Alltägliche politische Subjektivierung und das Erstarken regressiver Politiken. Abstiegsängste, Urbanisierung und Raumproduktionen in Frankfurt am Main und Leipzig

Die diversen Krisen der letzten fünfzehn Jahre haben beste­hende gesell­schaftliche Polari­sierungen deutlich gemacht und weiter zugespitzt. Konflikte entstanden um den Umgang mit der Finanz- und Wirtschafts­krise in den Jahren nach 2007, die Migration nach 2015, den Streit um Klima­gerechtigkeit und jüngst die Corona-Pandemie. Zum ersten Mal seit 1945 konnte sich in Deutschland mit der Alternative für Deutschland (AfD) eine Rechtsaußen-Partei auf allen politischen Ebenen festsetzen. Zugleich erodieren die ange­stammten Volks­parteien SPD und CDU fortwährend, und das Bündnis90/Die Grünen erlebt einen enormen Aufstieg. In politischen Auseinander­setzungen werden die Grundlagen des gesell­schaftlichen Zusammenhalts – Pluralität, Rechts­staatlichkeit und Liberalismus, also wichtige Leitideen der (westdeutschen) Nachkriegs­republik – so intensiv wie seit Jahrzehnten nicht mehr verhandelt und sehen sich regres­siven Bestrebungen ausgesetzt. Analysen zu Wähler*innen­milieus der AfD sowie zum jüngsten Erstarken der verschwörungs­ideo­logischen Corona-Leugner*innen verdeutlichen, dass die gegen­sätzlichen Lager die Welt durch unter­schiedliche Fenster zu betrachten scheinen, was politischem Streit die gemein­same Grundlage entzieht und Fronten verhärtet.

Das ab dem 1. Juni 2021 von der DFG geförderte Forschungs­vorhaben zielt darauf ab, die aktuellen gesell­schaftlichen Bruchlinien besser zu verstehen. Fokussiert wird auf das Erstarken regressiver Dynamiken in Deutschland. Unter Regression ist nicht alleine der Aufstieg der extremen Rechten oder das Aufbrechen von Corona-Protesten zu verstehen. Es geht um Prozesse der Singula­risierung und Individua­lisierung, die Ausweitung autoritärer Tendenzen und Ein­stellungen sowie der allseitigen Durchsetzung von Wettbewerbs­logik in der Gesellschaft insgesamt. Diese Entwicklungen, so eine zentrale These des Projekts, erodieren die Grundlagen von Gesellschaft als positives, solidarisches und demokratisch inklusives Kollektiv. Sie eröffnen Räume für exklusive, autoritäre und damit regressive Gemein­schaftlichkeit. Im Projekt fokussieren wir auf peripherisierte urbane Räume in Frankfurt am Main und Leipzig. Untersucht wird, wie im alltäglichen Erleben von Gesellschaft bestimmte Konflikte als relevante Heraus­forderungen erscheinen, was dies in Bezug auf Abstiegs­erfahrungen und urbane Raum­produktionen bedeutet, sowie inwiefern diese Wahr­nehmungen regressive Kollektivität und potenziell rechts-autoritäre Politiken fördern. Hierzu wird eine multi-sited ethnography durchgeführt. Der Vergleich ermöglicht es, Eigenheiten und Verbin­dendes besser zu verstehen.

Projektleitung:
Mitarbeiter/innen:
1
Polarisierte Städte: Die AfD im urbanen Kontext. Eine Analyse von Wahl- und Sozialdaten in sechzehn deutschen Städten | 2021

Mullis, Daniel/Geilen, Jan Lucas (2021): Polarisierte Städte: Die AfD im urbanen Kontext. Eine Analyse von Wahl- und Sozialdaten in sechzehn deutschen Städten, in: Geogr. Helv., 129-141, https://gh.copernicus.org/articles/76/129/2021/.

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2
Rechte Raumnahme. Wo die extreme Rechte den Normalzustand definiert, werden Grundrechte faktisch außer Kraft gesetzt. | 2021

Zschocke, Paul (2021): Rechte Raumnahme. Wo die extreme Rechte den Normalzustand definiert, werden Grundrechte faktisch außer Kraft gesetzt., in: Engagierte Wissenschaft e.V. (Hg.), Leipziger Zustände, https://www.chronikle.org/files/Leipziger%20Zust%C3%A4nde%202021.pdf.

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3
Ursachen der Regression: Ökonomische Abstiegsängste oder Cultural Backlash? | 2020

Mullis, Daniel/Zschocke, Paul (2020): Ursachen der Regression: Ökonomische Abstiegsängste oder Cultural Backlash? Die falsche Frage! Überlegungen anhand empirischer Eindrücke aus Frankfurt am Main und Leipzig, in: Book, Carina/Huke, Nikolai/Tiedemann, Norma/Tietje, Olaf (Hg.), Autoritärer Populismus, Münster: Westfälisches Dampfboot, 132–149.

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4
Von Thüringen nach Hanau, und zurück | 2020

Mullis, Daniel (2020): Von Thüringen nach Hanau, und zurück, PRIF Blog, 26.2.2020.

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5
Rechtsruck? Plädoyer für eine differenzierte Betrachtung des Problems | 2020

Zschocke, Paul (2020): Rechtsruck? Plädoyer für eine differenzierte Betrachtung des Problems, in: Engagierte Wissenschaft e.V. (Hg.), Leipziger Zustände.

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6
Regressive Politiken und der Aufstieg der AFD – Ursachensuche im Dickicht einer kontroversen Debatte | 2019

Mullis, Daniel/Zschocke, Paul (2019): Regressive Politiken und der Aufstieg der AFD – Ursachensuche im Dickicht einer kontroversen Debatte, PRIF Report 5/2019, Frankfurt/M.

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7
Urban conditions for the rise of the far right in the global city of Frankfurt. From austerity urbanism, post-democracy and gentrification to regressive collectivity | 2019

Mullis, Daniel (2019): Urban conditions for the rise of the far right in the global city of Frankfurt. From austerity urbanism, post-democracy and gentrification to regressive collectivity, in: Urban Studies, 58:1, DOI: 10.1177/0042098019878395.

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8
Zur Erinnerung vor den Wahlen in Brandenburg und Sachsen: Das Problem AfD heißt nicht Ostdeutschland | 2019

Mullis, Daniel (2019): Zur Erinnerung vor den Wahlen in Brandenburg und Sachsen: Das Problem AfD heißt nicht Ostdeutschland, PRIF Blog, 29.8.2019.

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9
Chaotische Normalität: Reden mit Rechten hilft – manchmal auch nicht | 2019

Mullis, Daniel (2019): Chaotische Normalität: Reden mit Rechten hilft – manchmal auch nicht. Kommentar zu Robert Feustels „Substanz und Supplement. Mit Rechten reden, zu Rechten forschen?, in: sub/urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, 7:1, 173-178.

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10
Die Global City und der Rechtsruck | 2018

Mullis, Daniel (2018): Die Global City und der Rechtsruck. In vielen Frankfurter Stadtteilen wachsen Empörung und Frust, PRIF Spotlight 2/2018, Frankfurt/M.

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11
Das Ende der Postdemokratie, den Pessimismus überwinden | 2017

Mullis, Daniel (2017): Das Ende der Postdemokratie, den Pessimismus überwinden, in: PROKLA, 47:3, 481–494.

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Förderer

Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
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www.dfg.de