlage des Gesprächsverlaufs der letzten
Wochen eher unwahrscheinlich. Das gilt wohl auch für
das ab Mitte des Jahres von der Bush-Administration mit
zunehmendem Druck verfolgte Ziel, einseitig aus dem ABM-Vertrag
auszusteigen. Hieran zeigt sich, daß die wichtige
Rolle Rußlands in der Anti-Terror-Allianz Moskaus
Position in der Raketenabwehrfrage insgesamt verbessert
hat. Ohne den 11. September, Rußlands konstruktive
Reaktion und seine Westorientierung wäre auf der Crawford
Ranch wohl das endgültige Aus für den ABM-Vertrag
besiegelt worden.
Die russische Führung hat durch ihr Entgegenkommen
signalisiert, daß sie bereit ist, etwa bei den Tests,
die der Vertrag stark einschränkt, Zugeständnisse
zu machen. Diese könnten so aussehen, daß die
Administration die Erprobungen entweder grundsätzlich
oder für einen festgelegten Zeitraum durchführen
darf; offen ist derzeit, ob die Bush-Regierung dem Vertragspartner
entgegenkommt und auf absehbare Zeit auf Tests im Weltraum
verzichtet. Ein solches Ergebnis könnte Putin in Rußland
als vorübergehenden Teilerfolg präsentieren; die
US-Regierung könnte ihrer konservativen Wählerklientel
eine solche Einigung als erfolgreiches Zwischenergebnis
auf dem Weg zur gänzlichen Zerstörung des ABM-Vertrages
"verkaufen". Die Gespräche auf der Ranch
werden zeigen, wie die Vertragspartner die Aufstellung von
Systemen behandeln werden. Damals, 1972, waren beide Seiten
übereingekommen, auf die Stationierung eines landesweiten
Abwehrsystems und die Vorbereitungen hierzu zu verzichten.
Mit der Vertragsabänderung von 1974 sind lediglich
100 Abfangsysteme zur Verteidigung der Hauptstadt oder eines
einzigen Raketenfeldes erlaubt.
Die russische Zeitung "Nesawissima Gaseta"
berichtet hingegen vor dem Hintergrund der US-russischen
Gespräche in den letzten Wochen, das zukünftige
modifizierte Abkommen erlaube den Aufbau von 15 Abwehrstellungen
- offenbar wollen die russische Führung und die USA
auch in punkto Aufstellung den Vertrag beträchtlich
ändern. Hier stellt sich die Frage, wie viele Abfangraketen
die USA pro Anlage stationieren dürfen und welche verläßlichen
und transparenten Informationen die russische Seite darüber
zu bekommen hat, daß die geplanten Aktivitäten
zur Abwehr weniger Raketen - also nicht gegen Rußland
- gedacht sind. Wenn es stimmt, daß sich beide Seiten
auf die Verminderung der nuklearen Sprengköpfe in Höhe
von 2000 einigen, dann wäre die Bush-Administration
der russischen Führung und ihrer Forderung nach 1500
Gefechtsköpfen nur begrenzt entgegengekommen.
Die Frage der Aufkündigung des ABM-Vertrages
im Rahmen eines neuen und umfassenderen "Großen
Handels" ist damit nicht vom Tisch, aber sie ist aufgeschoben.
Nicht abzuschätzen ist derzeit, ob und, wenn ja, inwieweit
beide Seiten daran interessiert sind, das nach dem 11. September
offenbar entstandene größere "Gesprächspaket"
im einzelnen zu verrechnen - ein Ja von Seiten Putins etwa
zu einer größeren Präsenz in Zentralasien
gegen eine verstärkte Andockung Rußlands an westliche
Strukturen und Institutionen. Offen muß auch bleiben,
ob die US-Regierung ihrem Vertragspartner ein grundsätzliches
Nein zum ABM-Vertrag mit konkreten wirtschafts- und finanzpolitischen
Anreizen "abkauft" und/oder ob es zu einer breit
angelegten und verläßlichen Zusammenarbeit im
Bereich der Raketenabwehr kommt, die über die bisher
symbolische und punktuelle Kooperation hinausgeht.
4. Einschätzungen - Perspektiven
- Plädoyer für neue Prioritäten
Aus der Sicht der US-Administration ist das
angestrebte neue strategische Konzept das Kernstück
einer fundamentalen Anpassung der amerikanisch-russischen
Beziehungen an die neuen internationalen Rahmenbedingungen.
Hier ergibt sich die Frage, warum ein solch tiefgreifender
Übergang im Galopp durchgeführt werden muß.
Dieses zentrale Element ist zudem in sich sehr wenig ausbalanciert:
ein möglichst schnelles Ende des ABM-Vertrages versus
eine bedächtige, zeitlich sich offenbar weit hinziehende,
jedenfalls an keinen festen und einklagbaren Terminplan
gebundene Verminderung der nuklearen Offensivwaffen.
