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Bulletin No 41 - Sommer 2003
Markus Siebenmorgen
Partnerschaft oder Widerstand? Russlands Raketenabwehrpolitik
seit dem 11. September[1]
Rund anderthalb Jahre sind vergangen, seit
der russländische Präsident Putin die Terrorangriffe
auf New York und Washington zur grundlegenden Neuausrichtung
der Beziehungen seines Landes zu den USA nutzte. Russland
suchte und fand über das verbindende Ziel der Bekämpfung
des islamistischen Terrorismus den engen Schulterschluss
mit den Vereinigten Staaten. Der Beitritt Russlands zur
amerikanisch geführten Anti-Terror-Koalition erfolgte
jedoch nicht allein aus sicherheitspolitischen Motiven,
sondern sollte darüber hinaus der von Putin angestrebten
politischen und wirtschaftlichen Anbindung seines Landes
an den Westen entscheidende Impulse verleihen. Dabei kann
der russländische Präsident bereits jetzt eine
beeindruckende Zwischenbilanz vorweisen. Die Aufnahme Russlands
als Vollmitglied in den Kreis der acht führenden Industrienationen
im Juni 2002 wurde inzwischen durch zahlreiche Maßnahmen
vor allem auf handelspolitischem Gebiet ergänzt. Einen
nicht minder gewichtigen Erfolg kann Moskau mit dem neugestalteten
NATO-Russland-Rat mit 19+1 Mitgliedern auch auf sicherheitspolitischem
Gebiet verzeichnen.
Angesichts der deutlichen Fortschritte in
den Beziehungen Russlands zu den Vereinigten Staaten ist
ein Thema in den Hintergrund geraten, das bis zur Zäsur
des 11. September 2001 das bilaterale Verhältnis erheblich
belastet hatte. Der seit Ende der neunziger Jahre von den
USA betriebene Aufbau einer Nationalen Raketenabwehr (National
Missile Defense, NMD) war von der gegenwärtigen republikanischen
US-Administration unter George W. Bush weiter forciert worden
und mündete am 13. Dezember 2001 schließlich
im amerikanischen Rückzug aus dem Vertrag über
die Begrenzung von Raketenabwehrsystemen (ABM-Vertrag).
Dieser Schritt bedeutete eine schwere diplomatische Niederlage
Moskaus, da die russländische Führung stets eine
überragende sicherheitspolitische Bedeutung des Abkommens
aus dem Jahre 1972 reklamiert und Washington folglich vor
dessen Kündigung wiederholt gewarnt hatte.
Vielfach wurden sowohl die Konfrontation mit
einer bislang unbekannten Dimension des Terrorismus als
auch das wenig später herbeigeführte Ende des
ABM-Vertrags als gleichermaßen entscheidende Wendepunkte
auf dem Weg zum endgültigen Abschluss der Ära
des Ost-West-Konflikts und dem Eintritt in ein neues sicherheitspolitisches
Zeitalter gedeutet. In der Tat ist der transnationale, vorwiegend
religiös motivierte Terrorismus als Hauptgefahr für
die internationale Sicherheit an die Stelle zwischenstaatlicher
Konflikte getreten und hat bestimmenden Einfluss auf die
sicherheitspolitischen Perzeptionen aller wichtigen Akteure
der internationalen Politik. Dennoch bleibt die von den
Vereinigten Staaten geplante ambitionierte Raketenabwehr
von erheblicher Brisanz für die Sicherheitsbeziehungen
zwischen den großen Mächten. Russland als Nuklearmacht
im Spannungsfeld seiner westlichen sowie asiatischen Partner
und Nachbarn wäre von den strategischen Implikationen
eines amerikanischen Raketenschildes besonders betroffen.
Der Beitrag untersucht daher, welche Entwicklung
die Konzepte und Initiativen der russländischen Raketenabwehrpolitik
seit dem 11. September genommen haben. Dabei geht es nicht
allein um die prinzipielle Haltung Russlands in dieser sicherheitspolitischen
Schlüsselfrage. Die Handlungen und Positionen Moskaus
in der damit untrennbar verknüpften Frage der Proliferation
von Massenvernichtungswaffen und ballistischen Raketen liefern
darüber hinaus wichtige Erkenntnisse über Substanz
und Perspektiven der neuen russländisch-amerikanischen
Partnerschaft.
Die Annäherung der Bedrohungsanalysen
seit dem 11. September
In der internationalen Diskussion über
sicherheitspolitische Herausforderungen nach dem Ende des
Ost-West-Konflikts konzentrierten sich die Vereinigten Staaten
seit Ende der 1990er Jahre zunehmend auf die Gefahren durch
die fortschreitende Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen
und fortgeschrittener Raketentechnologie als deren bevorzugtes
Transportmittel. Von großer Bedeutung für die
Fokussierung der amerikanischen Bedrohungsanalyse auf diese
Entwicklungen war der 1998 vorgelegte Bericht einer Expertenkommission
unter Vorsitz des heutigen Verteidigungsministers Donald
Rumsfeld.[2] Die in ihm enthaltene Warnung vor einem rasch
anwachsenden Raketenpotenzial in den Händen diktatorisch
regierter "Schurkenstaaten" gab den entscheidenden
Anstoß zum Beginn des NMD-Projekts, das zunächst
mit maximal 250 bodenstationierten Abfangraketen den Schutz
des amerikanischen Territoriums gewährleisten sollte.
Russland hingegen legte den Schwerpunkt seiner
Bedrohungsanalyse angesichts der Situation an seiner südlichen
Peripherie, im Kaukasus und in Zentralasien, während
der 1990er Jahre eindeutig auf die Herausforderungen durch
einen militant-terroristischen Islamismus und die mit ihm
verbundenen Gefahren regionaler Destabilisierung sowie der
Ausbreitung organisierter Kriminalität als dessen Finanzierungsquelle.
Obwohl das Ende Juni 2000 verabschiedete außenpolitische
Konzept der Russländischen Föderation ebenfalls
einräumte, dass "das Problem der Weiterverbreitung
von Massenvernichtungswaffen und ihrer Transportmittel ernsthafte
Ausmaße" annehme,[3] bestritt Präsident
Putin gleichzeitig kategorisch die Ergebnisse der amerikanischen
Bedrohungsanalyse:
Aufgrund einer Expertenanalyse zur tatsächlichen Lage
der Dinge sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass
die Raketenbedrohung von seiten sogenannter "Problemstaaten"
des Nahen und Mittleren Ostens oder der asiatischen Region,
auf die sich die USA beziehen, im Prinzip nicht existiert,
weder heute noch in absehbarer Zukunft.[4]
Einer der wichtigsten unmittelbaren Effekte
des 11. September 2001 für die russländisch-amerikanischen
Beziehungen war, dass sich die bis dahin deutlich voneinander
abweichenden Bedrohungsanalysen einander annäherten.
