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Bulletin No 38 -Frühjahr 2003
Harald Müller
"Defensive Präemption" und Raketenabwehr:
Unilateralismus als Weltordnungspolitik
Das Verhältnis zwischen den Raketenabwehrplänen
und der "präemptiven Defensive", dem Kern
der neuen amerikanischen Militärdoktrin, ist nur zu
verstehen, wenn man die politische Philosophie ins Visier
nimmt, der diese Konzepte entstammen.[1] Die gegenwärtige
Regierung trat ihr Amt mit einer festen Überzeugung
an, dass das amerikanische politische sowie wirtschaftliche
System allen anderen überlegen und daher für die
Weltentwicklung richtungsweisend sei. Sie leitet daraus
die Mission ab, die Vorzüge dieser Ordnung zu verteidigen
und nach Möglichkeit weltweit zu verbreiten. Amerikanische
Interessen - so wie sie die Administration definiert - fallen
insofern mit denen der Menschheit zusammen. Daraus leiten
die USA ihren Führungsanspruch ab. Die Vertretung nationaler
Interessen ist nicht einfach der Ausdruck enger, egoistischer
Machtpolitik, sondern stellt zugleich das Eintreten für
Menschheitsinteressen dar. Die Vereinigten Staaten dürfen
sich daher in der Sicht ihrer Regierung nicht einbinden
lassen; ihre Handlungsfreiheit muss in jeder Situation gewährleistet
bleiben. Dieses Verständnis von Unilateralismus ist
mehr als bloße Machtpolitik, obwohl es für Außenstehende
kaum davon unterscheidbar ist. Vielmehr zielt dieser Unilateralismus
auf die Gestaltung einer Weltordnung ab, in denen den USA
die unbestrittene Führung zukommt.
Feind- und Bedrohungsbild
Bereits vor dem 11. September ging die Bush-Regierung
von einer breiten, diffusen Bedrohung aus. Sie schloss das
Aufkommen möglicher Rivalen ein, wobei China im Fadenkreuz
des konservativen Misstrauens steht. "Schurkenstaaten",
die ehrgeizige Pläne für regionale Vorherrschaft
hegen, diese Pläne durch die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen
instrumentieren wollen und überdies den Terrorismus
als Mittel ihrer aggressiven Politik nutzen, sind ein weiterer
Störfaktor, der amerikanische Ordnungsinteressen in
Mitleidenschaft zieht. Der Terrorismus selbst mit zunehmend
fanatischen, transnationalen und massenmörderischen
Zügen zog die US-Regierung ebenfalls als Sicherheitsbedrohung
in Betracht, trat aber vor den Anschlägen von New York
und Washington hinter die anderen beiden Bedrohungsbilder
zurück.
Der 11. September verschob die Rangfolge zwischen
den Bedrohungen, denen die USA sich ausgesetzt glauben.
Der transnationale Terrorismus rangierte nun verständlicherweise
auf Platz eins, gefolgt von den "Schurkenstaaten",
in deren Koalition mit den zu allem entschlossenen Terroristen
man eine wachsende, sehr ernstzunehmende Gefahr zu erkennen
glaubte.[2] Demgegenüber trat die potenzielle Supermachtrivalität
in den Hintergrund, ohne jedoch gänzlich vom Horizont
zu verschwinden. Der internationale Terrorismus kann sich
überall seine Ausgangsbasen schaffen. Er wird jedoch
Anschläge mit großer Wucht nur durchführen
können, wird nur langfristig eine ernstzunehmende Gefahr
bieten, wenn er, wie in den Jahren zuvor, auf Erholungsräume,
Trainings- und Waffenlager, Waffenlabors - und damit auf
eine sichere und geschützte territoriale Basis - zurückgreifen
kann. Fehlt sie, werden Terroranschläge zwar nicht
unmöglich, es erschwert aber ihre Vorbereitung, vermindert
ihre Wirksamkeit sowie ihre Häufigkeit und erhöht
die Gefahr, dass auch die Führung schließlich
Opfer eines Fahndungserfolgs wird. Die Vereinigten Staaten
wollen daher über die Möglichkeit verfügen,
weltweit gegen eine solche territoriale Basis vorzugehen.
Neben der Zerstörung der terroristischen
Basis wird damit für die USA die Eliminierung der Regierungen,
die nach Massenvernichtungswaffen streben oder diese schon
besitzen, gegenüber den Vereinigten Staaten feindlich
eingestellt sind und Beziehungen zu Terroristen unterhalten,
zu einer vordringlichen sicherheitspolitischen Aufgabe.
