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Bulletin No 19 - Herbst 2000
Götz Neuneck/Tom Bielefeld
Nach dem Test ist vor dem Test. Über das Testprogramm
für das amerikanische Raketenabwehrsystem NMD und den
fehlgeschlagenen Abfangtest vom 7. Juli
1. Einleitung
Am Abend des 7. Juli ist über dem Pazifik
der mit Spannung erwartetet dritte Abfangtest für das
geplante amerikanische Raketenabwehrsystem National Missile
Defense (NMD) fehlgeschlagen. Um 21:18 Uhr Ortszeit (6:18
Uhr am Samstag morgen deutscher Zeit) wurde von der Vandenberg
Luftwaffenbasis in Kalifornien eine umgerüstete Minuteman-II-Rakete
in den Weltraum gestartet. Zwanzig Minuten später hob
8000 Kilometer entfernt auf dem Kwajalein-Atoll im pazifischen
Ozean eine zweite Rakete ab. Diese Rakete hatte einen Abfangflugkörper,
das sogenannte "Kill Vehicle, an Bord. Weitere
zehn Minuten später sollte dieses Kill Vehicle über
dem Pazifik mit einer Geschwindigkeit von über 19.000
Kilometern pro Stunde mit dem Minuteman-Sprengkopf kollidieren
und ihn zerstören. Dies ist jedoch gescheitert, weil
während des Fluges eine Fehlfunktion an der Abfangrakete
die Abtrennung des Abfangflugkörpers von der letzten
Trägerstufe verhinderte.
Sieben Wochen nach diesem Fehlschlag hat Präsident
Clinton nunmehr bekanntgegeben, die Enstcheidung über
die Stationierung des NMD-Systems seinem im November zu
wählenden Nachfolger zu überlassen. In seiner
Rede vor Studenten der Georgetown University am 1. September
sagte Clinton, daß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht
genug "Vertrauen in die Technologie und die operative
Effektivität des ganzen NMD-Systems" habe, um
eine Stationierungsentscheidung zu treffen.
Weltweit war der dritte Abfangversuch mit
großer Spannung erwartet worden, weil man vielerorts
davon ausgeging, daß das Ergebnis des Experiments
einen großen Einfluß auf Clintons Entscheidung
haben würde. Dieser Entscheidung, die schon seit einiger
Zeit für den Herbst dieses Jahres angekündigt
war, sollten vier Kriterien zugrunde liegen: die Bedrohung
der USA durch Langstreckenraketen, die Kosten, die Folgen
der Stationierung für die Rüstungskontrolle und
die technische Machbarkeit des geplanten Projekts.
Für die Entwicklung und Stationierung
des Systems war ein enger Zeitplan ausgearbeitet worden,
nachdem die NMD-Eingangsstufe bereits im Jahre 2005 einsatzfähig
hätte sein sollen. Nach dieser Vorgabe, die auf der
umstrittenen Einschätzung der amerikanischen Geheimdienste
beruht, nach der Staaten wie Nordkorea die USA bereits in
fünf Jahren mit Langstreckenraketen bedrohen könnten,
hätten die Bauarbeiten für eine wichtige Radaranlage
auf den Aleuten (Alaska) bereits im Frühjahr 2001 beginnen
müssen. Der ABM-Vertrag zwischen den USA und Rußland
hätte zu dem Zweck bis Ende dieses Jahres gekündigt
oder aber wesentlich modifiziert werden müssen, weil
die geplantenKomponenten dem bisherigen Vertragstext eindeutig
widersprechen. Clinton hatte sich mit diesem Zeitplan also
selbst stark unter Druck gesetzt. Rußland und China
drohten als Reaktion auf das amerikanische Vorhaben bereits
an, sich aus Rüstungskontrollverträgen zurückzuziehen
und die eigenen strategischen Nukleararsenale zu erhalten
und auszubauen.
Das vierte Kriterium Clintons, das der technischen
Machbarkeit des Systems, sollte unter anderem durch die
drei ersten Abfangtests überprüft werden. Ursprünglich
hatte es im Pentagon geheißen, daß zwei gelungene
Versuche für die Erfüllung des Kriteriums ausreichend
seien. Dem fehlgeschlagenen Versuch im Juli waren aber erst
zwei Abfangtests, im Oktober 1999 und im Januar 2000, vorausgegangen,
von denen nur der erste als Erfolg gewertet werden konnte.
