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Bulletin No 44 -Sommer 2004
Thomas Petermann, Christopher Coenen
und Reinhard Grünwald
Die militärische Nutzung des Weltraums und Möglichkeiten
der Rüstungskontrolle
Der Unterausschuss Abrüstung, Rüstungskontrolle
und Nichtverbreitung des Deutschen Bundestages hat aufgrund
der Bedeutsamkeit technologischer Entwicklungen für
die Sicherheits- und Rüstungskontrollpolitik angeregt,
das Büro für Technikfolgen-Abschätzung
beim Deutschen Bundestag (TAB) mit der kontinuierlichen
Bearbeitung dieses Themenfeldes zu beauftragen. Vom Ausschuss
für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung
wurde diese Anregung im Juli 2001 zustimmend aufgegriffen
und das TAB mit der Durchführung eines kontinuierlichen
Monitoring "Neue Technologien und Rüstungskontrolle"
beauftragt. In dessen Rahmen kann zukünftig eine Folge
von Sachstandsberichten zu jeweils vom Unterausschuss für
Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung
zu beschließenden Themen erarbeitet und vorgelegt
werden. Nach Absprache mit dem Unterausschuss Abrüstung,
Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung befasste sich
der erste Sachstandsbericht mit dem Thema "Militärische
Nutzung des Weltraums und Möglichkeiten der Rüstungskontrolle
im Weltraum". Die wichtigsten Ergebnisse dieser Untersuchung
werden im Folgenden zusammengefasst.
In dem Bericht wird auftragsgemäß
die Thematik der Raketenabwehr mit geringerer Priorität
in den zu betrachtenden Gesamtkomplex "Weltraumrüstung"
einbezogen. Der Schwerpunkt liegt auf terrestrischen und
weltraumbasierten Waffensystemen zur Bekämpfung von
Weltraumobjekten (z.B. luft- und raumgestützte Laser
oder Kampfsatelliten) bzw. auf weltraumgestützten Waffensystemen
zur Bekämpfung von Zielen auf der Erde, in der Luft
oder auf See (z.B. raumgestützte Laserwaffen). Die
technologischen und rüstungskontrollpolitischen Aspekte
der US-amerikanischen Aktivitäten zur Abwehr ballistischer
Raketen werden aber dort aufgegriffen und diskutiert, wo
sie - bei der Betrachtung des politisch-strategischen Gesamtkomplexes
sowie der rüstungskontrollpolitischen Aspekte - besonders
eng mit dem Bereich der Weltraumrüstung verknüpft
sind.
Dies soll kurz erläutert werden: Die
Abwehr ballistischer Raketen kann als Teil des Themenkomplexes
Weltraumrüstung u.a. aus drei Gründen gelten:
Zum einen durchqueren Raketen bzw. ihre Sprengköpfe
auf ballistischen Flugbahnen auf dem Weg zu ihrem Ziel zum
Teil den Weltraum. Zum zweiten sind - zur Detektion von
Starts, zur Flugbahnverfolgung und zur Steuerung von Abfangraketen
- Frühwarnsysteme und Sensoren im Weltraum erforderlich.
Drittens können Abfangkörper (oder Lasersysteme)
im Weltraum stationiert sein (und ggf. auch gegen Systeme
im Weltraum eingesetzt werden).
Rüstungskontrollpolitisch gesehen ist
die Abwehr ballistischer Raketen ebenfalls eng verschränkt
mit Weltraumrüstung und Weltraumwaffen. Alle Systeme
- unabhängig von ihrem Stationierungsort -, die fähig
sind (bzw. dafür entwickelt werden) Interkontinentalraketen
zu attackieren, besitzen auch die inhärente Fähigkeit,
Satelliten anzugreifen. Ein land- oder seegestütztes
Raketenabwehrsystem beispielsweise kann auch Satelliten
angreifen; ein raumgestütztes System (wie ein Laser
oder ein Lenkflugkörper) dürfte in der Regel ebenfalls
die Fähigkeit einer Anti-Satelliten-Waffe haben. Der
Bericht trägt diesem Umstand der Verknüpfung und
Überschneidung insofern Rechnung, als in Kapitel II,
IV und V Technologien und Systeme der ballistischen Raketenabwehr
in die Betrachtung miteinbezogen werden.
