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Bulletin No 43 -Sommer 2004

Matthias Schuler
"National Missile Defense": Ein Mittel zur Abschreckung oder zur aktiven Verteidigung?

Seit dem Amtsantritt der Regierung George W. Bush im Jahr 2001 werden in den USA die Pläne eines nationalen Raketenabwehrprogramms wieder sehr viel ambitionierter verfolgt, als dies unter Präsident Clinton der Fall war. Bei der Bewertung der National Missile Defense[1] (NMD) gilt es insbesondere zwei Problemkreisen besondere Beachtung zu schenken, einerseits der technischen Realisierbarkeit des Projekts und andererseits den damit verbundenen politischen Konsequenzen. Nimmt man die politischen Bedenken, die gegen ein solches System geäußert werden, und dessen technische Unwägbarkeiten zusammen, so gelangt man zu der Frage, ob NMD nicht letzten Endes am ehesten als Mittel der Abschreckung gegen so genannte Schurkenstaaten[2] geeignet wäre. Ich möchte in meinem Artikel nun genau dieser Frage nachgehen und mit Hilfe einer kurzen Vorstellung der verschiedenen Systemtypen, der angedachten Einsatzmöglichkeiten sowie weiteren Erläuterungen zu den technischen Problemen und politischen Konfliktpotenzialen versuchen darzustellen, warum ein solches Raketenabwehrsystem letztlich nur zur Abschreckung gegen Schurkenstaaten sinnvoll und effektiv genutzt werden könnte.

1. Die Geschichte des Projekts NMD

Hinter dem Namen NMD (National Missile Defense) verbirgt sich die Idee eines Abfangsystems gegen Interkontinentalraketen (ICBM). Der Grundgedanke ist, mit Hilfe von boden- und satellitengestützten Radar- und Infrarotsystemen den Abschuss einer ICBM zu entdecken, ihre Flugbahn genau zu verfolgen und sie dann mit Hilfe von Abwehrraketen oder Lasern im Flug zu zerstören.[3]

Kurz nach ihrem Amtsantritt 1993 hat die Clinton-Administration zunächst sehr wenig Interesse an einem Raketenabwehrsystem gezeigt und die SDI[4] -Neuorientierung hin zu einem "Global Protection Against Limited Strikes" (also genau dem, was wir heute als NMD bezeichnen) rückgängig gemacht. Das Vorhaben wurde auf den Status eines langfristigen Forschungs- und Entwicklungsprojekts zurückgestuft. Republikanische Kongressabgeordnete hingegen versuchten, auf die traditionelle Vorliebe ihrer Partei für strategische Abwehrmaßnahmen aufbauend, die ICBM-Gefahr durch Schurkenstaaten zu einem zentralen Thema der parteipolitischen Diskussion in Washington zu machen. Ein wichtiger Bestandteil der republikanischen Strategie war es, die aus der Exekutive kommenden offiziellen Gefährdungseinschätzungen als untertrieben zu kritisieren. Der Vorwurf lautete, die Administration würde aus "politischen Gründen" die Gefährdung herunterspielen. Heftig kritisiert wurde v.a. der National Intelligence Estimate (1995 NIE) aus dem Jahre 1995, der zu dem Urteil kam, dass außer den erklärten Nuklearmächten kein Staat innerhalb der nächsten 15 Jahre die kontinentalen USA und Kanada mit ICBMs bedrohen könne. Daraufhin rief der Kongress eine aus beiden Parteien heraus besetzte Kommission ins Leben, um die Bedrohungslage erneut zu überprüfen. Diese nach ihrem Vorsitzenden benannte Rumsfeld-Kommission[5] kam 1998 zu einer sehr viel bedrohlicheren Einschätzung der Lage: Nordkorea und Iran bräuchten fünf, der Irak zehn Jahre, um die Vereinigten Staaten offensiv mit Interkontinentalraketen bedrohen zu können.[6] Diese deutlich pessimistischere Einschätzung rührt u.a. daher, dass die Rumsfeld-Kommission sich darauf konzentrierte, welche Bedrohung durch Schurkenstaaten möglich ist, während der NIE 1995 eine Einschätzung bekannter und wahrscheinlicher Gefahren darstellte. Auch gewichtet der Rumsfeld-Report die Möglichkeit geheimer Entwicklungen und die Gefahr einer technologischen Unterstützung durch andere Staaten schwerer.

Diese Voraussagen erschienen um so glaubhafter, als Nordkorea im August 1998 eine dreistufige Rakete (deren letzte Stufe allerdings versagte) mit unerwartet hoher Reichweite testete und der 1999 überarbeitete NIE[7] deutlich pessimistischer ausfiel als sein Vorgänger. Das Weiße Haus näherte seine Position immer weiter an die republikanische an, und 1999 unterzeichnete Präsident Clinton das republikanisch inspirierte NMD-Gesetz, welches den baldmöglichsten Einsatz eines Raketenabwehrsystems vorsah. Über einen Zeitraum von sechs Jahren wurden für das Projekt zunächst sieben Milliarden US-Dollar bereitgestellt. Gleichzeitig erklärte die Regierung, sie werde mögliche notwendige Änderungen im ABM-Vertrag überprüfen. Der ursprüngliche Zeitplan sah vor, bis 2005 20 und bis 2010 100 bis 125 Abfangraketen in Alaska zu stationieren; eine zweite Basis mit 100 bis 125 Abfangraketen sollte bis 2011 folgen.

Die Bush-Administration wird nach übereinstimmenden Aussagen des Präsidenten und seines Verteidigungsministers das MD-Projekt zügig vorantreiben. Sie favorisiert offensichtlich sogar ein noch leistungsfähigeres System, hat sich aber in Detailfragen bislang nicht konkret geäußert. Durch die einseitige Kündigung des ABM-Vertrags, die offiziell mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 begründet wurde, haben die USA ihren Handlungsspielraum beträchtlich erweitert. Der mit Russland neu ausgehandelte Moskauer Vertrag erlaubt sehr viel umfangreichere und ehrgeizigere Projekte im Bereich defensiver Militärtechnologien, als dies der ABM-Vertrag tat. Allerdings scheint das Projekt, bedingt durch den Irakkrieg im Frühjahr 2003 und das damit verbundene offensichtlich länger andauernde Engagement der USA im Irak sowie in Afghanistan, zumindest vorübergehend ein wenig in den Hintergrund getreten zu sein. Ein grundsätzliches Abrücken von diesem Vorhaben ist aber nach wie vor nicht erkennbar, lediglich die Entscheidung, welche Art von System nun errichtet werden soll, scheint noch nicht endgültig getroffen zu sein. Die verschiedenen Möglichkeiten, zwischen denen sich diese und jede zukünftige Regierung entscheiden muss, hängen eng mit den verschiedenen Optionen für eine Systemarchitektur zusammen. Diese möchte ich im Folgenden zumindest in Grundzügen erläutern.

2. Technische Realisierbarkeit

Um die technische Durchführbarkeit des Missile-Defense-Programms zu bewerten, sollten die beiden Systemoptionen genauer betrachtet werden, deren Einsatz innerhalb der nächsten Jahre technisch möglich erscheint: Midcourse- und Boost-Phase. Es existieren zwar Pläne und Prototypen weiterer Möglichkeiten (z.B. lässt die Air Force an einem luftgestützten Lasersystem forschen), ein tatsächlicher Einsatz erscheint aber innerhalb eines engeren Zeitrahmens nicht realistisch.

Das bereits unter Clinton begonnene und bis heute weiterentwickelte NMD-Projekt ist ein so genanntes Midcourse-System,[8] d.h. es soll den feindlichen Sprengkopf zu einem Zeitpunkt treffen, an dem er sich bereits von der ausgebrannten ICBM gelöst hat, aber noch nicht wieder in die Atmosphäre eingetreten ist. Satellitengestützte Infrarotsensoren entdecken dabei die Hitzeentwicklung der Rakete frühzeitig und verfolgen ihren Kurs bis zum ihrem Ausbrennen. Danach werden durch eine Kombination von Radars am Boden und weiteren satellitengestützten Infrarotsensoren die Flugbahnen der (nun von der Rakete gelösten) Sprengköpfe und Täuschkörper verfolgt. In einer Kommandozentrale laufen die gesamten Informationen zusammen; hier wird schließlich der Befehl für den Start der Abfangrakete gegeben. Jede Abfangrakete hat ein "kill vehicle" an Bord, welches sich im All von der Rakete löst und mit Hilfe eigener Sensoren und Computer den Sprengkopf von möglichen Täuschkörpern unterscheiden kann. Es fliegt mit hoher Geschwindigkeit auf den Sprengkopf zu, der Aufprall allein zerstört sowohl den Sprengkopf als auch das "kill vehicle" - eine Sprengladung ist dazu nicht erforderlich.

Dieses theoretisch recht einfache Konzept ist allerdings bisher nur mit mäßigem Erfolg umzusetzen gewesen. So sind von den insgesamt 17 Tests, die zwischen 1983 und 2001 durchgeführt wurden, nur drei erfolgreich gewesen, d.h. die Abfangrakete hat nur in wenigen Fällen den angreifenden Gefechtskopf auch tatsächlich getroffen und zerstört.[9] Von verschiedenen Experten wurde immer wieder kritisiert, dass zumeist nur Teile des Systems unter stark vereinfachten und recht unrealistischen Bedingungen getestet wurden. So wurden einige der Versuche beispielsweise nur zu bestimmten Tageszeiten und damit unter besonders günstigen Wetter- und Lichtverhältnissen durchgeführt, oder der Abfangrakete wurden die genauen Daten des abzufangenden Gefechtskopfes einprogrammiert. Außerdem wurden meist gar keine oder höchstens ein Täuschkörper verwendet.[10]

