Schurkenstaaten als Normunternehmer?

HSFK-Studie von Carmen Wunderlich über den Iran als 'Normunternehmer' und die Kontrolle von Massen-vernichtungswaffen

In konstruktivistischen Modellen des Normen­wandels nehmen sich sogenannte ‚Norm­unternehmer‘ der Förderung neuer Ideen oder Normen an, die sie zur Lösung gegen­wärtiger Probleme identifiziert haben und die ihnen daher zur Fort­entwicklung der gegen­wärtigen normativen Struktur dienen. Der Großteil der Normen­forschung bleibt allerdings auf die Analyse proto­typischer westlich-liberaler Norm­unternehmer begrenzt, die sich der Verbreitung vermeintlich moralisch wünschens­werter Normen widmen. Doch inwiefern können auch von west­lichen Ordnungs­vorstellungen stigmatisierte Außenseiter als ‚Norm­unternehmer‘ handeln?

Die HSFK-Studie „Schurken­staaten als Norm­unternehmer. Iran und die Kontrolle von Massen­vernichtungs­waffen“ von Carmen Wunderlich geht der kontraintuitiven Frage nach, ob ‚Schurkenstaaten‘ – vermeintliche Gegner der westlich-liberalen Ordnung – auch ‚Norm­unternehmer‘ sein können, sich also proaktiv für die Förderung inter­nationaler Normen einsetzen und ihnen zur Geltung verhelfen wollen, wie die Autorin am Beispiel der Islamischen Republik Iran zeigt. Der Vergleich mit dem proto­typischen Norm­unternehmer Schweden und dem notorischen Norm­brecher Nordkorea macht deutlich, dass Norm­unternehmer­tum in unterschiedlichen Graden und Phasen des Normen­zyklus auftreten kann und lässt Rückschlüsse auf die Erfolgs­bedingungen von Norm­unternehmer­tum zu. Die Befunde legen außerdem nahe, ‚Schurken­staaten‘ nicht länger ausschließlich als irrationale Gegner zur normativen Ordnung aufzufassen, sondern sie als legitime Teilnehmer an einer Auseinander­setzung über eine angemessene Herrschafts­ordnung zu begreifen.