Wie in den meisten seiner Projekte arbeitete
das TAB auch bei der Erarbeitung dieses Berichtes eng mit
externem Sachverstand zusammen. So wurden auf Vorschlag
des TAB Gutachten an das Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische
Trendanalysen (INT), Euskirchen, (Bearbeiter: Dr. Matthias
Grüne, Dr. Thomas Kretschmer, Dr. Wolfgang Luther,
Dr. Ulrik Neupert, Dr. Claudia Notthoff, Carsten Vaupel,
Dr. Henner Wessel, Dr. Wolfgang Winkelmann), an Dr. Jürgen
Altmann, Universität Dortmund, an Dr. Jürgen Scheffran
sowie an das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik
an der Universität Hamburg (IFSH) (Bearbeiter: Dr.
Götz Neuneck, Matthias Karádi, André
Rothkirch) vergeben.
Ausgangslage
Schon lange ist der Weltraum Einsatzort für
militärische Systeme. Etwa 170 rein militärische
Satelliten kreisen um die Erde und erfüllen für
die Streitkräfte Funktionen wie Aufklärung, Frühwarnung,
Kommunikation und Steuerung. Jetzt zeichnet sich das Überschreiten
einer Schwelle bei der militärischen Weltraumnutzung
ab: Zukünftig könnten Waffensysteme zur Einsatzreife
weiterentwickelt werden, deren Stationierung auf der Erde
oder im All eine Spirale des Wettrüstens einleiten
könnte.
Der Bericht des TAB behandelt am Beispiel
der Weltraumrüstung das Wechselspiel zwischen technologischer
Dynamik und politischen sowie militärischen Zielen
und Leitbildern. Er analysiert aus Sicht der Rüstungskontrollpolitik
die Möglichkeiten, solche Entwicklungen zu stoppen
oder einzugrenzen, die sich zu einer Gefahr für die
Sicherheit und Stabilität des internationalen Staatensystems
auswachsen könnten.
Dynamik der Technologie, Herausforderung
der Rüstungskontrolle
Die hohe Relevanz der Technik für die
Sicherheitspolitik und die Rolle moderner Streitkräfte
ist unbestritten: Neue Technologien ermöglichen die
Qualitätssteigerung und Kampfkraftverstärkung
von Waffensystemen und eröffnen für Politik und
Streitkräfte neuartige Handlungsoptionen. Es ist zu
erwarten, dass die Nutzung verbesserter und erweiterter
technologischer Optionen auch in den nächsten Jahren
entscheidende Auswirkungen auf die Rolle und Handlungsmöglichkeiten
der Streitkräfte, die Stabilität des Staatensystems
sowie letztlich auf die Kriegsführung haben werden.
Rüstungskontrollpolitik ist mit diesen
neuen Herausforderungen konfrontiert und muss sich den strukturellen
Veränderungen des internationalen Systems, aber auch
der technologischen Dynamik des Informationszeitalters stellen.
Auf der Agenda einer vorbeugenden Rüstungskontrollpolitik
sollten - auch unter den veränderten sicherheitspolitischen
Rahmenbedingungen - so früh wie möglich die Beurteilung
und Gestaltung militärrelevanter Forschung, Entwicklung
und Erprobung sowie ihrer Folgen stehen.
Dies gilt auch für die wissenschaftlichen
und technischen Entwicklungen im Bereich der militärischen
Weltraumnutzung. Nicht zuletzt aufgrund neuer technischer
Möglichkeiten wird dem Weltraum aus Sicht der militärischen
Planer, aber auch der Sicherheitspolitik der militärisch
führenden Nationen zunehmend eine Schlüsselfunktion
zugeschrieben. Weltweit wachsen die Ausgaben für militärische
Forschung und Entwicklung bei Konzepten, Technologien und
Systemen. In Strategien, Doktrinen und Planungen wird die
Nutzung des Weltraums für die Belange der Sicherheit
zu einem zentralen Element. Die USA sind der wichtigste
Treiber dieser Entwicklung. Der Weltraum wird dort zunehmend
als eine zentrale zivile und militärische Ressource
mit höchster Priorität eingeschätzt. Seine
militärische Nutzung eröffnet zahlreiche, in der
Wahrnehmung von Militär und Politik attraktive Optionen
zur Gewinnung und Sicherung der Informationshoheit, zur
Prävention, zur Abschreckung und zur Kriegsführung.
Bei den genannten Entwicklungen stehen in
besonderem Maße solche im Blickpunkt, die einen Übergang
von einer eher passiven Nutzung des Weltraums - durch Systeme
der Aufklärung, Kommunikation und Steuerung - zu einer
"weaponization" des Alls bedeuten: Damit ist vor
allem die Option der Stationierung von Waffensystemen zum
Einsatz in den, im und aus dem Weltraum angesprochen. Aus
rüstungskontrollpolitischer Sicht ist diese Tendenz
problematisch, zeigt sich doch, dass das bestehende weltraumrechtliche
Instrumentarium und die vorliegenden Rüstungskontrollvereinbarungen
nicht geeignet sind, eine weitere Militarisierung des Weltraums
zu bremsen, geschweige denn zu verhindern.