Gesetzt den Fall, dass es den verantwortlichen Ingenieuren gelingt, das beschriebene Konzept umzusetzen, bleibt das Problem der Gegenmaßnahmen, u.a. der Täuschkörper, also "unechter" Sprengköpfe, die das "kill vehicle" auf sich lenken und so den echten Sprengkopf schützen sollen. In der Fachliteratur ist man sich uneinig, ob Schurkenstaaten dazu in der Lage sein werden, Täuschkörper oder andere Gegenmaßnahmen zu entwickeln, die das Abwehrsystem umgehen könnten. Zum Teil wird das Argument verwendet, dass jeder Staat, der ICBMs herstellen, auch ausreichende Gegenmaßnahmen entwickeln kann.[11] Führende US-Experten bezweifeln generell die technische Realisierbarkeit eines effektiven Abwehrschildes gegen Interkontinentalraketen, da die Entwicklung und der Einsatz wirksamer Gegenmaßnahmen sehr viel einfacher und technisch weit weniger anspruchsvoll sei, als die Entwicklung des Abwehrsystems.[12] Andererseits erfordern Raketenbau und Täuschkörperbau z.T. Know-how in sehr unterschiedlichen Bereichen der Technik, so dass hier nicht ohne Weiteres von einem einheitlichen Stand der Entwicklung ausgegangen werden kann: Die Herausforderungen der ICBM-Entwicklung liegen hauptsächlich im chemischen (Treibstoffe) und mechanischen Bereich, während die äußerst schwierige Nachahmung der Wellen, die Flugkörper in verschiedenen Frequenzbereichen aussenden (nichts anderes tun Täuschkörper), Kenntnisse erfordert auf so unterschiedlichen Gebieten wie z.B. Radarkonstruktion, Infrarot- und Radarsignaturunterscheidung, Signalverarbeitung sowie der zur Unterscheidung erforderlichen Algorithmen. Darüber hinaus wird darauf verwiesen, dass der Test von Täuschkörpern Flugtests erfordert, da Labortests nicht zuverlässig genug sein können.[13] Die vermeintlichen Schurkenstaaten besitzen jedoch nicht die nötigen Messinstrumente, um solche Flugtests auswerten zu können, da die erforderlichen Technologien z.T. nur Staaten mit weit fortgeschrittenen Raumfahrtprogrammen zur Verfügung stehen - insofern könnten die USA durch einen Flugtest sogar mehr über die Täuschkörper herausfinden als der Schurkenstaat selbst. Da Schurkenstaaten solche Tauschkörper also nicht gewinnbringend testen können, könnten sie von deren Entwicklung von vornherein absehen.[14] Wieder andere Autoren verweisen auf die relativ simple, aber schwer abzuwehrende Methode, biologische Kampfstoffe statt in einer großen einfach in vielen kleinen Bomben (engl.: submunitions) ans Ziel zu bringen. Zudem wird auf die Möglichkeit verwiesen, einen Atomsprengkopf mit einem Metallballon zu umhüllen, um seine Infrarot- und Radarsignaturen denen der Täuschkörper ähnlich zu machen. Des Weiteren ist es denkbar, den Sprengkopf mit einer stickstoffgekühlten Hülle auszurüsten, die eine Unterscheidung für die Infrarotsensoren schwer bzw. nahezu unmöglich machen würde.[15]

Es besteht zwar natürlich nach wie vor die Option, Abfangraketen mit Nuklearsprengköpfen auszurüsten - allerdings ginge man hier nicht nur das Risiko ein, dass eine Abfangrakete statt der angreifenden Rakete fälschlicherweise eine der anderen Abfangraketen zerstört, sondern würde auch (durch die freiwerdende elektromagnetische Strahlung) die Beschädigung von NMD- und zivilen Satelliten riskieren. Ein Schaden, der in den Dimensionen von mehreren hundert Milliarden (!) US-Dollar liegen und den Verlust des Schutzes vor (evtl. schnell folgenden) weiteren Angriffen bedeuten könnte. Außerdem wäre der politische, v.a. der öffentliche Widerstand gegen ein solches Abwehrsystem voraussichtlich ungleich größer.

Alternativ zum Midcourse-Konzept bietet sich ein Boost-Phase-System an.[16] Der Gedanke hinter diesem Konzept ist, die ICBM bereits abzuschießen, bevor sie ausbrennt und sich der Sprengkopf von der Rakete trennt. Die Frage des Abschusszeitpunktes erscheint auf den ersten Blick nicht von großer Bedeutung, ist aber tatsächlich zentral, da sie gänzlich andere Systemarchitekturen mit deutlich unterschiedlichen technischen und v.a. politischen Implikationen erfordert.

Aus der Perspektive der technischen Umsetzbarkeit hat ein Boost-Phase-System den entscheidenden Vorteil, dass mit großer Sicherheit die gesamte Rakete, inklusive aller enthaltenen Sprengköpfe, evtl. enthaltenen Submunitions und sonstiger Gegenmaßnahmen, zerstört würde. Außerdem ist eine noch brennende ICBM wesentlich heller, größer, langsamer und auch zerbrechlicher als ein im All fliegender Sprengkopf. Es ist also einfacher, sie mit Sensoren aufzuspüren, ihre Flugbahn zu verfolgen und sie zu zerstören. Ein Boost-Phase-System stellt demnach eine deutlich geringere technische Herausforderung dar, obwohl am Midcourse-System bereits wesentlich länger geforscht wird und dieses daher auch schneller reif für eine Stationierung wäre.

Zu beachten ist beim Boost-Phase-System aber eine wichtige Einschränkung: Die Abfangraketen müssen in relativer Nähe der abzufangenden ICBMs stationiert werden. Man rechnet hier mit einem Maximum zwischen mehreren hundert und etwa 1000 km.[17] Es müssen folglich Staaten in der Nähe des Schurkenstaates sein, in denen eine (evtl. langfristige) Stationierung möglich ist. Zieht man die Möglichkeit eines see- oder luftgestützten Boost-Phase-Systems mit in Betracht, erweitern sich die Möglichkeiten; allerdings würde das die Reichweite der Abfangraketen wohl noch weiter einschränken.[18]

Eine neue Studie der American Physical Society (APS) zur Raketenabwehr[19] bezweifelt nun nicht mehr nur die technische Machbarkeit des Midcourse-Systems, sondern stellt auch die Realisierbarkeit des Boost-Phase-Systems in Frage. Nach Ansicht der Experten der APS besteht das Problem darin, dass die Abfangraketen aufgrund der geographischen Entfernungen die ICBM nicht schnell genug erreichen könnten, um sie noch während ihrer Startphase zu zerstören. Die Triebwerke von Flüssigstoffraketen, wie sie derzeit von Nordkorea und Iran entwickelt werden, werden rund vier Minuten lang gezündet, die von fortschrittlichen Feststoffraketen nur rund 170 Sekunden. Rechnet man die Zeit ab, welche die Verteidiger zur Identifikation des feindlichen Flugkörpers benötigen, bleiben 140 bis 170 Sekunden, um eine startende Flüssigstoffrakete, und 90 bis 120 Sekunden, um eine startende Feststoffrakete zu treffen. Selbst extrem schnell fliegende Abfangraketen müssten nach Meinung der APS-Experten in einem Abstand von 400 bis maximal 1000 Kilometern von den Abschussbasen der ICBMs stationiert sein, ein Unterfangen, das von der politischen Geographie z.B. im Fall von Nordkorea nahezu unmöglich gemacht wird. In ihrer Studie kommen die Experten zu dem Ergebnis, dass einige der wichtigsten Technologien für einen wirksamen Raketenschild gegen Flüssigstoffraketen noch mindestens zehn Jahre Entwicklungsarbeit benötigen. Da aber nach Schätzungen der US-Geheimdienste Nordkorea und Iran bereits in zehn bis 15 Jahren Feststoffraketen besitzen könnten, wäre ein Boost-Phase-System gegen Flüssigstoffraketen möglicherweise schon überholt, bevor es in Dienst gestellt wird.[20]

Doch selbst wenn die beschriebenen technischen Probleme zu einem Großteil gelöst werden könnten, bliebe immer noch die Frage, ob das gesamte Projekt bezahlbar wäre und ob sich der finanzielle Aufwand für den Schutz, den ein solches Raketenabwehrsystem bieten könnte, lohnen würde: Für das von der Clinton-Regierung vorgeschlagene Midcourse-System wurden Gesamtkosten von 25 bis 70 Milliarden US-Dollar bei einer "Lebenserwartung" des Systems von 20 Jahren veranschlagt - die höhere dieser beiden Schätzungen liefe also auf 3 bis 4 Milliarden US-Dollar pro Jahr hinaus. Hier stellt sich natürlich die Frage, ob gerade angesichts erwarteter Steigerungen in anderen Bereichen des Verteidigungshaushalts (Heimatschutz, Modernisierung der konventionellen Streitkräfte) diese hohen Ausgaben eine sinnvolle Investition darstellen würden. Auf jeden Fall aber wäre ein solches System prinzipiell bezahlbar. Für Systemarchitekturen, die noch weniger weit erforscht sind (z.B. Boost-Phase oder das von Bush geforderte "robuste", also mehrgliedrige NMD-System aus Boost-Phase und Midcourse) stehen allerdings noch keine Schätzungen zur Verfügung - gerade ein sehr anspruchsvolles, "robustes" System könnte aber evtl. die finanziellen Möglichkeiten der USA übersteigen.

Nach dieser Darstellung der Systemoptionen und der damit verbundenen technischen Probleme möchte ich im Folgenden auf die verschiedenen denkbaren Angriffsszenarien eingehen, vor denen ein solcher Raketenschild Schutz bieten soll. Des Weiteren werde ich versuchen, die Wahrscheinlichkeit solcher Angriffe sowie die Effektivität von NMD als Verteidigungssystem dagegen zu bewerten.

3. NMD gegen vorsätzliche Angriffe Russlands und Chinas

Eine der grundlegenden Entscheidungen, die die Vereinigten Staaten im Zusammenhang mit ihrem Raketenabwehrprogramm zu treffen haben, ist, ob sie versuchen sollten, sich damit auch gegen theoretisch denkbare, vorsätzliche Angriffe Russlands oder Chinas zu verteidigen. Einige wenige Befürworter des Projekts betrachten ein begrenztes NMD-System lediglich als ersten Schritt hin zu einer sehr viel weitreichenderen Raketenabwehr, die dann auch zur Verteidigung gegen Großmächte geeignet wäre. Die Mehrzahl der Befürworter schätzen den Raketenschild jedoch in erster Linie zur Verteidigung gegen Schurkenstaaten, ziehen aber auch Umstände in Betracht, unter denen die Vereinigten Staaten das System gegen China einsetzen sollten. So argumentiert beispielsweise der stellvertretende nationale Sicherheitsberater Stephen Hadley, dass "the United States should have no need to deploy an NMD system against China. But if China continues to insist that it is free to use force against Taiwan, continues to deploy more ballistic missiles aimed at Taiwan and the United States, and continues to threaten to use those missiles against both, then the United States may simply have no choice."[21] Besonders angesichts der zwar vagen, aber möglicherweise richtungsweisenden Forderungen der Bush-Administration nach einem "robusten" Raketenschild stellt sich die Frage, ob es sinnvoll sein könnte, ein ambitionierteres Abwehrsystem nicht nur gegen Schurkenstaaten, sondern mittelfristig auch gegen russische und/oder chinesische Angriffe zu bauen.

