Ein Mächtekonzert für das 21. Jahrhundert

Die derzeitige Welt(un)ordnung im 21. Jahrhundert zeichnet sich durch latente wie manifeste Konflikte zwischen wichtigen Großmächten, massive Umverteilungen politischer, ökonomischer und militärischer Macht sowie durch einen ganzen Korb nur multilateral lösbarer Governanceprobleme (Klimawandel, Terrorismus, Finanzkrise etc.) aus. Über allem schwebt das Damoklesschwert des Großmächtekrieges, für dessen Abgesang es noch eindeutig zu früh ist.

Unser Forschungsansatz nimmt die Positionen, Grundhaltungen und Politiken der Großmächte des 21. Jahrhunderts als Ausgangspunkt: Welches sind ihre Interessen, Werte, Ziele und Vorgehensweisen? Welche Gerechtigkeitsansprüche sind in ihre Außen- und Sicherheitspolitik integriert? Historisch gesehen, werden solche Ansprüche insbesondere in Zeiten des Machtübergangs formuliert. Die führende Macht versucht ihre dominante Position zu verteidigen, da sie glaubt, dass diese ihr gerechterweise zusteht. Aufsteigende Staaten hingegen begreifen es als gerecht, selbst nach einem eigenen „Platz an der Sonne“ streben zu dürfen. Folgendes spielt in solchen Situationen eine wichtige Rolle: a) vermeintlich berechtigte Status- und Partizipationsansprüche der Großmächte in Bezug auf ihre Beziehungen untereinander, b) Konzepte einer gerechten Weltordnung sowie c) nationale Interessen.


Mit dem Projekt „Ein Mächtekonzert für das 21. Jahrhundert“ suchen wir nach einem Modell normativer und prozeduraler Vorkehrungen, welches geeignet ist, große Mächte mit unterschiedlichen Ideologien, Wertesystemen und Gerechtigkeitsansprüchen in das gemeinsame Projekt der Kriegsverhütung einzubinden. Ein Prototyp eines solchen Modells liegt im „Europäischen Konzert“ des 19. Jahrhunderts vor: Es installierte einen von gemeinsamen Normen und Verfahren gekennzeichneten Kooperationsmechanismus zwischen den vier, später fünf führenden europäischen Mächten. Bemerkenswerterweise vereinte das Konzert eher liberale (Großbritannien, Frankreich nach 1830) sowie konservative (Österreich-Ungarn, Preußen, Russland) Mitglieder in einem gemeinsamen Rahmen und wirkte in einer Zeit rapider wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Veränderungen. Diesem Konzert gelang es für eine ganze Generation, Kriege zwischen Großmächten in Europa zu verhindern und in begrenztem Maße politischen Wandel zu bewältigen. Die Zusammenarbeit half zudem, nachfolgende Großmächtekriege räumlich zu begrenzen und bildete nach der Gründung des Deutschen Reiches bis zum Vorabend des ersten Weltkrieges die Grundlage für ein relativ erfolgreiches Krisenmanagement.

Das Projekt untersucht die Bedingungen, welche für den anfänglichen Erfolg und das spätere Scheitern des „Europäischen Konzerts“ verantwortlich gewesen sind. Es gibt zu dieser Thematik einen reichen geschichtswissenschaftlichen Forschungsstand, der als Basis für eine derartige Sekundäranalyse dient. Jede einzelne Erfolgsbedingung, welche aus dieser Literatur abgeleitet werden kann, muss anschließend darauf geprüft werden, ob sie plausibel in einem „Konzert des 21. Jahrhunderts“ reproduziert werden kann oder durch ein funktionales Äquivalent ersetzt werden muss, um das Konfliktpotential zwischen den heutigen Großmächten entschärfen zu können. Werden in den heutigen Großmachtbeziehungen Faktoren identifiziert, welche im 19. Jahrhundert zum Scheitern der Kooperation geführt haben, ist es notwendig, nach möglichen Vorkehrungsmaßnahmen zu suchen, welche eine Einhegung dieser Faktoren und ihrer Wirkungsmacht erlauben.