Bedrohungen und Fähigkeiten: Die
Doktrin der "space control"
Seit Beendigung der Blockkonfrontation und
des kalten Krieges stellt sich für die westliche Sicherheitspolitik
die Bedrohungslage entscheidend anders dar. Sorgen bereitet
nicht mehr eine massive Bedrohung durch einen klar erkennbaren
Konkurrenten, sondern eine Ansammlung diffuser und schwer
vorhersagbarer Risiken. Als mögliche zukünftige
Krisen und Konflikte gelten ethnisch-politische und Ressourcenkonflikte
in bestimmten Regionen, die Drohung mit und der Einsatz
von Massenvernichtungswaffen durch staatliche und substaatliche
Akteure sowie die Gefahr des internationalen Terrorismus,
die seit dem 11. September 2001 die sicherheitspolitischen
Debatten stark prägt. Bedrohungen gehen nach Meinung
der Experten auch von so genannten Informationsoperationen
("cyber war") aus. Hervorgehoben als Bedrohung
wird ferner die Proliferation von Raketen, anderen Trägersystemen
und Satelliten. Der amerikanische Verteidigungsminister
Donald Rumsfeld nannte Anfang 2001 "Raketen, Terrorismus
und Informationskriegsführung" in einem Zusammenhang.
Als einzige verbliebene Supermacht sehen sich
die USA in besonderem Maße sowohl mit diesen Risiken
konfrontiert als auch herausgefordert, auf allen Ebenen
hierauf zu reagieren. Sie geben deshalb durch ihre neuen
sicherheitspolitischen Konzepte und Ziele sowie ihr Handeln
Inhalte und Tempo neuer Entwicklungen vor, mit denen sich
die anderen Staaten konfrontiert sehen.
Seit etwa Mitte der 1990er Jahre rückt in den strategischen
Schlüsseldokumenten der USA der Weltraum zunehmend
in den Blickpunkt des Diskurses über militärische
Bedrohungen und Fähigkeiten. Als "area of responsibility"
stellt sich der Weltraum bereits jetzt als eine durch feindlich
gesonnene Akteure gefährdete und verwundbare zivile
und militärische Ressource dar. Der Weltraum repräsentiert
aber zugleich ein Medium, das interessante militärische
Möglichkeiten eröffnet, Schutzmaßnahmen
zu ergreifen, Abschreckung zu realisieren, die weltweite
Informationshoheit (information superiority) und die militärische
Überlegenheit im und durch den Weltraum zu gewinnen.
Der Bericht der von der Regierung eingesetzten
"Space Commission" kam 2001 als Resultat aus seiner
Bedrohungsanalyse ("threat assessment") zu folgenden
Einschätzungen:
- Die Vereinigten Staaten sind stärker
als jedes andere Land von der Nutzung des Weltraums abhängig.
Zugleich sind ihre Weltraumsysteme verwundbar.
- Länder, die gegenüber den USA
feindselig eingestellt sind, besitzen oder beschaffen
die Mittel, um US-Weltraumsysteme zu stören (disrupt)
oder zu zerstören.
- Die USA bilden deshalb ein attraktives
Ziel für ein "Space Pearl Harbor".
Eng verklammert mit der Thematik der militärischen
Bedeutung des Weltraums ist die Abwehr angreifender ballistischer
Raketen. Zwar hat sich die Zahl der Staaten mit Raketen
größerer Reichweite bzw. entsprechenden Programmen
in den letzten 20 Jahren nicht entscheidend verändert.
In den Blickpunkt gerückt sind aber "besorgniserregende"
Staaten wie Nordkorea, Iran und Irak. Nicht zuletzt ihretwegen
hat sich die Einschätzung der US-amerikanischen Politik
dahingehend entwickelt, dass eine Bedrohung der USA und
ihrer Bürger zukünftig möglich sowie der
US-Truppen und -Interessen in Übersee (sowie ihrer
Alliierten und Freunde) durch ballistische Raketen bereits
jetzt gegeben sei. Die Ereignisse des 11. September 2001
werden in offiziellen Stellungnahmen nicht als Beleg dafür
gesehen, dass insbesondere die Bedrohung des internationalen
Terrorismus nicht mit Raketenabwehrsystemen zu bannen ist.
Im Gegenteil: Zusammen mit einem reduzierten offensiven
Nuklearpotenzial und verbesserten konventionellen Fähigkeiten
bildet "missile defense" nunmehr einen integralen
Bestandteil einer neuen Triade für die Abschreckung
und die Anwendung von Gewalt, falls die Abschreckung versagt.
