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Bulletin No 6 - Frühjahr 2000

Bernd W. Kubbig/Götz Neuneck
Die US-Raketenabwehrpläne in Zeiten des amerikanischen Wahlkampfs

1. Präludium

Im Januar 1999, ein gutes Jahr vor Beginn der Präsidentschaftswahlen, gab die US-Administration einen Kurswechsel in ihrer Raketenabwehrpolitik bekannt. Bill Clinton kündigte an, daß er im Sommer 2000 - also zu Beginn der heißen Phase des Wahlkampfs - einen verbindlichen Beschluß über die Aufstellung eines Nationalen Raketenabwehrgürtels (National Missile Defense, NMD) treffen werde. Im November 2000 wird nicht nur ein neuer Präsident gewählt, auch ein Drittel der 100 Senatoren und alle 435 Abgeordneten des Repräsentantenhauses stellen sich den amerikanischen Wählern.

Der Raketentest Nordkoreas am 31. August 1998, der die Risikoeinschätzung des sechs Wochen vorher veröffentlichten Rumsfeld-Reports bestätigte, alarmierte die US-Regierung nicht nur in sicherheitspolitischer Hinsicht.[1] Für den von Clinton favorisierten Nachfolger Albert Gore und die bei den Kongreßwahlen antretenden Demokraten tat sich auch ein wahlpolitisches "Fenster der Verwundbarkeit" auf. Um es zu schließen, entschied sich das Weiße Haus abermals für die Strategie, mit der Bill Clinton sowohl 1992 als auch 1996 gegen seine Herausforderer George Bush und Robert Dole die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte: Nachdem er bis dahin gegen die entsprechenden NMD-Gesetzgebungen der Republikaner sein Veto eingelegt hatte, besetzte Clinton nun durch die gravierende Kursänderung ein Themenfeld, das wie kein anderes die außen- und sicherheitspolitische Identität der Republikaner ausmacht.

Der Rumsfeld-Report und der nordkoreanische Raketentest führten in den amerikanischen Eliten zu teilweise hysterischen Reaktionen. Insgesamt entstand eine "Wir müssen etwas tun"-Haltung, der sich selbst liberale Demokraten in beiden Häusern des Kongresses nicht entziehen zu können glaubten. Dies führte im März 1999 zur Verabschiedung des "Nationalen Raketenverteidigungsgesetzes von 1999" (National Missile Defense Act of 1999). Die ungewöhnlich hohe Zustimmung in beiden Häusern ist sicherlich nicht in erster Linie auf wahltaktische Erwägungen zurückzuführen, wohl aber kommt ihnen eine verstärkende Funktion zu. Das Gesetz besteht aus zwei Komponenten, von denen die zweite erst die Zustimmung vieler Demokraten im Kongreß ermöglichte. Sie sieht nicht nur die Aufstellung eines wirksamen Verteidigungssystems vor, "sobald dies möglich ist". Vielmehr - und dieses Element wird oft übersehen - verpflichtet das Gesetz die Administration dazu, gleichzeitig den bilateralen Prozeß der Rüstungsverminderung mit Rußland fortzusetzen. Führende Demokraten haben deutlich gemacht, daß die erforderlichen Veränderungen des Raketenabwehr-Vertrages (Anti-Ballistic Missile Treaty, ABM) von 1972 ebenfalls bilateral ausgehandelt werden sollen; eine einseitige Aufkündigung des Abkommens lehnen mehrere Senatoren ab, genauso allerdings wie eine Vetorolle Rußlands bei der endgültigen amerikanischen Entscheidung zur Raketenabwehr.

Ende Juli trat das Gesetz durch Clintons Unterschrift in Kraft. Die Gesetzgebung, die beträchtliche Steigerung des Budgets für die Raketenabwehr und Clintons für Sommer 2000 angekündigte Grundsatzentscheidung sollen die Entschlossenheit der Demokraten, einen ausreichenden militärtechnologischen Schutz der USA zu schaffen, demonstrieren. Die Regierung befürchtet, daß ein weiterer nordkoreanischer Raketentest die bis dahin in Sachen Raketenabwehr gleichgültige US-Öffentlichkeit auf den Plan ruft - und die Republikaner bei den Wahlen im November stärkt.