Eine zeitliche Synchronisierung erscheint
dringend angebracht. Die angestrebten Reduzierungen fallen
weit hinter die innovativen Vorstellungen liberaler Strategieplaner
zurück. Sie haben die Schnitte viel tiefer angesetzt
(1000 Nuklearsprengköpfe und darunter) und eine Anpassung
auch der Militärstrategie, der Teilstreitkräfte
(perspektivischer Verzicht auf die landgestützten Waffen
innerhalb der Triade) anvisiert. Sie wollen ferner den offenbar
nach wie vor hohen Alarmzustand, in dem sich die Streitkräfte
beider Seiten befinden, zeitgemäß herunterfahren.
Auch - und dies ist besonders relevant - die Verminderung
der zivilen und militärischen Ziele, auf die die Atomarsenale
beider Seiten noch gerichtet sind, schlagen sie vor.
Da hiervon derzeit in der Bush-Administration
kaum die Rede ist, werden die Argumentationslücken
im Hinblick auf die Abschaffung des ABM-Vertrages um so
größer. Wenn er das Symbol des mit dem Ost-West-Konflikt
zu Ende gegangenen Prinzips der Gegenseitig Gesicherten
Zerstörung ist, dann gilt das für andere Verträge
aus dieser Zeit auch. Selbst wenn die Bush-Administration
auch diese Rüstungskontroll-Abkommen in der START-Tradition
abschaffen würde, bleibt sie - entgegen ihrem rhetorischen
Anspruch - dem Zustand der Gegenseitig Gesicherten Zerstörung
weiterhin verhaftet. Der würde erst enden, wenn es
keine Nuklearsprengköpfe mehr oder bereits so wirksame
Abwehrsysteme gäbe, daß sie die Atomwaffen neutralisierten.
Das aber ist gerade nicht das erklärte
Ziel der Bush-Administration. Sie will vielmehr die nukleare
Abschreckung stärken. Ein Beleg hierfür ist, daß
sie den Umfassenden Nuklearen Teststopp-Vertrag nicht unterschreiben
und dem Senat zur Ratifizierung zuleiten will. Die US-Regierung
ist nicht an einer zeitgemäßen Delegitimierung
der Nuklearwaffen interessiert, sondern scheint im Gegenteil
verstärkt über ihren gezielten Einsatz in Form
von miniaturisierten Nuklearsprengköpfen als Reaktion
auf B- und C-Waffen nachzudenken. Daß sie bereit ist,
auf 2000 Gefechtsköpfe herunterzugehen, ist darauf
zurückzuführen, daß sie eine größere
Stückzahl für so überflüssig wie einen
Kropf hält. Aber wozu braucht man zehn Jahre nach Ende
des Ost-West-Konflikts, wenn man doch angeblich mit der
Beerdigung des ABM-Vertrages das Kalte-Kriegs-Denken überwinden
will, ein größeres Zerstörungspotential
als etwa während der Kuba-Krise? Der 11. September
hat zudem gezeigt, daß wir es mit einer neuen Bedrohungskategorie
zu tun haben: substaatliche Akteure. Sie sind mit einer
Kombination von Küchenmessern und Kerosin in der Lage,
das stärkste Land ins Mark zu treffen; und das wichtigste
Militärprojekt kann dagegen nichts ausrichten. Deshalb
ist es Zeit, über neue Prioritäten nachzudenken.
In den USA ist dieser Prozeß längst im Gange.
Dies drückt sich darin aus, daß der Begriff der
"Heimatverteidigung" ("homeland defense"),
der traditionell ausschließlich militärisch definiert
wurde, seit dem 11. 9. anders bestimmt wird und jetzt schwerpunktmäßig
polizeiliche sowie geheimdienstliche Ermittlungen umfaßt.
Auch der zweite Grund für die Beendigung
des ABM-Vertrages wird nach den Ereignissen vom 11. September
noch brüchiger: daß wir in einer veränderten
Welt leben, in der 28 Länder über Raketen verfügen
- und nicht nur neun Staaten wie im Jahre 1972, als das
ABM-Abkommen abgeschlossen wurde. Diese Zahlen sind nicht
falsch, aber irreführend. Denn lediglich drei Länder
- Nordkorea, Irak und Iran - gelten in den offiziellen US-Einschätzungen
in abgestufter Weise als Bedrohung. Nach dem 11. September
sollte die bisherige Politik gegenüber diesen Ländern
überdacht werden. Nordkorea wartet nach wie vor auf
einen seriösen Dialog mit der Bush-Administration.