Bereits 2001 hatte eine hochrangige Kommission
unter Leitung des jetzigen Verteidigungsministers Donald
Rumsfeld die nationalen Sicherheitsinteressen der USA im
Weltraum in die "nationalen Topprioritäten"
eingeordnet und empfohlen, dass die USA die Mittel entwickeln
müsse, um feindliche Angriffe in und aus dem Weltraum
abzuschrecken oder sich dagegen verteidigen zu können
("space control"). Zu diesen Mitteln gehörten
auch im Weltraum stationierte Waffen. Pläne und Aussagen
der Bush-Administration knüpfen hier an und lassen
ein verstärktes Interesse an der militärischen
Nutzung des Weltraums erkennen. "Space superiority"
zu erreichen gilt sowohl als Ziel wie auch als Schlüsselaspekt
bei der Transformation der US-Streitkräfte.
Die Diskussionen und Aktivitäten der
letzten Zeit sind starke Indizien dafür, dass in den
USA die Weichen für eine künftige verstärkte
militärische Nutzung des Weltraums gestellt werden.
Nach der Aufkündigung des ABM-Vertrages ist nunmehr
Raum dafür, das Ziel der Transformation der Streitkräfte
auch auf der Ebene des Weltraums zu realisieren. Deshalb
werden finanzielle, technologische und organisatorische
Anstrengungen unternommen, um die bestehenden Möglichkeiten
und Fähigkeiten zu nutzen, auszubauen und zu schützen.
Darüber hinaus sollen im nationalen Interesse die entsprechenden
technologischen Fähigkeiten zur defensiven aber auch
zur offensiven Nutzung des Weltraums als Medium der Kriegführung
geschaffen werden: Ein hochrangiger Verantwortlicher brachte
diese Neuausrichtung auf eine knappe Formel: "I believe
that weapons will go into space. It's a question of time.
And we need to be at the forefront of that."
Die Technologiebasis für militärische
Schlüsselfunktionen
Aus der Sicht von Politik und Militär
spielen neue Technologien die Schlüsselrolle bei der
Erreichung der gewünschten Ziele und Fähigkeiten
der Streitkräfte. Insbesondere die "space control
capabilities" und zunehmend die "space force application
capabilities" basieren auf der Prämisse fortgeschrittener
Technologien und Systeme. Für zahlreiche militärische
Einsatzbereiche wird deshalb durch verstärkte Forschungs-,
Entwicklungs- und Demonstrationsaktivitäten diese Grundlage
auch tatsächlich geschaffen.
Mit Hilfe eines Blicks in die militärische
FuE-Planung der Vereinigten Staaten lässt sich ein
Bild von der Förderung und Zielführung der "enabling
technologies" gewinnen. In verkürzter Form, entlang
der zentralen "mission areas" zusammengefasst,
stellen sich diese Strukturen und Schwerpunkte folgendermaßen
dar:
- Beim Raumtransport sind Bemühungen
zur Verbesserung der Antriebstechnik festzustellen. In
engem Zusammenhang damit dienen weitere Anstrengungen
der Entwicklung preisgünstiger, wartungsarmer und
wiederverwendbarer Transportfahrzeuge, um einen schnellen
und flexiblen Transport von Nutzlasten in das All zu gewährleisten.
Ein Fernziel stellt ein "Weltraumflugzeug" dar,
dessen Betrieb ähnlich funktional und situationsangepasst
erfolgen kann, wie der eines Flugzeugs: Konzepte eines
"Transatmosphärischen Flugzeugs" werden
vorangetrieben mit dem Ziel, hierdurch über ein Mittel
zum Erhalt der Überlegenheit im Weltraum sowie zur
Verbesserung der globalen Präsenz durch schnelle
Einsätze an jedem Ort der Welt aus dem Weltraum heraus
zu verfügen.
- Zur weiteren Verbesserung von Satellitenoperationen
werden Schwerpunkte bei den Antrieben und den Treibstoffen
gesetzt. Ein auffälliger Trend ist die Entwicklung
von Kleinsatelliten. Hochmanövrierfähige Mikrosatelliten
oder Serviceroboter eröffnen neue militärische
Einsatzoptionen bei der Bekämpfung fremder Satelliten.
