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Bulletin No 24 - Sommer 2001
Christian Wagner
Indien und die Debatte über das Raketenabwehrsystem
NMD
1. Einführung
Die Vorschläge von US-Präsident
George W. Bush ein nationales Rake-tenabwehrsystem (National
Missile Defense, NMD) zu errichten, sind weltweit überwiegend
auf Kritik gestoßen. Die damit entstandene Debatte
hat die Beziehungen zwischen der neuen US-Administration
und vielen europäischen Verbündeten belastet.
Eines der wenigen Länder, welches den Vorschlägen
des US-Präsidenten zustimmte, war die Indische Union.[1]
Die Ursachen für die zunächst überraschend
erscheinende Zustimmung Indien sowie die damit verbundenen
positiven und negativen Konsequenzen sollen im Folgenden
vor dem Hintergrund der Beziehungen Indiens zu den USA und
China erläutert werden, die seit der Unab-hängigkeit
1947 den Dreh- und Angelpunkt für das Verständnis
der indischen Außenpolitik bilden.
2. Indien - USA
Galten Indien und die USA in der Zeit des
Kalten Krieges als "entfremdete Demokratien",[2]
so lässt sich seit Mitte der achtziger Jahre eine verstärkte
Annäherung zwischen beiden Staaten konstatieren. Das
Ende der Blockkonfrontation, die ökonomische Liberalisierung
Indiens, gemeinsame Sicherheitsinteressen gegenüber
dem internationalen Terrorismus und einem militanten islamischen
Fundamentalismus sowie die Wiederentdeckung der gemeinsamen
demokratischen Werte haben die indisch-amerikanischen Beziehungen
im Verlauf der neunziger Jahre weiter vertieft. Der Besuch
von US-Präsident Clinton im März 2000 und der
Gegenbesuch von Premierminister Vajpayee im September desselben
Jahres haben die neuen politischen, wirtschaftlichen und
sicherheitspolitischen Gemeinsamkeiten zwischen den beiden
größten Demokratien deutlich werden lassen. Diese
Annäherung dürfte sich durch die wirtschaftliche
Öffnung und die Integration Indiens in den Weltmarkt
sowie durch das wachsende Gewicht der indischen Minderheit
in den USA auch zukünftig fortsetzen.[3]
Trotz dieser positiven Entwicklungen gibt
es zwischen beiden Staaten auch weiterhin Meinungsverschiedenheiten,
z.B. hinsichtlich der indischen Weigerung, dem Nichtverbreitungsvertrag
(NVV) oder dem allgemeinen Teststoppabkommen beizutreten.[4]
Belastet werden die indisch-amerikanischen
Beziehungen weiterhin durch eine Reihe von Sanktionen, die
die US-Regierung nach den indischen Nuklearversuchen im
Mai 1998 gegen indische Unternehmen und staatliche Einrichtungen
verhängte. Mehr als zehn bilaterale Gesprächsrunden
seit den Tests haben aber keine grundsätzliche Annäherung
der gegensätzlichen Positionen in der Nuklearfrage
gebracht. Die indische Regierung besteht weiterhin auf einer
minimum nuclear deterrence, während die USA u.a. weiterhin
auf einen Beitritt Indiens zum NVV als Nicht-Nuklearwaffenstaat
drängen.[5] Nach der gescheiterten Ratifizierung des
Teststoppabkommens im US-Kongress im Herbst 1999 sowie nach
dem Wechsel der US-Administration im Januar 2001 hat der
Druck auf Indien in dieser Frage allerdings nachgelassen.
Die amerikanische Initiative für ein
NMD scheint den außenpolitischen Interessen Indiens
in drei Punkten entgegenzukommen. Im Kern sehen die amerikanischen
Vorschläge ein Abrücken von dem Prinzip der gegenseitigen
Abschreckung vor, zweitens eine deutliche Reduzierung der
noch bestehenden nuklearen Potenziale sowie drittens eine
neue Haltung zu Fragen der nuklearen Proliferation. Indien
galt seit jeher als Befürworter einer weltweiten nuklearen
Abrüstung und die ersten Initiativen im Rahmen der
Vereinten Nationen (VN) kamen u.a. durch das Wirken Nehrus
zustande. Die Rivalität mit der VR China sowie die
eigenen Großmachtambitionen hinderten Indien jedoch
nicht daran, ein eigenes militärisches Nuklearprogramm
zu entwickeln. Indien weigerte sich bislang allerdings,
dem NVV oder dem allgemeinen Teststoppabkommen beizutreten.
Ein zentrales Argument, neben den in indischen Augen diskriminierenden
Charakter des NVV, war das Fehlen globaler Abrüstungsbemühungen
mit einem festgelegten Zeitplan. Indien lehnte auch das
Prinzip der gegenseitigen Abschreckung ab, so dass die beiden
erst genannten Punkte der amerikanischen NMD-Initiative
indischen Vorstellungen entgegen kommen.
