 |
Bulletin No 48 - Herbst 2004
Bernd W. Kubbig
Wolfowitz' Welt verstehen: Entwicklung und Profil eines
"demokratischen Realisten" - Zusammenfassung
Paul Wolfowitz ist als wichtiger Mitgestalter
der US-Außen- und Sicherheitspolitik ein auch in Deutschland
gleichsam bekannter wie höchst umstrittener Akteur
geworden. Das gilt vor allem im Zusammenhang mit dem Irakkrieg,
der die ohnehin bestehenden transatlantischen Turbulenzen
verstärkt hat. Aus deutscher und vielfach auch aus
europäischer Sicht personifiziert Wolfowitz auf amerikanischer
Seite jene Dimensionen, die den transatlantischen Konflikt
ausmachen. Es sind dies unterschiedliche Auffassungen über
das Selbstverständnis des Westens als einer Gemeinschaft
demokratischer Staaten, über die bevorzugten politischen
und/oder militärischen Mittel sowie über außen-
und weltordnungspolitische Zielvorstellungen.
In der politisch nicht einheitlichen Bush-Administration
vertritt der Stellvertretende Verteidigungsminister eine
Gruppierung, die in der Regel als neokonservativ bezeichnet
wird. Zu ihrem Profil gehört ein ausgeprägt Amerika-zentriertes
Selbstbild, die Präferenz für den (frühzeitigen)
Einsatz militärischer Gewalt zur Lösung im Kern
politischer Probleme und die letztendlich unilaterale Durchsetzung
der Außen- und Weltordnungspolitik ohne Rücksicht
auf internationale Organisationen, Normen und Verträge.
Wolfowitz ist zudem eine intellektuelle Herausforderung.
Denn er hat vor allem in der Menschenrechts- und Demokratisierungsfrage
die traditionelle Eingruppierung von Liberalen und Konservativen
durcheinander gebracht.
Wolfowitz und sein außenpolitisches
Weltbild sind der Gegenstand dieser Studie. Sie untersucht,
wie dieses Weltbild zustande gekommen ist, aus welchen ideellen
Quellen es sich speist, wie stabil es ist und welche Wirkung
von ihm vor allem dort ausgeht, wo es sich in Form von Ideen
- verstanden als Expertise, Vorschläge und Konzepte
- auf konkrete politische Entscheidungen bezieht. Wolfowitz
versteht sich nicht als Neokonservativer, sondern als "demokratischer
Realist" (oder als "pragmatischer Idealist"),
bei dem die US-Traditionsstränge des Idealismus und
Realismus zusammenkommen. Ich verwende alle drei "Etiketten",
um ihn und sein Weltbild zu charakterisieren - also den
für ihn bedeutsamen, bevorzugt unilateral durchgeführten
Export der demokratischen Werte, sein Amerika-Zentrismus
und seine Sicht der "unipolaren" Konstellation
in den internationalen Beziehungen (Kapitel 1).
Das epochale Ereignis des japanischen Angriffs
am 7. Dezember 1941 auf den US-Militärstützpunkt
Pearl Harbor im Pazifik war auch für Wolfowitz' Weltbild
prägend. Die Reaktion Washingtons leitete eine fundamentale
Wende in der amerikanischen Weltpolitik ein - weg vom Isolationismus
und hin zu einem globalpolitischen Engagement. Dass diese
Kehrtwende Wolfowitz' außenpolitische Grundhaltung
zeitlebens bestimmt hat, ist wohl vor allem auf seinen wichtigsten
intellektuellen Mentor zurückzuführen: den weltweit
renommierten Nuklearstrategen Albert Wohlstetter. Dieses
"Pearl Harbor-Syndrom" als Teil des außenpolitischen
Weltbildes besteht aus folgenden Elementen: Der Feind ist
zu allem entschlossen, er täuscht durch irritierende
Signale, er greift mit seinen Überraschungstaktiken
meistens so an, wie man es am wenigsten erwartet, und er
handelt nach einer eigenen Rationalität.
