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Bulletin
No 1 - Frühjahr 2000
Götz Neuneck/Michael Schaaf:
Die Systemarchitektur der National Missile Defense und die
Verträglichkeit mit dem ABM-Vertrag
1. Einleitung
Am 2. Januar 2000 führten die USA den
zweiten Test des geplanten 'National Missile Defense'-Systems
(NMD) durch. Das Ergebnis wurde auch von offizieller Seite
als Misserfolg gewertet. Nach Angaben der Ballistic Missile
Defense Organization (BMDO), versagten die Infrarotsensoren
des 'Exoatmospheric Kill Vehicle' (EKV) in der Schlussphase
des Abfangvorgangs. Kritiker hatten schon im Vorfeld darauf
verwiesen, wie technisch komplex und zeitkritisch es ist,
einen Sprengkopf im Weltraum abzufangen, zumal die Endversion
des NMD-Systems noch gar nicht existiert. Auch liegt die
Vermutung nahe, dass die Tests nicht unter realen operativen
Bedingungen ablaufen. Dieser Fehlschlag relativiert die
von offizieller Seite als zufriedenstellend bewerteten Ergebnisse
vom 2. Oktober 1999.
Dessen ungeachtet geben sich die Befürworter
einer landesweiten Raketenabwehr weitgehend unbeeindruckt.
Bisher haben die USA seit den sechziger Jahren schätzungsweise
über 100 Milliarden Dollar ausgegeben, um effektive
Schutzsysteme gegen anfliegende Nuklearsprengköpfe
zu errichten. Seit 1976 wurden 17 Tests verschiedener Komponenten
durchgeführt, 16 davon waren Fehlschläge. Präsident
Clinton hatte im März 1999 vier Kriterien genannt,
die seiner Stationierungsentscheidung im Juni 200 zugrunde
liegen sollen: 1.) Die tatsächliche Bedrohung; 2.)
die Ergebnisse der Tests; 3.) die Kosten und 4.) die Konsequenzen
für die Rüstungskontrolle und den ABM-Vertrag.
Bis zur Stationierungsentscheidung im Sommer 2000 ist nur
noch ein weiterer Test geplant, zweifelsfrei zuwenig, um
zu entscheiden, ob die geplante Technologie reif für
spätere Konfliktsituationen ist. Keinerlei Zweifel
bestehen dagegen darüber, dass durch das geplante NMD-System
der 'Anti-Ballistic Missile Treaty' (ABM-Vertrag) von 1972
nachhaltig in Frage gestellt wird, was zu einem Ende der
nuklearen Abrüstung führen könnte.
2. Die Vorgeschichte: Von der Reaganschen
Utopie zurück auf die Erde
Bereits mit der Ankündigung Präsident
Clintons Anfang Januar 1999, zusätzlich fast sieben
Milliarden Dollar für die Entwicklung eines territorialen
Raketenabwehrsystems ausgeben zu wollen, wurde die Aufmerksamkeit
der Öffentlichkeit erneut auf die amerikanischen Pläne
zum Aufbau einer umfassenden Raketenverteidigung gelenkt.
Mit dieser Entscheidung gab der Präsident weitgehend
den Forderungen des republikanisch dominierten Kongresses
nach. Dieser verstärkte den Druck jedoch in den darauf
folgenden Monaten weiter. So verabschiedeten im März
1999 beide Kammern ein 'Nationales Raketenabwehrgesetz'.
Während die Clinton-Administration bisher immer darauf
verwiesen hatte und zumindest für die Öffentlichkeit
auch weiterhin darauf besteht, dass eine Stationierung nur
erfolgen solle, wenn eine Analyse der Bedrohung Amerikas
durch ballistische Raketen dies notwendig erscheinen lasse,
fordert der Senat in seinem Beschluß schlicht eine
Stationierung "sobald technologisch möglich",
in der Gesetzesversion des Repräsentantenhauses fehlt
selbst diese Bedingung.