Putin, der bereits in einem Namensbeitrag für die New
York Times im November 1999 das im nachhinein beklemmend-authentische
Szenario von großangelegten Terrorangriffen auf amerikanische
Metropolen entworfen hatte,[5] konnte sich in seinen Warnungen
vor dem islamistischen Terrorismus eindrucksvoll bestätigt
sehen. In der Folge revidierten die Vereinigten Staaten
ihre Haltung zum Tschetschenienkonflikt. Die Bush-Administration
übernahm die kritikwürdige Interpretation Moskaus,
nach der es sich bei dem Separationsversuch der Kaukasusrepublik
hauptsächlich um das Werk jener auch für den 11.
September verantwortlichen islamistischen Terroristen handle,
und gab ihre vorherigen Proteste fast vollständig auf.
Nachdem Moskau wegen der hartnäckigen
Leugnung der Gefahren der Weiterverbreitung im Rahmen seines
Widerstands gegen NMD zunehmend unter amerikanischen Druck
geraten und Anfang 2001 von US-Verteidigungsminister Rumsfeld
sogar offen als "active proliferator" bezeichnet
worden war,[6] setzte auf deklaratorischer Ebene ein Wandel
der russländischen Position ein. Bereits Ende Februar
2001 hatte der Kreml erstmals Probleme bei der Durchsetzung
von Exportkontrollen für Nuklear- und Raketentechnologie
vor allem als Resultat regierungsinterner Koordinationsschwierigkeiten
eingeräumt.[7] Nach den Ereignissen des 11. September
gewann die Nonproliferationspolitik in der russländischen
Diskussion deutlich an Aufmerksamkeit und Bedeutung. So
stellte Sergej Karaganov, der Vorsitzende des Russländischen
Rates für Außen- und Sicherheitspolitik (Sovet
po vnenej i oboronnoj politike, SVOP), als Prämisse
seiner Überlegungen zur künftigen Sicherheitspolitik
seines Landes fest, dass "die größte Bedrohung
der internationalen Sicherheit sowie derjenigen Rußlands
[
] die beginnende Verbreitung von Massenvernichtungswaffen
(MVW), insbesondere nuklearer" sei.[8]
Die Nuklear- und Rüstungskooperation
Russlands mit dem Iran
Diese Einschätzung wird von der Kremlführung
offiziell geteilt, doch zeigen die engen Kontakte Russlands
zum Iran, dass deren Umsetzung in substanzielle Politik
weiterhin aussteht. Obwohl inzwischen auch einflussreiche
außenpolitische Fachleute wie Karaganov nachdrücklich
darauf hinweisen, dass Bemühungen zur Errichtung neuer
Atomkraftwerke in den Ländern der Golfregion "die
Voraussetzungen schaffen für die Weiterverbreitung
von nuklearen Technologien und Waffen",[9] betreibt
Russland seit 1995 die Fertigstellung des Kernreaktors in
Bushehr. Zusätzlich zum Weiterbau des bereits seit
1975 geplanten Atomkraftwerks erklärte sich Moskau
auch zur Lieferung weiterer, militärisch sensibler
Nukleartechnologien wie einer Anlage zur Anreicherung von
Uran bereit.[10] Daneben bildet Russland rund 500 iranische
Nuklearfachleute aus. Eine neuerliche Reise des russländischen
Ministers für Atomenergie, Aleksandr Rumjancev, Ende
2002 nach Teheran lässt vermuten, dass die im Sommer
2002 angekündigte Errichtung von fünf zusätzlichen
Kernkraftwerken im Iran tatsächlich vorbereitet wird.
Die intensive Unterstützung Russlands
für das iranische Atomprogramm wird von den Vereinigten
Staaten seit ihrem Beginn heftig kritisiert. Die amtierende
Administration hat den Druck auf Moskau zur Beendigung der
Nuklearkooperation weiter verstärkt. Trotz der zwischenzeitlichen
Annäherung an die USA ist die russländische Regierung
dazu bislang jedoch nicht bereit, wie die Ende März
2003 vereinbarte Lieferung der ersten 40 Tonnen Brennstäbe
für den Reaktor in Bushehr beweist.[11] Moskau bestreitet
vielmehr entschieden eine sicherheitspolitische Relevanz
seiner Exporte und verweist auf die Bereitschaft Teherans,
sich dem Inspektionsregime der Internationalen Atomenergiebehörde
(IAEA) zu unterwerfen. Ansonsten zieht sich die russländische
Führung auf die Position zurück, der Atomwaffensperrvertrag
verbiete zwar die Weitergabe von Nuklearwaffen, verpflichte
Russland jedoch gleichzeitig zur Förderung der friedlichen
Nutzung der Kernenergie.[12]
Diese ohnehin wenig überzeugende Argumentation
erscheint um so fragwürdiger, als sich in jüngster
Zeit die Anhaltspunkte dafür verdichtet haben, dass
der Iran entgegen aller Dementis tatsächlich auch die
Herstellung von Atomwaffen beabsichtigt. Insbesondere die
erst nach Hinweisen der iranischen Opposition aufgedeckten
Arbeiten an zwei geheimen Nuklearanlagen, die offenbar der
Produktion von waffenfähigem Uran oder Plutonium dienen
sollen, haben diesen Verdacht genährt.[13] Hinzu kommt
die Existenz eines ambitionierten Programms zur Entwicklung
ballistischer Raketen im Iran. Das Streben schon nach Raketen
mittlerer Reichweite gilt inzwischen unter den Gesichtspunkten
der militärischen Effizienz wie der politischen Symbolwirkung
nur dann als sinnvoll, wenn zu deren Bestückung ABC-Sprengköpfe
zur Verfügung stehen, wobei Kernwaffen allein aus praktischen
Gründen eindeutig am attraktivsten sind.
Russland weiß nicht nur um diese Zusammenhänge,
russländische Unternehmen und Wissenschaftler sind
auch erheblich in das Raketenprogramm des Iran involviert.
Während es sich bei der iranischen Mittelstreckenrakete
vom Typ Shahab III um eine Eigenentwicklung auf der Basis
der nordkoreanischen No Dong handelt, orientiert sich die
Konstruktion des Flugkörpers mit der Projektbezeichnung
Shahab IV stark an der einstigen sowjetischen Mittelstreckenrakete
SS-4.[14] Die SS-4 wurde Ende der fünfziger Jahre in
der Sowjetunion entwickelt und bereits seit 1978 sukzessive
durch die modernere SS-20 ersetzt, ehe der INF-Vertrag (Intermediate
Range Nuclear Forces) von 1987 auch die Verschrottung der
Restbestände erforderte.[15] Entsprechend groß
ist daher die Beteiligung russländischer Experten an
dem iranischen Versuch, die Technologie dieses Flugkörpers
mit einer Reichweite von etwa 2000 Kilometern wiederzuverwenden.