Der mißlungene Juli-Test war folglich auch Wasser
auf die Mühlen der stetig wachsenden Zahl von Kritikern
der Raketenabwehr, die schon vorher bezweifelten, daß
die Technik des NMD überhaupt funktionieren könne.
2. Drei Versuche - Zwei Fehlschläge
Beim Testflug im Oktober letzten Jahres hatte
der Abfangflugkörper sein Ziel zwar durch einen direkten
Treffer zerstört, vorher aber Schwierigkeiten gehabt,
es zu finden. Während des Abfangvorgangs manövrierte
das Kill Vehicle zunächst lange auf eine ebenfalls
im Weltraum plazierte Ballon-Attrappe zu, ehe es im letzten
Moment sein eigentliches Ziel, den Gefechtskopf, erkannte
und umsteuerte. Eine Überprüfungsbehörde
des Pentagon kam einige Zeit später zu der Einschätzung,
daß es unklar sei, ob der Treffer auch in Abwesenheit
des hellen Ballons gelungen wäre. Im Januar schließlich
versagte die Kühlung für die Infrarotsensoren
des Abfangflugkörpers. Geblendet von der Wärme
seiner eigenen Bordelektronik flog das Kill Vehicle dreißig
Meter am Ziel vorbei.
Bei dem dritten Abfangtest im Juli wurden
erstmals die Frühwarnsatelliten, die Kommandozentrale
in Colorado und ein Prototyp des hochmodernen X-Bandradars
auf Kwajalein zugeschaltet. Insgesamt hat das Experiment,
wie seine Vorgänger, rund hundert Millionen Dollar
gekostet. Dennoch waren, nüchtern betrachtet, wohl
nur wenig neue Erkenntnisse erwartet worden. Der Grund dafür
sind die nahezu idealen Versuchsbedingungen, unter denen
der Test stattfand. Überprüft werden sollte lediglich,
ob das System in der Lage ist, einen Gefechtskopf abzufangen,
der ohne Tarnung und weitgehend allein, d. h. ohne ernstzunehmende
Attrappen, im nahen Weltraum unterwegs ist.
Die getesteten NMD-Komponenten entsprachen
dabei aber noch nicht den geplanten Endversionen. Beispielsweise
wird die eigentlich eingeplante stärkere Raketenstufe,
die das Kill Vehicle im Ernstfall in den nahen Weltraum
schießen soll, frühestens im nächsten Jahr
getestet werden können. Somit bleibt vorerst die Frage
offen, ob der Abfangflugkörper die wesentlich höheren
Beschleunigungen aushalten wird. Startzeitpunkt, Ort und
die ungefähre Flugbahn der Minuteman-Zielrakete waren
dem Abfangteam bekannt. Das abzufangende Ziel war kooperativ,
d.h. Größe, Form und thermische Signatur des
Gefechtskopfs und des einzigen Täuschkörpers waren
bekannt. Die Flugbahn wurde so ausgerichtet, daß das
Kill Vehicle nicht von der Sonne geblendet, wohl aber die
Zielkörper gut ausleuchtet worden wären. Letztlich
war dieses Experiment also lediglich ein Test dafür,
ob die NMD-Basistechnologie unter günstigsten Voraussetzungen
funktioniert und die schon vorhandenen Systeme zusammenarbeiten
können.
Daß der Abfangversuch gescheitert ist,
macht also deutlich, wie schwierig es selbst unter Idealbedingungen
und nach langen Monaten der Vorbereitung ist, das noch unvollständige
aber schon hinreichend komplexe NMD-Basissystem verläßlich
zum Funktionieren zu bringen.
Die Ursache des Scheiterns lag in einem eigentlich
unkritischen System, nämlich dem der Trägerrakete
für den Abfangflugkörper. In den ersten Stellungnahmen
vom Wochenende erklärten Vertreter des Pentagon, daß
es mit der Trägerrakete während des Fluges gleich
zwei Probleme gegeben habe. Das erste Problem trat nach
einem Flugmanöver auf, das die Rakete durchführen
mußte, weil sie anscheinend während des Anfluges
auf ihr Ziel ihre Geschwindigkeit korrigieren mußte.
Nach diesem Flugmanöver begann die Rakete zu taumeln
und von ihrem Kurs abzuweichen. Wenig später, nach
dem Ausbrennen der zweiten Stufe, erwartete das Kill Vehicle
das elektronische Signal zum Abkoppeln, das aber nicht gesendet
wurde. Aus diesem Grund löste sich der Abfangflugkörper
nicht von der Trägerrakete und konnte so die entscheidende
Phase des Abfangvorgangs gar nicht erst beginnen. Alle anderen
Systeme liefen bis zu diesem Zeitpunkt anscheinend normal.