1983 hatten die USA bereits einmal deutlich
gemacht, dass sie den ABM-Vertrag voraussichtlich genau
solange einhalten würden, solange sie technologisch
nicht in der Lage sind, ein funktionierendes Raketenabwehrsystem
zu bauen. Am 23. März 1983 hatte der damalige Präsident
Reagan in seiner sogenannten 'Star Wars'-Rede die 'Strategic
Defense Initiative' (SDI) propagiert, deren Ziel es sein
sollte, eine kontinentale Weltraumverteidigung zu entwickeln,
um Nuklearwaffen "impotent" und "obsolet"
zu machen. Die erfolgreiche Durchführung hätte
einen radikalen Übergang vom Regime 'gegenseitiger
Verwundbarkeit' zu einem Regime 'einseitiger Unverwundbarkeit'
und damit zu einem Ende der Abschreckungsstrategie bedeutet.
Bis heute gibt es aber kein überzeugendes Modell, das
den Übergang von einer Welt offensiver Nuklearbedrohung
hin zu einer funktionierenden Defensive möglich macht.
Technologisch wurden bei SDI insbesondere weltraumgestützte
Laser- und Strahlenwaffen favorisiert. Seriöse technische
Analysen zeigten jedoch, dass eine effektive Abwehr unter
zumutbaren Kosten mit den damals vorgeschlagenen Technologien
nicht erreichbar war.[1] Im Gegenteil: Erstschlagzwänge,
vermehrtes Wettrüsten und enorme Kosten wären
die Folge gewesen.
Mit dem sogenannten "3+3"-Programm
hat die Clinton-Administration nach vielen Jahren die nationale
Raketenverteidigung erstmals wieder zu einem klaren Schwerpunkt
gemacht und die Weichen für eine Stationierung von
NMD gestellt: Drei Jahre Entwicklung sollte ermöglichen,
Technologien bereitzuhalten, so dass innerhalb von drei
Jahren diese Systeme stationiert werden könnten, falls
eine Bedrohung festgestellt wird. Inzwischen wurde aus dem
"3+3" ein "3+5"-Programm. Die endgültige
Entscheidung darüber, ob die geplanten NMD-Systeme
stationiert werden, soll - ungeachtet der Verzögerung
durch den Fehlschlag des zweiten Tests - im Juni 2000 getroffen
werden; sie könnten somit 2005 einsatzfähig sein.
Vieles spricht aber dafür, dass diese Entscheidung
bereits gefallen ist, auch, weil es dem republikanischen
Präsidentschaftskandidaten ein hervorragendes Wahlkampfthema
liefern würde, sollte sich Clinton im diesem Jahr gegen
die Stationierung entscheiden.
3. Zweck und Architektur der territorialen
Raketenverteidigung (NMD)
Die Aufgabe des territorialen NMD-Systems
ist die Verteidigung aller 50 US-Staaten, das heißt
eben auch Hawaiis und Alaskas, gegen einen begrenzten Angriff
von ICBMs.[2] Das System umfasst die Identifikation anfliegender
Raketen, die Unterscheidung, das Management und die Steuerung
des Abfang-Vorgangs. Dieser komplexe Prozess macht die Integration
einer Vielzahl von Sensoren, Kommunikationeinrichtungen
und Waffensystemen selbst erforderlich. Auch die Einbeziehung
der mobilen Raketenabwehrsysteme THAAD und Navy Wide Area
sowie eine Vernetzung aller Sensoren und Abfangraketen ist
geplant.
Die Systemarchitektur des geplanten NMD-Systems
besteht aus bodengestützten und weltraumgestützten
Komponenten.
3.1 Bodengestützte Komponenten
Der Schwerpunkt liegt auf dem Abfangen von
anfliegenden Sprengköpfen in großer Höhe
außerhalb der Atmosphäre. Entscheidend für
einen Erfolg ist eine frühzeitige Erkennung der Ziele,
eine präzise Bahnverfolgung und ein Heranführen
der Abfangraketen, die zunächst am Boden stationiert
sind.