Nachdem es Ende der 1990er Jahre vorübergehend so schien,
als sei es den USA gelungen, durch politischen Druck sowie
Sanktionen gegen beteiligte Firmen die russländische
Unterstützung für das iranische Raketenprogramm
deutlich zu verringern, berichteten amerikanische Nachrichtendienste
in den vergangenen Jahren erneut davon, dass Russland -
zusammen mit der Volksrepublik China und Nordkorea - zu
den wichtigsten Helfern bei der Raketenentwicklung im Iran
gehöre.[16]
Politische und militärische Herausforderungen
der neuen US-Strategie
Die Kooperation Russlands mit dem Iran schien
die Einschätzung der Vereinigten Staaten zu bestätigen,
Moskau sei bereit, "alles an jeden zu verkaufen",
wie der amerikanische Vizeverteidigungsminister Wolfowitz
erklärte.[17] Dadurch verstärkte Russland die
Sorgen der USA, bereits mittelfristig gegenüber Angriffen
mit Massenvernichtungswaffen von "Schurkenstaaten"
verwundbar zu sein. Da gegen diese nach amerikanischer Wahrnehmung
aggressiven und irrationalen Diktaturen die traditionelle
Abschreckungsdrohung unwirksam sei, sollte eine Raketenabwehr
das Territorium der Vereinigten Staaten gegen diese angeblich
wachsende Gefahr schützen. Gemäß der Konzeption
als nationales Verteidigungsprojekt war das Abwehrsystem
in seiner geplanten Kapazität zunächst auf die
allenfalls sehr kleinen Angriffspotenziale der "Schurkenstaaten"
ausgerichtet.
Von der nationalen zur globalen Raketenabwehr
Die Ereignisse des 11. September 2001 haben
in den Vereinigten Staaten zu einem tiefgreifenden außen-
und sicherheitspolitischen Strategiewandel geführt.
Zu den wichtigsten Veränderungen zählt die in
mehreren Dokumenten niedergelegte Entschlossenheit der USA,
ihre schon jetzt erdrückende militärische Überlegenheit
künftig gegenüber jedem staatlichen Kontrahenten
verteidigen zu wollen. Die dem ursprünglichen Konzept
von NMD bereits zugrundeliegende Überzeugung, dass
die Bekämpfung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen
und ihrer Trägertechnologien eine sicherheitspolitische
Herausforderung von überragender Bedeutung sei, wurde
abermals bekräftigt. Als Konsequenz daraus haben die
Vereinigten Staaten die seit den neunziger Jahren intensiv
diskutierte Strategie der militärischen Counterproliferation
zur formellen Inanspruchnahme eines Rechts auf "antizipatorische
Selbstverteidigung" durch präventive Kriegführung
transformiert. Damit eng verbunden ist die in dieser Form
neuartige Bereitschaft Amerikas, nicht mehr nur zugunsten
bedrohter Freunde und Alliierter weltweit militärisch
intervenieren zu wollen, sondern als Element einer Kampagne
zur Förderung von Freiheit und Demokratie auch repressive
(und somit potenziell aggressive) Regime aktiv zu beseitigen.[18]
Die Raketenabwehr, obwohl noch nicht verwirklicht,
ist als Garant uneingeschränkter Interventionsfähigkeit
für die militärische Umsetzung dieser Strategie
von entscheidender Bedeutung. Ihr Konzept wurde den neuen
Planungen angepasst und entsprechend stark modifiziert.
Befreit von den Restriktionen des ABM-Vertrags, fassen die
USA nunmehr ein praktisch globales Raketenabwehrsystem ins
Auge, das auch see- und weltraumgestützte Komponenten
umfassen soll. Die ursprünglichen Planungen für
einen lediglich nationalen und zugleich begrenzten Raketenschild
sind zugunsten eines komplexen Mehrschichtsystems unter
dem generalisierenden Oberbegriff "Missile Defense"
(MD) revidiert worden. Folge dieser konzeptionellen Veränderung
ist die Aufhebung der Unterscheidung zwischen strategischer
Raketenabwehr gegen Interkontinentalraketen einerseits und
taktischer bzw. gefechtsfeldbezogener Raketenabwehr (Theater
Missile Defense, TMD) andererseits. Diese wichtige Differenz
wurde bislang auch von den Vereinigten Staaten gewahrt und
hatte auf russländische Initiative noch im September
1997 in Form eines Zusatzprotokolls Eingang in den ABM-Vertrag
gefunden.
Ausweitung des Terrorismusbegriffs
und neue Bedrohungsszenarien
Doch nicht allein dieser deutliche Wandel
innerhalb der amerikanischen Planungen für eine Raketenabwehr
stellt eine erhebliche Herausforderung für die russländische
Außenpolitik dar. Während es sich hierbei um
Konzepte handelt, für deren Realisierung Jahrzehnte
veranschlagt werden müssen, wird die neue Partnerschaft
zwischen Russland und den USA schon jetzt von einer weiteren
Folgewirkung des 11. September spürbar belastet. Bereits
unmittelbar nach den Anschlägen begann die Bush-Administration
mit der argumentativen Verknüpfung der Terrorismusgefahr
mit dem Proliferationsproblem. Die Komplizenschaft der Organisatoren
der Anschläge mit dem Taliban-Regime in Afghanistan
habe gezeigt, dass die Trennung zwischen selbständig
operierenden Terrororganisationen und "Schurkenstaaten"
nicht länger aufrechtzuerhalten sei. Wenn es Terroristen
gelänge, auf dem Wege der Zusammenarbeit mit diktatorischen
Regierungen Zugriff auf Massenvernichtungswaffen und ballistische
Raketen zu bekommen, würden diese nicht zögern,
sie gegen die Vereinigten Staaten einzusetzen. Der Aufbau
einer Raketenabwehr sei daher dringlicher denn je. Ihre
Zuspitzung erfuhr diese Argumentation in Präsident
Bushs Rede zur Lage der Nation von Ende Januar 2002, in
der er Nordkorea, Iran und Irak als "Achse des Bösen"
bezeichnete, die durch ihre angebliche Kooperation mit Terroristen
den Weltfrieden bedrohe.
Die von den Vereinigten Staaten vorgenommene
Verquickung zweier bislang separater Probleme und die Art
der Darlegung dieser Perzeption hat die Divergenzen in den
Terrorismusdefinitionen beider Staaten offen zutage treten
lassen. Mit der Zurückweisung der Wortschöpfung
von der "Achse des Bösen" als "völlig
unpassend, gar provokativ" befindet sich Russland einerseits
im Einklang mit der Haltung zahlreicher internationaler
Akteure zu Rhetorik und Vorgehensweise der US-Regierung.
In der Ablehnung der amerikanischen Politik verschärfter
Ächtung einzelner Partnerstaaten Russlands zeigt sich
darüber hinaus jedoch, dass Moskau weiterhin darauf
bedacht ist, sich in Abgrenzung zu den Vereinigten Staaten
als unabhängige Großmacht darzustellen und Washington
keinerlei Einfluss auf sein außenpolitisches Handeln
zuzugestehen.