Präsident Clinton macht seine Entscheidung für den Aufbau eines Nationalen Abwehrsystems von vier Kriterien abhängig: den Kosten (1) und der technischen Machbarkeit (2), der Bedrohungslage (3) und der Folgen für die Rüstungskontrolle und für die strategische Gesamtsituation (4). Die mit diesen Kriterien verbundenen Probleme, Einschätzungen und Initiativen sollen im Folgenden erörtert und bewertet werden.

2. Kosten und technische Machbarkeit

Allein angesichts des anhaltenden US-Wirtschaftsbooms sind in der gegenwärtigen Diskussion die finanziellen Aufwendungen für das geplante System von geringer Bedeutung. Es gilt als finanzierbar - das erste Kriterium ist damit erfüllt. Für das am 1. Oktober 2000 beginnende Haushaltsjahr 2001 hat die Clinton-Regierung rund fünf Mrd. US-Dollar beantragt, davon soll der größte Teil, nämlich jeweils annähernd zwei Mrd., auf das Nationale Raketenabwehrsystem und auf die regionalen Verteidigungsprogramme (Theater Missile Defense, TMD) entfallen.[2] Über zehn Mrd. US-Dollar insgesamt fordert die Administration für die Haushaltsjahre 2001-2005 für NMD-bezogene Aktivitäten. Inzwischen hat Clinton weitere 2,3 Mrd. US-Dollar für das Programm beantragt.[3] 100 Abfangraketen werden nach den derzeitigen Plänen bis zum Jahre 2007 im Bundesstaat Alaska aufgestellt, die ersten 20 sollen bereits zwei Jahre vorher einsatzbereit sein. Dieses "Erweiterte C 1-System" ist auf den Schutz aller 50 Bundesstaaten gegen wenige feindliche Raketen ausgerichtet, die aus Versehen, unautorisiert oder absichtlich gestartet werden. Im Oktober und November 1999 hielt das Pentagon öffentliche Anhörungen über den Entwurf eines Umweltgutachtens (Environmental Impact Statement) in Alaska, North Dakota und in der US-Hauptstadt ab. 650 Amerikaner nahmen allein in Alaska an den Anhörungen teil. Die Frist für die öffentlichen Eingaben lief am 19. Januar 2000 ab, das endgültige Gutachten ist für den Frühsommer geplant.

Im Gegensatz zur Kostenfrage bereitet den NMD-Befürwortern in Administration und Kongreß die technische Machbarkeit große Sorgen. Denn mit ihrem Zeitplan hat sich die Regierung unter außerordentlichen Druck gesetzt. Nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge soll die sogenannte Deployment Readiness Review im Juni Klarheit darüber ergeben, ob die angekündigte Entscheidung des Präsidenten technisch zu rechtfertigen ist. Die Aussichten sind angesichts der bisherigen Testergebnisse denkbar schlecht. Denn der am 18. Januar 2000 durchgeführte zweite Versuch schlug fehl. Die Waffe, die einen Sprengkopf durch Aufprall zerstören sollte, verfehlte ihr Ziel. Ein weiterer Versuch wurde verschoben. Die erste, Anfang Oktober 1999 durchgeführte und vom Pentagon als erfolgreich bezeichnete Erprobung wurde unter völlig realitätsfernen Versuchsbedingungen durchgeführt.[4]

Es mag deshalb nicht überraschen, daß sich die Gegner und Skeptiker eines Nationalen Abwehrgürtels, die eigene Vorschläge präsentiert haben, in ihren Einwänden gegen das landesweite Vorhaben bestätigt sehen. Bemerkenswert ist die massive Kritik am übereilten Zeitplan aus den Reihen der Befürworter: Mitglieder aus beiden Kammern des Kongresses haben den Präsidenten aufgefordert, seine Entscheidung zu überdenken und zu verschieben. Sie fürchten, daß sich ein überhastetes, technologisch unausgereiftes System negativ auf die weitere Entwicklung des Raketenabwehrgürtels insgesamt auswirkt. Philip Coyle, der im Verteidigungsministerium die Abteilung Operational Test and Evaluation leitet, hat unverhohlen den von politischen Erwägungen bestimmten Zeitplan als zu knapp bemessen kritisiert. Der Zeitpunkt für Clintons Beschluß sei "künstlich", die normalerweise zehn bis zwölf Jahre dauernde Entwicklungs- und Testphase müsse auf acht Jahre oder weniger verkürzt werden.[5] Eine von Ex-General Larry Welch geleitete Expertengruppe hält es allein aus Zeitgründen für ausgeschlossen, daß die Deployment Readiness Review im Juni eine informierte Bewertung darüber abzugeben vermag, ob das Programm gestartet werden kann (readiness); nur über die grundsätzliche Machbarkeit (feasibility) des Vorhabens könne das Gremium bis dahin schon befinden.[6] "Go Slower on Missile Defense", so lautet nach dem letzten fehlgeschlagenen Abfangversuch die Empfehlung führender überregionaler Zeitungen in den USA. Die Risse unter der Oberfläche des sich abzeichnenden neuen Konsenses über eine begrenzte Nationale Raketenabwehr sind unübersehbar.