Am 30. April 1998 hat die Ballistic Missile
Defense Organization (BMDO) die Firma Boeing als Hauptkontraktor
und führenden 'System-Integrator' bekanntgegeben. Der
Konzern ist nicht nur für die Integration der NMD-Komponenten
verantwortlich, sondern auch für die Demonstrationstests
und die Vorbereitung der Stationierung. Mitte 1998 wurde
eine Startrakete (Booster) für den 'Ground-Based Interceptor'
ausgewählt. Er beruht auf kommerziell erhältlichen
Raketenstufen, bestehend aus drei identischen Feststoffraketentriebwerken.
Die Aufgabe der Startrakete besteht darin, das 'Exoatmospheric
Kill Vehicle' auf Ziele hin zu beschleunigen, die sich mit
7-8 km/s fortbewegen. Je ein Test der Sensorkonfiguration
der beiden EKV-Designs von Boeing (Juni 1997) und Raytheon
(Januar 1998) wurde laut offiziellen Angaben erfolgreich
durchgeführt. Der erste tatsächliche Abfangtest
fand, wie bereits erwähnt, am 2. Oktober 1999 über
dem Pazifik statt.
Tabelle 1: Bodenkomponenten
| Ground-Based
Interceptors (GBIs) |
Bodengestützte
Abfangraketen, die in Silos stationiert sind und ein
"Exoatmospheric Kill Vehicle" mittels Infrarot-Sensoren
zum Sprengkopf lenken |
| Frühwarnradars
UEWR (Upgraded Early Warning Radars) |
Verbesserung
der existierenden Radars an fünf Orten (Kalifornien,
Massachusetts, Alaska, Grönland und Großbritannien),
da die vorhandenen Radars nicht genau genug sind, um
die Interzeptoren an das Ziel heranzuführen. Ein
weiteres Radar ist in Südkorea geplant. |
| X-Band
Radars (XBR) |
Phasengesteuerte
Radars zur Bahnverfolgung und Zielunterscheidung außerhalb
der Atmosphäre. Bis zu acht neue Radars könnten
errichtet werden. |
| In-Flight
Interceptor Communications Systems (IFICS) |
Kommunikation
zwischen Battle Management und den Abfangstellungen |
| Battle
Management Center |
Abfangzentrale
zur Planung, Führung des Abfangvorgangs und Situationsbeurteilung
in den Cheyenne Mountains (Colorado) |
Für die nächsten sechs Jahre sind
etwa 20 Abfangtests geplant, bis Juni 2000 jedoch nur ein
weiterer im April oder Mai 2000. Damit soll die Stationierungsentscheidung
also auf der Grundlage von insgesamt nur drei umfassenden
Versuchen getroffen werden, und das, obwohl erhebliche Bedenken
bestehen, ob das System den gestellten Anforderungen tatsächlich
gerecht werden kann, was durch den Fehlschlag des zweiten
Tests noch einmal bestätigt wurde. Im übrigen
werden diese Tests nicht einmal mit den Konfigurationen
durchgeführt, die für die Endausbaustufe geplant
sind.
Der Test am 2. Oktober 1999, der übrigens
auch nicht ohne Komplikationen verlief, beispielsweise galt
lediglich dem Abfangsuchkopf EKV, nicht dem gesamten System.[3]
Darüber hinaus finden die Versuche nicht unter realen
Bedingungen statt. Mögliche Gegenmaßnahmen eines
Gegners (Mehrfachsprengköpfe, von den Raketen ausgestoßene
Täuschkörper, gekühlte und damit für
Infrarot unsichtbare Sprengköpfe usw.) spielen bisher
kaum eine Rolle. Außerdem gelangt, selbst wenn die
geforderte 95-prozentigen Zuverlässigkeit gegenüber
20 anfliegenden Sprengköpfen erreicht werden sollte,
rein rechnerisch immer noch eine Atombombe ins Ziel. Und
letztendlich bilden ballistische Raketen nur einen Teil
des nuklearen Bedrohungsspektrums. Andere Träger wie
Schiffe oder Flugzeuge werden von dem System nicht erfasst.