Ein markantes Beispiel dafür ist die
Position Russlands in der jüngsten Krise um das nordkoreanische
Atomprogramm. Durch verständnisvolle Äußerungen
für das Verhalten des Pjöngjanger Regimes angesichts
wachsenden amerikanischen Drucks versucht Moskau, eine Vermittlerrolle
in dem Konflikt einzunehmen und dadurch sein internationales
wie regionales Gewicht zu erhöhen. Atomenergieminister
Rumjancev regte zur Beilegung der Krise an, russländische
Kernreaktoren nach Nordkorea zu liefern.[19] Er konterkarierte
so aus wirtschaftlichen Erwägungen das überragende
Interesse seines Landes an einer atomwaffenfreien koreanischen
Halbinsel. Zudem zog der fragwürdige Vorschlag das
zuletzt bekräftigte Bekenntnis Russlands zur Nonproliferation
erneut in Zweifel.
Allerdings folgte er damit nur der Linie einer
amerikanische Erwartungen ignorierenden und die außenpolitische
Autonomie betonenden Exportpolitik, wie sie Außenminister
Igor' Ivanov noch im September 2002 ostentativ bekräftigt
hatte: "Russland entscheidet unabhängig über
militärisch-technologische Kooperationen ? auch mit
Ländern wie dem Iran und Nordkorea."[20]
Russland und Amerika - Partner bei
der Raketenabwehr?
Angesichts der fehlenden Bereitschaft der
russländischen Führung, ihre Kontakte zu sogenannten
"Schurkenstaaten" abzubrechen, suchen die USA
nach Möglichkeiten, Russland stärker einzubinden.
Das Thema Raketenabwehr gilt neben der Energiekooperation
als eines der wirkungsvollsten und aussichtsreichsten Instrumente
zur Vertiefung und Steuerung der noch jungen russländisch-amerikanischen
Partnerschaft. Es ist daher kein Zufall, dass Washington
Anfang des Jahres 2003 Moskau das Angebot für den gemeinschaftlichen
Aufbau einer Raketenabwehr unterbreitete.[21]
Die jüngste amerikanische Initiative
ist die vorerst letzte in einer Reihe ähnlicher Vorschläge
und Absichtserklärungen aus den vergangenen zehn Jahren.
Mit ihren allesamt ergebnislos gebliebenen Vorgängerprojekten
hat die neuerliche Offerte Washingtons gemeinsam, dass auch
sie im allgemeinen verbleibt und dass präzise Zielvorstellungen
weitgehend fehlen. Die wenigen bekannt gewordenen Details
deuten jedoch darauf hin, dass das amerikanische Angebot
zu einer "ernsthaften Partnerschaft" auf die gemeinsame
Entwicklung eines TMD-Systems zur Abwehr nichtstrategischer
Raketen gerichtet ist. Auf ein solches Verteidigungssystem
hatten sich auch die einschlägigen Initiativen der
russländischen Regierung vom Juni 2000 sowie vom Februar
2001 bezogen, mit denen der Kreml jeweils den Aufbau einer
gesamteuropäischen Raketenabwehr angeregt hatte.[22]
Als der amerikanische Botschafter in Moskau,
Alexander Vershbow, in Erläuterung des Vorschlags seiner
Regierung darauf hinwies, dass Russland "sein reiches
technisches Know-how und [seine] Erfahrung mit Abwehrsystemen"
einbringen könne, war dies mehr als diplomatische Schmeichelei.[23]
Insbesondere im Bereich der Verteidigung gegen ballistische
Raketen mittlerer Reichweite verfügt die russländische
Rüstungsindustrie auch nach Einschätzung westlicher
Fachleute über eine beachtliche Expertise. Im Mittelpunkt
stehen dabei die mobilen Boden-Luft-Raketen der S-300-Baureihe.
Mitte der siebziger Jahre mit der Maßgabe einer effektiven
Bekämpfung auch von Marschflugkörpern entwickelt,
existieren von dem Luftabwehrsystem inzwischen zahlreiche
Varianten und Evolutionsstufen, von denen einige bereits
jetzt zum Einsatz gegen Raketensprengköpfe geeignet
sind.[24] Wegen seiner anerkannten Leistungsfähigkeit
nimmt Russland bei der taktischen Raketenabwehr eine selbstbewusste
Haltung ein und sieht sich auf Kooperationsangebote nicht
angewiesen: "Wir haben das System S-300, das System
S-400 wird entwickelt, und es wird dort entfaltet, wo es
notwendig ist, auch wenn wir das nicht an die große
Glocke hängen", erklärte Vizeaußenminister
Georgij Mamedov dazu noch Ende Dezember 2002.[25]
Dennoch ist eine Kooperation mit den Vereinigten
Staaten bei der Raketenabwehr für Russland überaus
interessant. Aus der gemeinsamen Entwicklung eines Abwehrsystems
würde wohl auch ein russländisches Mitspracherecht
bei dessen Einsatz und Stationierung erwachsen. Somit könnte
sich Moskau zumindest einen begrenzten Einfluss auf das
amerikanische Raketenabwehrprogramm sichern. Eine solche
Zusammenarbeit könnte überdies ein Fundament für
den von Russland geforderten Ausbau der "neuen strategischen
Partnerschaft" darstellen, die Präsident Bush
dem Kreml seit seinem Amtsantritt in Aussicht gestellt hat.
Zudem könnte eine Kooperation mit den USA die weitere
Verbreitung von russländischen Waffensystemen unter
den NATO-Staaten begünstigen - eine Entwicklung, die
durchaus im Interesse Washingtons läge, da die russländische
Rüstungsindustrie damit über eine attraktive Alternative
zu ihren Geschäften etwa mit dem Iran verfügte.[26]
Eine schnelle Verwirklichung der amerikanischen
Initiative ist gleichwohl nicht zu erwarten. Obwohl beide
Staaten im Bereich der zivilen Raumfahrt seit langem weitgehend
reibungslos zusammenarbeiten, sind die Geheimnisbarrieren
und das Misstrauen auf militärischem Sektor unverändert
groß. Überdies kritisieren hohe russländische
Militärs schon jetzt, die USA seien bei ihren Kooperationsbemühungen
lediglich an direkten Kontakten zu russländischen Rüstungsunternehmen
und nicht an den politischen Vorschlägen der Moskauer
Führung interessiert.[27]
Doch jenseits dieser und anderer eher praktischer
Widerstände wie etwa Finanzierungsfragen sind es vor
allem die politischen Implikationen eines russländisch-amerikanischen
Raketenabwehrschildes, die dem Kreml eine vorbehaltlose
Annahme der Offerte erschweren. Obwohl sich auch für
Moskau zahlreiche, vornehmlich wirtschaftliche und militärische
Vorteile aus einer Zusammenarbeit ergeben könnten,
zögen die Vereinigten Staaten voraussichtlich einen
ungleich größeren strategischen Nutzen aus einer
bilateralen Raketenabwehr. Dies bezieht sich insbesondere
auf die zu erwartenden negativen Konsequenzen für die
Beziehungen Russlands zur Volksrepublik China. Amerikanische
Fachleute wiesen schon frühzeitig darauf hin, dass
eine Raketenabwehrkooperation mit Russland auch dazu geeignet
sei, "in der allgemeinen Frage der amerikanischen Pläne
für eine Raketenabwehr einen Keil zwischen Russland
und China zu treiben".[28] Als Reaktion auf den russländischen
Vorstoß vom Februar 2001 forderten andere Beobachter
die Bush-Administration auf, den Aufbau einer als besonders
effektiv geltenden Startphasenabwehr (boost-phase defense)
in den Mittelpunkt etwaiger russländisch-amerikanischer
Entwicklungsanstrengungen zu stellen.[29] Da sich von russländischem
Territorium aus mit einem solchen System nicht nur die Potenziale
der Staaten der "Achse des Bösen" neutralisieren
ließen, sondern möglicherweise auch die Chinas,
birgt dieser naheliegende Aspekt einer Partnerschaft mit
den USA erst recht erheblichen Sprengstoff für das
Verhältnis zwischen Moskau und Peking.
