Normen, Recht und Devianz: das internationale Folterverbot

Das Dissertationsprojekt von Max Lesch setzt sich mit dem Zusammenhang zwischen Devianz und der Entwicklung internationaler Normen auseinander.

Wie wirken sich Normbrüche auf die Entwicklung des internationalen Folterverbots seit dem Zweiten Weltkrieg aus? Die Normforschung in den Internationale Beziehungen sowie die Völkerrechtswissenschaft sind zu unterschiedlichen, teilweise widerstreitenden, Antworten auf diese Frage gekommen, die sich zwischen einerseits eher produktiven und andererseits eher destruktiven Bewertungen der Auswirkungen von Devianz verorten lassen. Dieses Projekt argumentiert, dass dies oft entweder auf einen zu engen Fokus auf einzelne Fälle von Normverletzungen oder auf die zugrundeliegenden Konzepte von Normen und Recht selbst zurückzuführen ist, die zur Bewertung von Normen zu stark auf Normkonformität oder Regelmäßigkeit in der sozialen Praxis abheben. Da das Folterverbot einen Eckpfeiler des internationalen Menschenrechtsregimes als Ganzes bildet, das in der Tat aktuell mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert ist, ist ein besseres Verständnis des Zusammenhangs von Normen, Recht und Devianz entscheidend, um das Folterverbot krisenfest zu machen. Die Dissertation kombiniert einen konstruktivistischen Ansatz zur Devianz mit einer langfristigen, zeitgeschichtlichen Perspektive auf die Normentwicklung, um die Auswirkungen von Devianz auf das Folterverbot in vier Episoden nachzuvollziehen: Folter in den Kolonialkriegen der 1950er und 1960er Jahren, Folter in Chile und Nordirland in den 1970er Jahren, Folter in Israel in den 1990er Jahren und Folter in und durch die USA in den frühen 2000er Jahre. Ziel der Dissertation ist es zu rekonstruieren, wie Staaten und internationale Institutionen Devianz vom Folterverbot konstruieren, wie Staaten auf Zuweisungen von Devianz reagieren, wie dies wiederum die Normentwicklung auf einer formaleren Ebene beeinflusst und wie sich die Debatten über Devianz zeitlich unterscheiden.