Dennoch hat das Pentagon erklärt, dass es von einer
Stationierung ausgeht, so bald einer der drei Tests, die
bis zum Juni 2000 geplant sind, erfolgreich ist. Dieses
Kriterium wurde aber aus der Sicht der Befürworter
schon durch den ersten Test erfüllt. Das macht deutlich,
dass nicht technologische, sondern politische Kriterien
die Entscheidung im Juni 2000 ausmachen werden.
3.2 Weltraumgestützte Komponenten
Um anfliegende Sprengköpfe jenseits des
Horizonts verfolgen zu können, sind zahlreiche Satelliten
in niedriger Umlaufbahn erforderlich. Die Systeme werden
deshalb eingebunden in ein 'Space and Missile Tracking System'
(SMTS), das aus vorhandenen und noch zu stationierenden
Frühwarnsatelliten besteht. Seit 1970 melden die 'Defense
Support Program' (DSP-) Satelliten Raketenstarts aus einer
geostationären Umlaufbahn. Im Rahmen des 'Space-Based
Infrared System' (SBIRS) sollen bis zu 30 Satelliten diese
Aufgaben übernehmen. Vier SBIRS-High-Satelliten sollen
die DSP-Satelliten ersetzen. Ca. 16 bis 24 SBIRS-Low Satelliten
sollen die Identifizierung von Raketen aus niedrigeren Umlaufbahnen
übernehmen. Dieses Systems macht es möglich, den
gesamten Verlauf einer ballistischen Rakete zu verfolgen.
Die Stationierung der SBIRS-Low-Satelliten ist für
2004 geplant. Das SMTS-System unterstützt dabei nicht
nur die territoriale Verteidigung der USA, sondern auch
die Raketenabwehr auf den einzelnen Kriegsschauplätzen
(Theater Missile Defense, TMD). Die Kosten für die
Entwicklung des SMTS-IR-Satellitenkonzepts werden mit $5
Mrd. veranschlagt, eine Stationierung wird Kosten in der
selben Höhe verursachen. Tabelle 2 gibt einen Überblick
über die geplanten Sensorsysteme, die im Weltraum stationiert
werden.
Tabelle 2: Art der vorhandenen und
geplanten weltraumstationierten Sensoren
|
Systemname(n)
|
Hauptvertragspartner
|
Arten der Infrarotsensoren
|
Erdorbit
|
Anzahl
|
Geplante Stationierung
|
| Defense
Support Program (DSP) |
TRW Inc. |
Kurzwellen |
Geostationär |
5 |
Anfang
der 70er |
| Space-Based
Infrared System (SBIRS High) |
Lockheed
Martin Missiles and Space Co. |
Kurz-
und Mittelwellen im fast sichtbaren Bereich |
Geostationär |
4 |
2002 |
| Hoher
Erdorbit |
2 |
| Space
and Missile Tracking System (SBIRS Low früher Brilliant
Eyes) |
TRW/Hughes
vs. Boeing Lockheed |
Kurz-,
Mittel- und Langwellen |
Niedriger
Erdorbit |
16 -24 |
2004 |
Die Entwicklung der NMD-Architektur ist in
drei Phasen geplant.
