Die Politik der Rebel Governance

In Konflikt- und Post­konflikt­­situationen wird Herrschaft oft nicht nur von staatlichen Akteuren ausgeübt. Verschiedene Konzepte beschreiben die Organisation öffentlicher Angele­genheiten in solchen Räumen. Innerhalb dieses breit gefächerten Forschungs­felds zu Ordnungen und Governance in (Post-)­Konflikt­kontexten ist in den letzten Jahren vor allem ein Forschungs­strang rasch gewachsen: die Debatte über Rebel Governance. In dieser Literatur wird die interne Dynamik in Bürger­kriegen untersucht, in denen Rebellen­gruppen die Kontrolle über Teile eines Gebiets übernehmen, das zivile Leben regeln und soziale, politische sowie wirt­schaftliche Güter bereitstellen.
Die bisherige Forschung in diesem Bereich hat dazu beigetragen, die Rolle bewaffneter nicht­staatlicher Akteure über ihre gewalt­tätigen Aktivitäten hinaus zu verstehen. Sie erklärt insbesondere, wie Inter­aktionen zwischen Herrschern und Be­herrschten in den von Rebellen­­gruppen dominierten Gebieten organisiert sind. Die meisten Beiträge analysieren die Regierungs­führung der Rebellen innerhalb eines rational­istischen und funktional­istischen Rahmens. Ferner gehen sie von einem begrenzten Verständnis der Macht­­beziehungen aus: Auf der einen Seite stehen die Herrschenden und ihre Institutionen und auf der anderen die Be­herrschten als die von ihnen kontrollierten Subjekte. Dieses Projekt zielt darauf ab, die Forschungs­perspektive sowohl in zeitlicher als auch in räumlicher Hinsicht zu erweitern. Rebel Governance wird in einen breiteren Kontext von Macht­beziehungen gestellt, als dies bisher der Fall war. Beispiels­weise sollen die Folgen einer Rebel Governance auf die Gesell­schaft und Politik nach einem Konflikt untersucht werden sowie der Einfluss trans­nationaler Politik und inter­nationaler Akteure auf diese Form der Governance. Das Projekt zielt auch darauf ab, Rebel Gover­nance zu politisieren, indem die Debatte über Rebel Gover­nance mit Konzepten wie der Politik der Aner­kennung und Legitimität  verknüpft wird. Dadurch soll ein konzeptueller Rahmen geschaffen werden, der die Beziehungen bewaffneter nicht­staatlicher Akteure zu anderen Akteuren sowie zu globalen und trans­­nationalen (normativen) Strukturen in Bezug setzt.