Iran, dessen Raketenprogramme nach Erkenntnissen des Bundesnachrichtendienstes
sich gegenüber früheren Prognosen verlangsamt
haben, hat auf dem 11. September differenziert reagiert.
Und über Irak, der sich triumphierend
äußert, sich aber offenbar passiv verhält,
hat Paul Wolfowitz schon am 4. Mai 2001 vor dem American
Jewish Committee erklärt: "'Saddam Hussein hockt
auf einem gescheiterten Regime, das es in ein paar Jahren
nicht mehr geben wird. Die Welt,' sagte Minister Powell,
'wird ihn hinter sich lassen, während die Welt zu einem
neuen Rhythmus marschiert, der Rhythmus der Demokratie und
der freien Marktwirtschaft.' Und lassen Sie mich hinzufügen,
daß es unsere Verpflichtung ist, diesen Marsch nach
vorn in jeder Hinsicht zu unterstützen. Indem wir dies
tun, unterstützen wir uns selbst."[12] Irak ist
nach dem 11. September verstärkt ins Visier der Bush-Administration
gerückt. Überlegenswert wäre, statt politisch
zielloser Bombardements sich im UN-Rahmen wieder auf gezielte
Inspektionen der dortigen Rüstungsaktivitäten
zu verständigen.
Warum also von US-Seite so ausschließlich
auf militärische Mittel zur Lösung des Proliferationsproblems
setzen? Warum nicht als Lernen aus den Erfahrungen der multilateralen
Anti-Terror-Allianz multilateralen rüstungskontroll-
und exportpolitische Maßnahmen eine Chance - und den
Vorzug - geben? Ist es nach dem 11. 9. wirklich undenkbar,
daß die Vereinigten Staaten angesichts der Milzbrandwelle
die Vorzüge einer wirksamen B-Waffen-Konvention und
in diesem Zusammenhang auch den Wert eines Umfassenden Nuklearen
Teststopp-Vertrages erkennen? Der Weg dahin mag lang sein,
aber der Weg zur Erkenntnis, daß unser aller Sicherheit
bedeutet, Terroristen den Zugang zu spaltbaren Material
und zu Trägerwaffen zu erschweren, sollte kürzer
sein. Die Gespräche auf der Crawford Ranch sollten
verstärkt zu gemeinsamen Maßnahmen führen,
daß bombenfähiges Material nicht in die falschen
Hände gelangt. Die amerikanische finanzielle Unterstützung
hierfür, die die Bush-Administration seit ihrem Amtsantritt
heruntergefahren hat, sollte beträchtlich erweitert
werden.
Die politische Welt schaut in diesen Tagen
auf die beiden führenden Staatsmänner und darauf,
wie sie mit Verträgen umgehen. Das ABM-Abkommen alternativ
und leichtfertig gerade nach dem 11. September mit kaum
zu überzeugenden Begründungen zu brechen oder
zur Unkenntlichkeit zu verwässern, wäre ein schlechtes
Vorbild für den Rest der internationalen Gemeinschaft.
[1] "Auszüge einer Pressekonferenz
mit Präsident George W. Bush und Präsident Vladimir
Putin am 16. Juni 2001 in Ljubljana", Raketenabwehrforschung
International, www.hsfk.de/abm/bushadmi/bush/160601.html
[aufgerufen am: 8. 11. 2001].
[2] Statement von Sen. Jeff Sessions; in:
"Anhörung von Paul Wolfowitz vor dem Senate Armed
Services Committee am 12. Juli 2001 mit anschließender
Debatte", Raketenabwehrforschung International, www.hsfk.de/abm/bushadmi/wolfowit/071201a.html
[aufgerufen am: 8. 11. 2001].
[3] Süddeutsche Zeitung, 14./15. 8. 2001.
[4] Ebenda.
[5] International Herald Tribune, 18. 9. 2001.
[6] "Auszüge einer Pressekonferenz
mit Präsident George W. Bush am 11. Oktober 2001 in
Washington, DC", Raketenabwehrforschung International,
www.hsfk.de/abm/bushadmi/bush/111001.html
[aufgerufen am: 8. 11. 2001].
[7] Frankfurter Rundschau, 30. 10. 2001.
[8] "Statement von Rep. Bob Schaffer",
in: Congressional Record, 5. 10. 2001, S. E 1827f.
[9] International Herald Tribune, 18. 9. 2001.
[10] Zitiert in: Süddeutsche Zeitung,
22. 10. 2001.
[11] Süddeutsche Zeitung, 5. 11. 2001.
[12] "Auszüge einer Rede von Paul
Wolfowitz vor dem American Jewish Committee am 4. Mai 2001",
Raketenabwehrforschung International, www.hsfk.de/abm/bushadmi/wolfowit/050401.html
[aufgerufen am: 8. 11. 2001].
|
 |