Für das Pentagon ist das Scheitern
dieses Experiments daher besonders ärgerlich. Ein Fehler,
der in der kritischen Schlußphase des Experiments,
dem autonomen Auffinden und Zerstören des Ziels durch
den Abfangflugkörper, aufgetreten wäre, hätte
den NMD-Entwicklern zumindest neue Erkenntnisse über
kritische Systemkomponenten gebracht, aus denen sie hätten
lernen können.
3. Keine Antwort auf Gegenmaßnahmen
Daß der Abschuß eines einzelnen,
ungetarnten Gefechtskopfs im Weltraum in naher Zukunft technisch
möglich werden wird, daran zweifelt mittlerweile kaum
jemand mehr, trotz der jüngsten Rückschläge.
Was die meisten Experten hingegen bezweifeln, ist, daß
das NMD auch unter realistischen Bedingungen funktionieren
würde, d. h. wenn der Angreifer Gegenmaßnahmen,
sogenannte "Countermeasures" einsetzt, um seinen
Gefechtsköpfen das Durchdringen der Raketenabwehr zu
erleichtern. In keinem der Abfangtests wurden bisher ernsthafte
Versuche unternommen, das System mit Hilfe von Gegenmaßnahmen
zu täuschen. Wie aber erst kürzlich wieder eine
unabhängige wissenschaftliche Studie gezeigt hat, stehen
einem potentiellen Angreifer eine ganze Reihe von technischen
Mitteln zur Verfügung, die vergleichsweise einfach
zu realisieren sind und einzelne oder alle NMD-Sensoren
austricksen können. Simple, aber raffinierte Attrappen,
eine Stickstoffkühlung für den Gefechtskopf oder
schlicht das Überrennen der Abwehr durch zu viele kleine
Behälter mit Biowaffen - all diese Gegenmaßnahmen
haben bei den NMD-Tests bisher keine Berücksichtigung
gefunden.
Lediglich ein größerer, heller
Ballon, der sich schon von seiner äußeren Form
deutlich von einem kegelförmigen Gefechtskopf unterscheidet,
wurde bei den bisherigen Experimenten eingesetzt, "um
es dem System nicht zu leicht zu machen", so der Direktor
der Raketenabwehrbehörde BMDO, General Ronald Kadish.
Letztlich mußten die Infrarotsensoren des Abfangflugkörpers
bei allen Versuchen bisher also nur beweisen, daß
sie heiße, also besonders helle Objekte, von kalten
Objekten unterscheiden können, wobei man ihnen vorher
einprogrammiert hat, daß der Gefechtskopf das dunkle,
kalte Objekt ist. Obgleich diese Fähigkeit der Sensoren
für das NMD-System wichtig und notwendig ist, reicht
sie jedoch bei weitem nicht aus, denn für jeden Angreifer
wäre die Manipulation der thermischen Signatur von
Gefechtsköpfen und Attrappen sehr einfach.
In den vergangenen Monaten sind eine ganze
Reihe von weiteren Vorwürfen gegen die Testplaner im
Pentagon erhoben worden. Der gewichtigste Angriff kam dabei
vom renommierten MIT-Professor Ted Postol, der unter Präsident
Reagan als Berater für das Raketenabwehrprogramm der
US-Navy tätig war. Grundlage seiner Kritik sind Unterlagen
über den allerersten NMD-Flugtest im Juli 1997. Bei
diesem Experiment soll zu Datenmanipulationen gekommen sein.
Das jedenfalls behauptete eine entlassene Mitarbeiterin
einer der beteiligten Unternehmen. Ein weiteres Ergebnis
seiner Analyse: Das zu geringe Auflösungsvermögen
der NMD-Sensoren mache die Unterscheidung des Ziels selbst
von primitivsten Attrappen völlig unmöglich. Mehr
noch: Dieses Resultat sei den beteiligten Unternehmen und
dem Pentagon schon damals bekannt gewesen (siehe Anhang).
