Höfði House, Reykjavik (Foto: Flickr "square(tea)" / CC BY-NC-ND 2.0)
Höfði House, Reykjavik (Foto: Flickr "square(tea)" / CC BY-NC-ND 2.0)

Neue Akademie für Rüstungskontrolle will die internationale Sicherheit neu denken

Sechs Institutionen aus den USA, Russland und Europa rekrutieren gemeinsam 16 künftige Führungs­persönlich­keiten in der Rüstungs­kontrolle

Cambridge, Massachusetts; Washington, D.C.; Reykjavík, Island; Frankfurt, Deutschland; Moskau, Russland - Am 1. Juli 2020 schließen sich sechs renommierte aka­demische Insti­tutionen aus den Vereinigten Staaten, Russland und Europa zusammen und begrüßen die erste Kohorte der Arms Control Negotiation Academy, kurz „ACONA“. Im Rahmen dieses höchst selektiven Pro­gramms werden 16 auf­strebende Führungs­kräfte in den Bereichen Geschichte der Rüstungs­kontrolle, Technologie und Verhandlungs­strategien und -techniken ausgebildet – mit dem Ziel, neue Wege zu finden, um die Spannungen zwischen den Groß­mächten ab­zubauen.

ACONA wird von der Negotiation Task Force am Davis Center for Russian and Eurasian Studies der Harvard University (USA) geleitet und koordiniert. Partner sind das History and Public Policy Program des Woodrow Wilson Centers (USA), das Höfði Reykjavík Peace Centre an der University of Iceland (Island), der Higher School of Economics Moscow (Russland), das Moscow State Institute of Inter­national Relations (Russland) und das Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konflikt­forschung (Deutschland).

Die amerikanischen, russischen und europäischen Wissen­schaftler*innen sind zutiefst besorgt über den fortschreit­enden Zerfall der globalen Rüstungs­kontroll­architektur, einschließlich des jüngsten Zusammen­bruchs des INF-Vertrags (en. Intermediate Range Nuclear Forces Treaty), des Rückzugs der USA aus dem Vertrag über den Offenen Himmel und der ungewissen Zukunft des New START-Ab­kommens. "Die Wissen­schaft und die Zivilg­esell­schaft können und müssen eine führende Rolle bei der Schaffung neuer Räume für einen offenen Dialog spielen, um diese Krise zu überwinden", sagt der Harvard-Dozent Arvid Bell, Leiter der Negotiation Task Force und ACONA-Vorstands­mitglied. "Wenn wir jetzt nicht handeln, könnten wir bald zum ersten Mal seit den 1960er Jahren einer Welt ohne ein einziges strategisches Rüstungs­kontroll­abkommen gegen­über­stehen".

ACONA ist ein Ergebnis dieser tiefen Krise der Rüstungs­kontrolle und gründet auf dem Ver­ständnis, dass globale Sicherheit von einem konstruktiven Dialog zwischen den Vereinigten Staaten und Russland sowie der inter­nationalen Gemein­schaft im weiteren Sinne abhängt. "Wir müssen bei Null anfangen und eine neue Generation von Wissen­schaftler*innen, Diplomat*innen und Entscheidungs­träger*innen aufbauen, die mit der Geschichte, der Theorie und den Verhandlungs­techniken der Rüstungs­kontrolle vertraut sind", sagt Professor Christopher Daase, Mitglied des ACONA-Vorstands vom Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konflikt­forschung.

Die Aus­schreibung erfolgte weltweit für insgesamt nur sechzehn Plätze. Die ausgewählten ACONA-Stipendiat­*innen kommen aus acht Ländern – darunter je vier Expert­*innen aus den Vereinigten Staaten und Russland – und haben sehr unter­schiedliche berufliche und aka­demische Hinter­gründe. "Ich freue mich, dass so viele kluge junge Menschen daran interessiert sind, mehr über die Aus­handlung von Rüstungs­kontroll­abkommen zu erfahren. Wir werden sie – ihren Verstand, ihr Fach­wissen und ihren Enthu­siasmus – brauchen, um voran­zukommen", sagte Rose Gottemoeller, ehemalige stell­vertretende NATO-General­sekretärin und US-Staats­sekretärin sowie Mitglied des Internationalen Beirats von ACONA.