Tabelle 3: Die Stationierungsmuster
C1-C3 der NMD-Architektur in drei Stufen
|
Name
|
Zweck
|
Mögliche Stationierung
|
| Capability
1 |
Verteidigung
gegen "Schurkenstaaten" mit wenigen Zielen
(5 Sprengköpfe) mit keinen oder ineffektiven Gegenmaßnahmen |
20
Interzeptoren in Alaska und ein XBR-Radar in Shemya
auf den westlichen Aleuten |
| Capability
2 |
Verteidigung
gegen "Schurkenstaaten" und eine kleine Anzahl
unbeabsichtigter/unauthorisierter Starts mit wenigen
Zielen (5RVs) durch effektivere Gegenmaßnahmen |
100
Interzeptoren in Alaska und drei weitere XB-Radars in
Alaska, Grönland und Großbritannien |
| Capability
3 |
Verteidigung
gegen "Schurkenstaaten" und eine kleine Anzahl
unbeabsichtigter/unauthorisierter Starts mit vielen
Zielen durch effektivere Gegenmaßnahmen |
Je
125 Interzeptoren in Alaska und Nord Dakota, sowie fünf
weitere XBRs in Südkorea, Kalifornien, Massachusetts
und Hawaii. Ein neues UEWR in Südkorea. |
Als Stationierungsort für die ersten
100 NMD-Interzeptoren wird Alaska genannt. Da jedoch das
gesamte Territorium der USA geschützt werden soll,
sind Stationierungen in Grand Forks (Nord-Dakota) oder an
anderen Orten notwendig und langfristig auch vorgesehen.
In Grand Forks ist auch der Bau des Hauptradars (Ground
Based Radar, GBR) geplant. Ein Prototyp, der auf der Technologie
des THAAD-Systems (s.u.) beruht, wurde auf dem Kwajalein-Atoll
im Pazifik errichtet. Um die gesamte Flugbahn einer anfliegenden
Rakete beobachten zu können, werden z.Z. die vorhandenen
Frühwarnradars der USA modernisiert und verbessert,
so die Systeme in Thule (Grönland), Flyingdales (UK)
sowie Clear Air Station (Alaska). Möglich erscheint
auch, dass zusätzliche Forward-Based Radars (FBRs)
in Alaska oder an der Ost- bzw. Westküste errichtet
werden.
3.3 Regionale Raketenabwehr (TMD)
Der Schwerpunkt der amerikanischen Forschungen
zur Raketenabwehr liegt gegenwärtig immer noch auf
'Theater Missile Defense' zur Abwehr taktischer Raketen
in verschiedenen Regionen. Allerdings sollen diese Systeme
eine Leistungsfähigkeit erreichen, die es ermöglicht,
auch strategische Waffen abzufangen. Hier wird der ABM-Vertrag
ebenfalls berührt.
Gleich fünf TMD-Systeme befinden sich
in der Entwicklung. Neben der Verbesserung von radargelenkten
Abwehrsystemen für niedere Höhen zur Punktverteidigung,
die ursprünglich aus der Luftverteidigung stammten
(PATRIOT, MEADS), wird mit dem 'Theater High Altitude Area
Defense' System THAAD auch an einer Flächenverteidigungsvariante
gearbeitet, die ausschließlich zur Abwehr ballistischer
Raketen vorgesehen ist und auch Mittelstreckenraketen abfangen
können soll: THAAD erlaubt die Einleitung des Abfangvorgangs
innerhalb und außerhalb der Atmosphäre mittels
Abschuß mehrerer Abfangraketen. Weiterhin arbeitet
die Navy an einem TMD-System geringerer Reichweite (Navy
Area Defense), das sich an Bord von US-Kreuzern befindet,
sowie an einem umfassenden Abwehrsystem mit erheblich größerer
Reichweite (Navy Theater Wide Defense). Seemobile Raketenabwehr
besitzt ein hohes Maß an weltweiter Beweglichkeit
und würde der Navy erstmalig Raketenabwehr-Aufgaben
zuschreiben.
Die US-Air Force plant darüber hinaus
die Entwicklung und Stationierung eines weltraumgestützten
Lasers (Space-Based Laser, SBL), der Raketensprengköpfe
aus einer maximalen Entfernung von einigen 100 km zerstören
soll. Die Arbeiten an SBL werden mit ca. $30 Mio. pro Jahr
finanziert. Die Stationierung eines solchen Systems ist
durch den ABM-Vertrag zweifelsfrei verboten. Erste Tests
sollen zwischen 2005 und 2008 durchgeführt werden.
