Demokratie jenseits legitimen Zwangs: Tödliche Gewaltanwendung durch die Polizei in den Philippinen und Brasilien

Das Projekt untersucht staatlichen Zwang in Gestalt tödlicher Polizeigewalt in Zeiten innergesellschaftlichen Friedens in zwei Demokratien des Globalen Südens. Mit Rodrigo Duterte und Jair Bolsonaro kamen in beiden Ländern Populisten an die Macht, die der Polizei eine freie Hand bei der Bekämpfung der Drogenkriminalität gaben. Doch schon vorher stachen beide Länder innerhalb ihrer Regionen aufgrund der hohen Polizeigewalt heraus.

Dieses Projekt untersucht den Zusammenhang zwischen tödlicher Polizeigewalt auf der einen Seite und entsprechenden gewaltaffinen Einstellungsmustern von Politikern und der allgemeinen Bevölkerung auf der anderen Seite. Während das Gros der Forschung zu exzessiver Polizeigewalt, diese entweder auf Charakteristika der Umgebung zurückführt, in der Polizisten Dienst tun oder auf Defizite der Polizei als Organisation, auf Defizite der Organisationskultur oder der spezifischen Strategien der Verbrechensvorbeugung oder –bekämpfung, stehen in diesem Projekt die Rolle der öffentliche Meinung und ein entsprechender Populismus politischer Eliten, die sich von einer harten Haltung Vorteile bei Wahlen versprechen  als Faktoren zur Erklärung unterschiedlich häufiger Anwendung tödlicher Polizeigewalt im Vordergrund – und zwar sowohl zwischen als auch innerhalb von Staaten.

Im Rahmen des Projekts, für das Drittmittel eingeworben werden sollen, werden genaue Daten über das Ausmaß tödlicher Polizeigewalt für zumindest ein Jahrzehnt in Brasilien und den Philippinen erhoben, die nicht nur präzise Aussagen über Unterschiede zwischen den verschiedenen Staaten bzw. Provinzen ermöglichen, sondern auch Veränderungen über Zeit auf nationaler wie subnationaler Ebene sichtbar machen. Über intensive Feldforschung in mehreren subnationalen Einheiten werden Unterschiede in der lokalen Kriminalitätswahrnehmung durch die Bevölkerung und die lokalen Eliten ebenso wie die Einstellungsmuster der lokalen Polizeiführung und deren de jure und de facto Abhängigkeit von der lokalen politischen Führung herausgearbeitet und darüber dann die Logiken rekonstruiert, die polizeilicher Anwendung tödlicher Gewalt zugrunde liegen – in Phasen der „Normalität“ ohne zentral orchestrierte Kampagne gegen Kriminalität und in Phasen des zentralen politischen Exzesses.