Herrschaft und gesellschaftlicher Frieden

Der Programmbereich IV untersucht die innergesellschaftliche Dimension des Friedens. Im Zentrum stehen die Bedeutung der Organisation und Transformation politischer Herrschaft, inklusive ihrer sozialen, ökonomischen und internationalen Einbettung, für die gewaltsame Eskalation und friedliche Bearbeitung innerstaatlicher Konflikte. Dies schließt die Frage nach dem Verhältnis zwischen innerer Ordnung und staatlichem Außenverhalten ebenso ein wie die nach der externen Einwirkung auf innerstaatliche Konflikte und Transformationsprozesse. Übergeordnetes Ziel ist es, Bedingungen für die friedliche Hegung von Konflikten durch innovative Transformations- und Lösungskonzepte herauszuarbeiten, in denen abnehmende Gewalt, zunehmende soziale Gerechtigkeit und politische Freiheit in den einzelnen Gesellschaften verbunden werden können. Zentrale Themen des Programmbereichs sind: Nachbürgerkriegsgesellschaften und Friedenskonsolidierung, innergesellschaftliche Gewaltverhältnisse und -ursachen, politische Ordnungen und Transformationsprozesse sowie internationale Demokratieförderung und ihre Herausforderungen.

Im Rahmen des laufenden Forschungsprogramms Just Peace Governance untersucht der Programmbereich die nationalen Formen und Bedingungen gerechten Friedens sowie seine nationalen Aushandlungsprozesse mit ihren internationalen Bezügen. Ausgangspunkt ist die Trias „Demokratie-Rechtsstaat-Gute Regierungsführung“. Seit dem Ende des Kalten Kriegs gilt sie als universale Bedingung gerechter Friedensherrschaft, im Sinne einer globalen Homogenisierung und im Zeichen einer unipolar auf den Westen reduzierten Machtverteilung. Die sichtbaren Grenzen ihrer praktischen Umsetzung, die Virulenz alternativer Ordnungsvorstellungen und die internationalen Machtverschiebungen stellen diesen universalen Anspruch zunehmend in Frage. Die aktuellen Forschungsprojekte des Programmbereichs untersuchen die Chancen und Grenzen gerechter Friedensordnungen im nationalen Raum unter den Bedingungen vielfältiger – politisch-institutioneller wie soziokultureller – Heterogenitäten. Im Rahmen des früheren Forschungsprogramms Antinomien des Demokratischen Friedens (2000-2009) standen die spannungsreiche Beziehung zwischen Demokratie und innergesellschaftlichem Frieden sowie die damit einhergehenden Ambivalenzen von Demokratisierung als Friedensstrategie im Mittelpunkt der Arbeit.


Nachbürgerkriegsgesellschaften und Friedenskonsolidierung

Bürgerkriege und internationalisierte Bürgerkriege dominieren seit geraumer Zeit das weltweite Konfliktgeschehen. Nach dem Ende solcher Kriege stürzen viele der betroffenen Gesellschaften innerhalb weniger Jahre zurück in die Gewalt. Friedenskonsolidierung zielt darauf ab, solche Rückfälle zu verhindern. Sie soll eine Nachbürgerkriegsgesellschaft in die Lage versetzen, eines Tages selbst für einen dauerhaften Frieden zu sorgen. Die zentrale Frage in diesem Themenbereich ist daher, unter welchen Bedingungen ein sich selbst tragender Frieden entsteht und unter welchen Umständen der Frieden prekär bleibt oder sogar zusammenbricht.

Innergesellschaftliche Gewaltverhältnisse und -ursachen

Physische Gewalt ist ein zentrales Mittel sowohl der Aufrechterhaltung als auch der Herausforderung politischer Herrschaft. So vielfältig die Rolle und die Formen von Gewalt in den Ländern des globalen Südens, so variabel sind auch ihre empirische Legitimität und ihre Ursachen. Im Zentrum der Forschung zu diesem Thema an der HSFK stehen die Untersuchung der sozialen bzw. kulturellen Reproduktion gewalthaltiger Ordnungen und die Analyse ihrer Ursachen und Entwicklungspfade. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Überlebensfähigkeit von Gewaltordnungen jenseits bzw. als Deformierung des rechtlich fundierten staatlichen Gewaltmonopols im Kontext zumindest basal demokratischer Ordnungen.

Politische Ordnungen und Transformationsprozesse

Organisation und Wandel politischer Herrschaft sind von grundlegender Bedeutung für den innergesellschaftlichen Frieden. Mit Blick auf die Analyse politischer Regime stellt sich für die Friedens- und Konfliktforschung zum einen die Frage nach der Friedensfähigkeit unterschiedlicher politischer Ordnungen, zum anderen die nach der spezifischen Konfliktträchtigkeit politischer Transformationsprozesse. Eine zentrale Frage bezieht sich dabei auf die Interaktion zwischen dem Staat und konfliktfähigen Gruppen und ihre Bedeutung sowohl für die Gestaltung von Herrschaft als auch für Gewalteskalation und friedliche Konfliktbearbeitung.

Internationale Demokratieförderung und ihre Herausforderungen

In den 1990er Jahren wurde die weltweite Verbreitung der Demokratie zu einem zentralen Ziel der Außen- und Entwicklungspolitik etablierter Demokratien. Eng verbunden mit diesem Aufstieg der Demokratieförderung war die Vorstellung, dass diese zugleich die beste, weil nachhaltigste Friedensstrategie bilde. Seit der Jahrtausendwende ist diese optimistische Sichtweise aber zunehmender Skepsis gewichen, während sich Demokratieförderung in der Praxis zugleich mit wachsendem politischem Widerstand konfrontiert sieht. Dieser Widerstand zeigt sich sowohl in den „Zielländern“ selbst als auch in Gestalt aufsteigender Mächte mit semi- oder undemokratischen Regimen, die mitunter in Konkurrenz zu westlichen Demokratieförderern treten.