Im Laufe eines Jahres werden die Fellows fortgeschrittene Verhandlungs­fähigkeiten erwerben und an internationalen Forschungs­projekten mitarbeiten, um neue Ideen für die Zukunft der Rüstungs­kontrolle zu entwickeln. Im August 2020 werden sie virtuell zum ersten "Negotiation Boot Camp", einem einwöchigen Intensiv-Workshop, zusammen­kommen. Das zweite Boot Camp findet im Januar 2021 in Island statt.

Der kleine nordische Staat diente als neutraler Treffpunkt für eine der wichtigsten historischen Errungen­schaften der globalen Diplomatie: Gorbatschow und Reagan fanden sich 1986 in Reykjavík zu produktiven Gesprächen zusammen, die zur Unter­zeichnung des INF-Vertrags führten.

"Es ist großartig zu wissen, dass junge Menschen, von denen einige noch nicht einmal geboren waren, als Michail Gorbatschow und Ronald Reagan in Reykjavik zusammen­trafen, dorthin kommen werden, um sich über die Vergangenheit und Gegenwart der nuklearen Rüstungs­kontrolle zu informieren und über die Zukunft zu disku­tieren", sagt Pawel Palazhchenko, Mitglied des Inter­natio­nalen Beirats von ACONA und ehemaliger leitender Dolmetscher von Michail Gorbatschow. Palazhchenko nahm an allen Gipfeltreffen zwischen den USA und der Sowjet­union teil, die zum Ende des Kalten Krieges führten, einschließlich des Treffens zwischen Gorbatschow und Reagan 1986 im Höfði-Haus in Reykjavík.

Weitere Mitglieder des Internatio­nalen Beirats von ACONA sind neben Gottemoeller und Palazhchenko Professor William C. Potter, Leiter des James Martin Center for Non­proliferation Studies und ausländisches Mitglied der Russischen Akademie der Wissen­schaften, sowie Alexei Arbatov, Leiter des Zentrums für Internationale Sicherheit am Institut für Welt­wirtschaft und Internationale Beziehungen (IMEMO) und Mitglied der Russischen Akademie der Wissen­schaften.

ACONA wird von der Stiftung "Avec et pour autres", der Negotiation Task Force, der isländischen Regierung und der University of Iceland finanziert.


Erste Kohorte der ACONA Stipendiat*innen

  • Amina Afzal, Strategic Studies Institute Islamabad, Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Senior Non-Resident Fellow)
  • Iskander Akylbayev, Kazakhstan Council on International Relations, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied
  • Álfrún Baldursdóttir, Isländisches Außenministerium, Mitarbeiterin im konsularischen Dienst
  • Logan Brandt, Projekt zu Nuklearfragen des Center for Strategic and International Studies, Wissenschaftlicher Mitarbeiter
  • Jessica Bufford, Nuclear Threat Initiative, Programmbeauftragte
  • Dr. Maria Chepurina, Vorbereitungskommission der Organisation des Vertrages über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen, Beauftragte für Außenbeziehungen
  • Marianne Fisher, Internationale Atomenergie-Organisation, Assoziierte Projektleiterin
  • María Garzón Maceda, Europäisches Hochschulinstitut, Policy Leader Fellow
  • Alexander Graef, Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH), Wissenschaftlicher Mitarbeiter
  • Dr. Oleg Krivolapov, Institute for U.S. and Canadian Studies, Wissenschaftlicher Mitarbeiter
  • Brynja Oskarsdottir, Expertin für strategische Kommunikation
  • Dr. Kanica Rakhra, Abteilung für Abrüstung und internationale Sicherheitsfragen des indischen Außenministeriums, Beraterin
  • Dr. Maria Roskoshnaya, Föderale Agentur für Atomenergie Russlands (ROSATOM), Leitende Exportkontrollbeamtin
  • Dr. Victoria Sanchez, U.S.-Außenministerium, Referentin für Auswärtige Politik
  • Dr. Benjamin Schaller, Universität Tromsø, Wissenschaftlicher Mitarbeiter
  • Astan Tugov, Abteilung für Nichtverbreitung und Rüstungskontrolle im russischen Außenministerium, Zweiter Sekretär