Diese tritt im Sinne amerikanischer Sicherheits- und Weltordnungspolitik
neben und über die militärisch unterlegte Konkurrenz
mit rivalisierenden Mächten im Sinne herkömmlicher
Machtpolitik.
Die Triade von Zielen und Mitteln
Aus diesem weltweiten Aufgabenkranz ergibt
sich das neue Arrangement einer Triade von Zielen und Mitteln
in der nunmehr geltenden sicherheitspolitischen sowie militärischen
Doktrin. Die Triade von Zielen besteht aus Abschreckung,
Präemption und Verteidigung. Nur wenn alle drei Ziele
als Dreieinheit erreicht werden, erlangt die amerikanische
auswärtige Politik jene unabdingbare Handlungsfreiheit,
derer sie bedarf, um auf der Grundlage umfassend gewährter
nationaler Sicherheit weltweit ihre selbstgestellten Ordnungsaufgaben
erfüllen zu können.
Alle drei Ziele sind militärisch-technisch
äußerst anspruchsvoll. Die Abschreckung verlangt
das in Waffen, Strategie und Glaubwürdigkeit überzeugende
Einwirken auf den Willen des Gegners, die Herausforderung
amerikanischer Interessen zu unterlassen. Die Verteidigung
erfordert lückenlose Aufklärung über mögliche
Angriffe rund um die Uhr und ein hochbereites, technisch
fehlerlos funktionierendes, komplexes System. Die Präemption
schließlich ist nur durch das Zusammenspiel noch intensiverer
Überwachung und Aufklärung potenzieller Feindstaaten
und Gastgeberländer von Terroristen mit einem global
wirksamen, jederzeit unmittelbar einsatzbereiten, mobilisierbaren
sowie punktgenau treffsicheren Angriffsdispositiv möglich.
Zusammen ergeben sie die unabweisbare Notwendigkeit
einer militärischen Überlegenheit, die jedem denkbaren
Herausforderer die Lust, zur Bedrohung für Amerika
zu werden, von vornherein gründlich vergällen
soll. Denn jedes denkbare "Gleichgewicht" würde
sofort einen der drei Pfeiler der Zieltriade infrage stellen.
Daraus folgen zwei Imperative: Erstens einen entsprechenden
Investivanteil im Verteidigungshaushalt, der auf Dauer den
Ausgaben für Forschung, Entwicklung und Beschaffung
jeder möglichen Kombination von Feinden überlegen
ist. Zweitens der Verzicht auf Rüstungskontrolle, soweit
diese auf die Beschränkung der eigenen Aufrüstungs-
und Handlungsmöglichkeiten hinausliefe.
Abschreckung
Zentrales Instrument der Abschreckung bleiben
die Kernwaffen. Viele Äußerungen, dass die Abschreckung
aus dem Kalten Krieg nicht mehr anwendbar sei, verleiten
leicht zu der Schlussfolgerung, die USA hätten sich
gänzlich von diesem Konzept verabschiedet. Dies ist
jedoch nicht richtig. Anderenfalls wäre es nicht zu
erklären, warum die amerikanische Führung an einem
einsatzbereiten Kernwaffenarsenal von über 2.000 Sprengköpfen
festhält und überdies Reserven von fast 5.000
Sprengköpfen für einen eventuellen "Wiederaufwuchs"
seines Arsenals behalten will. Abschreckung bleibt in dreifachem
Sinn ein Eckstein amerikanischer Sicherheitspolitik unter
der Doktrin totaler Überlegenheit.
Abschreckung ist eigentlich gedacht als ein
Gleichgewicht (oder sogar Ungleichgewicht) des Schreckens:
Die Aussicht auf die eigenen Vernichtung als zwangsläufige
Folge einer Angriffshandlung soll den Gegner von jedem Gedanken
an Aggression abhalten. Nach amerikanischen Verständnis
ist dazu eine ungefähre Balance der Vernichtungsmittel
erforderlich oder nach französischem Verständnis
ein Minimum ungeachtet der Häufung von Massenvernichtungswaffen
beim Gegner. Im neuen amerikanischen Denken hingegen ist
die absolute Überlegenheit auf allen Kampfgebieten
erforderlich. Dem Gegner - der rationalen Überlegungen
nur schwer zugänglich ist (aus ideologischen/kulturellen/religiösen
Gründen) und dessen Wahrnehmung verzerrt sein mag (aus
Gründen der Selbstüberschätzung) - muss deutlich
gemacht werden, dass auch "asymmetrische Kriegführung"[3]
- zum Beispiel der Einsatz von Massenvernichtungswaffen
im Rahmen eines eigentlich konventionellen Krieges - nicht
zum Ziel führt: Die USA haben auf jede mögliche
militärische Aktion des Gegners eine überlegene
Antwort.