Im Rahmen des "Boost Phase Intercept-Programms
betreibt die US-Air Force Studien und Experimente zur Abwehr
von anfliegenden taktischen Raketen, die von einem luftgestützten
Laser (Airborne Laser, ABL) in der Startphase bekämpft
werden sollen. Geplant ist der Bau einer Flotte von sieben
Boeing 747-400 Flugzeugen, die chemische Laser an Bord haben,
um taktische Raketen in der Startphase (Höhe 10-20
km) zu bekämpfen. Ein "In-flight kill test
ist für 2002 geplant. Die Entscheidung über die
Produktion soll im Jahr 2003 fallen. Die Kosten für
Forschung und Entwicklung liegen bisher bei $1,1 Mrd., der
finanzielle Aufwand für eine Einführung im Jahr
2006 wird auf $10 Mrd. geschätzt. Der Stückpreis
pro Flugzeug liegt bei $1 Mrd.
4. Was besagt der ABM-Vertrag und
wie ABM-kompatibel sind die geplanten Systeme?
Die Clinton-Administration hatte in der Vergangenheit
darauf verwiesen, dass die Stationierung von 100 Abfangraketen
mit dem ABM-Vertrag vereinbar sei. In eindeutiger Weise
schreibt Artikel 1(2) des Abkommens jeder Vertragspartei
vor "keine ABM-Systeme zur Verteidigung des Territoriums
des eigenen Landes zu stationieren und keine Basis für
eine solche Verteidigung vorzusehen". Die Errichtung
einer Abfangstellung mit maximal 100 Interzeptoren ist laut
Vertrag zwar erlaubt, bezieht sich aber nur auf die Verteidigung
einer "individuellen Region". Ziel des NMD-Systems
ist jedoch die Verteidigung des gesamten US-Territoriums
einschließlich Hawaii und Alaska. Nachdem die Auslegung
des geplanten NMD-Systems und die Finanzierung für
die nächsten fünf Jahre deutlich geworden sind,
ist eine Modifikation des ABM-Vertrages unausweichlich geworden.
Artikel 3 verlangt, dass alle 100 ABM-Systeme
inklusive Radar nur an einem einzigen Ort ("single-site)
innerhalb eines Radius von 150 km in den USA bzw. in Rußland
errichtet werden dürfen. Tatsächlich sind jedoch
alle NMD-Systeme, die im Augenblick diskutiert werden, bei
genauerer Betrachtung 'multiple-site' Systeme, da sie von
den vornestationierten Radarsystemen und dem weltraumgestützten
SMTS-System abhängen, um einen Raketenstart frühzeitig
zu erkennen und zu verfolgen. Eine Kapazitätssteigerung
der Frühwarnradars im Hinblick auf eine ABM-Fähigkeit
ist aber ebenso durch den ABM-Vertrag verboten wie die Stationierung
von ABM-Radars in anderen Ländern oder die Nutzung
des Weltraums für die Raketenabwehr. Lediglich eine
Aufstellung von bis zu 100 Abfangsystemen in Grand Forks
(Nord Dakota) wäre kompatibel mit dem ABM-Vertrag (Art.
3), nicht jedoch die Stationierung von weiteren Systemen
in Alaska. Auch werden Zahl und Art der Radars beschränkt.
Artikel 5 verbietet die Entwicklung, das Testen
und die Stationierung von ABM-Komponenten, die see-, luft-,
weltraumgestützt oder landmobil sind. Artikel 6 begrenzt
die Aufstellung von Radaranlagen an der Grenze des eigenen
Territoriums. Alle geplanten XB-Radars sind jedoch "vornestationiert
und damit nicht vertragsgemäß. Eine Verbesserung
der Frühwarnradars wäre mit dem ABM-Vertrag vereinbar
(Art. 6b), aber nicht die Errichtung eines neuen Radars
in Südkorea. Die Schaffung eines globalen, weltraumgestützten
Netzes von Frühwarn- und Bahnverfolgungssatelliten
(SBIRS Low) ist nicht ABM-gemäß, da es sich hierbei
um einen weltraumgestützten Ersatz für ein ABM-Radar
nach Art. 5(1) handelt. Von den Stationierungsvarianten
C1-C3 (siehe Tabelle 3) wäre lediglich eine modifizierte
C3-Version ABM-kompatibel, bei der 100 Interzeptoren und
ein Frühwarnradar in Nord Dakota stationiert werden,
aber auf andere GBIs und XB-Radars verzichtet wird.