Aus zwei wichtigen Gründen, der technischen Nichtdurchführbarkeit und der politischen Provokation, sollten die USA diese Pläne zu einer weitreichenderen Raketenabwehr nicht verfolgen. Tatsächlich besteht die größte Herausforderung für die USA darin, Provokationen gegenüber Russland und China zu vermeiden, während sie ein effektives Raketenabwehsystem gegen Angriffe von Schurkenstaaten aufbauen.[22]

3.1 Technische Nichtdurchführbarkeit

Aus mindestens den drei folgenden Gründen haben Russland und China sehr viel bessere Aussichten darauf, eine amerikanische Raketenabwehr zu überwinden, als dies Schurkenstaaten hätten:

  • Beide verfügen über ausreichende Mittel zum Bau von Offensivwaffen, die die US-Raketenabwehr überwältigen könnten. Um den Schaden, den der Angriff eines starken Gegners anrichten würde, auf ein erträgliches Maß zu begrenzen, müssten die USA einen Raketenschild entwickeln, der in der Lage wäre, eine sehr viel größere Anzahl angreifender Gefechtsköpfe abzufangen, als dies gegen kleinere Angreifer notwendig wäre. Dies würde das Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht unerheblich verschlechtern.
  • Russland und China verfügen über fortgeschrittene technische Grundlagen, die es ihnen ermöglichen würden, Gegenmaßnahmen zu entwickeln, die für Schurkenstaaten unerreichbar wären. Dazu könnten u.a. schnellbrennende Raketen, manövrierbare Gefechtsköpfe, fortgeschrittene Täuschkörper, elektronische Gegenmaßnahmen, vorgeschaltete atomare Explosionen sowie Anti-Satellitenwaffen gehören.[23] Selbst wenn es den USA gelänge, die Probleme zu lösen, die durch einfache Gegenmaßnahmen entstehen, wären sie sehr wahrscheinlich trotzdem nicht in der Lage, ein effektives NMD-System gegen solche High-Tech-Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Besonders Russland, mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung auf dem Gebiet strategischer Kernwaffen, könnte seine ICBMs mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit erfolgreichen Gegenmaßnahmen ausrüsten.
  • Großmächte wie Russland oder China wären außerdem in der Lage, zuverlässige "traditionelle" Transportmethoden für Massenvernichtungswaffen einzusetzen, wie z.B. Bomber, U-Boote oder Schiffe, die mit Cruise Missiles mit großer Reichweite ausgerüstet wären, gegen die sich die USA weder mit einem Raketenschild noch mit anderen strategischen Abwehrmaßnahmen verteidigen könnten. Schurkenstaaten dagegen würden v.a. aus Gründen der Erfolgswahrscheinlichkeit in aller Regel ICBMs als Angriffsmethode bevorzugen, selbst wenn sie über andere ungewöhnliche Verbreitungswege verfügen sollten. Dies erhöht in gewissem Maße die Aussichten für die USA, sich gegen deren Angriffe mit Massenvernichtungswaffen erfolgreich zu verteidigen bzw. solche Angriffe mittels Abschreckung durch ein NMD-System zu unterbinden.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass derzeit auch die USA technisch nicht in der Lage sind, ein Raketenabwehrsystem zu entwickeln, das die Vereinigten Staaten und nach Möglichkeit auch ihre Verbündeten vor russischen oder chinesischen Angriffen mit Interkontinentalraketen schützen könnte.

3.2 Politische Provokation[24]

Abgesehen von der technischen Realisierbarkeit bleibt die Frage, wie ein umfassendes (robustes) Raketenabwehrsystem der USA in Bezug auf Russland und China politisch zu beurteilen ist. Als Reaktion auf die zunehmende Schwäche im konventionellen Bereich fordert die russische Doktrin, zur Abschreckung einer konventionellen Auseinandersetzung stärker auf Nuklearwaffen zu setzen. Im Falle Chinas sind die Umstände sogar weit weniger abstrakt, da Nuklearwaffen eine Rolle im Konflikt um Taiwan spielen könnten. Obwohl China derzeit in amerikanischen Theater-Missile-Defense-Systemen (TMD) eine größere Bedrohung als in NMD sieht, würden die chinesischen Nuklearkapazitäten und dadurch auch ein amerikanischer Raketenschild Chinas Beurteilung seiner regionalen Umwelt beeinflussen. Außerdem scheint sich China von einer Doktrin, die lediglich in geringem Umfang das Potenzial zu Vergeltungsschlägen fordert, abzuwenden und dagegen verstärkt den Besitz offensiver Waffensysteme anzustreben, die einen Erstschlag überstehen und vielseitigere Einsatzmöglichkeiten bieten können.

Das amerikanische Streben nach nuklearer Überlegenheit würde die Unsicherheit schüren, unabhängig davon, ob NMD effektiv einsetzbar wäre oder nicht. Ist das System effektiv, werden Russland und China glauben, sie seien einseitig durch amerikanische Gewalt verletzbar. Ist es, was wahrscheinlicher erscheint, nicht effektiv, werden die russische und die chinesische Führung die amerikanischen Anstrengungen, eine effektive Raketenabwehr zu realisieren, als Zeichen bösartiger amerikanischer Absichten interpretieren. Da sie sicherlich glauben, dass nukleare Abschreckung zur Erhaltung amerikanischer Sicherheit angemessen ist, werden sie das amerikanische Streben nach nuklearer Überlegenheit als Anzeichen expansionistischer Absichten verstehen. Dies wird insbesondere durch die gegebene weltweite konventionelle Überlegenheit der USA und das Fehlen eines ernsten Konflikts, der die Sicherheit der USA bedrohen könnte, wahrscheinlich. Zudem würde eine amerikanische Politik des Rüstungswettlaufs den Hardlinern und Nationalisten, die in Russland und China um Unterstützung werben, Auftrieb geben, und deren gewachsener Einfluss würde wiederum die Dynamik verstärken, die ohnehin von einer amerikanischen Politik des atomaren Rüstungswettlaufs ausginge.

Auch wenn die USA die weltweit dominierende militärische Macht sind, sollten gerade sie in höchstem Maße an einer Weltordnung interessiert sein, in der alle Großmächte (zumindest voreinander) sicher sind. Unsicherheit kann expansionistisches Verhalten auslösen, das beispielsweise Russland dazu veranlassen könnte, verstärkt wachsenden Einfluss in den ehemaligen Sowjetrepubliken anzustreben. Auch wenn dies wahrscheinlich zu keinem Zusammenstoß zwischen Russland und der NATO führen könnte, so würde es doch die Spannungen verstärken und einmal mehr das Hervortreten militärischer Erwägungen nach sich ziehen. Gesteigerte Unsicherheit würde den Rüstungswettlauf und das Ende der Zusammenarbeit beschleunigen, was folglich die zwischenstaatlichen Beziehungen belasten und militärische Gefahren heraufbeschwören würde. Zudem könnte das Streben der Vereinigten Staaten nach einem solchen Raketenabwehrsystem eine Unterbrechung oder gar das Ende der Kooperationsprogramme mit Russland zur Folge haben, die Russlands Kontrolle über seine Atomwaffen und sein spaltbares Material verbessern sollen.

Die Anzeichen feindlicher amerikanischer Absichten, die von einem NMD-System ausgingen, würden die chinesischen Bestrebungen verstärken, den Schritt Taiwans in die Unabhängigkeit zu unterbinden. China wird zunehmend die Möglichkeiten haben, seine konventionellen und nuklearen Streitkräfte auszubauen, was unter Umständen Japan zu der Überzeugung bringen könnte, dass es stärker auf seine eigenen militärischen Fähigkeiten setzen muss. Ein solcher Rüstungswettlauf in Nordostasien würde ernstzunehmende Spannungen in der Region nach sich ziehen und folglich auch die amerikanische Sicherheit verringern.

Obwohl keine der genannten Reaktionen als sicher gelten kann, würde ein unbeschränktes Raketenabwehrsystem deren Wahrscheinlichkeit in jedem Fall erhöhen. Russland würde einen gegen sich gerichteten Raketenschild nicht isoliert, sondern im Kontext jüngerer geopolitischer Entscheidungen der USA und ihrer Verbündeten sehen: Die NATO-Erweiterung nach Osten, die Aufkündigung des ABM-Vertrags, die Interventionen auf dem Balkan, besonders im Kosovo, und der jüngste Golfkrieg ließen Russland nicht auf eine strategisch defensive Grundhaltung der USA schließen. China wird das NMD-Projekt wahrscheinlich als Teil einer Gesamtstrategie betrachten, mit der Washington seine Unterstützung für Taiwan unterstreicht, TMD in der Region verbreitet und die Ausweitung der japanischen Militärausgaben sowie deren militärische Einsetzbarkeit fordert. Ein unbeschränktes Raketenabwehrsystem gegen Interkontinentalraketen würde also die Beziehungen zwischen den USA, Russland und China zumindest stark belasten, wenn nicht gar dauerhaft beschädigen und die Unsicherheit vor den Absichten der USA verstärken. Damit würde es auf die globale Sicherheit destabilisierend und somit kontraproduktiv wirken.

Das gewichtigste Gegenargument gegen diese Einschätzungen ist, dass der Abschreckungs- und Schadensbegrenzungsnutzen eines hocheffektiven NMD-Systems die Gefahren, die von einer erhöhten Unsicherheit Russlands und Chinas ausgingen, bei weitem übersteigen würde. Da aber selbst Experten, die der Bush-Regierung nahe stehen, erhebliche Zweifel an der Effektivität des Systems hegen,[25] ist dieses Argument wohl wirklich nur theoretisch zu beachten, zumal es lediglich die Auswirkungen auf die Sicherheit der USA, nicht aber die Veränderungen der globalen Sicherheitslage ausreichend berücksichtigt, von der die USA letzten Endes aber abhängig sind.

Unter den gegebenen Umständen erscheint das Streben der USA nach nuklearer Überlegenheit als sicherheitspolitisch weder logisch noch sinnvoll, da angesichts der Tatsache, dass sich die amerikanischen Beziehungen zu Russland und China derzeit in Übergangsstadien befinden und kooperatives Verhalten zur Verbesserung und Festigung friedvoller Beziehungen beitragen könnte, ein unbeschränktes Raketenabwehrprogramm bestenfalls zu einem "Neuen Kalten Krieg" führen könnte.[26] Dieses Urteil wird noch dadurch gestärkt, dass die amerikanischen Anstrengungen, einen wirksamen Raketenschild gegen Russland und China zu entwickeln, aus den genannten Gründen mit großer Wahrscheinlichkeit scheitern würden, wodurch die USA die gesamten Kosten eines solchen Systems zu tragen, aber keinerlei Nutzen zu erwarten hätten.

Es bleibt festzuhalten, dass zum einen ein Angriff Russlands oder Chinas gegen die Vereinigten Staaten derzeit äußerst unwahrscheinlich erscheint und zum anderen das geplante NMD-System ohnehin keinen Schutz vor einem solchen Angriff bieten könnte. Es würde, ganz im Gegenteil, aus den genannten Gründen das politische Klima zwischen den USA, Russland und China möglicherweise stark verschlechtern und damit militärische Auseinandersetzungen jeglicher Art wahrscheinlicher machen. Folglich hätte ein solches Raketenabwehrsystem für die USA in Bezug auf Russland und China keinerlei Nutzen.

4. Möglicher Nutzen einer begrenzten NMD

4.1 Wahrscheinlichkeit eines Schurkenstaaten-Angriffs

Mit der Erkenntnis, dass ein Raketenschild also allerhöchstens gegen kleine Schurkenstaaten, auf keinen Fall aber gegen Russland oder China gerichtet sein sollte, bleibt nun die Frage zu erörtern, ob der Nutzen einer solchen begrenzten Raketenabwehr die sicherheitspolitischen Kosten überwiegen würde (und NMD damit sinnvoll wäre) oder nicht.