4. Die Funktion im Krisenfall: Zweifelhaft
Selbst wenn beim letzten Versuch die Technik
wie geplant funktioniert hätte, so hätte dies
folglich noch längst nicht gezeigt, daß das NMD-System
auch unter operativen, das heißt Kriegsbedingungen,
funktionieren würde. Die Flugbahnen z. B. nordkoreanischer
Raketen verlaufen von Ost nach West, nicht umgekehrt, wie
bei den bisherigen Tests. Auch wären im Ernstfall Zeit,
Ort und Art des Trägers dem US-Abwehrteam nicht bekannt.
Zudem würde kein Angreifer seine Raketen dann starten,
wenn die Sprengköpfe und Attrappen günstig von
der Sonne beschienen werden. Gravierend ist aber vor allem
die Tatsache, daß einem vermeintlichen Gegner Dutzende
Gegenmaßnahmen zur Verfügung stehen, um den Abfangvorgang
im Weltraum zu erschweren.
In offiziellen Stellungnahmen heißt
es, der Schwierigkeitsgrad der Testflüge solle langsam
gesteigert werden. Dies ist im Prinzip eine vernünftige
Vorgehensweise, vorausgesetzt, daß die späteren
Tests schließlich unter realistischeren Bedingungen
durchgeführt werden und auch erst danach entschieden
wird, ob die Technik des Systems die Anforderungen erfüllt.
In der bisherigen NMD-Planung waren beide
Bedingungen jedoch nicht erfüllt. Eine Pentagon-Analyse
hätte ursprünglich schon in diesem Sommer über
die prinzipielle Machbarkeit des NMD-Systems befinden sollen,
zu einem Zeitpunkt also, zu dem es auch im Falle eines erfolgreichen
Tests noch keine seriöse Einschätzung über
die technischen Fähigkeiten des System hätte geben
können. Mehr noch: Was bisher über die zukünftige
Testplanung bekannt wurde, läßt darauf schließen,
daß selbst die sechzehn verbleibenden Tests bis zur
Erststationierung im Jahre 2006 oder 2007 (siehe Tabelle
2) wohl ohne die Einbeziehung realistischer Gegenmaßnahmen
stattfinden werden.
Sollte das Programm wie geplant fortgesetzt
werden, so würde also auch dem Nachfolger von Präsident
Clinton eine verläßliche Grundlage für eine
Stationierungsentscheidung fehlen, egal wie die Tests in
den nächsten Jahren ausfallen werden. Zwei NMD-Experten
bemerkten dazu in einem Kommentar für den Boston Globe
vom 11. Mai 2000: Die Situation ist so, als ob sich
eine Gruppe von Leuten entschließt, eine Brücke
zum Mond zu bauen. Anstatt die technische Durchführbarkeit
des gesamten Projekts zu beurteilen, beginnen sie mit dem
Bau der Rampen, weil das der Teil ist, von dem sie wissen,
wie er funktioniert.
5. Anhang
5.1 Tabelle 1: Die Systemarchitektur
|
Komponente
|
C-1
Eingangsstufe
|
C-1
Ausbaustufe
|
C-2
|
C-3
|
| Abfangflugkörper |
20
|
100
|
100
|
250
|
| Stationierungsplätze |
1
|
1
|
1
|
2
|
| X-Band-Radaranlagen |
1
|
1
|
4
|
9
|
| Modernisierte
Frühwarnanlagen |
5
|
5
|
5
|
6
|
| Kommunikationsrelais |
3
|
3
|
4
|
5
|
| Kosten
(Mrd. US$) |
25.6
|
29.5
|
35.6
|
48.8
|
Frühwarnsatelliten
SBIRS-High |
2
|
4
|
5
|
5
|
| SBIRS-Low |
0
|
6
|
24
|
24
|
| Stationierung
(ursprüngliche Planung) |
2005
|
2007
|
2010
|
2011
|
Kosten der SBIRS-Low Satelliten bis 2015:
ca. 10.6 Mrd. US$
Die NMD-Architektur, ein globales Netz bestehend
aus sechs modernisierten Frühwarnradars, neun hochauflösenden
X-Band-Radars, bis zu 30 Satelliten und 250 in den USA stationierten
Abfangraketen, soll im Jahre 2011 funktionsfähig sein.
Die Fertigstellung der ersten Stufe war ursprünglich
für 2005 geplant. Nach der Präsidentenentscheidung
wird sich der Zeitplan nunmehr wohl um ein bis zwei Jahre
verschieben.