Bei der Anwendung dieses Konzeptes aus dem 19. Jahrhundert auf die heutige Zeit, müssen die jeweils unterschiedlichen Rahmenbedingungen angemessen berücksichtigt werden. Ein heutiges Konzert kann nicht auf einen regionalen Raum begrenzt bleiben, es muss von vornherein global angelegt sein. Auch gibt es heute keine „freien Räume“ mehr, in welche Großmächte ihre expansionistischen Bestrebungen lenken können.  Rüstungskontrolle und Abrüstung, im klassischen Konzert ausgeklammert, sind heute zentrale Elemente der Großmachtkooperation, deren Umsetzung jedoch nicht unproblematisch ist. Eine Staatengemeinschaft mit zweihundert Mitgliedern, darunter Mittelmächte mit einem erheblichen Einflusspotential, fordert zudem, dass für sie akzeptable, exklusive Großmachtbeziehungen mit einer weitaus höheren Legitimität ausgestattet werden, als es im exklusiven 19. Jahrhundert der Fall war. Ebenso ist es notwendig, dem Rest der internationalen Gemeinschaft in irgendeiner Form “Ownership” zu vermitteln.  Schließlich muss die Institution eines heutigen Konzerts mit den wesentlich dichteren und robusteren rechtlichen und organisatorischen Gegebenheiten in Einklang gebracht werden, welche im heutigen internationalen Raum etabliert sind. Andere zu berücksichtigende Faktoren betreffen spezielle Kompetenzansprüche der Großmächte, die Bedeutung der Sozialisierung in existierende internationale Organisationen im Zuge von Machtübergangsprozessen sowie die Rolle informeller Koalitionen, bspw. in den VN, welche bis zu einem gewissen Grad negative Konsequenzen der Großmächtepolitik abmildern könnten.

Das Projekt wird von einer internationalen Studiengruppe mit Experten aus China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Russland und den USA durchgeführt.

Das Forschungsprojekt wird im Rahmen des Programms „Europe and Global Challenges“ von der Volkswagenstiftung, dem Riksbankens Jubileumsfond und der Compagnia di San Paolo finanziert.

Projektleitung:
Mitarbeiter/innen:
1
Just a Concert or a Just Concert: The Role of Justice and Fairness Considerations | 2018

Müller, Harald/Müller, Daniel/Rauch, Carsten (2018): Just a Concert or a Just Concert: The Role of Justice and Fairness Considerations, in: Müller, Harald/Rauch, Carsten (eds), Great Power Multilateralism and the Prevention of War. Debating a 21st Century Concert of Powers, Abingdon: Routledge, 144–159, www.routledge.com/(...).

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2
Great Power Multilateralism and the Prevention of War | 2018

Müller, Harald/Rauch, Carsten (eds), (2018): Great Power Multilateralism and the Prevention of War. Debating a 21st Century Concert of Powers, Abingdon: Routledge, www.routledge.com/(...).

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3
The Exclusion Problem and the Need for Legitimacy | 2018

Jüngling, Konstanze/Mallavarapu, Siddharth (2018): The Exclusion Problem and the Need for Legitimacy, in: Müller, Harald/Rauch, Carsten (eds), Great Power Multilateralism and the Prevention of War. Debating a 21st Century Concert of Powers, Abingdon: Routledge, 160–175, www.routledge.com/(...).

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4
The concert of powers and competing government models | 2017

Spanger, Hans-Joachim (2017): The concert of powers and competing government models, in: Müller, Harald/Rauch, Carsten (eds), Great Power Multilateralism and the Prevention of War, Abingdon: Routledge, 125–143, https://www.routledge.com/(...).

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5
Machtübergänge und Machtübergangstheorie | 2017

Rauch, Carsten (2017): Machtübergänge und Machtübergangstheorie, in: Ide, Tobias (Hg.), Friedens- und Konfliktforschung, Stuttgart: UTB GmbH, 161–192.

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6
Managing Power Transitions: Towards a 21st Century Concert of Powers | 2016

Müller, Harald/Rauch, Carsten (2016): Managing Power Transitions: Towards a 21st Century Concert of Powers, in: Journal of International Security Studies, 34:4, 36-37.

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7
Make Concert, Not War: Power Change, Conflict Constellations, and the Chance to Avoid Another 1914 | 2015

Müller, Harald/Rauch, Carsten (2015): Make Concert, Not War: Power Change, Conflict Constellations, and the Chance to Avoid Another 1914, in: Herberg-Rothe, Andreas (ed.), Lessons from World War I for the Rise of Asia, Stuttgart: ibidem, 39-68.