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Anzahl der Staaten, welche den USA feindlich gesonnen sind und die in absehbarer Zeit über die relevante Kombination von Waffensystemen (ICBMs und WMD) verfügen werden/können, sehr begrenzt ist: Nach dem Sturz des Hussein-Regimes im Irak sind es gerade noch zwei, Nordkorea und Iran. Außerdem können diplomatisches Geschick, Verhandlungen, Internationale Organisationen und - im Extremfall - auch militärische Präemption die Anzahl dieser Staaten begrenzen. Trotzdem darf die Existenz und die möglicherweise wachsende Anzahl an Schurkenstaaten, deren Gefahrenpotenzial nicht unterschätzt werden darf, nicht übersehen werden. Wie sieht es in diesen Fällen mit dem "klassischen" militärischen Instrument zwischen Atommächten, der Abschreckung, aus?

4.2 NMD als erhöhte Abschreckung

Die Glaubwürdigkeit der US-amerikanischen Abschreckung, also die Fähigkeit und der Wille, auf einen begrenzten Angriff mit Massenvernichtungswaffen konventionell und/oder nuklear so heftig zu reagieren, dass von diesem Angriff abgesehen wird, ist extrem hoch. Diese Glaubwürdigkeit würde darunter leiden, wenn der Angreifer WMD-ICBMs besäße, die einen US-Gegenschlag überstehen und dann für einen zweiten Angriff gegen die USA eingesetzt werden könnten. Denn in diesem Fall würden die Vereinigten Staaten abwägen, ob sie angesichts dieser Bedrohung wirklich Vergeltung üben wollten (Beeinträchtigung des Willens).[27] Allerdings sind die ICBMs der Schurkenstaaten in Ermangelung gehärteter Abschussbasen und aufgrund der geringen Mobilität der Raketen sehr verwundbar gegenüber einem amerikanischen Vergeltungsschlag.

Außerdem könnte ein Schurkenstaat nicht, wie etwa Russland, die Zweitschlagskapazität der USA mit einem atomaren Angriff beeinträchtigen, also mit seinen Atomwaffen die US-Streitkräfte, insbesondere einige Atomwaffen der Amerikaner (bzw. ihre Kommando- und Kommunikationszentralen) zerstören. Die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, einen Vergeltungsschlag zu führen, würde also nicht beeinträchtigt.

Die Glaubwürdigkeit der US-Abschreckung würde weiterhin dadurch erhöht, dass die zu erwartenden massiven Verluste nach einem WMD-Angriff die moralischen Bedenken, die gegen einen (auch atomaren) Vergeltungsschlag sprechen, in den Hintergrund treten ließen.

Vor diesem Hintergrund stellen sich bezüglich des Nutzens von NMD zwei Fragen:

  • Würde das geplante Raketenabwehrsystem die US-amerikanische Abschreckung glaubhafter machen?
    Die Abschreckung der USA gegenüber einem Schurkenstaat ist bereits jetzt nahezu optimal, kann also durch einen Raketenschild kaum weiter verbessert werden. Diese Einschätzung würde sich ändern, wenn ein Schurkenstaat WMD-ICBMs hätte, die einen US-Vergeltungsschlag überstehen könnten.[28]
  • Inwiefern wird die Waffe der Abschreckung stumpf, wenn man es mit Gefahren zu tun hat, die nicht durch Abschreckung gebannt werden können, so z.B. mit irrational handelnden Führern von Schurkenstaaten oder nicht autorisierten Angriffen?
    Die Frage der "irrationalen" politischen Führer wird oft verzerrt: So verantwortungslos gegenüber anderen Staaten und ihrer eigenen Bevölkerung sie auch teilweise sein mögen, so selten sind solche Führer und Regime von Suizidalität bedroht. Und einen (zumindest politischen) Selbstmord würde ein WMD-Angriff auf die Vereinigten Staaten mit großer Wahrscheinlichkeit bedeuten. Vorstellbar ist allerdings eine Situation, in welcher die USA kurz davor sind, ein Regime zu stürzen und die politische Führung eines Schurkenstaates nichts mehr zu verlieren hat. Von den Befürwortern des Raketenabwehrprogramms wird als eines ihrer Hauptargumente angeführt, dass die politische Führung eines Schurkenstaates in Anbetracht eines bevorstehenden oder bereits begonnenen US-amerikanischen Militärschlages, z.B. im Rahmen einer Regime-Change-Operation, versucht sein könnte, in der Gewissheit des eigenen zumindest politischen Endes noch einen Angriff mit ICBMs, die mit Massenvernichtungswaffen bestückt sein könnten, gegen die USA zu starten, bevor es den Amerikanern gelänge, dem Regime diese Handlungsmöglichkeiten zu nehmen.[29] Ein häufig angeführtes Beispiel war bislang stets der Irak, dem man zugetraut hat, z.B. im Falle eines amerikanischen Präemptivschlags WMD-ICBMs gegen die Vereinigten Staaten einzusetzen. Diesbezüglich hat der Irakkrieg im Frühjahr 2003 eindeutig das Gegenteil bewiesen, wobei nach wie vor ungeklärt ist, ob das irakische Regime keine Massenvernichtungswaffen eingesetzt hat, weil es über keine verfügte oder ob es aus anderen Gründen daran gehindert wurde.
    Von der politischen Führung "nicht autorisierte" Angriffe sind in der Form denkbar, dass die Befugnis, einen Abschuss zu autorisieren, an die militärische Führung delegiert werden könnte, welche vielleicht die Entscheidung zum Angriff in der Erwartung träfe, ein militärisches Vorgehen der USA würde auf die Zerschlagung der Streitkräfte des Schurkenstaates abzielen.
    Die Wahrscheinlichkeit solcher Szenarien ist sehr schwer abzuschätzen, angesichts des Risikos und der zu erwartenden beiderseitigen Verluste aber wohl sehr gering. Trotzdem bleibt ein Restrisiko, welches die Stationierung von NMD rechtfertigen könnte.[30]

Da also ein Angriff mit Massenvernichtungswaffen durch einen Schurkenstaat nicht vollständig ausgeschlossen werden kann, muss man sich nun fragen, ob NMD zur "Schadensbegrenzung" im Falle eines WMD-Angriffs auf die USA taugt. Diese Frage ist dann zu bejahen, wenn man davon ausgeht, dass die Vereinigten Staaten nicht sicher sein können, die ICBMs des Schurkenstaates rechtzeitig zu entdecken und zu zerstören, bevor dieser einen Erstschlag ausführt, bzw. dann, wenn die Amerikaner nicht sicher sein können, durch ihren Vergeltungsschlag alle verbleibenden Raketen und Sprengköpfe zu zerstören. Auch hier ist also ein potenzieller Nutzen des NMD-Programms zu erkennen. Nun könnte man davon ausgehen, dass allein die Existenz eines beschränkten Raketenabwehrsystems, weitgehend unabhängig von seiner tatsächlichen Effektivität und Zuverlässigkeit, die politische und militärische Führung eines Schurkenstaates davon überzeugen könnte, von einem Angriff mit Massenvernichtungswaffen abzusehen, da ein solcher Angriff den USA den angestrebten Schaden gar nicht zufügen würde, weil die angreifende Rakete vorher abgefangen werden könnte.[31] Im Gegenzug würden die USA aber mit Sicherheit trotzdem einen für das jeweilige Regime vernichtenden Gegenschlag führen, ohne dabei weitere Angriffe mit Massenvernichtungswaffen befürchten zu müssen. Nicht zu unterschätzen ist hierbei das politische Signal, das von der Entscheidung für ein solches NMD-System in Richtung möglicher Angreifer ausgesandt würde und bereits den Versuch eines Angriffs mit WMD-ICBMs als sinn- und zwecklos erscheinen ließe. Vermutlich würde es bereits ausreichen, potenziellen Angreifern glaubhaft zu versichern, dass man ihre Raketen abfangen könnte, ohne dass das System dazu tatsächlich perfekt funktionieren müsste. Somit könnte ein beschränktes Raketenabwehrsystem tatsächlich einen Beitrag zur Erhöhung des US-amerikanischen Abschreckungspotenzials gegenüber Schurkenstaaten leisten und diese von einem Angriff mit Interkontinentalraketen, die mit Massenvernichtungswaffen bestückt sind, auf die USA abhalten.[32] Mit dieser Argumentation ließe sich eine Entscheidung für das System trotz der beschriebenen technischen und politischen Unwägbarkeiten rechtfertigen. Trotzdem bleibt es sicher strittig, ob die relativ geringe Wahrscheinlichkeit eines solchen Angriffs durch einen Schurkenstaat und die damit nach wie vor verhältnismäßig kleine, durch NMD erreichte Steigerung des amerikanischen Abschreckungspotenzials den immensen finanziellen Aufwand rechtfertigen können. Befürworter des Raketenabwehrschilds beziehen dazu in ihrer Kosten-Nutzen-Analyse auch die psychologischen Effekte mit ein, indem sie argumentieren, durch NMD ließe sich das Sicherheitsgefühl der amerikanischen Gesellschaft und möglicherweise auch einiger Verbündeter nicht unerheblich steigern.[33]

4.3 Schutz vor unbeabsichtigten russischen Angriffen[34]

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990 und der Verteilung ihres Atomwaffenarsenals auf vier Staaten konzentrierte sich die amerikanische Aufmerksamkeit zunehmend auf das Risiko eines unbeabsichtigten Raketenabschusses. In diesem Zusammenhang wurden in den 1990er Jahren Pläne für ein begrenztes Raketenabwehrsystem entworfen, unter anderem das "Global Protection Against Limited Strikes System" der ersten Bush-Regierung und das maßvollere "Accidental Launch Protection System" von Senator Sam Nunn (D-Georgia). Obwohl das Augenmerk begrenzter Raketenabwehr heute auf dem Entgegnen eines vorsätzlichen Angriffs durch einen Schurkenstaat liegt, nennt der Missile Defense Act von 1999 die Verteidigung gegen einen versehentlichen oder unbefugten Raketenabschuss als Ziel amerikanischer Sicherheitspolitik.[35]

Die Bezeichnung "versehentlicher Abschuss" bezieht sich auf eine ganze Reihe möglicher Ereignisse. Ein wirklich unbeabsichtigter Abschuss, verursacht z.B. durch einen mechanischen oder elektronischen Fehler, einen Softwaredefekt oder einen Bedienungsfehler, also ein automatischer Abschuss einer Rakete ohne Genehmigung der politischen Führung und ohne vorsätzliches Handeln der Militärs, wird als äußerst unwahrscheinlich eingeschätzt. Sehr viel besorgniserregender ist die Möglichkeit, dass ein solcher Fehler die Verantwortlichen zu einer irrtümlichen Genehmigung eines Angriffs verleiten könnte. So könnte beispielsweise ein Fehler in russischen Warnsystemen die Verantwortlichen dazu veranlassen, einen Raketenangriff in der irrigen Annahme zu befehlen, Russland würde angegriffen. Problematisch ist auch die Möglichkeit eines Raketenabschusses durch Personen, die keinen Befehl der politischen Führung dazu haben. Obwohl Russland über Kontrollsysteme und Autorisierungsverfahren verfügt, die die nicht genehmigte Nutzung von Atomwaffen verhindern sollen, glaubt die CIA, dass diese Sicherheitsvorkehrungen umgangen werden können.[36]