3. Bedrohungen

Die Befürworter einer zügigen NMD-Aufstellung halten weiterhin daran fest, daß die wachsende Bedrohung des amerikanischen Festlandes durch Massenvernichtungsmittel real ist. Das Kriterium der direkten Bedrohung gilt somit als erfüllt. Nach dem nordkoreanischen Test bedurfte es keines weiteren Beweises. Die neueste offizielle Gefahreneinschätzung aller US-Geheimdienste (National Intelligence Estimate, NIE) vom September 1999 nennt in ihren Projektionen bis 2015 neben Nordkorea jedoch nur noch Irak und Iran als bedrohende Staaten. Die Möglichkeit, daß irrtümlich oder unautorisiert abgefeuerte russische oder chinesische Nuklearsprengköpfe amerikanisches Territorium erreichen könnten, schätzt der Risikobericht - möglicherweise zu optimistisch - als höchst unwahrscheinlich ein.[7]

Die Auswirkungen des Rumsfeld-Reports, der die Glaubwürdigkeit der Geheimdienste schwer erschüttert hat, sind insbesondere in der Methodik der letzten Einschätzung unverkennbar: Die NIE vom September spricht nicht mehr nur von wahrscheinlichen nordkoreanischen, irakischen oder iranischen Entwicklungs- und Testaktivitäten auf dem Gebiet der Massenvernichtungsmittel. Vielmehr nimmt sie als weiteres Kriterium die rein technische Möglichkeit hinzu (die Rumsfeld-Kommission hat ausschließlich diesen letzten Gradmesser angewandt). Auf diese Weise potenziert sich nunmehr auch aus der Sicht der Geheimdienste das Gefahrenpotential für die Vereinigten Staaten.

Dennoch enthält der September-Bericht Positionen, die die Abwehrkritiker als Unterstützung ihrer Auffassung werten. Zum einen betont die NIE, daß die Staaten, die eine Interkontinentalrakete testen, zahlreiche technische Gegenmaßnahmen zu entwickeln vermögen, um den Abwehrschild der USA zu durchdringen. Zum anderen stellen die Geheimdienste die Gefahren, die den Vereinigten Staaten durch Massenvernichtungsmittel drohen, in den Kontext einer breiteren Bedrohungspalette, die ausführlicher dargestellt wird als in früheren Berichten. Innerhalb des Gefahrenspektrums gilt ein Raketenangriff aus einem Land wie Irak oder Iran nicht als die wahrscheinlichste Bedrohung für die USA. Die neueste offizielle Einschätzung erwähnt zudem mehrere Vorteile, die insbesondere Terroristen haben, wenn sie Sprengsätze auf das amerikanische Festland transportieren, gegen die das geplante Abwehrsystem nichts auszurichten vermag.

Während die isolationistisch orientierten Raketenabwehrbefürworter in erster Linie das US-Territorium vor Raketenangriffen schützen wollen, betonen die konservativen und liberalen Internationalisten die Wahrung amerikanischer Interessen in Konfliktsituationen. Dieses insgesamt wichtigste Motiv steht nicht nur hinter dem angestrebten Aufbau eines Nationalen Verteidigungsgürtels, sondern gilt auch für regionale Abwehrsysteme. "In vielfacher Weise", so der zuständige Beamte im National Intelligence Council Robert Walpole am 9. Februar 2000 vor einem Senatsunterausschuß, "sind derartige Waffen (...) primär strategische Waffen zur Abschreckung und erzwingenden Diplomatie".[8] Die Raketenabwehr, so die Befürworter, soll die Glaubwürdigkeit der USA stärken, indem sie ihre politischen und militärischen Optionen erweitert. Allerdings ist die Clinton-Administration in ihrer mit Japan und Südkorea abgestimmten, durch Druck und Anreize gekennzeichnete Nordkorea-Politik bisher auch ohne ein amerikanisches Raketenabwehrsystem erfolgreich gewesen. Sie könnte sich als das Glanzstück ihrer gesamten Außenpolitik erweisen. Sonderberater William Perry bestärkte die US-Regierung in ihrem Kurswechsel gegenüber dem Regime in Pjöngjang. Die Administration erwartet nicht mehr die baldige Implosion des kommunistischen Regimes und setzt nicht mehr auf Ausgrenzung und Destabilisierung, sondern auf die Einbindung Nordkoreas durch materielle Hilfe und auf eine Normalisierung der Beziehungen.