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8
Realität oder Chimäre: Indiens Aufstieg in der Weltpolitik | 2015

Carsten Rauch, Realität oder Chimäre: Indiens Aufstieg in der Weltpolitik, HSFK-Report Nr. 4/2015, Frankfurt/M.

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9
Machtübergangsmanagement durch ein Mächtekonzert | 2015

Rauch, Carsten/Müller, Harald (2015): Machtübergangsmanagement durch ein Mächtekonzert. Plädoyer für ein neues Instrument zur multilateralen Sicherheitskooperation, in: Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung, 4:1, 36-73, https://www.nomos-elibrary.de/(...).

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10
Beyond Peace and War | 2015

Carsten Rauch, Beyond Peace and War: Towards a Typology of Power Transitions, in: Air and Space Power Journal - Africa and Francophonie, 6(3), 2015, S. 4-15. Online: http://www.au.af.mil/au/afri/aspj/apjinternational/aspj_f/article.asp?ID=155.

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11
Großmächtebeziehungen | 2014

Müller, Harald (2014): Großmächtebeziehungen. Abschreckung und nukleare Abrüstung: Ein Perspektivwechsel, in: Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung, 3:1, 99-130, https://www.zefko.nomos.de/(...).

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12
A Twenty-First Century Concert of Powers | 2014

Albaret, Mélanie/Badie, Bertrand/Bajpai, Kanti/Demidov, Oleg/Horsburgh, Nicola/Humphreys, Adam/Hurrell, Andrew/Jüngling, Konstanze/Kupchan, Charles/Lagrange, Delphine/Lascurettes, Kyle/Mao, Weizhun/Moller, Sara Bjerg/Müller, Daniel/Müller, Harald/Nikitin, Alexander/Pang, Zhongying/Rauch, Carsten/Schulz, Matthias/Wurm, Iris (2014): A Twenty-First Century Concert of Powers. Promoting Great Power Multilateralism for the Post-Transatlantic Era, Frankfurt/M: Peace Research Institute Frankfurt, https://www.hsfk.de/(...).

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13
Ein Mächtekonzert für das 21. Jahrhundert | 2014

Müller, Harald/Jüngling, Konstanze/Müller, Daniel/Rauch, Carsten (2014): Ein Mächtekonzert für das 21. Jahrhundert. Blaupause für eine von Großmächten getragene multilaterale Sicherheitsinstitution, HSFK-Report Nr. 1/2014, Frankfurt/M.

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14
Das Konzept des friedlichen Machtübergangs | 2014

Carsten Rauch, Das Konzept des friedlichen Machtübergangs. Die Machtübergangstheorie und der weltpolitische Aufstieg Indiens, Studien der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (Bd. 26), Baden-Baden (Nomos), 2014

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15
Großmächtige Worte? | 2013

Konstanze Jüngling, Großmächtige Worte? Zur Wirkung verbaler Menschenrechtskritik auf Russland im Falle des Grosny-Ultimatums, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen Jg. 20, Nr. 2, 2013, S. 35-63.

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16
Making the World Safe for Power Transition | 2013

Carsten Rauch/Iris Wurm, Making the World Safe for Power Transition. Towards a Conceptual Combination of Power Transition Theory and Hegemony Theory, in: The Journal of Global Faultlines Jg. 1, Nr. 1, 2013, S. 50-69.

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17
Die EU als weltpolitischer Spieler | 2011

Dembinski, Matthias/Müller, Harald/Rauch, Carsten (2011): Die EU als weltpolitischer Spieler. Zwischen Renationalisierungstendenzen und Supermachtsphantasien, in: Johannsen, Margret/Schoch, Bruno/Hauswedel, Corinna/Debiel, Tobias/Fröhlich, Christiane (Hg.), Friedensgutachten 2011, Münster: LIT Verlag, https://www.friedensgutachten.de/archiv.

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Förderer

Förderinitiative "Europe and Global Challenges" der VolkswagenStiftung
Förderinitiative "Europe and Global Challenges" der VolkswagenStiftung
www.volkswagenstiftung.de/foerderung/unser-foerderangebot-im-ueberblick/europe-and-global-challenges
Riksbankens Jubileumsfond
Riksbankens Jubileumsfond
www.rj.se/en
Compagnia di San Paolo
Compagnia di San Paolo
www.compagniadisanpaolo.it/eng