5.2 Weitere Erläuterungen zu
den bisherigen Tests:
EKV-Sensortests: Integrated Flight
Test (IFT) 1-A und IFT-2 Parties
Bei den Testflügen IFT 1-A (7. Juli 1997)
und IFT 2 (15. Januar 1998) wurden zwei verschiedene Abfangflugkörper
erprobt, von denen der erste von der Firma Boeing und der
zweite von der Firma Raytheon konstruiert wurde. Zu diesem
Zweck wurden zehn Objekte in den Weltraum gebracht, darunter
der knapp zwei Meter lange, konisch geformte Gefechtskopf
sowie Ballons verschiedener Größe und leichte
Attrappen. Ziel der Tests war es, zu überprüfen,
ob die Bordsensoren des Exoatmospheric Kill Vehicle (EKV)
und die zugehörige Software in der Lage sind, diese
Objekte aufzufinden und den Gefechtskopf von den Ballons
und Attrappen zu unterscheiden.
Der Ablauf der Versuche war in beiden Fällen
identisch. Gefechtskopf und Attrappen wurden im Kopf einer
umgebauten Minuteman-II-Rakete von der Vandenberg Air Force
Base in Kalifornien in den Weltraum gebracht. Die Trägerrakete
mit dem EKV wurde etwa 8000 km entfernt von einer Insel
im Pazifischen Ozean (Kwajalein Missile Range) gestartet
und mit Hilfe von Radardaten und dem GPS-Signal des Gefechtskopfs
auf Abfangkurs gebracht. Die EKV wurden dann einige hundert
Kilometer von ihrem Ziel ausgesetzt und flogen anschließend
an dem Feld mit den zehn Objekten vorbei, wobei sie deren
Infrarot- und optische Signale registrierten.
Beide Versuche wurden anschließend von
der BMDO als Erfolg gewertet. Die Objekte seien gefunden
und abgebildet worden und es sei dem System möglich
gewesen, zwischen Gefechtskopf und Attrappen zu unterscheiden.
Allerdings wußte das EKV in beiden Tests genau, wonach
es Ausschau halten sollte. Die geometrischen und physikalischen
Eigenschaften aller Objekte waren exakt bekannt, und es
wurde kein Versuch unternommen, den Gefechtskopf durch Antisimulation
zu tarnen.
In den vergangenen Monaten sind eine ganze
Reihe von weiteren Vorwürfen gegen die Testplaner im
Pentagon erhoben worden. Der gewichtigste Angriff kam dabei
vom renommierten MIT-Professor Theodore Postol, der unter
Präsident Reagan als Berater für das Raketenabwehrprogramm
der US-Navy tätig war. Grundlage seiner Kritik sind
Unterlagen über den diesen NMD-Flugtest im Juli 1997.
Dieser Test, zusammen mit einem weiteren im Januar 1998,
wurde durchgeführt, um die Sensoren der Abfangflugkörper
zu erproben. Eine Kollision war dabei noch nicht vorgesehen.
Die beiden Prototypen des Kill Vehicles sollten lediglich
im Vorbeiflug Daten von zehn Objekten sammeln und analysieren.
Bei diesen Objekten handelte es sich um einen Gefechtskopf
sowie um Ballons verschiedener Größe und leichte
Attrappen. Die gewonnenen Daten sollten dann dazu verwendet
werden, die Computersoftware für die Zielidentifikation
zu testen.
Bei dem ersten Experiment soll es dabei zu
Datenmanipulationen gekommen sein. Das jedenfalls behauptete
eine entlassene Mitarbeiterin eines der beteiligten Unternehmen.
Die in einem Gerichtsverfahren gegen das Unternehmen freigegebenen
Dokumente wurden dann auch von Postol untersucht. Sein Ergebnis:
Das zu geringe Auflösungsvermögen der NMD-Sensoren
mache die Unterscheidung des Ziels selbst von primitivsten
Attrappen völlig unmöglich. Mehr noch: dieses
Resultat sei den beteiligten Unternehmen und dem Pentagon
schon damals bekannt gewesen. Sie hätten daraufhin
die Daten manipuliert und das Problem zu vertuschen versucht.
NMD-Abfangtests: IFT-3 und IFT-4
Die Testflüge IFT-3 und IFT-4 sollten
die sogenannte hit-to-kill-Abfangtechnik demonstrieren.
In beiden Fällen sollte ein Abfangflugkörper den
Gefechtskopf von einer in der Nähe befindlichen Attrappe
unterscheiden und durch einen direkten Treffer zerstören.