Dem sich alles andere als irrational verhaltenden Regime ist es gelungen, zum größten Empfänger amerikanischer Auslandshilfe in ganz Asien zu werden. Washington erwartet im Gegenzug in erster Linie, daß Pjöngjang sein Testprogramm für Raketen mit "großer Reichweite" einstellt und sich in seiner Exportpolitik an die strikten Regeln des Raketentechnologie-Kontrollregimes (Missile Technology Control Regime, MTCR) hält. Auf die Lockerung der Sanktionen seitens der USA hat Nordkorea bisher insofern positiv reagiert, als es den erwarteten zweiten Raketentest nicht durchgeführt hat. Dieser Verzicht ist ein Wahlkampfgeschenk für die US-Administration, da er den Republikanern gerade nicht in die Hände arbeitet. Der Kandidat Bush hat sich entschiedener als sein Rivale Gore für die Aufstellung eines Nationalen Verteidigungssystems ausgesprochen. Die Zurückhaltung Nordkoreas könnte den entschiedenen Abwehrbefürwortern den Wind aus den Segeln nehmen, die Bush Ende März aufforderten, den Nationalen Schutzgürtel im Herbst zu einem zentralen Wahlkampfthema zu machen. Der Verzicht Nordkoreas auf einen weiteren Raketentest stellt jedoch auch die derzeit wichtigste offizielle Begründung der Administration für ein Nationales Verteidigungssystem in Frage. Bezeichnenderweise hält Sonderberater Perry im Rahmen der von ihm befürworteten carrot and sticks-Strategie einen territorialen Abwehrgürtel der USA offenbar nicht für notwendig.[9]

4. Auswirkungen auf die Rüstungskontrolle und die strategische Gesamtsituation

Hier sind in erster Linie die Änderungen des ABM-Vertrages, die möglichen Reaktionen Chinas und die von den Europäern artikulierten Besorgnisse um die Rüstungskontrolle angesprochen. Seit Mitte August 1999 versuchen Delegationen der USA und Rußlands in Gesprächen, die notwendigen Modifikationen des Raketenabwehr-Abkommens auszuhandeln. Der Dissens ist in den öffentlichen Erklärungen beider Seiten nach wie vor unübersehbar. Die Russen wollen den Vertrag von 1972 unverändert erhalten, die Amerikaner wollen ihn aufweichen, damit er ihren Aufrüstungsplänen nicht im Wege steht.

Bisher ist Moskau auf die Kooperationsangebote Washingtons nicht eingegangen. Im Gegenteil: Rußland erwägt militärische und politischen Gegenmaßnahmen. Dies würde auf eine erneute Aufrüstung hinauslaufen. China droht ebenfalls weiterhin mit dem Ausbau seiner Nuklearkapazitäten. Das Reich der Mitte sieht sich nach wie vor nicht nur durch das nationale, sondern auch durch das geplante regionale Abwehrsystem in Asien bedroht. Offizielle Gespräche zwischen Washington und Beijing fanden erstmals Mitte Februar 2000 statt, von einem konstruktiven Dialog läßt sich jedoch einstweilen noch nicht sprechen. Demgegenüber informiert die Clinton-Administration seit November 1999 die NATO-Verbündeten über ihre Raketenabwehrpläne. Die Europäer haben sich - sofern sie überhaupt bereits eine differenzierte Position einnehmen - hauptsächlich besorgt über die negativen Auswirkungen auf die Rüstungskontrolle geäußert, sei es im amerikanisch-russischen Verhältnis, sei es weltweit. Machen Moskau und Beijing mit ihren Aufrüstungsdrohungen ernst, ist der Nukleare Nichtverbreitungs-Vertrag zusätzlich gefährdet.