- Satelliten und andere Systeme im Weltraum
sind Unterstützungssysteme für die Steuerung
weltweiter militärischer Einsätze auf der Erde
und potenziell auch für die Gewaltanwendung im und
aus dem Weltraum. Der Verbesserung ihrer vielfältigen
Funktionen wie Frühwarnung, Aufklärung, Führung
und Kommunikation oder Umweltüberwachung dienten
u.a. der Aufbau globaler Satellitensysteme zur Positionsbestimmung,
wie das US-amerikanische Global Positioning System, und
ein Netzwerk von Antennenstationen zur Führung und
Steuerung eigener Satelliten. Zur Verbesserung des Frühwarnsystems
und zur Verfolgung von Flugkörpern wird an verbesserter
Sensorik für Satelliten gearbeitet.
- Von größter Bedeutung sind Anstrengungen
bei Forschung und Entwicklung für die Bereitstellung
einsatzfähiger Waffensysteme zum Einsatz im Weltraum
(wie "Killersatelliten"), aus dem Weltraum heraus
(wie raumgestützte Laserwaffen oder Kinetische-Energie-Waffen
zur Bekämpfung von Zielen auf der Erde) sowie in
den Weltraum hinein (wie luftgestützte Laserwaffen
zur Bekämpfung von Satelliten).
Waffensysteme für den Weltraum
Ein militarisierter Weltraum ist schon lange
eine Tatsache. Eine ganze Armada von Satelliten für
Zwecke wie Navigation, Aufklärung und Kommunikation
bewegt sich mittlerweile im All. Sie erfüllen insbesondere
die Aufgabe der Kampfkraftverstärkung ("force
multiplier") durch Steigerung der Effizienz von militärischen
Operationen auf dem Boden, zur See und in der Luft ("space
force enhancement"). Die Weichen für weitergehende
Schritte sind aber in den USA gestellt: Die Fähigkeiten
möglicher Kontrahenten, mittels weltraumbasierter Systeme
militärisch zu agieren, sollen eingegrenzt werden ("counter-space");
auch sollen eigene Fähigkeiten zur Androhung und Anwendung
von Gewalt aus dem Weltraum heraus gegen terrestrische Ziele
geschaffen werden. Das zukünftige Potenzial des Weltraums
soll durch die Bereitstellung eines Spektrums von "force
application capabilities in, from and through space"
ausgeschöpft werden.
Wie ist der augenblickliche Stand der Weltraumrüstung?
Sieht man von unbestätigten Meldungen über chinesische
Parasiten-Kleinstsatelliten ab, sind derzeit keine eingeführten
raumgestützten Waffensysteme bekannt. Raumgestützte
Laserwaffen sowie raumgestützte Flugkörper, beide
zum Zwecke der Raketenabwehr, befinden sich ebenso im Forschungs-
bzw. Entwicklungsstadium wie militärische Kleinsatelliten.
Technologische Kompetenzen zum Stören, eventuell auch
zur Zerstörung von Satelliten vom Boden (bzw. von der
Luft) aus sind bei den USA und Russland schon lange vorhanden,
und die Technologien werden laufend weiterentwickelt. Auch
die Volksrepublik China ist derzeit bemüht, sich diese
Fähigkeiten anzueignen. Neben Laser- und Hochleistungs-Mikrowellen-Systemen
gehören hierzu vor allem die Technologie-Kompetenzen
der USA und Russlands in Form von luftgestützten Anti-Satelliten-Systemen.
Alle kernwaffenbesitzenden Staaten sind technologisch in
der Lage, durch eine hochatmosphärische Kernwaffenexplosion
Satelliten (einschließlich ihrer eigenen) in mehreren
Umlaufbahnen zu schädigen. Durch weitere Proliferation
von ballistischen Raketen sowie Kernwaffen könnte sich
die Zahl von Staaten und substaatlichen Akteuren mit dieser
Fähigkeit in den nächsten Jahren erhöhen.
Angriffe gegen das Bodensegment von Satellitensystemen (konventionell,
elektronisch) bieten eine weitere Möglichkeit zu deren
Störung oder Schädigung, die weit mehr denkbaren
Akteuren zur Verfügung steht, da sie technologisch
weniger aufwendig ist.
Neben diesen bereits jetzt vorhandenen Optionen
für Waffeneinsätze im, aus dem und in den Weltraum
ist in naher Zukunft auch mit zusätzlichen Optionen
zu rechnen. Wie könnte die weitere Entwicklung dahin
aussehen?
Betrachtet man die strategischen Überlegungen
und Zielsetzungen der US-amerikanischen Planungsdokumente
sowie die zur Erreichung dieser Ziele diskutierten und vorangetriebenen
Technologien im Zusammenhang, lassen sich für die weiteren
technischen Entwicklungen bei den diskutierten Waffen folgende
Thesen formulieren und zur Diskussion stellen:
- Viel spricht dafür, dass Mikrosatelliten/Serviceroboter
zum Einsatz gegen andere Satelliten ein erster Schritt
zur Verwirklichung des angestrebten Ziels umfassender
"space control" sein können.