Russland und China: Partner mit unterschiedlichen
Interessen
In den vergangenen Jahren allerdings hatte
der Konflikt um die Zukunft des ABM-Vertrags erheblich zur
Intensivierung der russländisch-chinesischen Beziehungen
beigetragen. Die vordergründige Einmütigkeit in
der Ablehnung der amerikanischen Raketenabwehrpläne
war das verbindende außenpolitische Anliegen beider
Mächte und schien tatsächlich den Anspruch Russlands
und Chinas zu begründen, in einer "strategischen
Partnerschaft" miteinander verbunden zu sein. In Wirklichkeit
sind die Perzeptionen beider Staaten jedoch überaus
vielschichtig und ambivalent. Russland und China teilen
zwar die Befürchtung, ein Raketenschild führe
zu einer "unipolaren Weltstruktur" im Sinne einer
uneingeschränkten machtpolitischen Dominanz der USA.
Doch die fortgesetzten Mahnungen der Moskauer Führung
zur Wahrung der "strategischen Stabilität"
beziehen sich keineswegs nur auf das nukleare Gleichgewicht
zwischen Russland und den Vereinigten Staaten, sondern berücksichtigen
auch die absehbaren Reaktionen der Volksrepublik China.
Seit seiner Entstehung im Jahre 1964 hat China
die Entwicklung seines Nukleararsenals an zwei Gesichtspunkten
ausgerichtet: zum einen an einer Überlebensfähigkeit
in einem atomaren Konflikt und zum anderen am Vorhandensein
einer Raketenabwehr auf seiten potenzieller Gegner. Während
der vergangenen Jahrzehnte folgte China dem Konzept einer
auf wenige Dutzend Langstreckenraketen gestützten "Minimalabschreckung".
Allerdings hat der technologische Entwicklungsrückstand
der Nuklearstreitkräfte zuletzt die Zweifel an der
Glaubwürdigkeit der chinesischen Zweitschlagsdrohung
verstärkt. Die Sorge der chinesischen Führung,
die Fähigkeit zur Abschreckung möglicher Angreifer
zu verlieren, wird durch die amerikanische Entschlossenheit
zur Errichtung einer strategischen Raketenverteidigung weiter
vergrößert. Dies gilt um so mehr, als sich Peking
auch in Ostasien mit Plänen zum Aufbau eines regionalen
TMD-Systems unter amerikanischer Kontrolle konfrontiert
sieht.
Bereits in der Vergangenheit hat China sensibel
auf amerikanische Raketenabwehrprojekte reagiert. Die Strategische
Verteidigungsinitiative (SDI) des damaligen US-Präsidenten
Ronald Reagan nahm Peking 1983 zum Anlass, die Entwicklung
von Mehrfachsprengköpfen voranzutreiben; im September
des folgenden Jahres begannen erste Tests. Da sich SDI jedoch
schnell als Utopie erwies, wurden die Entwicklungsanstrengungen
nicht weiter forciert, so dass China bis heute diese Technologie
nicht beherrscht, die als Garant zur Überwindung eines
Abwehrsystems gilt. Ein erneuter Test im November 2000 deutet
jedoch darauf hin, dass China seine Bemühungen zur
Modernisierung seiner Nuklearstreitmacht als Reaktion auf
die neuerlichen Raketenabwehrpläne der USA wieder intensiviert.[30]
Obwohl sich die nicht zuletzt auch ökonomisch
effiziente Doktrin der "Minimalabschreckung" bewährt
hat, ist langfristig allein zur machtpolitischen Unterfütterung
des künftigen weltwirtschaftlichen Gewichts die Aufstockung
und Modernisierung des chinesischen Nuklearpotenzials zu
erwarten. Diese Entwicklung könnte durch das amerikanische
Raketenabwehrprogramm allerdings erheblich beschleunigt
werden. An dieser Stelle wird die besondere Interessenlage
Russlands deutlich. Eine massive nukleare Aufrüstung
Pekings würde eine strategische Konstellation herbeiführen,
der sich Moskau schon einmal, in den siebziger und achtziger
Jahren, gegenüber gesehen hatte. Damals musste der
Kreml einen großen Teil seiner knapper werdenden Ressourcen
darauf verwenden, mit den USA und China zwei feindliche
Großmächte gleichzeitig militärisch abzuschrecken.
Diese Anstrengungen trugen seinerzeit maßgeblich zum
wirtschaftlichen Kollaps der Sowjetunion bei.
Vor dem Hintergrund dieser historischen Erfahrung
sind für die russländische Führung heute
die Konzentration auf die wirtschaftliche Konsolidierung
des Landes und anhaltender Widerstand gegen eine US-Raketenabwehr
letztlich zwei Seiten derselben Medaille. Diesen leisten
Russland und China auf deklaratorischer Ebene im Rahmen
ihrer im Juli 2001 bekräftigten Partnerschaft weiterhin
gemeinsam. So starteten beide Regierungen im August 2002
eine Initiative für ein internationales Abkommen gegen
die Militarisierung des Weltraums. Ob die im März 1999
begonnenen Beratungen von Militärs beider Seiten über
mögliche gemeinsame Maßnahmen gegen die Raketenabwehrpläne
allerdings substanzielle russländische Technologietransfers
zur Folge haben werden, ist unwahrscheinlich. Dagegen spricht
nicht zuletzt die gerade in der russländischen Armeeführung
schon jetzt verbreitete Wahrnehmung Chinas als möglichem
künftigen Kontrahenten.[31]
Probleme der russländischen Raketenabwehrpolitik
Die von Putin betriebene Annäherung Russlands
an die Vereinigten Staaten nach dem 11. September folgte
auch der Einsicht, dass Moskau in einer Konfrontation mit
den USA aufgrund der höchst ungleichen Machtpotenziale
chancenlos bleiben werde. Dies hatte gerade das Ringen um
den ABM-Vertrag nochmals eindrücklich bewiesen. Zweifellos
ist die in Amerika derzeit vorherrschende Einschätzung,
die bilateralen Beziehungen seien besser als je zuvor, vor
dem Hintergrund auch der jüngeren Vergangenheit durchaus
zutreffend. Doch zeigt sich zunehmend, dass die unter dem
vagen Schlagwort "Kampf gegen den Terrorismus"
eingeleitete Partnerschaft nur vordergründig Substanz
hat. Unter der Oberfläche bestehen weiterhin ernsthafte
Differenzen. Die Frage der Raketenabwehr ist symptomatisch
dafür, dass beide Staaten in wichtigen Problemfeldern
von einem tragfähigen Konsens noch immer weit entfernt
sind.