Das Rüstungskontrollkriterium sowie die von Rußland, China und den Europäern geäußerten Bedenken wird Außenministerin Albright in den Meinungsbildungsprozeß einbringen, an dessen Ende Clintons Beschluß stehen soll. Aber damit ist nur eine Facette der derzeitigen Diskussion benannt.[10] Denn in den USA mehren sich Stimmen, die für eine Unterbrechung der bilateralen Gespräche mit Moskau plädieren. Parlamentarier und Meinungsführer wie Henry Kissinger befürchten, daß die Clinton-Administration unter dem selbst auferlegten Zeitdruck und noch dazu in der heißen Phase des Wahlkampfes zu sicherheitspolitisch nicht annehmbaren Zugeständnissen gegenüber Moskau bereit ist.[11] Derzeit ist nicht zu erkennen, ob es gelingen wird, die Russen bis zur anstehenden Entscheidung des Präsidenten zu beträchtlichen Zugeständnissen zu bewegen. Denn auch Moskau weiß, daß zumindest ein neu gewählter republikanischer Präsident ein in der Ära Clinton erzieltes Übereinkommen neu aushandeln wird – zumal dann, wenn die republikanischen Mehrheitsverhältnisse im Senat durch die November-Wahlen erhalten bleiben. Das vierte Kriterium ist also noch nicht erfüllt.

5. Ausblick und Optionen

Präsident Clinton hat sich allein aus wahltaktischen Überlegungen in ein Dilemma gebracht. Einerseits muß er seinen favorisierten Nachfolger Gore und die zur Wahl stehenden Abgeordneten und Senatoren bis zum November davor schützen, daß sie etwa im Falle eines zweiten nordkoreanischen Raketentests gegenüber den Republikanern ins Hintertreffen geraten. Andererseits hat die komplexe Technologie der Raketenabwehr den Präsidenten im Stich gelassen, die Russen zeigen sich bislang nicht kompromißbereit, und die europäischen Verbündeten äußern mehr Bedenken als Zustimmung. Diese Gründe sprechen dafür, die Entscheidung für den Bau eines kontinentalen Abwehrsystems in die Amtszeit des nächsten Präsidenten zu verschieben.

Die Bundesregierung in Berlin und die mit dieser Frage befaßten Parlamentarier sollten sich ebenfalls für einen Aufschub stark machen. Die maßgeblichen deutschen Akteure sind gleichermaßen gut beraten abzuwarten, bis sich der durch den Wahlkampf aufgewirbelte Raketenabwehrstaub gelegt hat. In Berlin stellt man sich offenbar darauf ein, daß in den USA nach der Wahl "irgendetwas" stationiert werden wird.[12] Die Positionen der Europäer bleiben auch für die nächste US-Regierung nicht unwichtig, aber derzeit käme es darauf an, Putin bei seiner Rüstungskontrolloffensive zu unterstützen. Nach der überfälligen Ratifizierung des START II-Vertrages und nach der Verabschiedung des Umfassenden Teststopp-Abkommens durch die Duma sollten die Europäer Putin drängen, ebenso offensive Abrüstungsangebote bei den 20.000 bis 25.000 nichtstrategischen Atomwaffen zu machen. Die Europäer sollten China ebenfalls in eine Rüstungskontroll-Entente einbinden, um alle wichtigen Elemente eines Nichtverbreitungs-Regimes, einschließlich des ABM-Vertrags, zu erhalten. Dies würde den Außendruck auf die USA erhöhen, ihren auch militärtechnologisch instrumentierten Unilateralismus zugunsten multilateraler Diplomatie abzuschwächen.

