Alltägliche politische Subjektivierung und das Erstarken regressiver Politiken. Abstiegsängste, Urbanisierung und Raumproduktionen in Frankfurt am Main und Leipzig

Das Projekt zielt darauf ab, die aktuelle Konjunktur des Erstarkens regressiver Politiken und deren Verankerung in alltäglichen sozialen Erfahrungen besser zu verstehen. Indikatoren für diese Konjunktur sind einerseits der wachsende Zuspruch zu autoritären Einstellungen, der nicht nur bei Wähler_innen (extrem) rechter Parteien festzustellen ist, sondern Gesellschaft als Ganzes betrifft; sowie andererseits der Aufstieg der Alternative für Deutschland (AfD), insbesondere seit 2015. Im Anschluss an Jacques Rancière und Henri Lefebvre stellen wir alltägliche politische Subjektivierung sowie urbane Raumproduktionen ins Zentrum dieser Forschung, um räumlich situierte Prozesse der Vergesellschaftung und die damit verwobene Formierung politischer Kollektivität, in jeweils zwei Stadtteilen in Frankfurt am Main und in Leipzig, zu untersuchen.

Die aktuellen Diskussionen über Hintergründe politischer Regressionsdynamiken (siehe z.B. Bauman, Decker, Demirović, Eribon, Heitmeyer, Hochschild, Mishra, Manow, Nachtwey, Wodack oder Weiß) heben die Multiplikation von Krisenerfahrungen als zentral hervor: Globalisierungskrise, Finanz- und europäische Schuldenkrise, Klima- sowie Migrationskrise, Krise der Arbeit, der Reproduktion, der Demokratie etc. Nachtwey prägte jüngst in diesem Zusammenhang den Begriff der Abstiegsgesellschaft. Weitestgehend besteht Einigkeit darüber, dass das Erstarken regressiver Politiken aus dem Zusammenwirken von Prozessen der Globalisierung und Neoliberalisierung hervorgeht (vgl. Die große Regression, 2017). Unklar ist jedoch, wie genau diese Prozesse zusammenhängen; inwieweit sozio-ökonomische mit kulturellen bzw. identitätspolitischen Faktoren verknüpft sind und sich ggf. sogar determinieren und welche Rolle dabei Migration und Zuwanderung spielen. Ergänzend hierzu erkennen wir gerade in der Qualität gegenwärtiger Urbanisierung (Lefebvre) in Städten einen wesentlichen Faktor für die wachsende gesellschaftliche Konflikthaftigkeit: „Während die Zentren immer trendiger werden […], sehen sich ihre bisherigen Bewohner vermehrt in die Außenbezirke vertrieben. […] Das sind die gemischten Wohngebiete, wo der neue Multikulturalismus sich jeden Tag in zigtausenden Begegnungen bewähren muss“ (Hall) und dies vor dem Hintergrund verbreiteter Sparpolitiken, Exklusion und wachsender Armut.

Dieses Forschungsprojekt leistet einen empirisch fundierten Beitrag zu den Diskussionen um die Hintergründe des Erstarkens regressiver Politiken, indem wir erstens gesellschaftliche Transformation an konkreten Orten von politischer Subjektivierung ausgehend beleuchten; zweitens politische Verschiebungen von Alltäglichkeiten her betrachten und dabei deren Verräumlichung ernst nehmen; sowie drittens ethnographisch vorgehen. Wir verfolgen die These, dass im Zuge der Normalisierung von ökonomischen Imperativen wie Konkurrenz und Leistung, aber auch im Kontext von Prekarisierung der Arbeitswelt und des Rückbaus des Sozialstaates, eine Neuvermessung des Verhältnisses zwischen Subjekt und Gesellschaft stattgefunden hat (Foucault, Bröckling). Dabei wurden Bedingungen der sozialen Kollektivität erodiert und Muster regressiver Kollektivität gestärkt, was im Kontext aktueller Krisenerfahrungen rechts-autoritäre Politiken befördert. Regression als Begriff droht, politische Prozesse auf einen Zeitstrahl zu verbannen und zeitgenössische rechts-autoritäre Politiken als ewiggestrig zu bewerten. Trotz dieser Problematik halten wir an dem Begriff fest, um eine spezifische Praxis von Politik zu benennen, die Balibar im Dialog mit Wallerstein über die Trennung zwischen der Forderung nach Ausweitung von Rechten und dem Beharren auf rechtlichen Privilegien bestimmt. Während ersteres eine inklusive Form der Politik darstellt, die gemeinsam um neue Rechte kämpft und dafür der Affirmation von Gleichheit bedarf, beruht letzteres auf der Betonung des Trennenden und Ungleichheit. Regressiv sind sodann Politiken, die etabliertes Recht verteidigen, bzw. Politiken, die die Rückkehr zu vermeintlich verlorengegangenem Recht fordern.

Ziel des Projekts ist es, empirisch zu beleuchten wie im alltäglichen Erleben von Gesellschaft bestimmte Konflikte als relevante Herausforderungen erscheinen, was dies in Bezug auf Abstiegserfahrungen und urbane Raumproduktionen bedeutet sowie inwiefern diese Wahrnehmungen regressive Kollektivität und potenziell rechts-autoritäre Politiken fördern. Hierzu wird eine multi-sited ethnography (Nadai & Maeder) in jeweils zwei Stadtteilen in Frankfurt und Leipzig durgeführt, die sozio-ökonomisch als marginalisiert gelten, in denen Urbanisierungskonflikte auftreten und wo die AfD bei den Bundestagswahlen 2017 gut abschnitt: Nied und Riederwald in Frankfurt sowie Grünau und Schönefeld in Leipzig. In beiden Städten liegen Aufschwung und Abstieg nahe beieinander, sozio-ökonomische Polarisierung schreitet voran und (auch internationale) Zuwanderung ist von Relevanz. Der vergleichende Gestus (Robinson) ist für das Projekt konstitutiv, da er ermöglicht, Eigenheiten und Verbindendes jenseits hierarchisierender Ost-/West-Konstruktion und problematischer Territorialisierung des Sozialen zu adressieren.

Projektleitung:
Mitarbeiter/innen:
1
Regressive Politiken und der Aufstieg der AFD – Ursachensuche im Dickicht einer kontroversen Debatte | 2019

Mullis, Daniel/Zschocke, Paul (2019): Regressive Politiken und der Aufstieg der AFD – Ursachensuche im Dickicht einer kontroversen Debatte, PRIF Report 5/2019, Frankfurt/M.

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4
Chaotische Normalität: Reden mit Rechten hilft – manchmal auch nicht | 2019

Mullis, Daniel (2019): Chaotische Normalität: Reden mit Rechten hilft – manchmal auch nicht. Kommentar zu Robert Feustels „Substanz und Supplement. Mit Rechten reden, zu Rechten forschen?, in: sub/urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, 7:1, 173-178.

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5
Die Global City und der Rechtsruck | 2018

Mullis, Daniel (2018): Die Global City und der Rechtsruck. In vielen Frankfurter Stadtteilen wachsen Empörung und Frust, PRIF Spotlight 2/2018, Frankfurt/M.

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6
Das Ende der Postdemokratie, den Pessimismus überwinden | 2017

Mullis, Daniel (2017): Das Ende der Postdemokratie, den Pessimismus überwinden, in: PROKLA, 47:3, 481–494.

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