Angesichts dieser fundamentalen Ungewissheit
ist es geboten, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen -
etwa, indem man die Waffen (oder gar die eigene Bevölkerung)
vorbeugend schützt. Dieses "Pearl Harbor-Syndrom"
bestimmte das erste Leitmotiv (Kapitel 2): die überzeichnete
Bedrohung, das Denken in Gut und Böse und die überragende
Bedeutung des Militärischen (Beispiel: Raketenabwehr).
Auch im Hinblick auf das zweite Leitmotiv
- Präventionskonzepte (Kapitel 3) - ist Wolfowitz bis
heute stark von Albert Wohlstetter geprägt. Dies zeigt
seine im Frühjahr 1972 eingereichte Dissertation "Nukleare
Weiterverbreitung im Mittleren Osten: Die politischen und
wirtschaftlichen Aspekte von Vorschlägen zur nuklearen
Entsalzung". In ihr geht es im Kern um eine vorbeugende
Strategie der USA gegenüber einem sich nuklearisierenden
Nahen und Mittleren Osten, der die Gefahr eines Atomkrieges
drastisch erhöhen würde. Wolfowitz' entscheidende
abschließende Forderung an Washington lautet im Sinne
einer exportpolitischen Präventionsmaßnahme,
in die gesamte Region keine vermeintlich zivilen Kernkraftwerke
zur Entsalzung zu liefern. Eine erkennbare Wirkung auf die
Haltung der Rüstungskontroll- und Abrüstungsbehörde,
in die er gegen Ende 1973 eintrat, haben Wolfowitz' radikale
Auffassungen nicht gehabt.
Das Gegenteil lässt sich von der Planungsrichtlinie
("Defense Planning Guidance") vom 18. Februar
1992 sagen, in der Wolfowitz und seine Mitarbeiter ihr weltordnungspolitisches
Modell für die "unipolare" internationale
Konstellation nach dem Zusammenbruch der UdSSR entwarfen.
Die Präventionsstrategie, die Wolfowitz (nunmehr zum
Undersecretary of Defense for Policy im von Dick Cheney
geleiteten Pentagon avanciert) jetzt in seinem Memorandum
präsentierte, war global ausgerichtet. Um die einmalige
Machtposition der USA nachhaltig abzusichern, müsse
es fortan das vorrangige Ziel amerikanischer Außenpolitik
sein, den Aufstieg neuer Rivalen - feindlicher Mächte
wie verbündeter Demokratien - zu verhindern. Im Mittleren
Osten müsse der Zugang zum Öl am Golf gesichert
bleiben.
Weitaus deutlicher als in der Dissertation
trat nun der Amerika-Zentrismus als Angelpunkt von Wolfowitz'
Weltbild zutage. Damals wurde das Strategiepapier durch
eine Fassung entschärft, die angesichts der weltweiten
Proteste die multilaterale Zusammenarbeit betonte. Die Wirkung
des ursprünglichen Papiers war nicht nur in der zunehmend
interventionistisch werdenden US-Außenpolitik der
Clinton-Regierung abzulesen. Auch in der Nationalen Sicherheitsstrategie
(National Security Strategy) der Bush-Administration vom
17. September 2002 finden sich Kernelemente aus dem Wolfowitz-Memorandum
von 1992 wieder.
Das dritte Leitmotiv - Wolfowitz' Interesse an der Demokratisierung
anderer Länder oder gar Regionen (Kapitel 4) - erweitert
in den Achtzigerjahren sein außenpolitisches Weltbild.
Dieses Interesse dürfte darauf zurückzuführen
sein, dass Wolfowitz Sohn eines polnischen Juden ist, der
rechtzeitig in die USA emigrierte. Das "Weimar-Syndrom"
- das Aufkommen des Totalitarismus im Kontext einer schwachen
Demokratie und einer westlichen Beschwichtigungspolitik
- ist deshalb bis heute eine ideelle Quelle im Denken von
Wolfowitz. Auf diese Weise ist auch das dunkelste Kapitel
deutscher Geschichte beim politischen Akteur Wolfowitz in
Washington präsent, wenn es um die energische Bekämpfung
des Terrorismus und den Schutz von Minderheiten geht. Vor
allem seine mehr als dreijährige Tätigkeit als
Assistant Secretary of State for East Asian and Pacific
Affairs prägten ihn, der Ronald Reagan zum Ursprung
des programmatischen Engagements von Republikanern für
demokratische Transformationen machte, in dieser Hinsicht
nachhaltig. Damals war Wolfowitz Mitgestalter eines friedlich-reformerischen
Regimewandels, der Ferdinand Marcos und seine Clique zum
Abdanken zwang. Das Regime in Manila fiel in die Kategorie
autoritärer, aber zur Reform fähiger Regime. Die
Demokratisierung erschien unabdingbar und vorteilhaft für
die USA. Das ideelle Ziel der Demokratisierung und der angestrebte
evolutionäre Regimewandel waren dabei keine Werte für
sich genommen, sondern fügten sich vorzüglich
in das Geflecht übergeordneter US-Interessen ein.