Die Risiken eines irrtümlichen oder nicht genehmigten Abschusses sind schwer einzuschätzen. Die amerikanischen Nachrichtendienste gehen davon aus, dass ein solcher versehentlicher Abschuss einer russischen strategischen Rakete höchst unwahrscheinlich ist, solange die technischen Sicherheitsvorkehrungen ebenso wie die Verfahrensabläufe weiterhin funktionieren. Der Kollaps der russischen Wirtschaft und der gleichzeitige Rückgang der Verteidigungsausgaben hatten einen allgemeinen Verfall der Atomstreitkräfte und der Ausstattung sowie der Moral des russischen Militärpersonals zur Folge. Besondere Beachtung finden Berichte, wonach Russland nach wie vor über die Möglichkeiten verfügt, trotz der gravierenden Schwächung seiner Warnsysteme Raketen abzuschießen, sobald ein Angriff auf sein Territorium gemeldet wird. Im Jahr 1995 löste beispielsweise die Entdeckung des Abschusses einer norwegischen Forschungsrakete durch russisches Radar eine Warnmeldung aus, die ernst genug gewesen wäre, um einen russischen nuklearen "Gegenschlag" auszulösen. Die russischen Verantwortlichen konnten zwar damals den Fehler rechtzeitig entdecken, doch sind die russischen Warnsysteme seither weiter dem Verfall preisgegeben. Aufgrund der bei einem Angriff relativ leichten Zerstörbarkeit ihrer atomaren Waffen, ihrer Kommandozentralen und Kontrollsysteme könnte die russische Militärführung geneigt sein, insbesondere während einer internationalen Krise lieber einen atomaren Erstschlag zu starten, als abzuwarten und zu überprüfen, ob der Alarm möglicherweise falsch war.

Das Argument, ein begrenztes Raketenabwehrsystem würde das Risiko eines irrtümlichen oder nicht genehmigten russischen Raketenangriffs mindern, ist jedoch aus folgenden Gründen falsch:[37]

  • Das Ausmaß eines solchen Angriffs würde die Kapazitäten eines solchen Raketenschildes bei weitem übertreffen. Sollte die russische Führung tatsächlich fälschlicherweise annehmen, ihr Land würde angegriffen, erscheint es sehr viel wahrscheinlicher, dass sie einen massiven Gegenschlag mit Tausenden von Sprengköpfen befehlen würde, als einen kleinen Gegenangriff mit nur wenigen ICBMs. Bedenkt man zudem, dass schon ein einziges U-Boot 16 bis 20 Raketen mit 48 bis 200 Sprengköpfen an Bord hat und jemand, der unberechtigterweise über die Möglichkeiten verfügt, eine ICBM abzuschießen, genauso leicht Dutzende von Raketen mit Hunderten von Sprengköpfen abschießen kann, dann können auch ungenehmigte Angriffe von großem Ausmaß sein und somit ein begrenztes Raketenabwehrsystem völlig überfordern.
  • Russland würde auf die Errichtung eines solchen Systems mit der Verbesserung seiner Raketen durch hochentwickelte Gegenmaßnahmen reagieren. Dies würde vermutlich selbst dann geschehen, wenn die USA Russland versicherten, dass der Raketenschild ausschließlich gegen aufstrebende Raketenstaaten gerichtet sei. Russland würde in den Gegenmaßnahmen eine notwendige Absicherung gegen den möglichen Verstoß gegen die Begrenzung der Anzahl von Abfangraketen und gegen das System an sich sehen, selbst wenn dessen Effektivität als relativ gering einzuschätzen wäre. Außerdem könnte Russland die Gegenmaßnahmen als notwendig betrachten, um sich die Option für einen begrenzten nuklearen Gegenschlag zu erhalten. Somit ist es äußerst unwahrscheinlich, dass ein begrenztes NMD-System selbst gegen kleine unbeabsichtigte oder nicht genehmigte russische Angriffe effektiv einsetzbar wäre.
  • Am wichtigsten erscheint, dass Russland vermutlich auf ein amerikanisches Raketenabwehrsystem mit Mitteln reagieren würde, die das Risiko eines unbeabsichtigten oder nicht genehmigten Raketenabschusses erhöhen würden. Sollte Russland glauben, dass die amerikanische Raketenabwehr seine Verletzbarkeit durch einen Angriff erhöht, könnte es dies kompensieren, indem es mehr Raketen in erhöhte Einsatzbereitschaft versetzt.[38] Schlimmer noch, sollte die Errichtung des Raketenschilds die russisch-amerikanischen Beziehungen ernsthaft beschädigen, wäre es um so wahrscheinlicher, dass die russische Militärführung einen Fehlalarm für echt hielte und somit eher gewillt wäre, einen sofortigen Vergeltungsschlag zu befehlen. Außerdem könnte sie stärker geneigt sein, Befehlsgewalt an niedrigere Kommandoebenen zu delegieren, um sich vor einem amerikanischen "Enthauptungsschlag" zu schützen. Somit würde das Gesamtrisiko eines irrtümlichen oder nicht genehmigten Angriffs auch durch ein begrenztes Raketenabwehrsystem eher zunehmen.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs durch einen Schurkenstaat wohl sehr gering sein dürfte. Ein begrenztes Raketenabwehrsystem könnte die Abschreckung dagegen insbesondere dann erhöhen, wenn solche Staaten über ICBMs verfügen, die auch einen US-Schlag überstehen würden, was aber höchst unwahrscheinlich ist. Sollte die Abschreckung versagen, könnte selbst ein mittelmäßig effektives Missile-Defense-System den Schaden begrenzen, der durch den Angriff eines Schurkenstaats entstehen könnte. Es ist jedoch möglich, dass dieser Nutzen durch die gestiegene Gefahr eines unbeabsichtigten oder nicht genehmigten russischen Abschusses wieder aufgewogen würde. Ein begrenztes NMD-System würde gegen solche Angriffe nur geringen oder gar keinen Schutz bieten. Nimmt man also an, dass der geplante Raketenschild einen gewissen Nutzen zum Schutz vor Angriffen durch Schurkenstaaten haben könnte, könnten die USA gewillt sein, das Programm als eine sehr kostspielige Form der Absicherung gegen kaum wahrscheinliche Ereignisse umzusetzen. Die USA sollten in diese Absicherung aber nur dann investieren, wenn die damit verbundenen politischen und strategischen Kosten[39] nicht zu hoch und vor allem berechenbar sind.[40]

5. Neue Entwicklungen in Russland[41]

Die Ereignisse des 11. September 2001 haben, über den Rückzug der Vereinigten Staaten vom ABM-Vertrag am 13. Dezember 2001 hinaus, das Verhältnis zwischen den USA und Russland in Bezug auf ein Raketenabwehrsystem und hinsichtlich der Verbreitung von Nukleartechnologie stark belastet.

Während der Bericht der Rumsfeld-Kommission bereits 1998 vor einem rasch anwachsenden Raketenpotenzial in den Händen diktatorisch regierter "Schurkenstaaten" warnte,[42] bestritt der russische Präsident Putin noch im Jahr 2000 kategorisch die Ergebnisse der amerikanischen Bedrohungsanalyse und vertrat die Auffassung, dass die Raketenbedrohung seitens so genannter "Problemstaaten" des Nahen und Mittleren Ostens oder der asiatischen Region, auf die sich die USA bezogen, weder heute noch in absehbarer Zukunft existiere.[43] In der Folge des 11. September 2001 näherten sich die Bedrohungswahrnehmungen der USA und Russlands dergestalt an, dass die USA ihre bis dahin geäußerte Kritik am Vorgehen Moskaus gegen die Rebellen in Tschetschenien fast vollständig aufgaben und die kritikwürdige Auffassung Russlands weitgehend übernahmen, nach der es sich beim Separationsversuch der Kaukasusrepublik hauptsächlich um das Werk jener islamischen Terroristen handele, die auch für die Anschläge des 11. September verantwortlich seien. In russischen Fachkreisen gewann die Diskussion über die Politik zur Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen deutlich an Bedeutung. Der Vorsitzende des Rates für Außen- und Sicherheitspolitik, Sergej Karaganov, stellte fest, dass "die größte Bedrohung der internationalen Sicherheit sowie derjenigen Russlands [...] die beginnende Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, insbesondere nuklearer sei".[44]

Obgleich diese Einschätzung von der Kremlführung geteilt wird, zeigen die intensiven Kontakte zum Iran, dass die Umsetzung in substanzielle Politik weiterhin aussteht.[45] Trotz des verstärkten Drucks der US-Administration auf Moskau zur Beendigung dieser Nuklearkooperation liefert Russland weiter sensible Nukleartechnologie, spaltbares Material und Know-how an den Iran. Moskau bestreitet dabei entschieden eine sicherheitspolitische Relevanz dieser Exporte und verweist auf die Bereitschaft Teherans, sich Inspektionen durch die Internationale Atomaufsichtsbehörde (IAEA) zu unterwerfen.[46] Die nach zähen Verhandlungen zwischen dem Iran und der IAEA im Dezember 2003 erreichte Unterzeichnung des Zusatzprotokolls zum Atomwaffensperrvertrag durch den Iran lassen auf eine bessere Kooperation Teherans mit der Behörde und eine bessere internationale Kontrolle der iranischen Atomprogramme hoffen. Neben dem Nuklearprogramm betreibt der Iran auch ein ambitioniertes Programm zur Entwicklung ballistischer Raketen. Unter Berücksichtigung der militärischen Effizienz und der politischen Symbolwirkung gilt schon das Streben nach Raketen mittlerer Reichweite nur dann als sinnvoll, wenn ein Staat zu deren Bestückung über ABC-Sprengköpfe verfügt, wobei Kernwaffen allein aus praktischen Gründen am attraktivsten sind.[47] Russische Unternehmen und russische Wissenschaftler sind erheblich in die Entwicklung des iranischen Raketenprogramms involviert. Insbesondere die Konstruktion der Shahab IV orientiert sich stark an der einstigen sowjetischen Mittelstreckenrakete SS-4.[48] Russland gehört nach Erkenntnissen amerikanischer Nachrichtendienste neben China und Nordkorea zu den wichtigsten Unterstützern der iranischen Raketenentwicklung.[49]

Nach Ansicht des stellvertretenden amerikanischen Verteidigungsministers Paul Wolfowitz verstärkt die Bereitschaft Russlands, seine Nuklear- und Raketentechnologie an Staaten wie den Iran zu verkaufen, die Sorgen der USA bereits mittelfristig gegenüber Angriffen mit Massenvernichtungswaffen durch Schurkenstaaten verwundbar zu sein. Da gegen diese nach amerikanischer Wahrnehmung aggressiven und diktatorischen Regime die traditionelle Abschreckungsdrohung unwirksam sei, wachse folglich die Notwendigkeit, das Territorium der USA durch einen Raketenabwehrschild vor solchen Gefahren zu schützen.[50] Moskau ist bemüht, sich in Abgrenzung zu den Vereinigten Staaten als Großmacht darzustellen und Washington keinerlei Einfluss auf sein außenpolitisches Handeln zu geben. Dies zeigt sich zum einen in der Ablehnung der amerikanischen Politik verschärfter Ächtung einzelner Partnerstaaten Russlands und wurde zum anderen während der Krise um das Atomprogramm Nordkoreas besonders deutlich, als Moskau durch verständnisvolle Äußerungen für das Verhalten Pjöngjangs versuchte, in dem Konflikt eine Vermittlerrolle einzunehmen, um so sein internationales wie regionales Gewicht zu erhöhen.[51] Ein ganz ähnliches Vorgehen Russlands war im Streit um die Kontrolle des iranischen Nuklearprogramms durch die IAEA im November 2003 zu beobachten.