- Luftgestützte Laserwaffen gegen (taktische)
ballistische Raketen werden kontinuierlich weiterentwickelt.
Dies könnte ihre Eignung für den Einsatz gegen
Weltraumziele so weit verbessern, dass ein luftgestützter
Laser hierzu eine effiziente Option werden würde.
- Bodengestützte Kill-Vehicles zum Einsatz
gegen Satelliten sind relativ weit in der Entwicklung
fortgeschritten. Aufgrund weiterer FuE-Aktivitäten
im Zusammenhang mit Projekten der Raketenabwehr werden
diese Entwicklungen beschleunigt, so dass Anti-Satelliten-Systeme
mit Kinetische-Energie-Gefechtsköpfen (KE) bald einsatzreif
sein könnten.
- Bodengestützte Laserwaffen zur Störung
sind bereits jetzt verfügbar. Laser zur Schädigung
oder Zerstörung von Weltraumzielen sind mittelfristig
zu erwartende tragfähige Einsatzoptionen.
- Bodengestützte Hochleistungs-Mikrowellen-Waffen
zum Stören von Satelliten sind kurz- bis mittelfristig
einsatzfähig.
- Weltraumgestützte Laserwaffen zum
Abfangen von ballistischen Raketen (noch vor Brennschluss)
werden zurzeit mit reduziertem Aufwand verfolgt, die Termine
für Tests und Stationierung sind weit nach hinten
gerückt worden.
- Weltraumgestützte KE-Konzepte gegen
Interkontinentalraketen (in der Startphase) werden trotz
der großen technischen Probleme, die zu lösen
sind, weiter verfolgt.
Aus rüstungskontrollpolitischer Sicht
ist festzuhalten, dass die hier genannten militärischen
Optionen in keiner Phase ihrer Entwicklung bis einschließlich
ihrer Stationierung untersagt sind.
Zahlreiche Staaten sehen in diesem potenziellen
Aufwuchs militärischer Weltraumsysteme eine Gefahr
für die Stabilität des internationalen Staatensystems.
Vor allem durch eine weltweite Spirale von Maßnahmen
und Gegenmaßnahmen, so wird befürchtet, könnte
ein allgemeines Wettrüsten in Gang kommen. Dabei stellt
sich die Frage, ob und wie Rüstungskontrollpolitik
diesen möglichen Entwicklungen vorbeugen könnte.
Rechtlicher Rahmen und politische Konzepte
der Rüstungskontrolle
Das internationale Rüstungskontrollrecht
und geltende Rüstungskontrollverträge legen der
militärischen Nutzung des Weltraums keine engen Fesseln
an. Im Überblick lässt sich dazu Folgendes feststellen:
- Verboten sind derzeit die Stationierung
von Nuklear- und anderen Massenvernichtungswaffen in einer
Erdumlaufbahn oder auf Himmelskörpern, die Einrichtung
militärischer Stützpunkte, die Erprobung von
Waffen und das Abhalten von Manövern auf den Himmelskörpern,
jede nukleare Versuchsexplosion im Weltraum und der Einsatz
umweltverändernder Techniken zu militärischen
Zwecken mit weiträumigen, andauernden oder schwerwiegenden
Umweltauswirkungen. Durch die bestehenden Vereinbarungen
sind mithin zwar bestimmte Einschränkungen für
die militärische Weltraumnutzung gegeben, doch bleiben
erhebliche Lücken.
- Erlaubt sind unter dem derzeitigen Regulierungs-Regime
zumindest der Einsatz militärischen Personals für
zivile Zwecke, die Stationierung und Nutzung von Satelliten
zur Aufklärung, Kommunikation und Navigation für
militärische Zwecke, die Stationierung und defensive
Nutzung von konventionellen Waffen, der Durchflug von
Raketen sowie ASAT-Waffen, mit Ausnahme von Nuklearwaffen,
die im Weltall stationiert werden. Seit der Kündigung
des ABM-Vertrages sind zudem Tests und Stationierung von
Raketenabwehrsystemen mit nicht nuklearen Weltraumkomponenten
erlaubt. Schließlich gibt es keine Regelungen, die
dem Einsatz von Weltraumwaffen enge Grenzen auferlegen.