Das Thema Raketenabwehr besitzt für Moskau
einen unverändert hohen Stellenwert. Insgesamt bleibt
die Position der russländischen Führung sowohl
hierzu als auch zur damit eng verknüpften Nonproliferation
jedoch weiter von einer widersprüchlichen Vielstimmigkeit
gekennzeichnet. So heißt es aus dem russländischen
Außenministerium einerseits: "Terroristen können
tatsächlich Raketen mit einem kleinen Aktionsradius
in ihre Hände bringen, dagegen sollte man sich verteidigen."[32]
Damit folgt Russland den jüngsten Wendungen der amerikanischen
Bedrohungsanalyse und konzediert zugleich die Notwendigkeit
von TMD-Systemen. Gleichzeitig weist Außenminister
Ivanov hingegen die Hypothese eines Zugriffs von Terroristen
auf ballistische Raketen als "mythische Bedrohung"
zurück, die den Blick auf konkrete Gefahren "auf
dem Boden" verstelle.[33] Die Ankündigung Präsident
Bushs von Mitte Dezember 2002, im Jahre 2004 in Alaska ein
rudimentäres Abwehrsystem in Betrieb nehmen zu wollen,
stellt Ivanov daher in eine Reihe mit der Aufkündigung
des ABM-Vertrags und fragte an die Adresse Washingtons:
"Stärken solche Schritte etwa gemeinsames Vertrauen,
die Grundlage unseres gemeinsamen Kampfes gegen reale Drohungen
und Herausforderungen?"[34]
Neue Initiativen ohne Erfolgsaussichten
Dank seiner gewachsenen Bedeutung im Kampf
gegen den Terrorismus sieht Moskau offenbar wieder Chancen
zur vertraglichen Einhegung der amerikanischen MD-Pläne.
Anfang des Jahres 2003 unterbreitete Russland den Vereinigten
Staaten überraschend den Vorschlag für ein neues
Raketenabwehrabkommen.[35] Zwar wurde über den Inhalt
dieser Initiative für eine "neue Vereinbarung
zur Stärkung der strategischen Stabilität"
wenig bekannt. Doch vermutlich soll der Vorstoß dazu
führen, den Leitgedanken der Raketenabwehrpolitik Moskaus
in ein völkerrechtlich verbindliches Vertragswerk zu
kleiden: "Wir unterteilen das ABM-Projekt in ein globales,
unerfüllbares und destabilisierendes Vorhaben, und
in eine regionale Variante."[36] Möglicherweise
strebt der Kreml in diesem Sinne eine erneute Limitierung
von Maßnahmen zur strategischen Raketenverteidigung
bei gleichzeitiger Freigabe von territorial begrenzten TMD-Systemen
an.
Doch auch hier sind die Voraussetzungen für
eine russländisch-amerikanische Verständigung
äußerst ungünstig. Im Zeichen der neuen
Sicherheitsstrategie lehnen die USA jede Form von Rüstungskontrolle
als gefährliche Selbstbindung ab. Die Bush-Administration
hat sich erst vor kurzem folgenlos der Fesseln des ABM-Vertrags
entledigt - warum sollte sie Interesse an einem wie auch
immer gestalteten Nachfolgeabkommen haben? Die Vereinigten
Staaten agieren auch in ihrer Raketenabwehrpolitik gegenüber
ihrem "Partner" Russland im vollen Bewusstsein
ihrer machtpolitischen Überlegenheit. Partielles Entgegenkommen
in dieser Frage wird von der weitgehenden Unterstützung
ihres außenpolitischen Kurses abhängig gemacht.
Dies verdeutlichte die Warnung Washingtons, aktiver russländischer
Widerstand gegen die Irak-Politik der USA gefährde
auch die Zusammenarbeit bei der Raketenabwehr.[37] Doch
werden konstruktive Verhandlungen darüber auch von
russländischen Vorbedingungen erschwert, nach denen
eine solche Kooperation nicht einem globalen MD-System zugute
kommen dürfe und ferner unter der Schirmherrschaft
der Vereinten Nationen stattfinden müsse.[38] Auf dieser
Grundlage erscheint eine baldige Verständigung nahezu
ausgeschlossen.
Russlands schwierige Gratwanderung
Die insgesamt verhaltene Reaktion der russländischen
Führung auf das Ende des ABM-Vertrags ist zum einen
bedingt durch ihr starkes Interesse an der Integration Russlands
in das westliche Institutionengefüge, wobei sich die
Bemühungen derzeit auf die Aufnahme in die Welthandelsorganisation
WTO konzentrieren. Dabei bleibt Moskau auf die Unterstützung
der USA zwingend angewiesen. Daneben beruht die relative
Gelassenheit des Kreml gegenüber den amerikanischen
Raketenabwehrplänen derzeit vor allem auf der Skepsis
hinsichtlich ihrer Erfolgsaussichten. Bereits wenige Tage
nach der Kündigung des Abkommens durch Präsident
Bush erinnerte Außenminister Ivanov daran, dass das
SDI-Projekt der 1980er Jahre nie realisiert wurde.[39] Anlässlich
des Ablaufs der Kündigungsfrist des ABM-Vertrages erklärte
Ivanov Mitte Juni 2002, die Raketenabwehr der USA existiere
nur im virtuellen Raum, nicht in der Realität. Daher
bestehe für Gegenmaßnahmen keine Notwendigkeit.[40]
Tatsächlich sind die von Wissenschaftlern
vorgebrachten Zweifel an der Realisierbarkeit einer strategischen
Raketenverteidigung seit den Tagen von Reagans SDI kaum
geringer geworden. Gleichwohl sieht sich die Moskauer Führung
veranlasst, die Ambitionen der Amerikaner ernst zu nehmen
und deren Konsequenzen für die Außen- und Sicherheitspolitik
Russlands zu bedenken. Daraus ergibt sich für den Kreml
ein schwieriger Balanceakt. Präsident Putin hat die
Stärkung und Modernisierung der Wirtschaft seines Landes
in den Mittelpunkt gerückt. Dabei kann sich Russland
dauerhaft weder auf seine gewachsene Bedeutung als Rohstoff-
und Energieexporteur noch auf die Rüstungs- und Technologietransfers
zu seinen asiatischen Partnerstaaten verlassen. Die russländische
Volkswirtschaft bleibt vielmehr auf umfangreiche Direktinvestitionen
sowie die Gewährung von Handelserleichterungen angewiesen.
