Die sozioökonomische Dimension islamistischer Radikalisierung in Ägypten und Tunesien

Das Forschungs­projekt untersuchte die sozio­ökonomischen Ursachen islamistischer Radikalisierung und politischer Gewalt in Ägypten und Tunesien nach den Arabischen Aufständen. Es wurde in enger Kooperation mit dem Projekt „Sozioökonomische Proteste und politische Transformation: Dynamiken von contentious politics in Ägypten und Tunesien vor dem Hintergrund südamerikanischer Erfahrungen“ durchgeführt.

Obwohl nach dem Sturz der Präsidenten Mubarak und Ben Ali im Jahr 2011 die politischen Transformations­prozesse in Ägypten und Tunesien sehr unterschiedliche Entwicklungen nahmen, breiteten sich in beiden Ländern der Salafismus und seine gewaltsame Ausformung , der Dschihadismus, aus. In Tunesien sind einige tausend dschihadistische Kämpfer nach Syrien, in den Irak und nach Libyen gegangen, um für den Islamischen Staat (IS) zu kämpfen. Aber auch in Tunesien waren Dschihadisten vor allem in den Grenzregionen zu Algerien und Libyen, gelegentlich aber auch in den Küstenregionen, aktiv. In Ägypten begann nach dem Sturz des Präsidenten Mursi die dschihadistische Gruppe Ansar Bayt al-Maqdis einen gewaltsamen Aufstand auf der Sinai-Halbinsel. Sie hat sich mittlerweile offiziell dem IS angeschlossen und bezeichnet sich als „Provinz Sinai des Islamischen Staats“. Staatliche Sicherheits­kräfte im ganzen Land werden regelmäßig zum Ziel von Anschlägen verschiedener islamistischer Gruppen.

Sinai in Ägypten und die tunesischen Grenzregionen mit Algerien und Libyen sind Beispiele sozioökonomisch marginalisierter Regionen. Die schwierige Situation in diesen Regionen wird oft als Kontext gesehen, der die Radikalisierung von Islamisten erklären soll. Jedoch wirken die damit verbundenen Themen wie Jugendarbeitslosigkeit, fehlende Entwicklung und die Dominanz des informellen Sektors ebenso als Triebfeder für die zumeist gewaltlosen sozio­ökonomischen Proteste, bei denen Islamisten generell keine Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund untersuchte das Projekt:

  • wie verschiedene Arten von sozio­ökonomischen Missständen islamistische Radikalisierung in Ägypten und Tunesien beeinflussen;
  • inwieweit die Radikalisierung von Individuen und Gruppen tatsächlich verbunden ist mit spezifischen sozioökonomischen Faktoren (Arbeitslosigkeit, Marginalisierung, etc.);
  • inwiefern islamistische Gruppen sozioökonomische Missstände und allgemein soziale Ungerechtigkeit in einen Deutungsrahmen einbetten, der der wahrgenommenen (sozioökonomischen und/oder politischen) Entfremdung einen Sinn verleiht, der zur politischen Gewalt motiviert;
  • welche Rolle sozioökonomische Güter oder Dienstleistungen, die islamistische Gruppen bereitstellen, für Radikalisierungsprozesse spielen.

Um diese Fragen zu beantworten, hat das Projekt die Forschung zu islamistischer Radikalisierung und ihrer sozioökonomischen Dimension in Ägypten und Tunesien sowie in der gesamten MENA-Region systematisch zusammengestellt und ausgewertet. Weiterhin wurden empirische Daten zur (subnationalen) sozio­ökonomischen Entwicklung und zu Radikalisierungs­prozessen in Ägypten und Tunesien gesammelt und verglichen, um mögliche Muster zu identifizieren. Schließlich wurden in Experteninterviews zusätzliche Einsichten zu den kausalen Zusammenhängen in Radikalisierungs­prozessen gewonnen.  

Das Vorhaben (2017-2018) wurde von der VolkswagenStiftung gefördert. Die Ergebnisse des Projekts wurden in einem HSFK Working Paper von Clara Süß und Ahmad Aakhunzzada veröffentlicht.

Projektleitung:
Mitarbeiter/innen:
1
The Socioeconomic Dimension of Islamist Radicalization in Egypt and Tunisia | 2019

Süß, Clara-Auguste/Aakhunzzada, Ahmad Noor Baheige (2019): The Socioeconomic Dimension of Islamist Radicalization in Egypt and Tunisia, PRIF Working Papers No. 45, Frankfurt/M.

Publikation herunterladen // Details anzeigen

Förderer

VolkswagenStiftung
VolkswagenStiftung
www.volkswagenstiftung.de