Auch die Argumentation, es handele sich nur
um eine 'dünne Verteidigung', die zwar gegen die Angriffe
sogenannter 'Schurkenstaaten' (Nordkorea, Iran, usw.) und
gegen irrtümlich abgeschossene Raketen wirksam sein
solle, nicht aber gegen den massiven Einsatz der strategischen
Arsenale Rußlands, ist nicht treffend. Zum einen führen
die vorliegenden NMD-Planungen zu einer Basis, die jederzeit
weiter aufbaubar wäre, zum anderen kann eine Überlappung
von landesweiter (NMD) und regionaler (TMD) Abwehr auch
kurzfristig schon zu einer 'dichteren' Verteidigung führen,
zumal die verschiedenen TMD-Systeme genau auf ein netzwerkartiges
Zusammenschalten ausgelegt sind. Die geplante Verteilung
der Radarstationen zeigt deutlich, dass eben nicht nur Langstreckenraketen
aus Nordkorea abgefangen werden sollen. An der nördlichen
Spitze Norwegens wird 70 km von der russischen Grenze eine
Radarstation geplant, die technisch in der Lage ist, Flugdaten
von russischen ICBMs aufzufangen und im Prinzip dem NMD-System
zugeschaltet werden kann. Dieses hochmoderne HAVE STARE
ist zwar keine unmittelbare Verletzung des ABM-Vertrages,
stellt aber alles andere als eine vertrauensbildende Maßnahme
gegenüber Russland angesichts der Debatte um die Zukunft
des ABM-Vertrages dar.
5. Einschätzung und Fazit
Zwar ist eine hundertprozentige Verteidigung
heute noch genauso unmöglich wie zu Zeiten des ursprünglichen
SDI-Programmes. Die Unsicherheit darüber zwingt einen
möglichen Gegner jedoch von einer hohen Defensivfähigkeit
auszugehen. Selbst wenn die Abschreckung zunächst gesichert
ist, müssen Militärplaner in Rußland, China
usw. in Zukunft damit rechnen, dass ihre Abschreckungsarsenale
obsolet werden könnten. Die Folge wäre ein erneuter
Rüstungswettlauf oder der Erhalt und Ausbau vorhandener
Trägersysteme.
Tatsächlich ist eine nukleare Abrüstung,
wie sie mit dem START-Prozeß begonnen wurde, ohne
eine klare Beschränkung von ABM-Systemen nicht denkbar,
denn eine Reduzierung der strategischen Waffen war stets
nur möglich, solange den Beteiligten auch mit der geringeren
Anzahl von Nuklearsprengköpfen noch ein wirksamer Gegenschlag
als Reaktion auf einen massiven Angriff möglich war.
Sobald eine Seite die Fähigkeit erwirbt, sich mit Raketenabwehrsystemen
gegen den Zweitschlag zu verteidigen, ist diese Stabilität
bedroht.
- Die Clinton-Administration wird die endgültige
Architektur des NMD-Systems nicht spezifizieren, bis sie
über die Stationierung entscheidet.
- Die Stationierungsentscheidung ist für
Juni 2000 geplant. Sie ist abhängig von: a) der Bedrohungsentwicklung;
b) der Wirkung auf die Rüstungskontrolle; c) den
Kosten und d) der 'prinzipiellen' technologischen Durchführbarkeit,
nicht jedoch von der 'operativen Fähigkeit' des Systems.
Politische Argumente sind ausschlaggebend, nicht die technologische,
funktionelle Reife.