Abschreckung und Verteidigung: Die
Rolle der Raketenabwehr
In welchem Verhältnis steht nun die Abschreckung
zur Verteidigung? Auf die einfachste Formel gebracht ist
die Verteidigung die Rückversicherung, falls die Abschreckung
versagt und zugleich ein wichtiger Baustein im Gefüge
der "Abschreckung durch Verneinung". Die Wirksamkeit
der Abschreckung beruht auf der Einwirkung des eigenen militärischen
Dispositivs und der eigenen Glaubwürdigkeit auf den
politischen Willen des Gegners. Durch diesen subjektiven
Faktor ist Abschreckung immer nur in Wahrscheinlichkeitsprognosen
zu formulieren. In anderen Worten: Sie kann versagen.
Raketenabwehr ist in diesem Zusammenhang von
großer Wichtigkeit. Sie hilft, die Verwundbarkeit
des amerikanischen Territoriums zu senken. Für das
weltweite Engagement der USA ist dieser Effekt (wenn er
denn wirklich eintritt, was heute in den Sternen steht)
unschätzbar: Die Raketenabwehr entkräftet die
Hoffnungen des Gegners, die Vereinigten Staaten mit auf
Raketen montierten Massenvernichtungswaffen davon abzuhalten,
in der jeweiligen Region ihre eigenen Vorstellungen durchzusetzen
(zum Beispiel "Terroristennester" auszuheben;
regionale Gleichgewichte zu bewahren oder herzustellen,
oder, im extremen Falle, missliebige Regime zu entfernen).
Damit können dieselben Akteure jedoch
davon abgeschreckt werden, ihre regionalen, den amerikanischen
Wünschen widersprechenden Interessen überhaupt
erst zu verfolgen. Wer weiß, dass er mit dem Militärapparat
der einzigen Supermacht konfrontiert und sein Territorium
den vernichtenden Schlägen der US-Luftwaffen ausgesetzt
ist - die im vergangenen Jahrzehnt eindrucksvolle Demonstrationen
ihrer Fähigkeiten abgeleistet hat -, wird es sich dreimal
überlegen, ob er um mäßiger territorialer
oder wirtschaftlicher Vorteile willen die eigene Existenz
riskiert, ohne gegenüber den USA irgendeine Rückversicherung
in der Hinterhand zu haben. Das gilt natürlich auch
für Staaten, die mit dem Gedanken spielen könnten,
dem Terrorismus eine Heimstatt und ein sicheres Refugium
zu bieten. Obwohl es auf den ersten Blick widersprüchlich
klingt, wird die Raketenabwehr auf diese Weise zum Kernbestandteil
einer Abschreckungspolitik, die nicht auf einer Philosophie
des Gleichgewichts, sondern auf einer Überlegenheitsdoktrin
beruht.
Neben der Raketenabwehr ist seit dem 11. September
ein weiteres Instrument der nationalen Verteidigung in den
Vordergrund getreten: "Homeland Security", das
heißt innere Sicherheit gegen Bedrohungen, deren Quelle
- geographisch gesehen - im eigenen Lande liegt. Eine neue
Behörde mit Ministerialrang soll diese Gefahr unter
Kontrolle halten. Unter den Bedingungen der Globalisierung,
das heißt eines Reiseverkehrs und einer Mobilität,
kann diese nicht ohne schwersten Schaden für die eigene
Volkswirtschaft eingeschränkt werden. Unter den Bedingungen
der Multikulturalität, die gewalttätigen Gruppen
mit religiösem oder ethnischem Hintergrund einen einheimischen
Hintergrund gibt, vor dem "ungewöhnliche Aktivitäten"
schwer zu identifizieren sind, unternehmen die USA verstärkte
Anstrengungen, dennoch geplante Gewaltakte im Vorfeld aufzuklären.