Obwohl die große Mehrzahl der Staaten
sich seit Jahren über die Gefahr eines Wettrüstens
im All besorgt zeigt, ist eine Fortentwicklung des rechtlichen
Regelwerks seit vielen Jahren nicht erfolgt. Dies liegt
auch daran, dass aufgrund von Meinungsverschiedenheiten
zwischen den USA und China die Genfer Abrüstungskonferenz
(CD) seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre blockiert
ist. Diese Blockadesituation hat sich in letzter Zeit noch
verfestigt: Während die derzeitige US-Administration
betont, dass ihrer Ansicht nach das bestehende Weltraumregime
ausreicht, hat China klar gemacht, dass es Verhandlungen
in der CD über andere Themen - und insbesondere über
ein Verbot der Produktion von spaltbarem Material für
Waffenzwecke (FMCT, "Fissile Material Cut-Off")
- von einer Intensivierung der Auseinandersetzung mit dem
Problem einer drohenden Rüstungsspirale im Weltraum
abhängig macht. Zu diesem Zweck hat China im Mai 2002
mit Russland einen gemeinsamen Vorschlag zur Weltraumrüstungsthematik
in der CD vorgestellt.
Allerdings zeigen der chinesisch-russische
Vorschlag und weitere Initiativen anderer Akteure in der
CD auch, dass in letzter Zeit eine Abkehr von rüstungskontrollpolitischen
Maximalkonzepten stattgefunden hat. Faktisch nimmt China,
in Kooperation mit Russland, stärker Rücksicht
auf die US-amerikanische Position, setzt also auf Kompromisslösungen.
Forderungen, deren Erfüllung nicht nur die Stationierung
von Waffen ("weaponization") im Weltraum, sondern
auch eine Raketenabwehr mit Weltraumkomponenten verhindern
würde, werden durch China und Russland nicht mehr dezidiert
vertreten, möglicherweise auch aufgrund der eigenen
Interessen an einer Raketenabwehr. Die aktuelle chinesisch-russische
Position stellt die Regulierung weltraumbasierter Waffen
durch ein Stationierungsverbot in den Mittelpunkt. Nicht
mehr vorgesehen ist die Regulierung von Tests im Weltraum
und von terrestrischen Waffen, die in den Weltraum hinein
wirken können. Es bliebe also für alle Staaten
die Möglichkeit, weltraumbasierte Waffen zu entwickeln,
zu testen und zur Einsatzreife zu bringen. Des Weiteren
wäre die Stationierung einer Raketenabwehr mit Weltraumkomponenten
möglich, vorausgesetzt diese Komponenten sind selbst
keine Waffen (wie z.B. Sensoren).
Trotz dieser Anzeichen für eine Annäherung
liegt eine Einigung über die Kernprobleme der Weltraumrüstungskontrolle
(Stationierung von Waffen im Weltraum und ASAT-Problematik)
aber noch in weiter Ferne. Derzeit geht es vor allem darum,
Wege zur Überwindung der Blockadesituation zu erkunden
und Regulierungsoptionen kritisch zu prüfen. Die Vielzahl
möglicher und diskutierter Regulierungsansätze
lässt sich grob in zwei Gruppen einteilen: die Schaffung
von Verbotstatbeständen für (Weltraum-)Waffen
sowie Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen
(VSBM) für den Weltraum.
Die wichtigsten Kategorien bei der Schaffung
von Verbotstatbeständen für Waffen sind weltraumbasierte
Waffen und ASAT-Systeme. Ferner ist die Regulierung bestimmter
Zonen des Weltraums zu nennen, bei denen z.B. ab einer gewissen
Höhe Verbotstatbestände für Waffen geschaffen
werden könnten.
VSBM dienen u.a. der Erhöhung der Transparenz
von Weltraumaktivitäten, der Prävention von aggressiven
Handlungen, der Vermeidung von Unfällen oder der Förderung
der Kooperation in der zivilen Raumfahrt. Zu den VSBM für
den Weltraum zählen in der Regel auch jene Konzepte,
die auf eine Aufstellung von Verkehrsregeln ("Rules
of the Road") für diesen Bereich oder einen Regelkatalog
("Code of Conduct") für Weltraumaktivitäten
zielen. Schließlich existieren weitere Handlungsmöglichkeiten,
wie z.B. einseitige Verzichtserklärungen einzelner
oder mehrerer Staaten in Bezug auf Weltraumwaffen. Maßnahmen
wie diese hätten das Ziel, das Thema Weltraumrüstung
dauerhaft auf die politische Agenda zu setzen und damit
den augenblicklichen Stillstand zu überwinden.
Rüstungskontrolle für den
Weltraum - eine "mission impossible"?
Angesichts der verhärteten Fronten zwischen
den USA und den anderen Akteuren mag es als utopisch erscheinen,
rüstungskontrollpolitische Handlungsperspektiven für
den Weltraum hinsichtlich ihrer Vor- und Nachteile zu diskutieren.