Dennoch sollten die Europäer - und mithin die Berliner Regierung - die Chance nutzen, um gegenüber der Vormacht USA ein eigenes Profil zu entwickeln. Schon jetzt sind die Amerikaner dabei, den Europäern vor Augen zu führen, wie sehr sie bisher das in Nordafrika und im Nahen/Mittleren Osten entstehende Gefahrenpotential ignoriert haben. In der Tat sind Staaten wie Iran und Syrien dabei, im Prinzip auch für Europa bedrohliche Massenvernichtungsmittel zu entwickeln. Ein eigenes Profil läßt sich gegenüber den USA dadurch gewinnen, daß man deren undifferenzierte, zum Alarmismus verleitende Gefahreneinschätzung nicht übernimmt. Gleichzeitig bietet es sich etwa nach den Wahlen in Iran an, das sich öffnende Fenster der Gelegenheiten zu nutzen und zu versuchen, einen Rüstungskontroll-Dialog mit Teheran und anderen Staaten der Region zu beginnen. Syriens Position beginnt sich dadurch zu verändern, daß es zu einem wenn auch schwierigen Verhandlungspartner von Israel geworden ist, und selbst in Libyen gibt es derzeit Anzeichen einer Kooperationsbereitschaft mit Europa.[13]

Bevor Europa vorschnell eigene Abwehrwaffen und Sprengköpfe kauft, entwickelt oder testet, sollte es prüfen, was in den Köpfen der südlichen Nachbarn vor sich geht. Diplomatie statt Waffen – eine solche Politik verspricht am ehesten, daß Europa gegenüber dem amerikanischen Hegemon eine gewisse Handlungsfreiheit bewahrt. Denn an der gegenwärtigen historischen Weggabelung liefe die Einführung eines Nationalen Raketenabwehrsystems darauf hinaus, sicherzustellen, daß sich das transatlantische Bündnis wie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erneut auf eine waffentechnologische US-Überlegenheit gründet.

[1] Dieser Beitrag setzt das Bulletin Nr. 2 von Bernd W. Kubbig, "Etappensieg der Raketenabwehrbefürworter - Das Aus für den Raketenabwehrvertrag ist nähergerückt", fort. Hier findet sich eine Reihe von Informationen, die in dem neueren Beitrag nicht wiederholt wurden.

[2] Zum Folgenden siehe Statement von Ronald T. Kadish (Direktor der Ballistic Missile Defense Organization im Pentagon) vor dem House Armed Services Committee, Research and Development & Procurement Subcommittees, 16. 2. 2000 (Typoskript).

[3] Das Congressional Budget Office kommt in seinen Prognosen hingegen zu einer höheren finanziellen Belastung. Siehe U.S. Congress, Congressional Budget Office, Budget Options for National Defense, Washington, D.C., März 2000, S. 34-39.

[4] Siehe International Herald Tribune, 9. 2. 2000.

[5] Zitate in: Congressional Quarterly Weekly, 19. 2. 2000, S. 373.

[6] Abdruck des zweiten Welch-Report findet sich in: Arms Control Today, Vol. 29, Nr. 7, 1999, S. 14-20.

[7] Siehe U.S. Central Intelligence Agency, Foreign Missile Developments and the Ballistic Missile Threat to the United States Through 2015, USIS, EUR 514 09/10/99. Auf diesem Report basiert das Statement for the Record von Robert D. Walpole (National Intelligence Officer for Strategic and Nuclear Programs) vor dem Senate Subcommittee on International Security, Proliferation, and Federal Services, 9. 2. 2000 (Typoskript).

[8] Ebd., S. 3.

[9] U.S. Zum Vorangegangenen siehe Statement von William Perry (North Korea Policy Adviser) vor dem House International Relations Committee, 13. 10. 1999 (Typoskript).

[10] Vgl. die Grundsatzrede von John D. Holum (Senior Adviser für Arms Control and International Security im U.S. Department of State) auf der Conference on International Reactions to U.S. National and Theater Missile Defense Deployments an der Stanford University am 3. 3. 2000. Im Internet unter http://usinfo.state.gov/topical/pol/arms/stories/holstanf.html.

[11] Henry Kissinger, The Next President's First Obligation, in: Washington Post, 9. 2. 2000.

[12] So läßt sich die Position zusammenfassen, wie sie etwa der Beauftragte der Bundesregierung für Abrüstung und Rüstungskontrolle, Botschafter Klaus Neubert, in seinem Referat vortrug, das er während des Fachgesprächs 'Naturwissenschaft und Internationale Sicherheit'` des Arbeitskreises Physik und Abrüstung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft am 22. 3. 2000 in Berlin hielt.Dezember 1999.

[13] Siehe hierzu: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6 .3. 2000.

Dieser Beitrag erscheint auch in: Ulrich Ratsch/Reinhard Mutz/Bruno Schoch (Hg.), Friedensgutachten 2000, Münster, 2000.

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