Während des ersten Tests, durchgeführt am 2. Oktober
1999 mit dem Boeing-EKV, gelang dies auch. Beim zweiten
Versuch allerdings, am 18. Januar dieses Jahres, verfehlte
das Raytheon-EKV sein Ziel um etwa dreißig Meter,
weil das Kühlsystem für die Infrarot-Bordsensoren
versagte.
IFT-3 erprobte lediglich den Abfangflugkörper
selbst, keine anderen Systemkomponenten wurden in diesen
Test mit einbezogen. Die Informationen über die Position
des Ziels, die notwendig ist um Zeit und Ort für das
Aussetzen des EKV zu bestimmen, wurde anstatt von einem
Radarsystem vom Gefechtskopf selbst, mit Hilfe eines GPS-Senders,
übermittelt.
Der Versuchsablauf war dem der ersten beiden
Tests sehr ähnlich. Allerdings wurde diesmal weitgehend
auf den Einsatz von Attrappen verzichtet. Lediglich ein
heller Ballon mit einem Durchmesser von 2,2 Metern wurde
dem Gefechtskopf hinzugefügt, ein Objekt also, das
sich vom eigentlichen Ziel sowohl hinsichtlich der Form
als auch der Temperatur deutlich unterschied. Zusätzlich
befand sich noch der Bus, von dem Gefechtskopf und Ballon
sich kurz zuvor gelöst hatten, im Blickfeld der Sensoren.
Nachdem das EKV sich vom Träger gelöst
hatte, mußte es das Zielobjekt selbstständig
identifizieren und ansteuern. Dieses gelang und der Gefechtskopf
wurde schließlich in 225 Kilometern Höhe über
dem Pazifischen Ozean zerstört. Die Annäherungsgeschwindigkeit
betrug in diesem Experiment 6.7 Kilometer pro Sekunde.
Was zunächst wie ein klarer Erfolg für
die NMD-Entwickler aussah, mußte wenig später
wieder relativiert werden. Genauere Untersuchungen ergaben,
daß es im Verlauf des Tests eine Reihe von Anomalien
gegeben hatte. Obwohl alle Objekte im Zielbereich sich hinsichtlich
ihrer thermischen Signatur stark unterschieden und von vorne
herein bekannt war, daß der Gefechtskopf das dunkelste
und kleinste Objekt sein würde, hatte das EKV offensichtlich
Schwierigkeiten, sein Ziel zu identifizieren. Es manövrierte
nämlich statt auf den Gefechtskopf zunächst auf
den hellen Ballon zu. Beide Objekte waren jedoch so dicht
nebeneinander, daß auch das eigentliche Ziel später
ins Blickfeld der EKV-Sensoren geriet und gerade noch rechtzeitig
angesteuert werden konnte.
Philip Coyle (Director of Operations, Tests
& Evaluation, DOT&E), zuständig für die
Testprogramme des Pentagon, kommt daher in seinem Jahresbericht
1999 zu dem Schluß, daß es keine Basis für
eine abschließende Bewertung des IFT-3 gäbe.
Es sei unklar, ob der Treffer auch in Abwesenheit des hellen
Ballons gelungen wäre.
Beim IFT-4 war die Bewertung eindeutiger.
Wie schon erwähnt, mißlang der Test, weil das
Kühlsystem für die Infrarotsensoren ausfiel. Diese
Sensoren wurden deshalb von der Wärme der eigenen Bordelektronik
geblendet und konnten so ihr Ziel nicht detektieren.
Neben der Tatsache, daß bei diesen Testflügen
keine realistischen Attrappen verwendet wurden, die das
System hätten verwirren können, gibt es noch einen
weiteren, wichtigen Kritikpunkt an der Versuchsgeometrie
der Tests. Es fällt nämlich auf, daß die
Zeitpunkte der Tests immer in die kalifornischen Abendstunden
gelegt wurden (IFT-3: 19.20 Uhr, IFT-4: 19.19 Uhr Ortszeit).
Da die Trajektorien der Zielobjekte westwärts verlaufen
und die der Abfangflugkörper ostwärts, befindet
sich die Sonne immer hinter dem EKV und sorgt dadurch für
eine ideale Ausleuchtung der Zielobjekte. Im Gegensatz dazu
würden Angriffe auf das Territorium der USA, beispielsweise
von Nordkorea, natürlich auch auf Flugbahnen in entgegengesetzter
Richtung stattfinden können und zu jeder Tages- oder
Nachtzeit möglich sein.