Andererseits weiß man aus Erfahrung, dass sich politische
Rahmenbedingungen national wie international ständig
wandeln. Die Bemühungen um zunächst kleine Fortschritte
sollten deshalb fortgesetzt werden.
Aus einer pragmatischen Perspektive stellen
sich die Realisierungschancen und die erreichbaren Ziele
etwa folgendermaßen dar:
- Orientiert man sich in der augenblicklichen
Situation an der Priorität, die bestehende Blockade
aufzulösen und Bewegung in die festgefahrenen Positionen
zu bringen, bietet sich die Option an, einen Gesprächs-
oder Verhandlungsprozess ohne die USA (und andere verhandlungsunwillige
Staaten) zu initiieren. Dieser Prozess ließe sich
außerhalb der CD ansiedeln, unter Einbeziehung zivilgesellschaftlicher
Akteure (wie in diesem Bereich aktiver NGOs). Blieben
die USA und andere Staaten bei Verhandlungen außen
vor, dürfte eine weitreichende Einigung tatsächlich
leichter fallen. Sie wäre dann aber auch rüstungskontrollpolitisch
von geringerer Bedeutung als eine Vereinbarung unter Beteiligung
aller wichtigen Weltraummächte. Somit ist ein solcher
Prozess nur dann erstrebenswert, wenn die begründete
Hoffnung besteht, dass die USA (und andere eventuell verhandlungsunwillige
Staaten) in dessen Verlauf oder nach Abschluss der Verhandlungen
integriert werden.
- Eine zweite Option hätte zum Ziel,
den Stillstand dadurch zu überwinden, dass ein Gesprächs-
oder Verhandlungsprozess lediglich zu VSBM initiiert würde.
Da die USA in dieser Hinsicht ihre Bereitschaft zu Gesprächen
signalisiert haben, hätte diese Vorgehensweise den
Vorteil, dass der entscheidende Akteur mit im Boot wäre.
Dafür müsste der anfängliche Verzicht auf
eine Diskussion substanzieller Rüstungskontrollmaßnahmen
in Kauf genommen werden. Ein solcher Ansatz für politisches
Handeln wäre zunächst auf kurzfristig erreichbare
Ziele ausgerichtet, in der Hoffnung, ein günstigeres
Klima für rüstungskontrollpolitisch relevantere
Verhandlungen zu schaffen.
- Am schwierigsten zu realisieren ist eine
dritte Option: Ziel wäre hier - unter Beteiligung
möglichst vieler Staaten und der USA - eine Regulierung
von offensiven und aggressiven Weltraumwaffen zunächst
auf der Ebene eines Stationierungsverbots. Zwar erscheint
zurzeit die Chance, die USA in einen solchen Prozess zu
integrieren, äußerst gering, und die Gefahr,
mit den Verhandlungen in eine Sackgasse zu geraten, hoch.
Der Versuch, auf einem solchen - zugegeben niederen -
Niveau gemeinsam mit den USA zu einer Regulierung mit
einem substanziellen Verbotstatbestand zu gelangen, wäre
aber intensiver diplomatischer und zivilgesellschaftlicher
Anstrengungen wert. Die Ergebnisse eines Verhandlungsprozesses
dieser Art wären rüstungskontrollpolitisch wertvoller
als ein umfassendes Abkommen ohne Beteiligung der USA
oder VSBM, bei denen die Kernprobleme der Thematik ausgespart
bleiben.
Entwicklungen der letzten Jahre und die Perspektiven
für die nähere Zukunft rechtfertigen keine großen
Hoffnungen auf eine zeitgemäße Rüstungskontrollpolitik
für den Weltraum. Neue technologische Entwicklungen
und politische Weichenstellungen lassen diesen zwar als
ein besonders wichtiges Feld präventiven rüstungskontrollpolitischen
Handelns erscheinen, was von einer Mehrheit der Staatengemeinschaft
und vielen NGOs auch so gesehen wird. Dennoch kommt die
politische Bearbeitung dieses Feldes nicht richtig voran.
Die Überwindung der derzeitigen Blockadesituation in
diesem Feld ist deshalb die dringlichste politische Herausforderung.
In dieser Situation wären schon kleine Fortschritte
- wie die Aushandlung einzelner Vertrauensbildender Maßnahmen
für den Weltraum - ein lohnenswertes Ziel.
Bitte zitieren als: Thomas
Petermann, Christopher Coenen und Reinhard Grünwald,
Die militärische Nutzung des Weltraums und Möglichkeiten
der Rüstungskontrolle, Raketenabwehrforschung International,
Bulletin No. 44 (Sommer 2004), Frankfurt am Main 2004.
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