Zu diesem Zweck nehmen sie auch drastische Einschränkungen
der Bürgerrechte in Kauf, die in besonders auffallendem
Gegensatz zur weiterhin bestehenden Freizügigkeit im
Erwerb und Besitz von tödlichen (Klein-)Waffen stehen.
Abschreckung, Präemption und Prävention
Präventiv ist eine Handlung, wenn man
einen Gegner angreift, weil man annimmt, dass ein Angriff
unmittelbar bevorsteht. Dagegen bezeichnet Prävention
eine die Absichten des Gegners gewissermaßen antizipierende
militärische Operation, die eine Angriffsvorbereitung
schon im Keim erstickt. Sie zielt darauf ab, den Gegner
bereits an der Entwicklung jener Fähigkeiten zu hindern,
die ihn erst in den Stand setzen würden, einen Angriff
gegen mein eigenes Land auszuführen. Präemption
wird ausgeübt, wenn mein Gegner Flüssigbrennstoff
in seine Raketen füllt. Prävention betreibe ich,
wenn ich seine Raketenfabriken zerstöre, bevor das
erste Produkt die Fabrikhallen verlässt.
Was haben diese Handlungen, die Feindseligkeiten
nicht abwarten, sondern selbst auslösen, mit Abschreckung
gemein, der an sich ein passiver, defensiver Ruf anhaftet?
Wiederum geht es weniger darum, den Gegner von einer direkten
Angriffshandlung gegen amerikanisches Territorium abzuhalten.
Er soll vielmehr davon abgeschreckt werden, US-Interessen
weit von den eigenen Grenzen herauszufordern: ein regionales
Gleichgewicht in eine Amerika unerwünschte Richtung
zu verändern oder Terroristen eine Heimstatt zu bieten.
In diesen Fällen kann der Feind unter der Präemptionsdoktrin
nicht darauf rechnen, dass die USA solange warten, bis er
ihnen gegenüber handlungs- und damit abschreckungsfähig
ist. Washington wird nicht zusehen, bis ein solcher Staat
Massenvernichtungsmittel und Trägerwaffen (Raketen)
einsatzfähig hat, die US-Territorium erreichen können.
Er soll auch nicht glauben, auf weniger konventionellen
Wegen - etwa durch eigene Agenten oder durch die Weitergabe
etwa von biologischen Waffen eine Abschreckungswirkung gegen
die USA erzielen zu können. Was immer die Pläne
sind, die Präemptionsdoktrin droht die Zerstörung
solcher Fähigkeiten an, bevor sie gegen die Vereinigten
Staaten wirksam in Anschlag gebracht werden können.
Dies ist die Version der "Abschreckung
durch Verneinung" ("deterrence by denial"):
Verneint wird dem Gegner jede Hoffnung, durch eigene militärische
Handlungen politische Ziele verwirklichen zu können.
Jeder seiner Optionen steht eine überlegene Option
der USA gegenüber. Kennzeichnend für die Präemption
ist, dass sie vorzugsweise mit konventionellen Waffen ausgeführt
werden soll.
Mit der Übernahme von Präemptionsschlägen
durch konventionelle Waffen entfällt die Selbstabschreckung,
die der nuklearen Counterforce-Option des Ost-West-Konflikts
noch innewohnte. Sie bestand ja nicht nur darin, dass der
Einsatz von Interkontinentalraketen gegen das nukleare Dispositiv
des Feindes immer noch einen Gegenschlag ausgelöst
hätte, der für das eigene Land katastrophal gewesen
wäre. Vielmehr war auch das unvorstellbare Gemetzel,
das die "Kollateralschäden" eines Angriffs
auf sowjetische Raketenstellungen hätten, für
die Werteordnung der Amerikaner außerhalb extremster
Lagen untragbar.
Konventionellen Angriffen - auch wenn sie
nachweislich zahlreiche zivile Opfer finden - haftet der
Ruch des Amoralischen nicht in gleicher Weise an. Ihnen
fehlt der Selbstabschreckungseffekt, was ihre Abschreckungswirkung
nach außen immens erhöht.
