„Islamisten im Krieg.“ Prozesse der Transnationalisierung, Institutionalisierung und Militarisierung islamistischer Akteure von den 1970ern bis heute

Das Postdoc-Projekt untersucht den in den späten 1970er Jahren einsetzenden Transformationsprozess islamistischer Gruppen. Diese waren zunächst lokal aktive Akteure einer contentious politics, einige wandelten sich schließlich zu transnationalen, kriegerischen Organisationen. Seit ihrer Entstehung im frühen 20. Jahrhundert waren Islamisten und Islamistinnen zunächst mit umkämpften Belangen in ihrem jeweils eigenen nationalen Kontext beschäftigt. So beteiligten sie sich zwar an heimischen antikolonialen Kämpfen, dies aber zumeist als individuelle Akteure im losen Verbund mit anderen Aktivisten und Aktivistinnen – eine eindeutige Verfestigung oder Institutionalisierung islamistischer Strukturen war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben. Dies änderte sich allerdings mit der sowjetischen Invasion in Afghanistan in den späten 70er Jahren. In den darauffolgenden Jahrzenten konnten sich weltweit islamistische und jihadistische Gruppierungen in Konfliktgebieten etablieren. Warum sind Teile der islamistischen Bewegung in den Krieg gezogen und wie hat die Beteiligung an bewaffneten Konflikten islamistische Akteure verändert?
Aufbauend auf diesen Entwicklungen liegt der Fokus des Projekts auf drei zentralen zusammenhän-genden Transformationsprozessen: Zum einen wird die voranschreitende Transnationalisierung der islamistischen Bewegung seit den späten 1970ern in den Blick genommen (Hegghammer2020). Damit ging eine stärkere Institutionalisierung, aber auch wachsende Militarisierung einiger Teile der Bewegung einher – die Gründung islamistischer und später jihadistischer Gruppierungen sowie deren Beteiligung an kriegerischen Auseinandersetzungen in Ländern wie Afghanistan und Mali verdeutlichen dies.
Die drei Prozesse der Transnationalisierung, Institutionalisierung und Militarisierung haben eine tief-greifende Auswirkung auf alle betroffenen Akteure und haben auch zur Existenz ‚professioneller‘ islamistischer bzw. jihdadistischer Vollzeit- Militärexperten  (Lia und Hegghammer 2004) sowie Kampforganisationen beigetragen. Sie haben ferner Veränderungen in den bis dahin vom muslimischen Klerus geduldeten militärischen Taktiken angestoßen. Diese wurden durch größere ideologisch Innovationen und Debatten hervorgerufen und sind in diese eingebettet. Schließlich haben diese Transformationen auch die Art und Weise verändert, wie Staaten und nichtstaatliche Akteure Kriege führen. Dies hat nun Auswirkungen weit über die betroffenen Ländern hinaus, wie Bezeichnungen wie „der globale Krieg gegen den Terrorismus“ versinnbildlichen.
Aus diesen Beobachtungen ergeben sich weitere entscheidende Fragen für das Forschungsvorhaben: Inwiefern haben diese Transformationsprozesse die islamistische Bewegung hinsichtlich ihrer ideolo-gischen, organisatorischen sowie strategischen und taktischen Dimensionen verändert? Welche Auswirkungen hatten sie auf andere (bewaffnete) Akteure wie Oppositionsgruppen, Staaten, Bevöl-kerungen und auf das internationale System generell? Wie haben die Interaktion mit diesen Akteuren islamistische und jihadistische Gruppen geprägt? Inwiefern hängen diese Transformationen mit größeren heimischen aber auch internationalen politischen, sozialen und ökonomischen Veränderungen zusammen? Was haben Islamistische Akteure aus dem Prozess gelernt? Und: Was hat sich verändert, was nicht?
Methodisch greift das Forschungsvorhaben auf einen Mixed-Methods-Ansatz zurück und stützt sich dabei auf Daten aus Archiven, Interviews und quantitativen Analysen. Zunächst soll das Forschungs-problem auf einer allgemeineren Ebene diskutiert und verortet werden, um anschließend individuelle und vergleichende Fallstudien zu Ägypten, Algerien, Irak und Syrien anzufertigen.


Hegghammer, Thomas. 2020. The Caravan: Abdallah Azzam and the Rise of Global Jihad. Cambridge: Cambridge University Press. 
Lia, Brynjar, und Thomas Hegghammer. 2004. „Jihadi Strategic Studies: The Alleged Al Qaida Policy Study Preceding the Madrid Bombings“. Studies in Conflict & Terrorism 27(5): 355–75.