Schurken, Outlaws und Pariahs: Dissidenz zwischen Delegitimierung und Rechtfertigung

Weltordnungspolitik manifestiert sich auch nach dem Ende des Ost-West-Konflikts - und mit der voranschreitenden Globalisierung sogar zunehmend – in einer Politikfelder übergreifenden Kette von Auseinandersetzungen. Diese finden zwischen staatlichen, aber auch nichtstaatlichen Vertreter einer herrschenden Ordnung mit unterschiedlichen Formen des offenen Widerspruchs statt. Wenn sich dieser Widerspruch gegen eine als oktroyiert verstandene Herrschaftsordnung und ihre zentralen Normen und Institutionen richtet, sich den herrschenden Spielregeln des Systems verweigert und unkonventionelle Organisations- und Artikulationsformen wählt, handelt es sich um Dissidenz.

Dissidenz als soziale Konstruktion

Das Projekt „Schurken, Outlaws und Parias“ untersucht die Dissidenz als eine soziale Konstruktion im Spannungsfeld von Fremdzuschreibung (als kriminell) und Selbstbeschreibung (als politisch). Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses steht der Umgang mit radikalem Dissens und den Bedingungsfaktoren, unter denen staatliche und nichtstaatliche Träger dissidenter Ordnungsvorstellungen entweder Anerkennung finden oder aber als Schurken, Outlaws oder Parias diskreditiert werden. Mit dem Fokus auf Fragen der Anerkennungsdimension von (normativen) Ordnungsvorstellungen und der Einordnung von (vermeintlicher) Dissidenz in einen Herrschaftszusammenhang knüpft das programmbereichsübergreifende Projekt unmittelbar an aktuelle Debatten über Gerechtigkeit in der internationalen Politik und damit an das Forschungsprogramm der HSFK an.


Erscheinungsformen und Einordnungen von Dissidenz

Indem sowohl die Delegitimierung von Dissidenz durch Vertreter einer bestehenden Herrschaftsordnung als auch die Rechtfertigungen dissidenter Akteure problematisiert werden, versteht sich unser Zugriff überdies als ein Beitrag zu einem kritischen Forschungsprogramm in den Internationalen Beziehungen. Durch die vergleichende Untersuchung verschiedener Verläufe und Akteurskonstellationen sollen sowohl unterschiedliche Erscheinungsformen von Dissidenz identifiziert, als auch  unterschiedliche Ergebnisse der Ordnungskonflikte erklärt werden. Der Blick auf kriminalisierte Artikulationen von radikal abweichenden Ordnungsvorstellungen eignet sich in besonderer Weise, um Erkenntnisse für eine normative Einordnung von Dissidenz in der internationalen Politik zu gewinnen.
Die einzelnen Fallstudien untersuchen unterschiedliche Formen internationaler Dissidenz, also etwa Fälle, in denen zuvor als konform anerkannte normgestützte Praktiken plötzlich delegitimiert werden, ebenso wie den umgekehrten Fall, der von Delegitimierung zu partieller Akzeptanz führt, oder die scheinbar beliebige Stigmatisierung und damit Delegitimierung dissidenter Akteure. Die Fallstudien umfassen u.a.:

  • Den Konflikt über Generika unter Berufung auf die Norm der öffentlichen Gesundheit gegen das Recht auf Patentschutz
  • Die scheinbar beliebige Stigmatisierung von „Schurkenstaaten“ in der Sicherheitspolitik
  • Das stabile Dominanzverhältnis zwischen Delegitimierung und Rechtfertigung im Fall der Kriminalisierung bestimmter Formen der Migration
  • Den Wandel von Legitimierung hin zur Delegitimierung nationaler Befreiungsbewegungen

Das Projekt wird über eine Laufzeit von vier Jahren von der DFG gefördert.

Mitarbeiter/innen:
1
Delegitimisation à la Carte: The ‘Rogue State’ Label as a Means of Stabilising Order in the Nuclear Non-Proliferation Regime | 2017

Wunderlich, Carmen (2017): Delegitimisation à la Carte: The ‘Rogue State’ Label as a Means of Stabilising Order in the Nuclear Non-Proliferation Regime, in: Gertheiss, Svenja/Herr, Stefanie/Wolf, Klaus-Dieter/Wunderlich, Carmen (eds), Resistance and Change in World Politics. International Dissidence, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 143–186.

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2
Resistance and Change in World Politics | 2017

Gertheiss, Svenja/Herr, Stefanie/Wolf, Klaus Dieter/Wunderlich, Carmen (eds), (2017): Resistance and Change in World Politics. International Dissidence, Basingstoke: Palgrave Macmillan, www.palgrave.com/(...).

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Förderer

Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
www.dfg.de