Da Moskau bislang wenig Bereitschaft erkennen läßt, seine guten Kontakte zu so genannten Schurkenstaaten zu beenden, suchen die USA nach Möglichkeiten, Russland stärker einzubinden, und unterbreiteten im Februar 2003 den Vorschlag, ein gemeinsames Raketenabwehrsystem aufzubauen. Allerdings sind wie auch schon bei früheren Angeboten dieser Art nur wenige Details bekannt geworden. Diese lassen aber darauf schließen, dass das amerikanische Angebot auf die Zusammenarbeit bei der Entwicklung eines TMD-Systems gegen nichtstrategische Raketen gerichtet ist. Auf ein solches Verteidigungssystem hatten sich auch schon Vorschläge des Kremls zuletzt im Februar 2001 bezogen, die den Aufbau einer gesamteuropäischen Raketenabwehr angeregt hatten.

Aus amerikanischer Sicht wäre eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet taktischer Raketenabwehr auch deshalb erstrebenswert, weil die russische Rüstungsindustrie insbesondere im Bereich der Verteidigung gegen ballistische Raketen mittlerer Reichweite über eine beachtliche Expertise verfügt.[52] Eine Kooperation wäre für Russland vor allem unter dem Gesichtspunkt interessant, durch die Beteiligung an der Entwicklung eines solchen Systems auch ein Mitspracherecht bei dessen Einsatz und Stationierung zu erreichen. Somit könnte sich Moskau zumindest einen begrenzten Einfluss auf das amerikanische Raketenabwehrprogramm sichern. Für beide Seiten könnte eine solche Zusammenarbeit den Ausbau einer, von Washington in Aussicht gestellten und von Moskau geforderten, "neuen strategischen Partnerschaft" darstellen. Diese Kooperation würde zudem eine Möglichkeit für die weitere Verbreitung russischer Waffensysteme unter den NATO-Ländern bieten, wodurch die russische Rüstungsindustrie über attraktive Alternativen zu ihren Geschäften etwa mit dem Iran verfügte, was sowohl im Sinne Washingtons als auch der übrigen NATO-Mitgliedsstaaten wäre.[53]

Neben dem nach wie vor bestehenden hohen Misstrauen auf militärischer Ebene zwischen Russland und den USA sind es vor allem die politischen Implikationen, die eine baldige Umsetzung des amerikanischen Vorschlags unwahrscheinlich erscheinen lassen. Insbesondere für die Beziehungen zwischen Russland und China ließen sich durch eine solche Zusammenarbeit negative Konsequenzen erwarten. Obwohl sich auch für Moskau zahlreiche, vor allem wirtschaftliche und militärische Vorteile aus der Kooperation ergeben könnten, wäre der strategische Nutzen für die Vereinigten Staaten ungleich größer. Nach der russischen Initiative vom Februar 2001 hatten einige Beobachter die Bush-Regierung sogar aufgefordert, den Aufbau eines "boost phase"-Systems in den Mittelpunkt eines möglichen russisch-amerikanischen Entwicklungsprogramms zu stellen. Da nach Ansicht amerikanischer Fachleute schon die gemeinsame Entwicklung eines TMD-Systems ausreichen könnte, einen Keil zwischen Russland und China zu treiben, enthält dieser Aspekt einer Partnerschaft Russlands mit den USA erst recht erheblichen Sprengstoff für das Verhältnis zwischen Moskau und Peking. Mit einem Startphasensystem auf russischem Territorium ließen sich, nicht nur die Angriffspotenziale der sogenannten Schurkenstaaten neutralisieren, sondern möglicherweise auch die Chinas.[54] Die Reaktion Chinas könnte, wie bereits erläutert, in einer massiven nuklearen Aufrüstung bestehen, was eine strategische Konstellation hervorbringen würde, in der sich Russland zwei militärisch überlegene Großmächte gegenüber sehen würde. Vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion, zu dem nicht zuletzt die massiven Anstrengungen in den siebziger und achtziger Jahren zur militärischen Abschreckung zweier feindlicher Großmächte geführt hatten, stellen die Konzentration der russischen Führung auf die wirtschaftliche Konsolidierung des Landes und die Ablehnung der amerikanischen Raketenabwehrpläne letztlich zwei Seiten der selben Medaille dar.[55]

Moskau sieht dank seiner gewachsenen Bedeutung im Kampf gegen den Terrorismus offenbar wieder Chancen zur Einhegung der amerikanischen Raketenabwehrpläne. Anfang des Jahres 2003 unterbreitete Russland den Vereinigten Staaten überraschend den Vorschlag für ein neues Raketenabwehrabkommen.[56] Zwar sind nur wenige Details des Vorschlags bekannt, doch vermutlich soll der russische Vorstoß dazu führen, den Grundgedanken der Raketenabwehrpolitik Moskaus in einem neuen völkerrechtlich verbindlichen Vertrag umzusetzen. Möglicherweise strebt der Kreml eine erneute Limitierung von Maßnahmen zur strategischen Raketenabwehr bei gleichzeitiger Freigabe territorial begrenzter TMD-Systeme an.[57] Die USA haben sich aber gerade erst folgenlos der Fesseln des ABM-Vertrags entledigt - warum sollten sie Interesse an einem wie auch immer gestalteten Nachfolgeabkommen haben? Im Rahmen der neuen Sicherheitsstrategie lehnen die USA jede Form von Rüstungskontrolle als gefährliche Selbstbindung ab, so dass auch hier die Voraussetzungen für eine russisch-amerikanische Verständigung äußerst ungünstig sind.[58] Die USA entziehen sich also einerseits der Forderung Moskaus nach einer verbindlich festgelegten paritätischen Rüstungskontrolle, andererseits ist Russland aus finanziellen Gründen dauerhaft außerstande, seine mehrere Tausend Sprengköpfe umfassende Nuklearstreitmacht aufrechtzuerhalten. Somit muss für Russland der im Mai 2002 geschlossene SORT-Vertrag (Strategic Offensive Reductions Treaty) das Rechtsvakuum im Bereich der strategischen Stabilität füllen, das sich aufgrund des einseitigen US-Austritts aus dem ABM-Vertrag ergeben hat. Das wegen seiner oberflächlichen Bestimmungen vielfach kritisierte Abkommen kann jedoch dem russischen Bedürfnis nach einem berechenbaren und stabilen nuklearen Gleichgewicht mit den USA nicht ernsthaft genügen.[59]

6. NMD und die transatlantischen Beziehungen

Da von all den bereits geschilderten möglichen Bedrohungs- und Angriffsszenarien nicht nur allein die Vereinigten Staaten, sondern auch andere Staaten, insbesondere die NATO-Bündnispartner, betroffen sein können, sollte deren Beurteilung des amerikanischen Raketenabwehrprogramms berücksichtigt werden. Ich möchte mich im Folgenden auf die unterschiedliche Beurteilung der möglichen Auswirkungen des geplanten Raketenabwehrsystems auf die Sicherheit des NATO-Bündnisses beschränken.[60]

6.1 Die Sicherheit der NATO und die Zukunft der Abschreckung[61]

Anlass für grundlegende Meinungsverschiedenheiten in Europa war die Vorstellung, durch einen amerikanischen Raketenschild könnten verschiedene Sicherheitszonen geschaffen werden bzw. die Sicherheitsstandards innerhalb der NATO getrennt werden. Dazu wurden folgende Argumente angeführt:

  • Es bestand die Sorge, dass Europa verwundbar bliebe, während die Vereinigten Staaten ihren Schutz vor Raketenangriffen erhöhten. Dies könnte das Prinzip der gemeinsamen Risiken und Amerikas erweiterte Abschreckungs- und Sicherheitsverpflichtungen mit Europa unterwandern, die seit Jahrzehnten durch die Präsenz amerikanischer Streitkräfte und Atomwaffen auf europäischem Boden sichergestellt waren. Es wurde argumentiert, ein Raketenabwehrsystem könne die unilateralen Tendenzen in den USA stärken und gewissermaßen eine "Festung Amerika" schaffen, wodurch Washington nur noch widerstrebend bereit wäre, Risiken zu Gunsten seiner Verbündeten in Kauf zu nehmen. Zudem wurden Bedenken geäußert, dass selbst, wenn die militärischen Verbindungen intakt blieben, der Raketenschild zumindest den Zusammenhalt der Allianz in zukünftigen "Out-of-Area"-Einsätzen unterwandern und schwächen könnte.[62] Dagegen führte die Clinton-Regierung an, ein begrenztes Missile-Defense-System würde die Glaubwürdigkeit der weltweiten Sicherheitsverpflichtungen der USA eher verstärken als schwächen. Der Grund dafür sei, dass die Vereinigten Staaten, wenn sie sich gegen Raketenangriffe möglicher Gegner verteidigen könnten, noch eher bereit wären, ihren Verbündeten zu Hilfe zu kommen. Die Clinton-Administration betonte, die USA wären weiterhin bestrebt, potenzielle Angreifer durch die Aussicht auf einen sofortigen und vernichtenden Gegenschlag von solchen Angriffen abzuschrecken sowie die Bedrohung mittels Diplomatie und Rüstungskontrolle zu begrenzen. Eine effektive Verteidigung wurde als wichtiger Bestandteil dieser Anstrengungen bewertet, da sie nicht nur die Aussicht auf massive Vergeltung, sondern auch auf das Fehlschlagen des Erstschlags selbst bieten würde. Folglich, so argumentierte die Regierung, wäre ein Angriff nicht nur sehr verhängnisvoll, sondern auch aussichtslos. Ein begrenztes Raketenabwehrprogramm würde somit den USA helfen, die Freiheit zu behalten, auf eine regionale Krise zu reagieren.
  • Ein Gegenargument zum Standpunkt der Clinton-Regierung war, dass jeglicher Nutzen des Raketenschilds durch die andauernde Verwundbarkeit Europas und der dort stationierten amerikanischen Truppen aufgewogen würde.[63] So vertrat beispielsweise der heutige stellvertretende Sicherheitsberater von Präsident George W. Bush, Stephen Hadley, die Ansicht, die teilweise geschützten USA und das verwundbare Europa würden zukünftige Angreifer dazu verleiten, auf amerikanische Entscheidungen dadurch Einfluss nehmen zu wollen, dass sie Städte und amerikanische Stützpunkte in Europa bedrohten.[64] Diese Einschätzung findet sich im Programm der Bush-Regierung wieder. Dort wird ein deutlich weitreichenderes Raketenabwehrprogramm bevorzugt, um Amerikas Freunde und Verbündete genauso zu schützen wie die Vereinigten Staaten selbst.[65] Tatsächlich wurde der Vorschlag gemacht, die Technologie des Missile-Defense-Systems dann auch in Europa einzusetzen, um das Gleichgewicht in der Bündnissicherheit wieder herzustellen.[66]
  • In Europa bestehen nach wie vor große Bedenken über die langfristigen Folgen für das Prinzip der Abschreckung, in der ein Schlüsselelement der Kriegsprävention seit den 50er Jahren gesehen wird.[67] Es besteht kein Bestreben, das System der Abschreckung zu ändern oder die Debatte über das Raketenabwehrprogramm gar zu einer über Abschreckung versus Verteidigung werden zu lassen. Aus amerikanischer Sicht dagegen besteht das große Bedürfnis, die amerikanische Abschreckung glaubwürdiger zu machen. Es werden massive Bedenken geäußert, das Konzept der Abschreckung des Kalten Krieges, das auf beidseitiger Verwundbarkeit und der Drohung eines vernichtenden nuklearen Vergeltungsschlags (gesicherte Zweitschlagskapazität) beruhte, sei nicht mehr geeignet für ein Umfeld, das durch eine Vielzahl unterschiedlicher regionaler Gegner gekennzeichnet ist, die möglicherweise über Langstreckenraketen mit atomaren oder biologischen Sprengköpfen verfügen. Das Raketenabwehrprogramm wird als geeignetes Mittel betrachtet, um diese Glaubwürdigkeitslücke zu schließen. Ein neues Abschreckungskonzept könnte neben der offensiven Drohung mit Vergeltung ein defensives Element enthalten. Ziel wäre es, dem Gegner die Fähigkeit zu nehmen, seine Angriffsstrategie erfolgreich durchzuführen, indem man sich gegen diese Art von Angriffen, zumindest theoretisch, unangreifbar macht. Der Vorschlag Präsident Bushs, die Zahl der atomaren Sprengköpfe einseitig zu reduzieren und ein effektives Raketenabwehrsystem zu installieren, geht genau in diese Richtung. Somit könnte sich der Fokus der amerikanischen Sicherheitsdoktrin von einer nur auf offensive Atomwaffen und deren Abschreckungspotential gestützten Strategie zu einer entwickeln, die durch Verteidigung und "Deterrence through denial" gekennzeichnet wäre, verbunden mit modernsten Offensivwaffensystemen. Zieht man aber die nach wie vor bestehenden technologischen Probleme des Missile-Defense-Systems in Betracht, ist es unwahrscheinlich, dass ein solcher Wechsel bald erfolgen könnte. Für Europa wird die Frage, ob ein amerikanischer Raketenschild das System der Abschreckung schwächen oder stärken würde, ein kontrovers diskutiertes Thema bleiben, solange die US-Regierung an ihrem bisherigen Kurs festhält.[68]

