Transnationale Akteure

Im Fokus des Programmbereichs stehen drei unterschiedliche Gruppen nichtstaatlicher Akteure: nichtstaatliche Gewaltakteure, transnationale Unternehmen und zivilgesellschaftliche Akteure. Im Zuge der Globalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft und unter den Vorzeichen scheiternder Staatlichkeit hat sich deren Bedeutung für die Herstellung gerechter Friedensordnungen verändert.

Die unterschiedliche Wirkung nichtstaatlicher Akteure

Die Rolle, die nichtstaatliche Akteure spielen, zeichnet sich durch ihre Ambivalenz aus. Nichtstaatliche Gewaltakteure, zum Beispiel in Form organisierter Kriminalität, können einerseits unmittelbar das Gewaltmonopol eines Staates und dessen Fähigkeit herausfordern, gerechtigkeitsfördernd zu wirken. Andere Gewaltakteure, wie beispielsweise Rebellengruppen, können jedoch auch auf die Etablierung alternativer Gerechtigkeitsnormen und Ordnungsmodelle zielen und damit Staatsversagen kompensieren. Transnationale Unternehmen wiederum entziehen sich einerseits häufig der staatlichen Kontrolle, tragen so zur Verschärfung bestimmter Gerechtigkeitskonflikte bei und machen staatliche Versuche, diese zu lösen, unwirksam. Auf der anderen Seite können sie aber auch selbst direkt an der Verwirklichung von Gerechtigkeitsansprüchen mitwirken, indem sie Staatsfunktionen wie die Bereitstellung öffentlicher Güter übernehmen. Zivilgesellschaftliche Akteure, wie NGOs und soziale Bewegungen, treten regelmäßig als Gerechtigkeitsunternehmer auf, die neue normative Ansprüche formulieren, vertreten und deren Verwirklichung fordern. Im Spannungsfeld zwischen globalen und lokalen Gerechtigkeitsvorstellungen können diese jedoch ebenfalls konflikthaft sein und konfliktverschärfend wirken.


Private Akteure, "Just Peace Governance" und soziale Bewegungen

Der Programmbereich untersucht diese unterschiedlichen Wirkungspotenziale privater Akteure im Kontext von Just Peace Governance systematisch aus deskriptiver, kausal-analytischer und normativer Perspektive, um die Bedeutung der Inklusion bzw. Exklusion nichtstaatlicher Akteure für gerechte Friedensordnungen zu vergleichen und herauszuarbeiten. Er erforscht die transnationale Dimension des Spannungsverhältnisses zwischen Gerechtigkeit und Frieden anhand der Leitfrage: „Unter welchen Bedingungen kann die Mitwirkung bzw. Nicht-Berücksichtigung privater Akteure zum Gelingen/Misslingen von Just Peace Governance beitragen“?

Bisher wurde die Rolle von privaten Akteuren bei der Herstellung gerechter Friedensordnungen unzureichend erforscht. Es fehlen in Bezug auf Unternehmen einschlägige Impactanalysen, empirische Daten auf der Mikroebene sowie eine Policy-orientierte Übersetzung der Ergebnisse aus der Grundlagenforschung in praxisrelevantes Wissen. Im zivilgesellschaftlichen Bereich stellt die Postsäkularismus-These eine zentrale Herausforderung dar, die mit einer Fokussierung auf die Rolle von religiösen Akteuren aufgegriffen wird. Eine deutliche Forschungslücke lässt sich auch mit Blick auf die Bedeutung sozialer Bewegungen erkennen. Das gilt sowohl für die Erforschung illiberaler Bewegungen (Rechtsextremismus, religiös-fundamentalistische Bewegungen, wie oben angedeutet) als auch für die Erforschung ihrer Rolle in Governance-Arrangements oder als Konfliktparteien. Wir verfügen über geringes Wissen über die transnationale Vernetzung sozialer Bewegungen, deren Auswirkung auf das Handeln oder ihren Impact. Im Bereich nichtstaatlicher Gewaltakteure und transnational organisierter Kriminalität verspricht vor allem das empirische wie normative Ausloten des von ihnen ausgehenden Governance-Potenzials neue Erkenntnisse bei der Herstellung gerechter Friedensordnungen.