- Die Bedrohung durch 'Schurkenstaaten' ist
auch durch die Einführung von Raketenabwehr nicht
vollständig eingrenzbar. Andererseits existieren
genügend präventive diplomatische Maßnahmen
und genügend Vorwarnzeit, um die angenommene Bedrohung
zu verringern.
- Die geplante Architektur des NMD-Systems
ist nicht vereinbar mit den Bestimmungen des ABM-Vertrages.
Eine Modifikation des ABM-Vertrages ist möglich,
wird aber möglicherweise durch die Dynamik der Stationierungsentscheidungen
der USA diktiert, nicht durch kooperative Maßnahmen,
Abrüstung und regionale Rüstungskontrolle.
- Tiefgreifende nukleare Rüstungskontrolle
wird erheblich kompliziert und kommt eventuell zum Erliegen,
da abschreckungstheoretisch die beste Maßnahme gegen
die Einführung von Defensivkomponenten die Modernisierung
und Aufrüstung der offensiven Nukleararsenale ist.
Außerdem könnten weitere Staaten beginnen,
Systeme zur Abwehr von Raketen aufzubauen.
- Präventive Maßnahmen wie weitere
nukleare Abrüstung, regionale Rüstungskontrolle
und eine Eindämmung der Raketenproliferation ermöglichen
mehr Sicherheit als die Einführung einer NMD. Die
Stärkung der Offensive ist leichter (und um den Preis
weiterer Abrüstung) zu erreichen als die Stärkung
einer globalen Raketenverteidigung, die nur einen Teil
möglicher Bedrohungen erfasst.
6. Literatur zum Thema
U.S. General Accounting Office, National Missile
Defense - Even with Increased Funding Technical and Schedule
Risks are High, Juni 1998 (GAO-NSIAD-98-153).
George Lewis, The U.S. "3+3" NMD
Program and the ABM Treaty, in: INESAP Information Bulletin,
Nr. 16, 1998, S. 26-29.
Götz Neuneck, "SDI light" oder
was steckt hinter den amerikanischen Raketenabwehrplänen,
in: Vierteljahresschrift für Sicherheit und Frieden
S+F, Jg. 17, Nr. 1, 1999, S. 49-57.
Götz Neuneck: "SDI light" oder
die Aushöhlung des ABM-Vertrages, in: Wissenschaft
& Frieden 2, 1999, S. 58-63.
[1] Siehe z.B.: American Physical Society:
Report to the APS of the Study Group on Science and Technology
of Directed Energy Weapons, in: Review of Modern Physics,
Jg. 59, Nr. 3, Part II, 1987, S. 1-201.
[2] FY 1998 Annual Report of the Director,
Operational Test & Evaluation, submitted to Congress,
February 1999
[3] "But while the test was declared
an unqualified success, the kill vehicle, built under contract
by Raytheon, had to overcome two technical problems to make
the interception [...]. First, because an incorrect star
map hab been loaded into the vehicles computer, it could
not navigate using the stars once it had separated from
its booster rocket and began using thrusters to maneuver.
Instead, the kill vehicle relied on an on-board, inertial
guidance system, and ein 'there was some drift error in
that' [...]. That error led to inaccuracies in pointing
the heat-seeking, or infrared, sensors that the vehicle
used to locate targets. Those sensors used heat emissions
to locate and identify objects, just as an ordinary telescope
uses light. Engineers often refer to infrared sensors 'seeing'
the objects that are detected. Even with the pointing inaccuracies,
the vehicle saw the mylar balloon in the corner of its field
of view. Then, using the balloon as a reference point, the
vehicle continued searching for the smaller cooler warhead
and eventually found it nearby, in time to home in on it
and destroy it. The errors 'had no impact on the end result,'
said Colonel Lehner [ein Sprecher der BMDO], who called
them 'basically meaningless'." James Glanz, Flaws Found
in Missile Test That U.S. Saw As a Success, New York Times,
14. 1. 2000, S. 1.
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