Nukleare Normen und Identitäten: der Einfluss von kollektiven Identitäten auf nukleare Rüstungskontroll- und Abrüstungspolitik

Die internationale nukleare Ordnung und ihr Herzstück, der Nukleare Nicht­verbreitungs­vertrag (NVV), befinden sich in einer Krise. Die Verabschiedung des Atomwaffen­verbots­vertrags im Juli 2017 wird weithin als Ausdruck dieser verstanden. Der neue Vertrag wirft ein Licht auf die innere Zerrissenheit des NVV-Regimes, insbesondere auf die wachsende Front zwischen Staaten mit und ohne Atomwaffen. Dem Streit liegen jedoch nicht nur prozedurale oder technische Fragen zugrunde - z.B. wie nukleare Abrüstung ablaufen kann und soll -, sondern auch Fragen über die grund­legende Interpretation der Normen, die das politische Regime des NVV unterfüttern. Das Dissertations­projekt zielt darauf ab, genau diese unterschiedlichen Wahrnehmungen und Inter­pretationen der sogenannten "nuklearen Normen", nämlich der Nicht­verbreitungs­norm, des nuklearen Tabus und insbesondere der nuklearen Abrüstungs­norm, aufzudecken.

Dazu fragt die Dissertation, wie kollektive Identitäten von Staaten­gruppen zu unter­schiedlicher Wahrnehmung der nuklearen Normen beitragen und damit das Verhalten ihrer Gruppen­mitglieder gegenüber diesen Normen beeinflussen. Unter­schiedliche Auffassungen über Inhalt und Gestaltung der nuklearen Normen werden nicht nur als rhetorische Meinungs­verschieden­heiten verstanden. Stattdessen werden diese auf den normativen Einfluss von Gruppen­zugehörigkeit und Gruppen­identitäten zurückgeführt. Auf theoretischer Ebene interessiert sich das Projekt für den Zusammenhang zwischen Identitäten von Staaten­gruppen und staatlicher Identität. Es soll untersucht werden, wie kollektive Identitäten von Staaten­gruppen mit der sozialen Identität von Staaten – die Identifikation eines Staates durch seine ‚Peergroup‘ –  verbunden sind. Das Projekt fragt also, wie die Identifizierung mit einer Staaten­gruppe, wie der NATO oder den offiziellen Atommächten des NVV (P5), zu einer Anpassung der Einstellungen, Präferenzen und Interessen eines Staates und damit zu einer Änderung des Verhaltens eines Staates gegenüber den nuklearen Normen führen kann. Mit dieser Perspektive zielt die Dissertation darauf ab, die grund­legenden Unter­schiede in der Normwahr­nehmung aufzudecken, die ernst­hafte Fortschritte bei der atomaren Abrüstung behindern können.