Spielen deshalb Kernwaffen im Präemptionsdenken überhaupt
keine Rolle? Das ist nicht der Fall. Die "Nuclear Posture
Review" macht deutlich, dass Kernwaffen auch zum Instrument
der Präemption werden, dort nämlich, wo es um
die Zerstörung von Massenvernichtungspotenzialen und
deren Produktionsstätten oder den direkten Angriff
auf die Führungsbunker von "Schurkenstaaten"
geht, vielleicht auch von konventionell nicht erreichbaren
Unterschlupfen von Terroristenführern.[4] Die "Nuclear
Posture Review" nennt neben den Kernwaffenstaaten Russland
und China als mögliche Ziele amerikanischer Kernwaffen
sowie Nordkorea, den Iran, den Irak, Syrien und Libyen,
also just jene "Proliferatoren", die auch die
potenziellen Ziele präemptiver Militärschläge
sein könnten. Um über die geeigneten Waffen zu
verfügen, die diese Aufgabenstellungen erfüllen
könnten, entwickelt man in den US-Laboratorien neue
Konzepte für Kernsprengköpfe entwickelt. Die Vereinigten
Staaten behalten sich die Möglichkeit vor, solche neuen
Designs auch zu erproben und damit ihr Testmoratorium aufzugeben,
falls sich dies als notwendig erweisen sollte. Die USA sind
bereit, im Zweifelsfall die sicherlich heftige internationale
Kritik an einer Wiederaufnahme von Nukleartests in Kauf
zu nehmen, falls dies im Lichte der gewählten Strategie
notwendig sein sollte.
Prävention ist eine noch weitergehende
Option als Präemption, die gleichwohl auch im Zusammenhang
mit Abschreckung gesehen werden muss. Wenn ein Land sich
Massenvernichtungswaffen zulegen möchte, so geschieht
das auch um politischer Ziele willen: Es soll das eigene
Überleben gegen vielleicht überlegene Gegner sichergestellt
werden (Nordkorea, Iran). Ferner will man die eigene Handlungsfreiheit
gegenüber einem militärisch stärkeren Nachbarn
erhöhen (Syrien) oder den eigenen Anspruch auf regionale
Vorherrschaft untermauern (Irak). Diese Ziele können
mit amerikanischen Interessen kollidieren; insbesondere
in der strategisch so wichtigen Region zwischen Levante
und Persischem Golf wollen die USA jede Herausforderung
von Stabilität (einschließlich der Sicherheit
des israelischen Bündnispartners), jede Ambition auf
Vorherrschaft neutralisieren können. Die Drohung mit
der Prävention ist aus amerikanischer Sicht insoweit
ein probates, vielleicht sogar das beste Nichtverbreitungsmittel:
Nonproliferation wird in diesem Konzept durch Abschreckung
gewährleistet, da der nach Massenvernichtungsmitteln
strebende Staat mit der Aussicht konfrontiert wird, Ziel
eines militärischen Angriffs zu werden, noch bevor
seine Waffeningenieure die Ziellinie erreicht haben.
Präemption und Verteidigung
Raketenverteidigung steht bei näherer
Betrachtung auch in einem engen Zusammenhang mit der Präemption
gegenüber den USA feindlich gesinnten Staaten, die
Massenvernichtungswaffen besitzen. Sie gewährleistet
nämlich, dass Präemption (oder Prävention)
geplant und unternommen werden kann, ohne dass die Vereinigten
Staaten selbst zu hohe Risiken für das eigene Territorium
in Kauf nehmen müssen.
Präemption ist an sich natürlich
ein riskantes Geschäft. Man lässt sich auf die
militärische Konfrontation mit einem Gegner ein, von
dem man weiß, dass er über Mittel verfügt,
die dem eigenen Land katastrophalen Schaden zufügen
können (Prävention ist insoweit risikoärmer:
Man attackiert den potenziellen Feind, bevor diese tödlichen
Mittel in seiner Hand sind). Es könnte sein, dass man
sich in der Abschätzung der gegnerischen Fähigkeiten
verkalkuliert hat und dass die eigenen Geheimdienste nicht
gut genug informiert waren. Die Möglichkeit besteht,
dass der eigene Angriff zu spät kommt oder nicht alle
Waffensysteme des Gegners zerstört, die das eigene
Territorium bedrohen können. Vor allem in der Auseinandersetzung
mit Staaten, die über weitreichende Raketen verfügen
oder daran arbeiten, wird dieses Risiko greifbar.
Raketenverteidigung hat in solchen Konflikten
eine doppelte Bedeutung. Als mobile, taktische Verteidigung
schützt sie die eigenen Truppen und das Gebiet der
Verbündeten, die diesen Streitkräften Stationierungs-
und Operationsrechte gewähren. Als Verteidigung des
eigenen Landes hindert sie den Gegner daran, mit Vergeltung
zu drohen und so von der präemptiven Intervention abzuschrecken.