Solche Impulse und Integrationshilfen können
auf absehbare Zeit nur von der EU und den Vereinigten Staaten
ausgehen. Insofern benennt Außenminister Ivanov die
entscheidende Grundvoraussetzung für das Gelingen der
Modernisierungspolitik seines Präsidenten, wenn er
erklärt: "Russland ist nicht daran interessiert,
dass die Welt in die Zeit des Kalten Krieges zurückkehrt."[41]
Trotz des großen russländischen Interesses an
freundschaftlich-kooperativen Beziehungen zu den USA werden
die sicherheits- und weltordnungspolitischen Implikationen
einer amerikanischen Raketenverteidigung in Moskau unverändert
sorgenvoll betrachtet. Diese gilt unter Beobachtern der
amerikanischen Außenpolitik inzwischen als wichtiger
militärischer Baustein innerhalb einer neuen US-Strategie,
die nach verbreiteter Einschätzung zur Herstellung
einer globalen Hegemonie mit moralischer Legitimation führen
soll. Am Ende dieser Entwicklung, die zugleich Ausdruck
einer weiteren Vergrößerung der militärischen
Überlegenheit der Vereinigten Staaten wäre, könnte
nach russländischer Wahrnehmung "ein unverwundbares
Amerika einer schutzlosen Welt" gegenüber stehen:
"Das würde [für Amerika, M.S.] eine zu große
Versuchung bedeuten, den Rest des Globus als seinen Hinterhof
zu behandeln. Rußland ist nicht bereit, seine Sicherheit
irgendeiner anderen Macht zu überantworten."[42]
Maßnahmen zur Wahrung des Großmachtanspruchs
Gegenwärtig verweist der Kreml darauf,
dass die Größe des russländischen Nukleararsenals
eine Gefährdung der nationalen Sicherheit durch die
amerikanischen Raketenabwehrpläne ausschließe.
Allerdings ist die Russländische Föderation aus
finanziellen Gründen dauerhaft außerstande, eine
mehrere tausend Sprengköpfe umfassende Atomstreitmacht
aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig entziehen sich die Vereinigten
Staaten zunehmend den russländischen Forderungen nach
einer verbindlichen paritätischen Rüstungskontrolle.
Für Russland muss somit der im Mai 2002 abgeschlossene
SORT-Vertrag[43] (Strategic Offensive Reductions Treaty)
"das Rechtsvakuum im Bereich der strategischen Stabilität
füllen, das sich infolge des einseitigen US-Austritts
aus dem ABM-Vertrag gebildet hat".[44] Doch kann das
wegen seiner oberflächlichen Bestimmungen vielfach
kritisierte Abkommen dem russländischen Bedürfnis
nach einem berechenbaren und stabilen nuklearen Gleichgewicht
mit den USA ernsthaft nicht genügen.
Schon jenseits von Spekulationen über
einen möglichen Verlust der atomaren Zweitschlagsfähigkeit
ist Russland nicht bereit, eine Verringerung der politischen
Bedeutung seines Nuklearpotenzials als Symbol des Großmachtanspruchs
durch einen US-Raketenschild hinzunehmen. Das zeigt die
im Juni 2002 von Moskau ausgesprochene Kündigung des
von der Duma ohnehin nie ratifizierten START II-Vertrages,
wodurch sich Russland des Verbots von Raketen mit Mehrfachsprengköpfen
entledigte. Dies eröffnet Moskau die Möglichkeit,
die verbliebenen Interkontinentalraketen des Typs SS-18,
deren Eliminierung in den neunziger Jahren bereits eingeleitet
worden war, einstweilen im Dienst zu belassen. Dieses Baumuster
bildet seit der letzten Phase des Ost-West-Konflikts das
Rückgrat der russländischen Nuklearstreitkräfte;
mit seiner Fähigkeit zum gleichzeitigen Transport von
zehn Sprengköpfen und mehr als 30 Täuschkörpern
verfügt es über die Voraussetzungen zur Durchdringung
eines Abwehrschirms. Da wegen des hohen Alters vieler dieser
Raketen deren Beibehaltung nicht unbegrenzt möglich
ist, wird von russländischer Seite inzwischen auch
die Ausstattung des Nachfolgemodells SS-27 (Topol'-M) zumindest
mit Dreifachsprengköpfen erwogen.[45]
Der Krieg der Vereinigten Staaten gegen den
Irak hat diese Diskussion weiter angefacht. Die Atomwaffen
Russlands seien ein "zivilisierender Faktor" gegenüber
den hegemonialen Ambitionen der USA und bedürften daher
dringend der Modernisierung: "Wenn wir das nicht tun,
wird es in Zukunft sehr schlecht für uns aussehen",
warnte etwa der außenpolitische Berater Sergej Karaganov.[46]
[1] Dieser Aufsatz ist auch in der Zeitschrift
Osteuropa (Jg. 53, Nr. 6, 2003) erschienen.
[2] Report of the Commission to Assess the
Ballistic Missile Threat to the United States, Executive
Summary, 15. Juli 1998, http://www.fas.org/irp/threat/missile/rumsfeld
[18. 8. 2003].
[3] Das Konzept für die Außenpolitik
der Russländischen Föderation, vom russländischen
Staatspräsidenten, Wladimir Putin, am 28. Juni 2000
gebilligt (gekürzt), in: Internationale Politik, Jg.
56, Nr. 10, 2001, S. 86-95, hier S. 88.
[4] "Russland ist immer noch eine Weltmacht".
Interview des Präsidenten der Russländischen Föderation,
Wladimir Putin, Welt am Sonntag, 11. Juni 2000, http://www.russische-botschaft.de/Presse/2000/presse30.html
[18. 8. 2003].
[5] James Goldgeier/Michael McFaul: George
W. Bush and Russia, in: Current History, Jg. 100, Nr. 657,
2002, S. 313-324, hier S. 318.
[6] Ebd., S. 316.
[7] Moskau gesteht Probleme bei Kontrolle
des Exports von Nukleartechnologie ein, in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung (FAZ), 26. Februar 2001, S. 2.
[8] Sergej Karaganow: Vor neuen Herausforderungen.
Die künftige Sicherheitspolitik Russlands, in: Internationale
Politik, Jg. 57, Nr. 7, 2002, S. 43-50, hier S. 43.
[9] Ebd., S. 44.
[10] Robert J. Einhorn/Gary Samore: Ending
Russian Assistance to Iran's Nuclear Bomb, in: Survival,
Jg. 44, Nr. 2, 2002, S. 51-70, hier S. 53.