7. Fazit

Zusammenfassend bleibt somit festzuhalten, dass aufgrund der technischen Schwierigkeiten und der zu erwartenden politischen Konsequenzen weder ein Midcourse-, noch ein Boost-Phase-NMD-System zur Verteidigung der USA und seiner Bündnispartner gegen alle denkbaren Angriffe mit Interkontinentalraketen geeignet ist. Einzig die Verteidigung gegen den Angriff eines Schurkenstaates mit wenigen ICBMs scheint mit Hilfe eines begrenzten Raketenabwehrprogramms technisch in einem überschaubaren Zeitrahmen realisierbar sowie in seinen politischen Folgen berechen- und verantwortbar zu sein. Hierbei überwiegt aber eindeutig der Nutzen des Missile-Defense-Systems als zusätzliches Mittel zur Abschreckung gegenüber dem tatsächlichen Einsatz als aktives Verteidigungssystem. Damit stellt die technische Perfektion des Systems keine notwendige Bedingung für dessen Einsatz mehr dar. Inwiefern diese sehr beschränkten Einsatzmöglichkeiten von NMD die enormen Kosten seiner Entwicklung, Errichtung und Instandhaltung rechtfertigen können, ist objektiv sehr schwierig zu beurteilen und hängt auch in hohem Maße von den sicherheitpolitischen Beurteilungen sowie den strategischen Planungen der verantwortlichen Politiker und Militärs ab.

Zwar erscheint die amerikanische Bedrohungswahrnehmung der Gefahr von Massenvernichtungswaffen und ballistischen Raketen in den Händen diktatorischer Regime oder terroristischer Gruppierungen durchaus naheliegend. Auch die Schlussfolgerung, dass dadurch ein, zumindest nationales, wenn nicht gar globales Raketenabwehrsystem erstrebenswert wäre, scheint auf den ersten Blick überzeugend. Bei einer genaueren Betrachtung erweisen sich jedoch sowohl diese Bedrohungswahrnehmung als auch die Schlussfolgerungen zu großen Teilen als äußerst zweifelhaft. Wie ich in meiner Arbeit gezeigt habe, ist zum einen heftig umstritten, ob insbesondere aufgrund der technologischen und logistischen Probleme von Schurkenstaaten oder terroristischen Gruppierungen tatsächlich eine ernsthafte Bedrohung mit Massenvernichtungswaffen und ballistischen Raketen ausgeht. Ganz im Gegenteil wäre aufgrund der dargestellten, zu erwartenden Reaktionen Russlands und Chinas auf den Einsatz eines amerikanischen Raketenschildes mit wachsenden Spannungen zwischen den Großmächten und vor allem auch mit einer wachsenden Gefahr der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und Raketentechnologie zu rechnen, wodurch keine Steigerung der internationalen Sicherheit, sondern eine wachsende Gefährdung erreicht würde. Weder dem Irak, noch dem Iran oder Nordkorea wurden bisher die Herstellung, der Besitz oder die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen zweifelsfrei nachgewiesen. Da selbst im Fall Nordkoreas davon auszugehen ist, dass das Regime aus Gründen des eigenen Machterhalts in aller Regel rational und somit im Großen und Ganzen berechenbar handelt, ist auch die Annahme einer Gefahr irrational agierender Diktatoren wenig zutreffend. Für terroristische Gruppierungen, wie z.B. Al-Qaida ist die Kombination ballistischer Raketen mit Massenvernichtungswaffen aus mehreren Gründen unattraktiv. Zum einen widersprechen die geringe Mobilität der Raketen und die damit verbundene Ortsgebundenheit bei deren Einsatz der charakteristischen Unabhängigkeit transnationaler Terrornetzwerke von staatlicher Unterstützung. Zum anderen wäre das Risiko, aufgrund der enormen logistischen Probleme bereits lange vor einem möglichen Einsatz der Waffen entdeckt zu werden, viel zu groß. Außerdem haben die Anschläge vom 11. September 2001 gezeigt, welches Ausmaß an Zerstörung sich mit konventionellen und zivilen Mitteln anrichten lässt, so dass die Terroristen zur Erreichung ihres Ziels maximaler Zerstörung und hoher Opferzahlen keiner Massenvernichtungswaffen bedürfen.

Zudem sollte man bedenken, welche Möglichkeiten zur Einhegung dieser Gefahren sich auf dem Gebiet der internationalen Rüstungskontrolle, durch die konsequente Umsetzung bereits bestehender Abkommen zur Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen, Nuklear- und Raketentechnologie oder durch strukturelle Maßnahmen im Kampf gegen den Terrorismus bieten. Im Vergleich dazu ist der Nutzen des geplanten Raketenabwehrsystems zur langfristigen Erhöhung der Sicherheit der USA und deren Verbündeter als äußerst gering zu bewerten. Aus diesem Grund sollten vor allem die europäischen Regierungen und darunter auch verstärkt die Bundesrepublik die internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle intensivieren. Sie sollten außerdem unnachgiebig, auch gegenüber den USA, auf der Umsetzung und strikten Einhaltung der bestehenden internationalen Abkommen zum Verbot und zur Nichtverbreitung bestimmter Technologien und Waffentypen beharren, die Möglichkeiten zur Sanktionierung von Verstößen ausschöpfen und intensiv an der Weiterentwicklung und Ausgestaltung dieser Abkommen arbeiten. Unabdingbar ist dazu, dass die europäischen Regierungen ihr eigenes außen-, sicherheits- und verteidigungspolitisches Handeln daran ausrichten, aber auch wirtschaftliche Interessen nicht über die Interessen der internationalen Sicherheit stellen. Zudem sollte die Entwicklung neuer Waffensysteme in den USA von den Europäern aufmerksam und kritisch beobachtet werden. Ein neues Mit- oder Wettrüsten im offensiven wie defensiven Bereich wird aber sicherlich keinen Beitrag zur Erhöhung der internationalen Sicherheit leisten können. Aus diesem Grund sollten auch die Pläne der amerikanischen Regierung zur Errichtung eines Raketenabwehrsystems keine Unterstützung seitens der europäischen Regierungen erfahren.

8. Abkürzungen und Definitionen

ABM-Vertrag

Anti-Ballistic-Missile-Treaty, Vertrag von 1972 (Ergänzungsprotokoll 1974) zwischen den USA und der UdSSR, der beiden Seiten je ein Stationierungsgebiet für ein Raketenabwehrsystem mit 100 Raketenabschusseinrichtungen zugesteht. Infolge der Terroranschläge vom September 2001 und als Voraussetzung für die Umsetzung der neuen nationalen Sicherheitsstrategie traten die USA einseitig von diesem Vertrag zurück.

ICBM

Intercontinental Ballistic Missile: Interkontinentalrakete, Rakete mit einer Reichweite über 9.000 km. Als Transkontinentalraketen (TCBM) bezeichnet man Raketen mit einer Reichweite über 8.000 km. Eine von einem U-Boot abgefeuerte Rakete bezeichnet man als SLBM (Submarine-launched ballistic missile).

MIRV

Multiple independently targetable reentry vehicle ("mehrfach unabhängig programmierbares Wiedereintrittsfahrzeug"), Mehrfachsprengkopf von Interkontinentalraketen.

SORT-Vertrag

Strategic Offensive Reductions Treaty, im Mai 2002 geschlossenes Abkommen zwischen den USA und Russland über die Reduzierung strategischer Offensivwaffen.

START II

Strategic Arms Reduction Talks II, 1993 unterzeichneter und 1996 bzw. 2000 (US-Senat bzw. russische Duma) ratifizierter Vertrag, der u.a. alle geMIRVten ICBMs verbietet, allerdings weiterhin geMIRVte SLBMs zulässt. Die START II-Obergrenze für stationierte ICBMs liegt zunächst (Ende 2004) zwischen 3.800 und 4.250, am Ende der zweiten Phase (Ende 2007) zwischen 1.700 und 1750 Sprengköpfen).

Strategische Waffen

In Abhängigkeit vom jeweiligen Stand der Technik und Strategie definierte Kategorie von Waffen; derzeit

  • Nukleare Sprengköpfe ab einer bestimmten Größe (meist 1 Megatonne)
  • Trägerwaffen zum Transport nuklearer Sprengköpfe über größere Distanz
  • Abwehrsysteme, die der eigenen Atomstreitmacht eine vom Gegner nicht beantwortbare Erstschlagkapazität verschaffen.