Ferner verhindert sie einen letzten Gegenschlag aus "Rache",
wenn die offensiven Operationen der eigenen Truppe erfolgreich
verlaufen.
Damit ist die Raketenverteidigung nicht nur
von militärischer, sondern noch viel mehr von politischer
Bedeutung. In einer Demokratie, in der die Wünsche,
Bedenken sowie Befürchtungen der Bürgerinnen und
Bürger von der politischen Führung berücksichtigt
werden müssen, wird die öffentliche Zustimmung
zu militärischen Interventionen kaum zustande kommen,
wenn die Bevölkerung den Eindruck gewinnt, man setze
sich dadurch Gefahren aus, die andernfalls nicht vorhanden
wären. Wirksame - oder als effizient wahrgenommene
- Raketenabwehr senkt dieses Risiko und kann daher dem Zweck
dienen, den innerdemokratischen Widerstand gegen etwaige
Interventionsentscheidungen der Exekutive bedeutend zu vermindern.
Der Fall Irak
Wie ordnet sich der Fall des Irak in diese
Erörterungen ein? Den ganzen Sommer 2002 über
ergab der Kriegsdiskurs den Eindruck einer unmittelbaren
Gefahr, der nur durch Präemption begegnet werden könne.
Verwiesen wurde auf die Möglichkeit, dass der Irak
in kurzer Zeit Kernwaffenmacht sein könne, auf sein
nach dem Hinauswurf der Inspektoren (1998) neu aufgenommenes
Programm, Langstreckenraketen zu entwickeln und auf angebliche
Kontakte zu al-Qaida, die darauf hinauslaufen könnten,
dass Bagdad chemische oder biologische Kampfstoffe an das
Netzwerk Osama bin Ladens weiterreichen könnte.
Besieht man sich die Berichte des Jahres 2002
zu den Fähigkeiten des Iraks - einschließlich
der vom britischen und amerikanischen Geheimdienst vorgelegten[5]
- jedoch näher, ergibt sich ein etwas anderes Bild.
Der Irak ist demnach wenigstens ein halbes Jahrzehnt von
einer Kernwaffe entfernt. Auch diese Prognose setzt voraus,
dass es den Irakern gelingt, Material und Technologie trotz
des Embargos im Ausland zu erwerben. Nur in dem nach wie
vor unwahrscheinlichen Fall, dass er ausreichende Mengen
waffenfähigen Spaltmaterials auf dem schwarzen Markt
erwerben könnte, würde sich diese Zeitspanne verkürzen.
Der britische Geheimdienst, der anscheinend die besten Quellen
vor Ort unterhält, rechnet selbst dann noch mit einem
Vorlauf von ein bis zwei Jahren.[6]
Was nun die irakischen Raketenprojekte angeht,
so sind nach den Kriegen und den Aktivitäten der "United
Nations Special Commission" allenfalls ein bis drei
Dutzend der Al Hussein-Rakete übrig, die nicht weiter
als 650 Kilometer fliegt. Da das irakische Raketenprogramm
durch die Auflagen der UN behindert war, konnte Bagdad nur
im Feld der Kurzstreckenwaffen vorankommen. Auch die Nachbarregierungen
werden ins Kalkül einbezogen, wobei die irakischen
Streitkräfte die Raketenabschussrampen dann allerdings
weit nach vorne bewegen müssen, was sie für Gegenangriffe
verwundbar macht. Für die USA geht von diesen Waffen
jedoch keine Gefahr aus.
Mit anderen Worten: Mit herkömmlichen
militärischen Mitteln hat der Irak keine Möglichkeit,
die Vereinigten Staaten (oder deren Hauptverbündeten
Großbritannien) anzugreifen. Damit bleibt nur die
Verbringung von Kampfstoffen durch Agenten oder mittelbar
durch die Weitergabe an terroristische Gruppen. Natürlich
darf man dieses Risiko nicht gering schätzen. Zwar
widerspricht es dem Grundsatz Saddam Husseins, die Kontrolle
über seine Gewaltmittel so weit wie möglich in
der eigenen Hand oder der von unbedingt zuverlässigen
Untergebenen und Verwandten zu belassen. Völlig auszuschließen
ist jedoch eine Option "der letzten Zuflucht"
nicht.