[11] Rußland liefert Brennstäbe
nach Iran, in: FAZ, 25. März 2003, S. 2.
[12] G.E. Mamedov: Os' zla - vyraenie
provokacionnoe, in: Vremja novostej, 23. Dezember 2002,
http://www.mid.ru [18. 8.
2003].
[13] Sources Say Iran Lays Groundwork For
Nuclear Bombs. Secret Use of Front Companies Is Cited, in:
Washington Post, 19. Dezember 2002, S. 26.
[14] Joseph Cirincione: Deadly Arsenals. Tracking
Weapons of Mass Destruction, Washington, D.C., 2002, S.
82. - Iran behauptet inzwischen, "Shahab IV" solle
lediglich dem Transport von Satelliten dienen.
[15] Pavel Podvig (Ed.): Russian Strategic
Nuclear Forces, Cambridge/London, 2001, S. 182-186.
[16] Cirincione, Deadly Arsenals, S. 263.
[17] Goldgeier/McFaul, George W. Bush and
Russia, S. 316.
[18] Peter Rudolf: Wie der 11. September die
amerikanische Außenpolitik verändert hat. Bilanz
nach einem Jahr, in: SWP-Aktuell 33/2002.
[19] Rumjancev erklärte am 13. Januar
2003: "North Korea has the right to invite other countries
to build a nuclear power plant on its territory
[and]
Russia may be among these countries. It will be able to
build a reactor on a turn-key-basis within seven years."
Kurz zuvor hatte der Minister auf das Interesse Russlands
an einer Nuklearkooperation auch mit Nordkorea hingewiesen
und zur Begründung angeführt: "Russia is
always interested in broadening its presence in the international
market." Zit. nach: Cristina Chuen: Russian Responses
to the North Korean Crisis, 24. Januar 2003, http://cns.miis.edu/research/korea/rusdprk.htm
[18. 8. 2003].
[20] Ivanov on Iran Sales, in: Moscow Times,
24. September 2002, S. 4.
[21] Rußland will sich an Raketenabwehr
beteiligen, in: FAZ, 10. Januar 2003, S. 6.
[22] Eine gute Darstellung von Vorgeschichte
und Inhalt des russländischen Vorschlags vom Februar
2001 bietet Hannes Adomeit: Mit oder ohne die USA. Putins
Initiative zum Aufbau einer gesamteuropäischen Raketenabwehr,
in: Informationen für die Truppe, Nr. 2, 2001, S. 26-31.
[23] Rußland will sich an Raketenabwehr
beteiligen.
[24] Podvig, Russian Strategic, S. 407f.
[25] G.E. Mamedov: Ne nado provocirovat' gonku
vooruenij, in: Vremja novostej, 24. Dezember 2002,
http://www.mid.ru [18. 8.
2003].
[26] Bislang hat lediglich Griechenland als
einziger NATO-Staat die russländischen Luftabwehrraketen
S-300W und Tor-M1 in seinen Streitkräften eingeführt.
Der Türkei bot eine russländische Militärmission
unter Leitung von Generalstabschef Anatolij Kvanin
im Januar 2002 die Lieferung der hochmodernen S-300 PMU
an.
[27] Vladimir Isachenkov: Russia plans cooperation
with U.S. on missile defense, Associated Press, 9. Januar
2003. Die Agentur zitiert den stellvertretenden russländischen
Generalstabschef Jurij Buluevskij mit den Worten: "We
believe that we should work together to develop a joint
product. But the Americans would like to establish direct
contacts with our industries to get a ,product' they need
and forget about them."
[28] Richard Sokolsky: Imagining European
Missile Defence, in: Survival, Jg. 43, Nr. 3, 2001, S. 111-128,
hier S. 122.
[29] Ivo Daalder/James Lindsay: Russia Can
Be Our Ally on Missile Defense, in: New York Times, 27.
Februar 2001.
[30] Cirincione, Deadly Arsenals, S. 143f.
[31] Andrew C. Kuchins: Limits of the Sino-Russian
Strategic Partnership, in: ders. (Ed.): Russia after the
Fall, Washington, D.C., 2002, S. 205-220, hier S. 210ff.
- Der damalige russländische Verteidigungsminister
Igor' Rodionov hatte China bereits im Dezember 1996 als
"potenzielle Bedrohung" bezeichnet. Ebd., S. 212.
[32] Mamedov, Ne nado.
[33] Interv'ju Ministra inostranych del Rossii
I.S. Ivanova internet-izdaniju in: Gazeta.ru, 20. Februar
2003, http://www.ln.mid.ru
[18. 8. 2003].
[34] Igor' S. Ivanov: Vnenjaja politika
- delo vnutrennee, in: Itogi, 28. Januar 2003, http://www.ln.mid.ru
[18. 8. 2003].
[35] Neuer Vorschlag Moskaus für Raketenabwehr-Abkommen,
in: Neue Zürcher Zeitung, 10. Januar 2003, S. 1.
[36] Mamedov, Ne nado.
[37] Amerika warnt Rußland vor Veto,
in: FAZ, 13. März 2003, S. 2.
[38] Mamedov, Ne nado.
[39] Moskau will NATO bei Terrorbekämpfung
helfen - Iwanow: Realisierung der US-Pläne für
Raketenabwehr ungewiß, Agence France Presse, 18. Dezember
2001.
[40] Russia Quits Arms Pact, in: Washington
Post, 15. Juni 2002, S. 20.
[41] Interv'ju Ministra inostranych del Rossii
I.S. Ivanova ital'janskoj gazete Korr'erre della sera 20.
Februar 2003 (perevod s ital'janskogo), http://www.ln.mid.ru
[18. 8. 2003].
[42] Politische Studien - Zeitgespräch
mit Igor F. Maximytschew zu zentralen Fragen der russisch-europäischen
Beziehungen, in: Politische Studien, Nr. 381, 2002, S. 8-15,
hier S. 14.
[43] Der Vertragstext ist nachzulesen unter:
http://www.state.gov/p/eur/rls/or/2002/10471.htm
[18. 8. 2003].
[44] Otvety Ministra inostranych del Rossii
I.S. Ivanova na voprosy SMI na predstavlenii pervogo reguljarnogo
nomera urnala Rossija v global'noj politike, Moskva,
20. Februar 2003, http://www.ln.mid.ru
[18. 8. 2003].
[45] Rose Gottemoeller: New Shape of the East-West
Nuclear Relationship, in: Kuchins, Russia, S. 260-277, hier
S. 264f.
[46] Für oder wider den Sheriff? Rußland
zwischen Antiamerikanismus und neuem Realismus, in: FAZ,
24. März 2003, S. 16.
Bitte zitieren als: Markus Siebenmorgen, Partnerschaft
oder Widerstand? Russlands Raketenabwehrpolitik seit dem
11. September, Raketenabwehrforschung International, Bulletin
No. 41 (Sommer 2003), Frankfurt am Main 2003.
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