Der gescheiterte dritte Abfangtest:
IFT-5
Der dritte Abfangtest, IFT-5, war ursprünglich
bereits für den 27. April vorgesehen und fand schließlich
am Abend des 7. Juli um 21:18 Uhr kalifornischer Ortszeit
statt. Hinsichtlich der äußeren Bedingungen unterschied
er sich nicht von den beiden vorherigen Tests. Wieder wurde
neben dem Gefechtskopf nur ein Ballon in den Weltraum gebracht,
und wieder starteten Zielobjekte und Abfangflugkörper
von Kalifornien bzw. von Kwajalein aus in den Weltraum.
Bei diesem Test wurden allerdings erstmals
neben dem EKV auch andere NMD-Komponenten miteinbezogen,
daher war IFT-5 der erste sogenannte Integrierte Systemtest.
Zugeschaltet wurden erstmals die DSP-Frühwarnsatelliten,
ein Prototyp X-Band-Radar auf Kwajalein und die Kommandozentrale
in Colorado. Ein Teil dieser Systeme nahm zwar schon an
den vorherigen Tests teil, aber nur im sogenannte Shadow-Modus.
Das heißt, die Systeme waren eingeschaltet und nahmen
ihre Aufgaben wahr, waren aber nicht direkt mit dem Experiment
verbunden.
Ein wichtiges Systemelement für das NMD
stand aber auch beim IFT-5 noch nicht bereit. Die eigentliche
Hochgeschwindigkeits-Trägerrakete für das EKV
befindet sich nämlich noch in der Entwicklung und wird
frühestens im nächsten Jahr getestet werden können,
voraussichtlich beim IFT-7. Erst dann wird sich zeigen,
ob das EKV die durch die wesentlich stärkere Beschleunigung
entstehenden härteren Belastungen unbeschadet überstehen
wird.
Nach den ersten Angaben aus dem Pentagon scheiterte
IFT-5 wahrscheinlich an einer Fehlfunktion der Abfangrakete.
Nach dem Ausbrennen der zweiten Trägerstufe wurde offenbar
das Signal, daß die Abtrennung des Kill Vehicles einleitet,
nicht gesendet. Dies führte dazu, daß das Kill
Vehicle sich nicht von der Abfangrakete löste und somit
auch den eigentlichen, autonomen Abfangvorgang nicht beginnen
konnte.
Während des Zielanflugs wurde bei der
Trägerrakete, für deren Technik die Firma Lockheed
Martin Missiles & Space zuständig war, noch eine
weitere Anomalie festgestellt. Nach einem Flugmanöver,
das zur Drosselung der Raketengeschwindigkeit notwendig
wurde, begann die Rakete zu taumeln und von ihrem Kurs abzuweichen.
Zwei zusätzliche, kleinere Probleme,
die kurz vor dem Flug bzw. kurz danach bekannt wurden, beziehen
sich auf die Minuteman-Rakete, die den Gefechtskopf und
die Ballon-Attrappe in den Weltraum bringen sollte. Der
Start dieser Rakete mußte zunächst um etwa zwei
Stunden verschoben werden, weil kurz zuvor entdeckt wurde,
daß die Batterie der Telemetrie-Einheit dieser Rakete
zu schwach war und ausgetauscht werden mußte. Das
Telemetrie-System liefert während des Fluges Informationen
über die Flugbahn der Rakete und ermöglicht den
Ingenieuren hinterher, den genauen Ort der Kollision zu
bestimmen. Nach dem Start und dem Freisetzen der Zielobjekte
im Weltraum wurde außerdem bemerkt, daß die
Ballon-Attrappe sich nicht entfaltet und aufgeblasen hatte.
5.3 Weitere Testplanung
Bis zur geplanten Erststationierung des NMD
sind mindestens 16 weitere Tests geplant, davon mindestens
acht vor der letztendlichen Entscheidung über das Design
der Abfangflugkörper. Der nächste Test ist für
Januar 2001 angesetzt.
Die bisherigen Flugtests haben durchschnittlich
einhundert Millionen Dollar gekostet. Um Kosten und Zeit
zu sparen, werden zusätzlich Computersimulationen und
eine Reihe von Tests in eigens zu diesem Zweck eingerichteten
Labors am Boden durchgeführt. Auch bezüglich dieser
Tests hat der DOT&E in seinem Jahresbericht 1999 Kritik
geäußert, unter anderem daran, daß die
Testeinrichtungen am Boden die realistischen Annäherungsgeschwindigkeiten
des EKV an sein Ziel nicht simulieren können. Auch
wird wichtige Computersoftware um Monate zu spät fertig
werden. Der Bericht des DOT&E sagt letztlich, daß
kein funktionierendes Simulationssystem für das NMD
existiert und diese Tatsache die Beurteilung der Effektivität
des Systems stark einschränken wird.