Dabei ergibt sich allerdings der sehr ernüchternde
Befund, dass, wenn Saddam Hussein diese Möglichkeit
erwägt, das Unglück entweder schon geschehen ist
oder ein Angriff von außen mit dem Ziel, ihn von der
Macht zu entfernen, den Anlass dazu geben wird. Denn über
Kampfstoffe dieser Art verfügt der Irak aller Wahrscheinlichkeit
nach bereits heute. Weder bei den chemischen noch bei den
biologischen Waffen konnten die zur Zeit des Golfkriegs
vorhandenen Vorräte völlig vernichtet werden.
Sie wären im Kriegsfall natürlich noch schwerer
auszumachen und zu zerstören als fixe Anlagen. Wenn
der irakische Diktator also wirklich entschlossen ist, seine
Kampfstoffe an Dritte weiterzugeben, wird eine präemptive
militärische Aktion das nicht mehr verhindern können.
Damit wird klar: Um Präemption geht es
gar nicht. Es geht vielmehr um Prävention, darum, Saddam
Hussein daran zu hindern, in einigen Jahren über Massenvernichtungswaffen
und weitreichende Trägersysteme zu verfügen. Es
scheint daher, dass es der amerikanischen Regierung bei
der angesteuerten Militäraktion tatsächlich um
die Neugestaltung der Verhältnisse in der Region geht,
nicht um die Abwehr einer unmittelbar drohenden Gefahr.
Es geht um einen Teil ihrer Weltordnungspolitik, nicht um
Verteidigung.
Raketenabwehr spielt in diesem Zusammenhang
eine untergeordnete Rolle. Denn weder verfügen die
USA gegenwärtig über ein Abwehrsystem noch besitzt
Bagdad Raketen, die es abzuwehren gälte. Von taktischer
Wichtigkeit für die Operationsfreiheit von Bodentruppen
und die Sicherheit der militärischen Stützpunkte
sowie Flugplätze ist die Fähigkeit, Kurzstreckenraketen
abfangen zu können. Von strategischer Bedeutung allerdings
wäre die Wirksamkeit des neuen israelischen Raketenabwehrsystems
"Arrow". Denn sollte es dem Irak trotz dieses
Systems gelingen, mit biologischen oder chemischen Waffen
gefüllte Sprengköpfe auf israelische Städte
zu feuern und damit nennenswerten Schaden anzurichten, könnte
sich die israelische Regierung zur nuklearen Vergeltung
veranlasst sehen, um die Glaubwürdigkeit der eigenen
Abschreckung gegenüber Dritten (Libyen, Nordkorea,
Iran, Syrien) zu erhalten. Die Folgen für die Region
wären unabsehbar.
Schluss
Die Vereinigten Staaten verfolgen mit ihrer
neuen Nationalen Sicherheitsstrategie eine auf unangefochtene
militärische Überlegenheit und unilaterale Entscheidungen
gestützte Weltordnungspolitik, die die Hauptgefahren
- massenmörderischen Terrorismus und mit Massenvernichtungswaffen
ausgerüstete "Schurkenstaaten" - nicht nur
eindämmen, sondern auch beseitigen soll. Auch geht
es darum, Rivalen um die Weltführung gar nicht erst
aufkommen zu lassen. Dies richtet sich gegenwärtig
in erster Linie gegen China, nachdem Russland unter Präsident
Putin einen entschlossenen Schwenk auf das westliche Lager
zu gemacht hat. Während das nationale Raketenabwehrsystem
in absehbarer Zeit für präemptive Operationen
keine Rolle spielen wird, wird man sich in China darüber
Gedanken machen, ob auch die Volksrepublik ins Visier der
"Präemption" geraten könnte. Allerdings
geben amerikanische Planungsdokumente hierauf keine eindeutigen
Hinweise.
Ob die "imperiale" amerikanische
Weltordnungsstrategie[7] so in die Praxis umgesetzt werden
kann, wie sie auf das Papier geschrieben wurde, ist allerdings
noch nicht klar. Papier ist geduldiger als die weltpolitischen
Partner. Folgt man den Gedankengängen der "National
Security Strategy", so ist eigentlich nicht plausibel,
warum die USA sich auf das mehrmonatige Ringen um eine Sicherheitsratsresolution
eingelassen haben, anstatt nach dem ersten Widerstand sogleich
auf die unilaterale Linie zu schwenken, die sie zuvor in
den öffentlichen Äußerungen verfolgt hatten.
