Konflikt und normativer Wandel: Normkonflikte im globalen Regieren

Internationale Normen bilden das Fundament globalen Regierens, dennoch sind sie oftmals in ihrer Bedeutung und Geltung umstritten. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Forschungsgruppe „Konflikt und normativer Wandel: Normkonflikte im globalen Regieren“ versuchen herauszufinden, welche Auswirkungen Streit auf die Normgeltung hat, wann Streit um Normen zu erwarten ist und wie Streit verschiedene (lokale, transnationale und globale) Handlungsebenen miteinander verbindet oder trennt. Unter diesen Fragestellungen arbeiten Mitglieder der Gruppe unter anderem zu Translationsprozessen von internationalen Normen auf der lokalen Ebene, zur Rückübersetzung solcher Normveränderungen auf die globale Ebene und zu der Frage, wie internationale Institutionen auf Kontestation von internationalen Normen reagieren. Im Zentrum der Forschung stehen zudem die unterschiedlichen Effekte von Anwendungs- und Begründungskontestationen und der Zusammenhang von Sprache und Praktiken für Normgeltung und -kontestation.

Mit diesen Vorhaben erhoffen sich die Forscherinnen und Forscher, Aufschluss darüber geben zu können, unter welchen Bedingungen Konflikte um internationale Normen die Ordnung des globalen Regierens schwächen oder verändern.



Projekt - Internationale Normen im Streit: Kontestation und Normrobustheit

Können Normen zerfallen? Oder verändern sie nur ihre Gestalt über Zeit? Diese Fragen sind in den letzten Jahren immer mehr in den Vordergrund gerückt. Der liberale Optimismus der 1990er Jahre, dass sich grundlegende Normen nach dem Ende der Blockkonfrontation weltweit durchsetzen würden, ist in den letzten Jahren nachhaltig erschüttert worden. Selbst basale Menschenrechtsnormen bleiben nicht unangefochten: Immer wieder bricht Streit um internationale Normen wie das Folterverbot oder die internationale Schutzverantwortung aus.

Kontestation: Schwächendes oder stärkendes Mittel von Normen?

Ebenso umstritten wie diese Normen ist in der Forschung, welche Auswirkungen der Streit um Normen auf ihre Robustheit hat, ob er zur Schwächung oder zur Stärkung der Normen beiträgt. Während eine Hypothese lautet, dass Kontestation per se Normen schwächt, sieht eine konkurrierende Hypothese in der Kontestation selbst eine normative Kraft, die Normen über die kontinuierliche Aktualisierung in ihrer Geltung bestärkt.

Das Forschungsprojekt „Internationale Normen im Streit. Kontestation und Normrobustheit“ erforscht, unter welchen Bedingungen Kontestation Normen schwächt bzw. stärkt. Wir verfolgen Kontestationsverläufe in vier Normensets stark umstrittener Normen (Internationale Schutzverantwortung, Internationaler Strafgerichtshof, Folterverbot, Verbot kommerziellen Walfangs) und kontrastieren diese mit zwei Fällen vollständig verfallener Normen (Sklaverei und Kapereischifffahrt).

Projekt - R2P: Unterschiedliche Effekte von Normumstrittenheit

Die internationale Schutzverantwortung (Responsibility to Protect; R2P) gilt als eine der größten internationalen normativen Errungenschaften der 2000er Jahre. Doch seit ihrer Verabschiedung auf dem UN-Millenniumsgipfel 2005 ist die Norm immer wieder Gegenstand heftiger Kontroversen geworden. Offen ist, welche Auswirkungen diese Kontestation auf die noch junge Norm hat. Dazu existieren zwei konträre Hypothesen: Die eine besagt, dass Kontestation generell Normen schwächt, während die andere behauptet, dass Kontestation eher zur Stärkung von Normen beiträgt.


Hypothesenüberprüfung

Das internationale Kooperationsprojekt „R2P: unterschiedliche Effekte von Normumstrittenheit“ greift beide Hypothesen auf. Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysieren die Debatten um die junge Norm sowohl auf der internationalen als auch der regionalen Ebene (mit Fokus auf die Europäische Union und die ASEAN).

Das Projekt wird in Kooperation mit der University of New South Wales, Australien (Dr. Alan Bloomfield, Prof. Shirley Scott), durchgeführt.