Die folgende Aufstellung gibt einen Überblick
über den bisherigen Testverlauf und die zukünftige
Zeitplanung:
|
Datum
|
Test/Entscheidung
|
Ergebnis/Inhalt
|
| Juni
1997 |
IFT-1A |
Geplanter
Vorbeiflug mit einem Kill Vehicle von Boeing, Sensortest. |
| Januar
1998 |
IFT-2 |
Geplanter
Vorbeiflug mit einem Kill Vehicle von Raytheon, Sensortest. |
| 2.
10. 1999 |
IFT-3 |
Erster
Abfangtest; testete ausschließlich das Boeing
Kill Vehicle. |
| 18.
1. 2000 |
IFT-4 |
Abfangtest
mit einem Raytheon Kill Vehicle; Kollision fehlgeschlagen
wegen Ausfall der Infrarotsensoren. |
| 7.
7. 2000 |
IFT-5 |
Abfangtest
mit einem Raytheon Kill Vehicle, einschließlich
eines integrierten Systemtests, fehlgeschlagen wegen
einer Fehlfunktion der Abfangrakete. |
| 1.
9. 2000 |
|
Bekanntgabe
Präsident Clintons, die NMD-Stationierungsentscheidung
seinem Nachfolger zu überlassen. |
| Januar
2001 |
IFT-6 |
Abfangtest |
| 2001 |
IFT-7,
8, 9 |
Drei
Abfangtests; erste Tests des Gesamtsystems einschließlich
des Prototyps der endgültigen Trägerrakete
("booster") |
| 2002 |
IFT-10,
11, 12 |
Drei
Abfangtests |
| 2003 |
IFT-13,
14, 15 |
Drei
Abfangtests; IFT-14 soll der erste Test des Gesamtsystems
einschließlich serienreifer Typen des Kill Vehicles
und der Trägerstufe sein |
| 2003 |
DAB
review |
Entscheidung
über die Produktion der ersten sechzig "ground
based interceptors" |
| 2004 |
IFT-16,
17, 18 |
Drei
Abfangtests |
| 2005 |
IOT&E |
Drei
Abfangtests; erste Tests unter "operativen"
Bedingungen |
| 2005/2006 |
IOC |
Abschluß
der Stationierung der C-1 Eingangsstufe |
| 2006 |
|
Stationierungsbeginn
der SBIRS Low Satelliten (24 Satelliten bis 2010) |
| Ende
2007 |
|
Abschluß
der Stationierung der C-1 Ausbaustufe |
6. Literaturauswahl
U. S. Department of Defense: News Release,
Nr. 459-99, 2. Oktober 1999, Nr. 392-00, 393-00, 8. Juli
2000, News Briefing, 20. Juni, 6. Juli, 7. Juli, 8. Juli
2000, Background Briefing, 19. Januar 2000 (http://www.defenselink.mil)
Ballistic Missile Defense Organization, BMDO
Fact Sheet, JN-00-07, JN-00-08, JN-00-10, Januar 2000 (http://www.acq.osd.mil/bmdo/html/bmdolink.html)
Paul Richter, Bettina Boxhall: Defense Missile
Fails in Crucial Test, Los Angeles Times, 8. Juli 2000
Paul Richter: 3 Snafus Blamed in Failure of
Key Defense Missile Test, Los Angeles Times, 9. Juli 2000
Transcript of President Clinton's remarks
on national security delivered at Georgetown University,
Washington Post, online edition, 1. September 2000
Federation of American Scientists, Space Policy
Project: http://www.fas.org/spp/starwars/program/nmd.html
Congressional Budget Office, Budgetary and
Technical Implications of the Administration's Plans for
National Missile Defense, Washington, April 2000
Coalition to Reduce Nuclear Dangers, Council
for a Livable World Education Fund, Pushing the Limits -
The Decision on National Missile Defense, Washington, April
2000
Union of Concerned Scientists, MIT Security
Studies Program, Countermeasures - A Technical Evaluation
of the Operational Effectiveness of the Planned US National
Missile Defense System, Cambridge, April 2000
Uwe Schmitt: Kritik am US-Raketenabwehrsystem,
Die Welt, 27. Mai 2000
|
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