Das größte strategische Interesse
dürfte für die indische Regierung aber aus den
veränderten internationalen Sicherheitsstrukturen herrühren,
die ein stationiertes Raketenabwehrsystem mit sich bringen
würde. Die damit entstehende neue internationale Sicherheitsstruktur
könnte, so die Überlegungen indischer Politiker
und Sicherheitsexperten, die Bedeutung des NVV langfristig
abschwächen.[6] Dies würde einerseits die indische
Kritik an dem Vertrag bekräftigen, andererseits dürfte
damit eine zentrale Hürde überwunden sein, die
bislang einer internationalen Aufwertung Indiens zur Großmacht
im Wege stand.
Die indische Zustimmung zu den NMD-Vorschlägen
kann deshalb als Absichtserklärung der BJP-Regierung
verstanden werden, die indisch-amerikanischen Beziehungen
weiter auszubauen und damit eine weitere Annäherung
bei Fragen der internationalen Sicherheit zu erreichen.
Beide Seiten haben zudem ihre Absicht bekräftigt, eine
engere militärische Kooperation im Indischen Ozean
einzugehen. Zugleich kann die Errichtung eines NMD aber
auch negative Folgen für die indische Sicherheitslage
zur Folge haben. Diese lassen sich anhand der indisch-chinesischen
Beziehungen verdeutlichen.
3. Indien - China
Während Indien und die USA als die beiden
größten Demokratien in der Zeit des Kalten Krieges
zu keiner dauerhaften Zusammenarbeit fanden, sind die indisch-chinesischen
Beziehungen seit der Niederlage im Grenzkrieg 1962 gegen
China und dem Aufstieg Chinas zur Großmacht durch
seinen Beitritt zum Atomwaffensperrvertrag und seinen ständigen
Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (VN) durch
eine latente Rivalität gekennzeichnet. Das Streben
nach internationaler Gleichrangigkeit mit China kann somit
als zentrales Motiv indischer Außenpolitik gelten.[7]
Seit Ende der achtziger Jahre lässt sich
zwischen beiden Staaten ebenfalls eine Annäherung beobachten.
Neben hochrangigen Staatsbesuchen und dem Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen
wurde eine gemeinsame Arbeitsgruppe eingerichtet (Joint
Working Group), die den strittigen Grenzverlauf zwischen
beiden Staaten festlegen soll. Abkommen zur Festlegung des
Status Quo an der Grenze im September 1993 sowie über
vertrauensbildende Maßnahmen 1996 haben diese Annäherung
in den letzten Jahren gefestigt. Indien und China haben
in den vergangenen Jahren zudem eine Reihe gemeinsamer Positionen
zu Sicherheitsfragen entwickelt. Beide Staaten sehen im
militanten islamischen Fundamentalismus eine Bedrohung ihrer
innenpolitischen Stabilität, streben ein multipolares
bzw. polyzentrisches internationales System an und lehnen
alle Formen internationaler Hegemonie und die damit verbundene
Einmischung in innere Angelegenheiten ab. So kritisierten
beide Staaten wiederholt den westlichen Unilateralismus
und verurteilten u.a. die Intervention der NATO im Kosovo.
Im April 2001 stimmte Indien bei der Menschenrechtskonferenz
in Genf mit China gegen einen Vorschlag der USA, der die
Menschenrechtspolitik Chinas kritisierte.[8]
Jenseits dieser neuen Gemeinsamkeiten gibt
es auch weiterhin eine Reihe von Konfliktfeldern zwischen
beiden Staaten. Neben der ungeklärten Grenzfrage ist
für Indien die militärische Zusammenarbeit Chinas
mit Pakistan im Bereich der Nuklear- und Raketentechnologie,
die von chinesischer Seite konsequent bestritten wird, der
zentrale Streitpunkt. So basiert die Technologie des pakistanischen
Raketenprogramms maßgeblich auf chinesischen M-9 und
M-11 Raketen sowie Lieferungen aus Nordkorea. Die konkurrierenden
hegemonialen Ansprüche Indiens und Chinas prallen vor
allem in Südostasien aufeinander. China hat in den
vergangenen Jahren seine territorialen Ansprüche im
südchinesischen Meer gegenüber den Staaten der
ASEAN deutlich gemacht. Mittlerweile erklärt aber auch
die indische Regierung Südostasien zum Teil ihrer nationalen
Sicherheit und beansprucht eine stärkere Ordnungsfunktion
in der Region. Dies wird von Teilen der ASEAN unterstützt,
die sich langfristig dadurch ein mögliches Gegengewicht
zu China erhofft. Neben der institutionellen Zusammenarbeit
im ASEAN Regional Forum (ARF) hat Indien in den neunziger
Jahren seine politischen, wirtschaftlichen und militärischen
Beziehungen zu Indonesien, Malaysia, Myanmar, Singapur,
Thailand und Vietnam intensiviert.[9]
Mit der möglichen Einrichtung von NMD
sowie eines regionalen Abwehrschirms (Theatre Missile Defence,
TMD) in Ostasien ist abzusehen, dass, erstens, die Dominanz
der USA weiter zunehmen wird. Dies wäre kaum in Einklang
zu bringen mit den indischen und chinesischen Vorstellungen
einer multipolaren Weltordnung. Abzuwarten ist deshalb,
ob die indische Zustimmung zu NMD, die von der traditionell
eher prowestlich orientierten BJP-Regierung gegeben wurde,
auch von anderen indischen Regierungskoalitionen geteilt
werden wird. Zum einen hat die Kritik an der Vorherrschaft
der USA in Indien eine lange Tradition, zum anderen bevorzugt
die indische Außenpolitik traditionell eher das Prinzip
der Eigenständigkeit (self-reliance) als die zu enge
Anbindung an einen militärischen Block.