Insgesamt gesehen ist das zentrale Kriterium
des "demokratischen Realisten" Wolfowitz das übergeordnete
nationale Interesse der Vereinigten Staaten, wie es die
Entscheidungsträger in den USA jeweils definieren.
Zu seinem Weltbild gehört implizit aber auch die "nicht-demokratische"
Komponente: dass es im nationalen Interesse der USA notwendig
sein kann, mit autoritären oder gar totalitären
Staaten zu kooperieren.
Eine besondere Herausforderung für Wolfowitz'
Weltbild stellte die Irakfrage im Schatten des 11. Septembers
dar (Kapitel 5). Seit Mitte der Neunzigerjahre konzentrierte
Wolfowitz seine Aktivitäten darauf, dem Despoten Saddam
Hussein den Garaus zu machen. Das Aufkommen einer feindlichen
Macht, noch dazu in jener für die "vitalen Interessen"
der USA und des Westens entscheidenden Region, war inakzeptabel.
Die Forderung nach einem Regimewechsel begründeten
1998 prominente "Neokons" - Wolfowitz eingeschlossen
- in einem "Offenen Brief" an Präsident Clinton
ausschließlich interessen-, bündnis-, stabilitäts-
und energiepolitisch. Weder von der Verletzung der Menschenrechte
noch von der Schaffung einer Demokratie im Irak war die
Rede.
Für Wolfowitz war der 11. September 2001 eine Überraschung.
Mit substaatlichen terroristischen Akteuren rechnete er
nicht. Geprägt durch Pearl Harbor, war er auf Überraschungen
durch Staaten ausgerichtet. Die von den Terroristen am 11.
September verübten Anschläge stellten eine Gefahr
für Wolfowitz' jahrelanges Hauptanliegen dar, Saddam
Hussein zu beseitigen - sie boten aber auch die Chance,
den Irak in eine umfassende Anti-Terrorstrategie mit einzubauen,
die die Wahrscheinlichkeit, den Regimewechsel in Bagdad
herbeizuführen, beträchtlich erhöhte. Diese
letztere, optimistische Option galt aber nur dann, wenn
die Bekämpfung nicht auf die in "9/11" verwickelten
Terroristen und auf den Staat Afghanistan, in dem Osama
bin Laden agierte, beschränkt blieb, sondern umfassend
angelegt war. Der Vizechef des Pentagon setzte sich mit
aller Macht für diese umfassende Strategie ein.
Nach dem 11. September tauchen diese Faktoren
in Wolfowitz' Rhetorik als Begründung für einen
Regimewechsel mit Ausnahme der Massenvernichtungsmittel
nicht mehr auf (aber selbst deren Bedeutung verlagert sich).
Die nunmehr offiziellen Kriegsgründe waren: Saddams
Massenvernichtungsmittel, seine Unterstützung für
den Terrorismus und sein krimineller Umgang mit dem irakischen
Volk. Der Hauptgrund war für den stellvertretenden
Pentagon-Chef jedoch die Verbindung zwischen Massenvernichtungswaffen
und Terrorismus. Im Zeichen des 11. September stellte sich
zudem die Demokratiefrage völlig neu. Sie wird nun
zur auch geographisch umfassenden Demokratisierungsfrage
- ein Regimewandel in Bagdad soll nicht in erster Linie
die Menschenrechtsproblematik beseitigen, sondern soll als
Teil einer groß angelegten Transformationsstrategie
im "Greater Middle East" den terroristischen Sumpf
austrocknen. Dies ist der politische Kern der National Security
Strategy, und das ist auch der Kern von Wolfowitz' neuer
Argumentation.