Partner

​​​Das History and Public Policy Program am Woodrow Wilson International Center for Scholars befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen Geschichte und politischer Entscheidungsfindung. Führend in der Aufdeckung und Veröffentlichung von für politische Entscheidungen wichtigem historischen Material arbeitet es mit einem globalen Netzwerk zusammen, um zukunftsorientierte Forschungskapazitäten aufzubauen, den Dialog und die Debatte über die Geschichte zu fördern und einen besseren Zugang zu Archivmaterial zu erwirken.

Das Höfði Reykjavík Peace Centre, ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt Reykjavík und der Universität von Island, ist ein Forum für internationale multidisziplinäre Zusammenarbeit. Es legt seinen Schwerpunkt auf die Rolle von Kleinstaaten, Städten und Bürger*innen in der Friedensförderung. Höfði ist der Name des Hauses, in dem sich Reagan und Gorbatschow 1986 in Reykjavík trafen und betont die konstruktive Rolle Islands als kleiner, nicht-militarisierter Staat im Konflikt zwischen zwei Supermächten.

Das Moscow State Institute of International Relations ist Russlands angesehenste Hochschule mit einem breiten Spektrum an Studienprogrammen und Spezialisierungen. Die Universität genießt einen ausgezeichneten Ruf, hält hohe Positionen in akademischen Ratings und hat ein breites Netz internationaler Kontakte aufgebaut. Die Entwicklung bilateraler und multilateraler Kontakte ist bis heute eine der wichtigsten Prioritäten.

Die National Research University Higher School of Economics in Moskau gehört zu den besten Universitäten Russlands sowie den herausragenden wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Hochschulen in Osteuropa und Eurasien. Innerhalb von zwei Jahrzehnten entwickelte sie sich zu einer renommierten Forschungsuniversität mit Fokus auf internationaler Präsenz und Zusammenarbeit.

Die Negotiation Task Force (NTF) am Davis Center for Russian and Eurasian Studies der Harvard University fördert innovative Lösungen für euro-atlantische und eurasische Sicherheitsheraus-forderungen, indem sie Kapazitäten für kulturübergreifende Verhandlungsforschung und -ausbildung, sowie strategische Analysen schafft. Die NTF entwickelt neue Methoden zum effektiveren Wissenstransfer, bietet Ausbildungen zur fortgeschrittenen Verhandlungsführung für Diplomat*innen und Beamt*innen an und trägt damit zum nachhaltigen Aufbau von Konfliktmanagement-Kapazitäten bei.

Das Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK/PRIF) ist eines der führenden Friedensforschungsinstitute in Europa und verbindet Grundlagenforschung mit dem Transfer von Wissen in Politik, Medien und Gesellschaft. Für Ministerien, Parteien, NGOs, Unternehmen entwickeln die Forscher*innen Handlungsoptionen und stellen ihnen Hintergrundwissen und Analysen zur Verfügung.


Kontakt

Arms Control Negotiation Academy (ACONA)
Negotiation Task Force (NTF)
Davis Center for Russian and Eurasian Studies
Harvard University

1730 Cambridge Street, Cambridge, MA 02138, USA
Tel.: +1 (617) 496 2180
Email: acona @fas.harvard .edu
www.acona.fas.harvard.edu


Prof. Christopher Daase (Foto:HSFK)

Wissenschaftlicher Ansprechpartner an der HSFK

Prof. Dr. Christopher Daase
Tel.: +49 69 959 104 42
E-Mail: daase@hsfk.de