Es wäre zu hoffen - obgleich es alles andere als sicher
ist -, dass die Bush-Administration damit ein Weg zurück
in den Multilateralismus eingeschlagen hat. Denn eine auf
einseitiges militärisches Handeln gegründete Ordnung
verspricht Ressentiment und Widerstand, ein Schwanken zwischen
Friedhofsruhe, virulenter Gewalt und Strafaktionen. Eine
aus heterogenen Staaten und Kulturen zusammengesetzte und
gleichzeitig zunehmend interdependente Welt lässt sich
so nicht befrieden.
[1] Vgl. dazu: The White House (Hg.), The
National Security Strategy of the United States of America,
Washington, D.C., 17. September 2002, http://www.whitehouse.gov/nsc/nss.pdf
[2. 12. 2002].
[2] Vgl. Peter Rudolf, Wie der 11. September
die amerikanische Außenpolitik verändert hat;
in: Bernd W. Kubbig (Hg. unter Mitarbeit von Martina Glebocki,
Alexander Wicker, Rachel Adam und Mirko Jacubowski), Brandherd
Irak. US-Hegemonieanspruch, die UNO und die Rolle Europas,
Frankfurt am Main/New York 2003, S. 144-152.
[3] Vgl. dazu ebd. und Peter Rudolf, Umfassende
Inspektionen oder Regimewechsel in Bagdad? Die Diskussion
in der US-Administration; in: Bernd W. Kubbig (Hg. unter
Mitarbeit von Martina Glebocki, Alexander Wicker, Rachel
Adam und Mirko Jacubowski), Brandherd Irak. US-Hegemonieanspruch,
die UNO und die Rolle Europas, Frankfurt am Main/New York
2003, S. 95-102.
[4] Vgl. Mark Bromley/David Grahame/Christine
Kucia, Bunker Busters. Washington's Drive for New Nuclear
Weapons, BASIC Research Report 2002.2, London/Washington,
D.C. 2002, S. 17-31.
[5] Vgl. Anthony H. Cordesman, If We Fight
Iraq: Iraq and Its Weapons of Mass Destruction, Center for
Strategic and International Studies, Washington, D.C., 28.
Juni 2002, http://www.csis.org/burke/mb/fightiraq_wmd.pdf
[2. 12. 2002]; The International Institute of Strategic
Studies, Iraq's Weapons of Mass Destruction. A Net Assessment,
London, 9. September 2002; National Intelligence Council,
National Intelligence Estimate. Foreign Missile Developments
and the Ballistic Missile Threat Through 2015. Unclassified
Summary, Washington, D.C., Dezember 2001, http://www.cia.gov/nic/pubs/other_products/Unclassifiedballisticmissilefinal.pdf
[2. 12. 2002]; UK Government, Iraq's Weapons of Mass Destruction.
The Assessment of the British Government, London, 24. September
2002, http.//www.ukonline.gov.uk/featurenews/iraqdossier.pdf
[2. 12. 2002]; Joseph Cirincione mit Jon B. Wolfsthal/Miriam
Rajkumar, Deadly Arsenals. Tracking Weapons of Mass Destruction,
Carnegie Endowment for International Peace, Washington,
D.C. 2002; Central Intelligence Agency, Iraq's Weapons of
Mass Destruction Programs, Washington, D.C., 4. Oktober
2002, http://www.cia.gov/cia/publications/iraq_wmd/Iraq_Oct_2002.pdf
[2. 12. 2002].
[6] Vgl. dazu und zum folgenden: Bernd W.
Kubbig, Henning Riecke, Oliver Meier, Alexander S. Kekulé,
Iris Hunger und Gerhard Piper, Wie gefährlich ist der
Irak? Erkenntnisse über die Verfügbarkeit von
Massenvernichtungsmittel; in: Bernd W. Kubbig (Hg. unter
Mitarbeit von Martina Glebocki, Alexander Wicker, Rachel
Adam und Mirko Jacubowski), Brandherd Irak. US-Hegemonieanspruch,
die UNO und die Rolle Europas, Frankfurt am Main/New York
2003, S. 32-62.
[7] Vgl. G. John Ikenberry, America's Imperial
Ambition; in: Foreign Affairs, Jg. 81, Nr. 5, 2002, S. 44-60.
Bitte zitieren als: Harald Müller, "Defensive
Präemption" und Raketenabwehr: Unilateralismus
als Weltordnungspolitik, Raketenabwehrforschung International,
Bulletin No. 38 (Frühjahr 2003), Frankfurt am Main
2003.
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