Der Irakkrieg lässt sich nicht auf einen
Weltordnungs- oder Demokratisierungskrieg reduzieren, er
ist und bleibt - und aus meiner Sicht vielleicht sogar in
erster Linie - ein Interessenkrieg im oben definierten Sinne
für den gesicherten Zugriff auf das Öl, den Schutz
eigener Truppen und des Staates Israel sowie für das
übergreifende Ziel regionaler Stabilität. Zu diesen
traditionellen US-Interessen oder Zielen in jener Region
kommt zumindest für Wolfowitz (und wohl für die
meisten Neokonservativen innerhalb der Bush-Administration)
die Demokratisierung als neues Element hinzu. Insgesamt
erweist sich Wolfowitz hier als "demokratischer Realist"
und weniger als "revolutionärer Visionär".
Zusammengefasst (Kapitel 6): Paul Wolfowitz
ist als "demokratischer Realist" auch abwägender
Taktiker, kalkulierender Stratege und ein vom nationalen
Interesse der USA geleiteter Politiker, der in großen,
ja historischen Zeiträumen denkt, wenn er dies für
opportun hält. Seine Amerika-Zentriertheit und die
demokratiemissionarische Überdehnung der amerikanisch/westlichen
Werte haben in der Irakpolitik Washingtons eine äußerst
folgenschwere Blindheit erzeugt. Sie hat ihrerseits zu Fehleinschätzungen
und damit zu Fehlplanungen geführt, und zwar angefangen
bei der Vorstellung, als Befreier "bejubelt" zu
werden, bis hin zur Unfähigkeit, die drängenden
Grundprobleme des "befreiten" Landes zu bewältigen
(z.B. Sicherheit im Alltag, Stromversorgung). Als "Demokratieexporteure"
haben die Amerikaner auf absehbare Zeit an Glaubwürdigkeit
verloren.
Umso wichtiger wäre es für uns Europäer,
ein eigenes Profil zu zeigen, und zusammen mit den sich
stärker artikulierenden "realistischen Konservativen"
in der Bush-Administration um Außenminister Powell
auf eine Modernisierungsstrategie der kleinen Schritte zu
drängen. Eine stabilitätsorientierte "business-as-usual"-Politik
gegenüber den autoritären Regimen sollte der Vergangenheit
angehören. Darin ist Paul Wolfowitz zuzustimmen.
Alle diese Probleme lassen sich - und auch
dies zwingt zur transatlantischen Zusammenarbeit gerade
zwischen den USA und Deutschland - nur gemeinsam mit allen
Akteuren des gesamten politischen Spektrums in beiden Ländern
lösen, einschließlich der Neokonservativen. Trotz
der aufgezeigten Divergenzen ist Kooperation möglich.
Dazu bedarf es eines kommunikativen Prozesses der Selbstvergewisserung
und Selbstverständigung. Im Kleinen wie im Großen
sind Vorhaben unerlässlich, die im Sinne einer kooperativen
Spurensuche die Bedeutung der Gemeinsamkeiten ausloten.
Mit Bezug auf eine Anregung des Hessischen
Ministers für Wissenschaft und Kunst, Udo Corts, schließt
der Report mit dem Vorschlag zur Einrichtung einer transatlantischen
Studiengruppe, die generationenübergreifende wie interdisziplinär
zusammengesetzt sein sollte. Sie soll sich von anderen Aktivitäten
unterscheiden, die sich meistens auf gemeinsame Interessen
und Institutionen zum Ausgangspunkt konzentrieren. Die hier
vorgeschlagene Studiengruppe sollte sich vielmehr mit dem
gemeinsamen Erbe von Ideen befassen, die es für die
Koordination der Außenpolitiken fruchtbaren zu machen
gilt. Als Fokus bietet sich die Aufklärung an. Die
Gruppe sollte für wichtige Politikfelder konkrete Handlungsempfehlungen
erarbeiten. Vor diesem Hintergrund versteht sich dieser
Report als ein erster Baustein.
|
 |