TMD

Theater Missile Defense, Raketenabwehr mit begrenztem Einsatzradius.

WMD

Weapons of Mass Destruction, Massenvernichtungswaffen, also Atomwaffen, biologische und, mit Einschränkungen, chemische Waffen.

[1] Ich verwende in meiner Arbeit die Bezeichnung "National Missile Defense", da diese auch im Großteil der verwendeten Literatur gebraucht wird. NMD ist ein Bestandteil des umfassenderen "Missile Defense" Programms (MD) der Bush-Regierung, das auch TMD, weltraumgestützte BMD usw. umfasst.

[2] Ich verwende diesen etwas problematischen Begriff der sprachlichen Einfachheit halber.

[3] Für Details vgl. Neuneck, Götz/Schaaf, Michael: The Proposed U.S. "National Missile Defense" System Architecture and its Compatibility with the ABM-Treaty; in: Bender, Wolfgang/Hagen, Regina/Kalinowski, Martin/Scheffran, Jürgen (Hrsg.): Space Use and Ethics, Münster 2000, http://www.rrz.uni-hamburg.de/ifsh/missile.pdf [21. 6. 2004].

[4] SDI steht für Strategic Defense Initiative und bezeichnet die Pläne der Reagan-Administration für ein Raketenabwehrsystem, das auch unter dem Namen "Star Wars" bekannt wurde.

[5] Donald Rumsfeld, u.a. US-NATO-Botschafter 1973-75, Verteidigungsminister der Regierungen Ford und (seit 2001) G.W. Bush.

[6] Executive Summary des Report of the Commission to Assess the Ballistic Missile Threat to the United States, Washington, D.C., 15. Juli 1998; http://www.fas.org/irp/threat/missile/rumsfeld [20. 6. 2004].

[7] National Intelligence Council: Foreign Missile Developments and the Ballistic Missile Threat to the United States through 2015, September 1999; http://www.fas.org/irp/threat/missile/nie99msl.html [21. 6. 2004].

[8] Für Details vgl. Neuneck/Schaaf: The Proposed U.S. "National Missile Defense" System Architecture (Anm. 3), S. 3-6; Wilkening, Dean A.: Keeping National Missile Defense in Perspective; in: Issues in Science and Technology, Jg. 18, Nr. 2, 2001, S. 50-58 (hier S. 54-56), http://www.issues.org/issues/18.2/wilkening.html [21. 6. 2004].

[9] Lewis, George N./Postol, Theodore A./Pike, John: Why National Missile Defense Won't Work; in: Scientific American, August 1999, S. 36-41.

[10] Neuneck, Götz/Bielefeld, Tom: US Raketenabwehr: Nach dem Test ist vor dem Test, http://www.ifsh.de/dokumente/artikel/testnotiz.htm [21. 6. 2004]; Neuneck, Götz: Nach dem mißglückten US-Raketenabwehr-Test - Das geplante National Missile Defense System NMD trotzdem nicht vor dem Aus?; in: Streitkräfte und Strategien, NDR 4, 15. Juli 2000, http://www.ifsh.de/dokumente/artikel/neuneck.htm [21. 6. 2004].

[11] Wright, David/Postol, Theodore A.: Missile Defense System Won't Work; in: The Boston Globe, 11. Mai 2000.

[12] Für Details vgl. Union of Concerned Scientists/Massachusetts Institute of Technology Security Studies Program: Countermeasures: A Technical Evaluation of the Operational Effectiveness of the Planned US National Missile Defense System, Cambridge, Mass. 2000.

[13] Aussage aus Hintergrundgespräch mit Studenten der TU Dresden im Rahmen des Seminars "Technologie und internationale Sicherheitspolitik", 27. Juni 2003.

[14] Wilkening: Keeping National Missile Defense (Anm. 8), S. 53-54.

[15] Glaser, Charles L./Fetter, Steve: National Missile Defense and the Future of U.S. Nuclear Weapons Policy; in: International Security, Jg. 26, Nr. 1, 2001, S. 40-92 (hier S. 50-52).

[16] Wilkening: Keeping National Missile Defense (Anm. 8), S. 56-57.

[17] Glaser/Fetter: National Missile Defense (Anm. 15), S. 52-54.

[18] Eine auf einem Schiff oder gar in einem Flugzeug untergebrachte Rakete kann eine bestimmte Größe und ein bestimmtes Gewicht nicht überschreiten, während dieses Problem bei landgestützten Raketen zu Gunsten höherer Reichweite und Geschwindigkeit praktisch vernachlässigt werden kann.

[19] American Physical Society: Report of the American Physical Society Study Group on Boost-Phase Intercept Systems for National Missile Defense. Scientific and Technical Issues, Washington, D.C. 2003, http://www.aps.org/public_affairs/popa/reports/nmd03.html [20. 6. 2003].

[20] Becker, Markus: Harter Schlag gegen Bushs Raketenschild; in: Spiegel-Online, http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,257309,00.html [16. 7. 2003].

[21] Hadley, Stephen J.: A Call To Deploy; in: Washington Quarterly, Jg. 23, Nr. 3, 2000, S. 95-108 (hier S. 106).

[22] Glaser/Fetter: National Missile Defense (Anm. 15), S. 62.

[23] Ebd., S. 63.

[24] Ebd., S. 64-65

[25] Aussage aus Hintergrundgespräch mit Studenten der TU Dresden im Rahmen des Seminars "Technologie und Internationale Sicherheitspolitik", 27. Juni 2003.

[26] Glaser/Fetter: National Missile Defense (Anm. 15), S. 65.

[27] Ebd., S. 66.

[28] Ebd., S. 67.

[29] Lindsay, James M./O'Hanlon, Michael E.: Correspondence to Glaser/Fetter; in: International Security, Jg. 26, Nr. 4, 2002, S. 190-201 (hier S. 191-193).

[30] Glaser/Fetter: National Missile Defense (Anm. 15), S. 68.

[31] Aussage aus Hintergrundgespräch mit Studenten der TU Dresden im Rahmen des Seminars "Technologie und internationale Sicherheitspolitik", 27. Juni 2003.

[32] Ebd.

[33] Ebd.

[34] Da die chinesischen ICBMs in Friedenszeiten nicht betankt sind und auch getrennt von ihren Sprengköpfen gelagert werden, gelten unbeabsichtigte chinesische ICBM-Angriffe als extrem unwahrscheinlich und werden daher hier nicht behandelt.

[35] Glaser/Fetter: National Missile Defense (Anm. 15), S. 70.

[36] Gertz, Bill: Russian Renegades Pose Nuke Danger; in: Washington Times, 22. Oktober 1996, S. A1.

[37] Glaser/Fetter: National Missile Defense (Anm. 15), S. 71-72.

[38] "The ABM-Treaty Talking Points" and "What Do the Talking Points Mean?", http://www.thebulletin.org/issues/2000/mj00/treaty_doc.html [20. 6. 2004].

[39] Für detaillierte Ausführungen zu den sicherheitspolitischen Kosten vgl. Jahja, Iskandar/Schuler, Matthias: Arbeitspapier "National Missile Defense" zum Seminar "Technologie und internationale Sicherheitspolitik" im Sommersemester 2003, Lehrstuhl für Internationale Politik, TU Dresden, Mai 2003, S. 15-21.

[40] Glaser/Fetter: National Missile Defense (Anm. 15), S. 72.

[41] Ich beziehe mich hier hauptsächlich auf: Markus Siebenmorgen: Partnerschaft oder Widerstand? Russlands Raketenabwehrpolitik seit dem 11. September, Raketenabwehrforschung International, Bulletin No. 41, Frankfurt am Main, Sommer 2003, http://www.hsfk.de/abm/bulletin/pdfs/sieben1.pdf [20. 6. 2004] und zum Teil auf die darin verwendete Literatur.

[42] Executive Summary des Report of the Commission to Assess the Ballistic Missile Threat to the United States (Anm. 6).

[43] "Russland ist immer noch eine Weltmacht". Interview mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin; in: Welt am Sonntag, 11. Juni 2000.

[44] Karaganow, Sergej: Vor neuen Herausforderungen. Die künftige Sicherheitspolitik Rußlands; in: Internationale Politik, Jg. 57, Nr. 7, 2002, S. 43-50 (hier S. 43).

[45] Siebenmorgen: Partnerschaft oder Widerstand? (Anm. 41), S. 3.

[46] Ebd., S. 4.

[47] Ebd.

[48] Cirincione, Joseph: Deadly Arsenals. Tracking Weapons of Mass Destruction, Washington, D.C. 2002, S. 82.

[49] Ebd., S. 263; Siebenmorgen, Partnerschaft oder Widerstand? (Anm. 41), S. 5.

[50] Ebd., S. 5.

[51] Ebd., S. 6.

[52] Ebd., S. 7.

[53] Ebd., S. 8.

[54] Ebd.

[55] Ebd., S. 9.

[56] Neuer Vorschlag Moskaus für ein Raketen-Abwehrabkommen; in: Neue Züricher Zeitung, 10. Januar 2003, S. 1.

[57] Siebenmorgen, Partnerschaft oder Widerstand? (Anm. 41), S. 11.

[58] Ebd.

[59] Ebd., S. 12.

[60] Für Erläuterungen zu den unterschiedlichen Bedrohungswahrnehmungen auf beiden Seiten des Atlantik und den Positionen einzelner europäischer Staaten vgl. Jahja/Schuler: Arbeitspapier "National Missile Defense" (Anm. 39), S. 22-23, 25-26.

[61] Bowen, Wyn Q.: Missile Defense and the Transatlantic Security Relationship; in: International Affairs, Jg. 77, Nr. 3, 2001, S. 485-507 (hier S. 497-499).

[62] Grand, Camille: Missile Defense: The View From The Other Side Of The Atlantic; in: Arms Control Today, Jg. 30, Nr. 7, 2000, S. 12-18, http://www.armscontrol.org/act/2000_09/grandsept00.asp [21. 6. 2004].

[63] Gordon, Philip H.: Bush, Missile Defense and the Atlantic Alliance; in: Survival, Jg. 43, Nr. 1, 2001, S. 17-36 (hier S. 18).

[64] Hadley: A Call To Deploy (Anm. 21), S. 104.

[65] Gordon: Bush, Missile Defense and the Atlantic Alliance (Anm. 63), S. 30.

[66] Heisbourg, François: Brussels' burden; in: Washington Quarterly, Jg. 23, Nr. 3, 2000, S. 127-133 (hier S. 130).

[67] Grand: Missile Defense (Anm. 62).

[68] Bowen: Missile Defense and the Transatlantic Security Relationship (Anm. 61), S. 499.

Bitte zitieren als: Matthias Schuler, "National Missile Defense": Ein Mittel zur Abschreckung oder zur aktiven Verteidigung?, Raketenabwehrforschung International, Bulletin No. 43 (Sommer 2004), Frankfurt am Main 2004.

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