Zweitens sieht die neue US-Administration
die VR China nicht mehr als strategischen Partner sondern
eher als strategischen Konkurrenten im asiatisch-pazifischen
Raum. Obwohl sich NMD in erster Linie gegen die Bedrohung
durch sog. states of concern wie den Irak, den Iran und
Nordkorea richtet, dürfte es indirekt auch der Eindämmung
Chinas im Ringen um die Vorherrschaft im asiatisch-pazifischen
Raum dienen. Dies steht auf den ersten Blick in Einklang
mit den Interessen Indiens.[10] Das indische Nuklear- und
Raketenprogramm richtet sich in erster Linie gegen China,
so dass Indien ein Interesse an einer solchen Eindämmung
der Volksrepublik durch ein TMD hat. Allerdings sind damit
auch eine Reihe negativer Konsequenzen für Indien verbunden.
In Reaktion auf ein mögliches TMD in Ostasien sind
verstärkte chinesische Rüstungsanstrengungen und
eine weitere Modernisierung des chinesischen Nuklear- und
Raketenprogramms zu erwarten. Darüber hinaus ist zu
befürchten, dass die Zusammenarbeit Chinas mit Pakistan
im Bereich der Raketentechnologie weiter ausgebaut wird.
Der Ausbau bzw. die Modernisierung der Nuklearpotenziale
in China und Pakistan würden in Indien aber als Bedrohung
wahrgenommen werden und hätte neue Rüstungsanstrengungen
zur Folge. Wenngleich NMD zunächst auf einer Linie
mit indischen Abrüstungsvorstellungen und den außenpolitischen
Ambitionen des Landes zu liegen scheint, dann könnten
die langfristigen Folgen z.B. durch TMD die Sicherheitslage
auch für Indien eher verschlechtern.
[1] Vgl. hierzu die Presseerklärung des
indischen Außenministeriums unter http://www.indianembassy.org/press_release/2001/may/may_02.htm.
[2] Kux, Dennis, Estranged Democracies. India
and the United States 1941-1991, London/New Delhi 1994.
[3] Vgl. Harrison, Selig, S./Kemp, Geoffrey,
India & America. After the Cold War, Washington 1993.
[4] Vgl. die Ausführungen des stellvertretenden
US-Außenminister John Holum, ohne Autor, U.S. for
caution in dealing with India, Pak., in: The Hindu, 17.
Juni 1998.
[5] Zu den indisch-amerikanischen Beziehungen
vgl. Wagner, C., Zwischen Konflikt, Kooperation und Realignment:
US-Außenpolitik gegenüber der Indischen Union,
in: Draguhn, Werner (Hrsg.), Indien 2000. Politik, Wirtschaft,
Gesellschaft, Hamburg 2000, S. 223-241.
[6] Vgl. Mohan, Raja C., The Armitage mission,
in: The Hindu, 10. Mai 2001.
[7] Zum Verhältnis Indiens zu China vgl.
Wagner, C., Die indisch-chinesischen Beziehungen, in: Becker,
Bert/Eilenberger, Guido/Rüland, Jürgen/Draguhn,
Werner (Hrsg.), Hongkong und China auf dem Weg in das Pazifische
Jahrhundert, Hamburg 1998, S. 173-187.
[8] Vgl. Mohan, Raja C., India backs China
on human rights, in: The Hindu, 19. April 2001.
[9] Zu den Beziehungen Indiens zu Südostasien
in den neunziger Jahren vgl. Wagner, C., Indien und Südostasien:
Von der Indifferenz zur Partnerschaft? In: Draguhn, Werner
(Hrsg.), Indien 2001. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft,
Hamburg 2001 (im Druck).
[10] Zur kritischen Einschätzung der
indischen Reaktion vgl. u.a. Vanaik, Achin, India's response
to the NMD, in: The Hindu, 25. Mai 2001.
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